Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 28.03.2012

BEHEMOTH , MISERY INDEX , LEGION OF THE DAMNED , NEXUS INFERIS , SUICIDAL ANGELS , CANNIBAL CORPSE - Hamburg, Markthalle

Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass es für Festival-Tourpakete einen Lostopf mit einer bestimmten Anzahl von Bandnamen gibt, aus dem dann zwei- bis dreimal pro Jahr ein paar Lose rausgefischt und so neue Tourpackages zusammengestellt werden. Die meisten beteiligten Acts der „Full Of Hate Tour 2012“ waren jedenfalls in der jüngeren Vergangenheit nicht gerade selten in Deutschland unterwegs, und ich hatte eigentlich erwartet, dass sich deswegen die Sache etwas abgenutzt hätte und die Hallen nur halbvoll sein würden. Nun, da habe ich mich ganz offensichtlich getäuscht: Die Markthalle ist zum Tourauftakt bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Um Viertel vor sechs fällt der Startschuss für NEXUS INFERIS, deren halbstündigen Auftritt ich aber leider verpasse, weil ich hinter der Bühne noch das Cannibal-Corpse-Interview führe, das ihr in dieser Ausgabe lesen könnt. Das ist schade, denn ich hätte die Show der Briten gerne gesehen. Nicht, weil mich ihr Debütalbum „A Vision Of The Final Earth“ irgendwie beeindruckt hätte, sondern weil mich brennend interessierte, mit welchen technischen Hilfsmitteln die Truppe ihre live eigentlich nicht reproduzierbaren Drumparts darbietet. Nun gut, es wird vermutlich noch andere Gelegenheiten geben, sich die Band anzuschauen.

Ein Nachteil solcher Package-Tourneen ist sicher die Tatsache, dass nur die wenigsten beteiligten Bands einen Soundcheck haben können. Zwar spielen sich Bands und Crew im Laufe der Zeit immer besser aufeinander ein, aber gerade am ersten Tourtag wie heute herrscht ein wenig Chaos. Kardinalfrage war wohl hier, wie man das ganze Equipment der beteiligten Bands auf und neben der Bühne positionieren kann. Tourleiter Tibor ist jedenfalls froh, dass keine der Bands Pyrotechnik benutzt, weil das die Dinge noch schwieriger gestaltet hätte. Worauf ich aber hinauswill: Es verwundert wenig, dass der Sound bei SUICIDAL ANGELS etwas suboptimal klingt. Vor allem die Klampfen tönen zu matschig aus den Boxen. Die tapferen Griechen machen aber das Beste daraus und punkten mit Spielfreude, Energie und sympathischem Auftreten. Die extrem eingängigen Songs sorgen derweil dafür, dass vor der Bühne erstmals vorwiegend junge Männer im Kreis laufen.

Auch bei MISERY INDEX gibt es Startschwierigkeiten. Vollkommen hektisch blinkt ein Roadie mit seiner Stabtaschenlampe in Richtung Soundboard, um zu signalisieren, dass es losgehen kann - blöd nur, dass der Tontechniker am Mischpult offenbar die CD mit dem Intro nicht startklar hat. Jedenfalls stehen die vier Musiker erst mal zwei Minuten lang wie bestellt und nicht abgeholt auf der dunklen Bühne rum und warten darauf, dass endlich ihr Intro zu hören ist. Ansonsten lässt sich das Quartett aus Baltimore aber nicht aus der Ruhe bringen, sondern startet in gewohnt souveräner Manier ein massives Sperrfeuer aus Death Metal, Grindcore und Hardcore, das niemals eindimensional wirkt und stets mit ein paar höllisch geilen Grooves aufgelockert wird. Einziges Manko: Die Ansagen von Mark Kloeppel, der das Hamburger Publikum dreimal fragt, ob es denn eine gute Zeit habe, und dem sonst offenbar nix einfällt. Bei einer Band mit solch hochpolitischen Messages erwartet man da irgendwie etwas anderes.

