Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 20.12.2017

PROCESSION - HAMMER OF DOOM XII

Der zweite Doom-Sixpack ist ganz bedächtig ausgetrunken. Und das zwölfte HAMMER OF DOOM sollte in jeder Hinsicht eine nicht enden wollende Feierstunde werden. Nachdem im letzten Jahr der Zuschauerzuspruch leider nicht überwältigend gewesen war, vermeldete das diesjährige Festival „ausverkauft!“. Verdientermaßen, denn es wurden zwei Tage ohne Tiefpunkte.

Freitag

Für den perfekten Auftakt sorgen THE TEMPLE: Ihr Erstling „Forevermourn“ zählte schon zu den besten Doom-Scheiben des letzten Jahres, und auch live begeistern die Griechen mit fesselnder Schwermut, die mit wunderschönen Gitarrenmelodien gespickt ist. Bei der Combo ist zwar nur sehr wenig Bewegung auf der Bühne angesagt, aber die riesengroße Musik reicht völlig, um die gesamte Bühne auszufüllen.
Bei WITCHWOOD ist Doom hingegen allenfalls als Spurenelement festzustellen. Dennoch passt der Classic Rock mit seiner Unterlage, bestehend aus Südstaaten-Flair und Jethro-Tull-igem Geflöte, sehr gut ins Programm, was sich in den Zuschauerreaktionen widerspiegelt. Außerdem beweist Sänger und Gitarrist Ricky Dal Pane, dass sich bei einem Fußpedal am besten der Handbetrieb eignet, um einen möglichst fuzzigen Klang zu erreichen. (sg)
PROCESSION betreten anschließend die Bühne, und da Uno Bruniusson hinter den Kesseln sitzt, hat die Band bei mir natürlich von vornherein ein paar Bonuspunkte. Leider sind diese recht schnell dahingeschmolzen, weil der Funke nicht so ganz überspringen mag. Spielerisch ist nichts zu bemängeln, aber der Gesang kann einfach nicht wirklich begeistern. Obwohl Felipe Plaza Kutzbach jeden Ton trifft, hat die Stimme nicht das Potenzial, hier wirklich Eindruck zu hinterlassen, und auch die Songstrukturen kommen eher allmählich in Gang und reißen nicht richtig mit. Ich hatte mir von dem Auftritt deutlich mehr erhofft, da die Platten auf einem anderen Niveau rangieren.
LUCIFER´S FRIEND hingegen verwirren zunächst einmal damit, dass sie mit Doom Metal eigentlich überhaupt nichts am Hut haben. Die Progrocker, die schon seit den 1970er Jahren existieren, machen aber dennoch einen guten Job. Einzig das Keyboard bzw. der Synthesizer lässt etwas Kohärenz vermissen. Während die Band eine astreine Deep-Purple-Adaption zur Schau trägt, dudelt der Synthie mit modernen Klavier-Samples umher, die vom Klang überhaupt nicht zum Rest der Musik passen. Wenn dieses Rädchen noch feiner justiert worden wäre, hätte man nicht nach 15 Minuten schon das Gefühl, hier nicht mehr unbedingt zuschauen zu müssen.
Schon im Jahre 2015 konnte man Patrick Walker mit seinem Nebenprojekt 40 Watt Sun beim Hammer Of Doom bewundern, und so sind die Erwartungen an WARNING als Headliner an diesem Abend entsprechend hoch. Das Meisterwerk „Watching From A Distance“ wird als Special-Set in Gänze präsentiert, und von Beginn an ist man in dieser Soundwelt gefangen. Die Platte von 2006 ist schon aus der heimischen Stereoanlage so ziemlich das Traurigste, was man sich anhören kann. Wenn man Patrick Walker dabei noch in seine tieftraurigen Augen blicken muss, ist eigentlich alles vorbei. So viele Emotionen, so viel Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Man kann sich natürlich fragen, ob man sich so was ansehen muss, aber ich empfinde das ganze Konzert vom ersten bis zum letzten Ton als unglaubliche Gefühlsreise, während der es eigentlich nur abwärts geht. Ein großartiger Auftritt! (sh)

