Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 29.08.2012

MINISTRY - Hamburg, Docks

Lieber Al Jourgensen!

Als MINISTRY-Fan - Fan im Sinne von Fanatiker und Allessammler - ist man ja einiges gewohnt, und auch meine antrainierten Verteidigungsreflexe gelten als äußerst ausgeprägt. Ich habe handfesten Blödsinn wie deine Coverversionen von ´Thunderstruck´ und ´Rehab´ genauso verteidigt wie das millionste Remixalbum. Von deinen unzähligen Line-up-Wechseln ganz zu schweigen. Und als ich während eines US-Aufenthalts im Jahr 1999 dich und deine Band live in Chicago erleben durfte, du im Spätherbst deiner Drogenkrankheit spindeldürr und leichenblass über die Bühne geschlurft bist und der Spuk nach gerade mal 50 Minuten vorbei war (mehr war bei dir konditionell einfach nicht drin), habe ich den kritischen Stimmen vehement widersprochen. Denn trotz aller chemikalienbedingten Unzulänglichkeiten war deine Aura ungebrochen. Von dir gingen Gefahr, Chaos und Bosheit aus, und deine Bühnenmannschaft benahm sich wie Raubtiere.

Heute giltst du als clean, geheilt, fit, geläutert - was auch immer. Aber wie kommt es, Al, dass es einem neben mir stehenden Freund erschrocken entfuhr: „Der tapert über die Bühne wie Ozzy Osbourne!“ Nur zu gerne hätte ich vehement widersprochen, konnte es aber nicht. Denn es war die Wahrheit.

Und so hast du dich wenig überzeugend, überwiegend sogar mehr schlecht als recht durch die - zugegeben: sehr lange - Spielzeit gehangelt, deren absoluter Schwerpunkt auf deiner Anti-George-W.-Bush-Trilogie und deinem Comeback-Album lag. Mal ganz ehrlich, Al: „Relapse“ ist mit riesigem Abstand die schwächste Platte, die jemals unter dem Namen Ministry veröffentlicht wurde (die ganz frühen Electro-Pop-Sachen nicht mitgerechnet). Der Titelsong sowie ´99 Percenters´ sind einfallsloser, dahingeschluderter Vollrotz. Und deine Businesskritik in ´Ghouldiggers´ inklusive Abrechnung mit Managern und Ex-Bandmitgliedern finde ich hochgradig albern, denn DU bist es doch, der die Bandbesetzung regelmäßig austauscht. Und am künstlerischen und finanziellen Zustand deiner Band trägt kein Manager Verantwortung, sondern einzig und allein DU.

Diese kompositorischen Ausfälle hätten es früher nicht mal zum Lückenfüller auf einer Single-B-Seite gebracht. Mit „früher“ meine ich die Jahre 1988 bis 2003, also die 15-jährige Hochphase deiner mir so heiligen und 20 Jahre lang unantastbaren Band, in der du in kongenialer Partnerschaft mit deinem damaligen Bassisten und Mitproduzenten Paul Barker zahllose Splitterbomben komponiert hast, die in Klassikeralben mündeten, die Ministry zum legendärsten Industrial-Breitwand-Rock-Kommando wachsen ließen. Diese mit Abstand wichtigste, weil musikalisch relevanteste Epoche hast du ganz am Ende des Konzertabends mit gerade mal fünf lieblos aneinander geklatschten Stücken der Alben „The Mind Is A Terrible Thing To Taste“ und „Psalm 69“ abgefrühstückt. Darf ich dich an dieser Stelle freundlich daran erinnern, dass „The Land Of Rape And Honey“, „Filth Pig“, „Dark Side Of The Spoon“ und „Animositisomina“ ebenfalls Ministry-Alben sind? Was, verdammt noch mal, ist dein Problem?

Wie auch immer: ´Psalm 69´ ging gerade noch so gut, aber mit ´N.W.O.´ bist du in Richtung Tiefpunkt getorkelt: Falscher Gesangseinsatz, vergessener Text, und deine Begleitband hatte alle Hände voll zu tun, das Stück irgendwie zu retten. Durch deine Aussetzer merkte ich erst mal, dass deine derzeitige Livemannschaft spielerisch viel mehr als nur passabel, optisch allerdings zahm wie ein Schoßhündchen ist. Freaksein geht anders, und keiner sollte das besser wissen als du.

Auch das darauf folgende ´Just One Fix´ hast du komplett versemmelt. Al, bei allem Respekt: Der Text lautet: „Life keeps slipping away / fighting in a war with damnation“. Und nicht etwa: „Worwährwohwhrrl / fuiing wäwä nätöhhn“. Zwei Hits, die du unzählige Male live aufgeführt hast, die in den Neunzigern in jedem Rockschuppen von Südafrika bis Grönland liefen - und dazu noch straighte Nummern mit verhältnismäßig wenig Text. Übst du zu wenig? Säufst du zu viel? Danach folgte mit ´Thieves´ ein weiterer Standard. Und wieder Textprobleme. Trotzdem hatte ich noch immer ein klein wenig Hoffnung auf einen versöhnlichen Ausgang, denn mit ´So What´ stand einer deiner größten Songs überhaupt an - aber es folgte erneutes Versagen. Und zwar wieder von dir. Die letzte Zeile dieser Götternummer lautet gleichermaßen schlicht wie auch programmatisch: „Now I´m ready to fight!“ Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Leben diese Worte genossen habe. Diesmal allerdings nicht, denn in dem Moment, in dem du die Zeile hättest skandieren sollen, musste deine Band ohne dich klarkommen, denn du warst bereits von der Bühne verschwunden - und zwar endgültig.

Total enttäuscht:

WOLF-RÜDIGER MÜHLMANN

Setlist MINISTRY:

Ghouldiggers
No W
Rio Grande Blood
Senor Peligro
Lies Lies Lies
99 Percenters
Watch Yourself
Life Is Good
Waiting
Worthless
Relapse
The Last Sucker
Khyber Pass
Psalm 69
N.W.O.
Just One Fix
Thieves
So What

Pic: Saskia Gaulke

Bands:
MINISTRY
Autor:
Wolf-Rüdiger Mühlmann

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