LEGION OF THE DAMNED sind eine geradezu typische Band für eine Package-Tour. Sie spielen eigentlich immer auf einer sicheren Mittelposition. Spät genug, damit die Halle schon richtig voll ist, früh genug, damit die Meute noch nicht zu ausgepowert ist. Das Risiko, einmal selbst als Headliner auf Tour zu gehen, scheuen sie offenbar wie der Teufel das Weihwasser. Ihre Fans hingegen würden sich bestimmt freuen, wenn sie mal mehr als eine Stunde Musik von ihren Helden spendiert bekommen würden. Heute dürfen die Holländer sogar nur 45 Minuten lang zur Sache gehen und zocken dabei die üblichen Lieder: ´Legion Of The Damned´, ´Son Of The Jackal´, ´Malevolent Rapture´, ´Werewolf Corpse´, ´Cult Of The Dead´ und so weiter. Das ist ganz sicher nicht schlecht, und auch der neue Gitarrist Twan van Geel erledigt seinen Job solide, aber der Funke will einfach nicht überspringen. Weder auf den Rezensenten noch das ungewohnt verhaltene Publikum.

Winterschlussverkauf bei BEHEMOTH. Ich habe in der Umbaupause nachgezählt: Die Truppe bietet im Foyer tatsächlich 32 verschiedene Shirt-Motive zum Verkauf an. Ich frage mich ernsthaft, ob die für dieses riesige Arsenal an Merchandise extra einen eigenen Transporter angemietet haben. Und wie soll man sich da entscheiden können? Wichtig ist aber, dass die Polen überhaupt wieder auf die Bühnen dieser Welt zurückgekehrt sind. Frontmann Nergal wirkt zwar noch ein wenig abgemagert (was angesichts seiner schweren Leukämie-Erkrankung kein Wunder ist), hat aber in Sachen Ausstrahlung absolut nichts eingebüßt. „It feels good to be alive!“, lässt er uns in einer seiner Ansagen wissen, und man gönnt es ihm von Herzen. Behemoth haben ein paar zusätzliche Lichteffekte auffahren lassen, die ´Demigod´, ´Moonspell Rites´, ´Decade Of Therion´, ´Slaves Shall Serve´ oder ´Lucifer´ stimmungsvoll untermalen, und man könnte von einer rundum gelungenen Show sprechen, wäre da nicht der Drumsound. Ich meine, Schlagzeuger Inferno kann wirklich was, das ist ein guter Junge. Aber warum muss anscheinend jedes Einzelteil seines Kits bis zum Anschlag getriggert sein? Selbst die Beckenschläge hören sich unecht an. Zum Kotzen.

Wie so was richtig geht, demonstriert wenig später Paul Mazurkiewicz, der auf jegliche technische Hilfsmittel verzichtet, aber genügend Punch hat, um mit seinen Blastspeed-Attacken wie ein Donnerhall über die Markthalle hinwegzufegen. Überhaupt: CANNIBAL CORPSE sind in bestechender Form. Geschickt eröffnen sie den Set mit ´Evisceration Plague´, einem für ihre Verhältnisse eher langsamen Song, zu dem man sich prima warm bangen kann. Direkt danach nimmt die Achterbahnfahrt mit ´The Time To Kill Is Now´, ´Disfigured´ und ´Demented Aggression´ aber gleich Tempo auf. George „Corpsegrinder“ Fisher, der Mann mit dem breitesten Stiernacken im gesamten Musikbusiness, fordert die Fans auf, genauso extrem wie er zu bangen, um grinsend hinzuzufügen: „Das schafft ihr eh nicht!“ Stimmt. Schon gar nicht, wenn mit ´I Cum Blood´ und ´Fucked With A Knife´ noch mehr Bleifuß gegeben wird, bevor man sich bei ´Covered With Sores´ und ´Decency Defiled´ wieder ein bisschen erholen kann. Die Band findet genau die richtige Balance zwischen Vollgas und angezogener Handbremse - nur beim furiosen, aus ´Hammer Smashed Face´ und ´Stripped, Raped And Strangled´ bestehenden Finale gibt es kein Halten mehr. Starker Auftritt einer immer noch höchst wertvollen Band!

Pic: Saskia Gaulke

Bands:
CANNIBAL CORPSE
SUICIDAL ANGELS
NEXUS INFERIS
LEGION OF THE DAMNED
BEHEMOTH
MISERY INDEX
Autor:
Onlineredaktion

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