Samstag

Melancholie pur zum Ausklang des Freitags, das volle Brett als Samstags-Ouvertüre. Die Würzburger Lokalmatadore von CRANIAL, hervorgegangen aus den aufgelösten Omega Massif, lassen um 13.30 Uhr einen Eissturm aus Brachialgitarren, monströsen Beats und tiefen Growls durch die sich langsam füllende Halle brausen. Die immer wieder durchscheinenden Melodien halten die schroffe Chose spannend, das Auftakt-Experiment gelingt. Bei den HOD-Traditionalisten sorgt der Doom-Sludge-Post-Metal freilich für so manche Gesichtsentgleisung.
Wer auf bewährte Candlemass-Kost steht, bekommt mit BELOW sein erstes Tageshighlight serviert. Die Schweden zelebrieren den Epic-Doom ihrer Ahnen mit Hingabe, der leichte King-Diamond-Touch und die Lead-Anleihen bei While Heaven Wept sichern ein Mindestmaß an Eigenständigkeit. Der etwas schwachbrüstige Sound und Sänger Sebastian Janssons anfängliche Wackler sind zu vernachlässigen, was bleibt, ist die Verwunderung, dass die Band schon nach knapp 40 der ihnen zugedachten 45 Minuten Feierabend macht.
Doom mit Lebensfreude? NAEVUS wissen, wie´s funktioniert. Die schwäbischen Veteranen legen den Schwerpunkt ihres Gigs auf ihr 2016er Album „Heavy Burden“ und verwandeln die düstere Posthalle (beinahe) in einen Wohlfühlort. Dass eine freche Zunge zur Linken des Rezensenten behauptet, die Parallelen zu Kadavar ließen sich auch am Durchschnittsgesang von Uwe Groebel festmachen – geschenkt.
CRIPPLED BLACK PHOENIX gehören zu den Stil-Exoten des Wochenendes. Psychedelic, Hypnose-Metal und Artrock bilden das Fundament, auf dem das Ensemble um Kreativkopf Justin Greaves seine Wall Of Sound errichtet. Der Sog der drei Gitarren ist gewaltig, Synthie und E-Piano knallen die Farben an die Wand. Zweitstimme und Kapuzenträgerin Belinda Kordic mitgezählt, toben sich hier zeitweise acht Menschen auf der Bühne aus. Dass CBP schon seit Jahren nicht mehr sonderlich songorientiert unterwegs sind, kann der brodelnden Stimmung nichts anhaben. Würzburg ringt geplättet nach Luft. (lk)
Einer der vielen Pluspunkte des Hammer Of Doom besteht darin, dass für Abwechslung gesorgt ist, weil immer wieder exotische, eher stilfremde Bands das Billing bereichern. In diesem Jahr fällt dieser Job vor allem den weiß getünchten Düsterlingen THE VISION BLEAK zu. Obgleich diese mit ihrem an den Anfang gestellten Blastbeat-Song ´From Wolf To Peacock´ ihre Metal-Kompatibilität beweisen wollen, nutzen viele Doomer den Auftritt für eine Pause. Die Reihen vor der Bühne sind merklich gelichtet, sodass auch der Applauspegel eher verhalten bleibt. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass die Band so manchem Besucher wahrlich unter die Haut geht. (sg)
Schon verwunderlich, dass Leif Edling für sein Bühnen-Comeback weder Candlemass noch Avatarium, sondern THE DOOMSDAY KINGDOM wählt. Der heutige Auftritt ist erst der vierte der All-Star-Band und hat es in sich. Neben den klasse Songs des Debüts hat der Doomfather mit Niklas Stalvind einen tollen Sänger zu bieten. Der ist doom-untypisch ständig in Bewegung, und ohne seine Gitarre hat der durchtrainierte Wolf-Frontmann eine ganz andere Gestik, die wunderbar zu den fünf Nummern des Sets passt. Am wichtigsten ist aber, dass Leif sichtlich Freude an dem Auftritt zeigt und dieser bestimmt auch therapeutische Wirkung für ihn hat.
Für COUNT RAVEN ist es das erste Konzert in Deutschland seit sieben Jahren, und auf ihrer Facebook-Seite versprechen die Schweden vorab Klassiker, selten gespielte Nummern sowie einen brandneuen Song. Und genau das bietet das umformierte Trio um Mastermind Dan Fondelius, das mit dem neuen Bassisten einen Volltreffer gelandet hat und auch mit dem neuen Song Vorfreude auf das neue Album schürt. Mit der Schlussnummer ´Jen´ hat man zudem den ergreifendsten Song des Festivals im Programm. Gänsehaut pur!
Die Pagan-Altar-Show unter dem TIME LORD-Banner ist als Tribut an deren verstorbenen Frontmann Terry Jones gedacht und bietet eine Werkschau der außergewöhnlichen britischen Truppe, bei der Gastsänger Brendan Radigan im Mittelpunkt steht. Mit seinem Charisma und seiner wunderbaren Stimme (stellenweise erinnert er an Ian Anderson) verleiht er der Truppe ganz neue Facetten, fast schon Richtung Ashbury. Und als sich das Publikum schon damit abfindet, von der Band nie wieder etwas zu hören, gibt man bekannt, als Pagan Altar weiterzumachen und 2018 das 40-jährige Bestehen der Band zu feiern. Nach dem bewegenden Auftritt eine freudige Entscheidung.
Das Comeback von CIRITH UNGOL liefert heute bereits die dritte Deutschland-Show des Jahres, und mit der Ankündigung, ihr Meisterwerk „King Of The Dead“ komplett zu spielen, bietet man etwas Besonderes. Letztlich ist die Show, die auch für die Nachwelt aufgezeichnet wird, ein gelungener Querschnitt des Schaffenswerks der Kalifornier (zuzüglich des Arthur-Brown-Covers ´Fire´). Unterstützt von den gigantischen Projektionen der vier Coverzeichnungen, stellt man unter Beweis, wie man extremen klassischen Heavy Metal nicht besser zelebrieren kann. Krass, wie „Sänger“ Tim Baker sich durch den Set brüllt, und Jarvis Leatherby von Night Demon zeigt einmal mehr, welch große Bereicherung er für die Truppe ist. Letztlich setzt das Quintett mit seinem zweistündigen Programm dem Festival die Krone auf. (wk)

In Würzburg suhlten sich im Doom: Stefan Hackländer (sh), Ludwig Krammer (lk), Wolfram Küper (wk) und Stefan Glas (sg).

Bands:
PROCESSION
Autor:
Wolfram Küper
Ludwig Krammer
Stefan Hackländer
Stefan Glas

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