Festivals & Live Reviews

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BEYOND THE BLACK , FINNTROLL , TANKARD , HATESPHERE , PROFANE OMEN , DARK TRANQUILLITY , MAMBO KURT , EDGUY , KRYPTOS , ALPHA TIGER - HAMBURG METAL DAYZ 2014

Headbanger, denen das Reeperbahn Festival im September höchstens ein müdes Fußwippen entlockt, sind bei den Hamburg Metal Dayz deutlich besser aufgehoben: Zum dritten Mal öffnet das kleine Wacken-Geschwisterchen in der Hansestadt seine Pforten und bietet mit Konzerten, Diskussionsrunden, Lesungen, Meet & Greets und vielem mehr das Rundum-Sorglos-Paket für interessierte Metal-Fans.

Freitag


Derweil eröffnen BEYOND THE BLACK für die ausgefallenen DEFRAGE das Konzertprogramm in der Markthalle – und kommen selbst wegen akuter Staulage um ein Haar zu spät. Eine Platte hat die Epic-Metal-Truppe um die 19-jährige Jennifer Haben zwar noch nicht veröffentlicht, der vollen Aufmerksamkeit des noch etwas spärlich eingetrudelten Publikums kann sich die Mannheimer Rockröhre aber sicher sein.

Etwas rauer und gleichzeitig auch exotischer geht es bei KRYPTOS zu: Eine Metalband aus Indien haben wohl bisher die wenigsten Gäste des Hamburger Festivals live und in Farbe bewundern dürfen. Die Old-School-Metaller aus Bangalore orientieren sich musikalisch und optisch (Kutten, Lederhosen, weiße Turnschuhe) an den Achtzigern, klingen wie eine gut zusammengestellte Mischung aus Judas Priest, Accept und einem Hauch Kreator und sammeln mit ihrer ungezähmten Spielfreude und Bühnenpräsenz massig Sympathiepunkte beim Publikum.

Im Marx kann man anschließend eine Expertenrunde über das Thema „State Of Metal“ diskutieren hören. Wie wird die Metalszene sich in Zukunft entwickeln, welche Genres florieren, welche verschwinden, und inwiefern nimmt das Internet Einfluss darauf? Da sind die Herren auf der Bühne zwar unterschiedlicher Meinung, gerade deshalb kommt aber ein angeregtes und vielseitiges Gespräch zustande, an dem sich auch der im Publikum sitzende Thomas Jensen rege beteiligt.

Vielseitig geht es kurz darauf ebenfalls nebenan in der großen Halle zu. Bei ohnehin schon schweißtreibenden Innentemperaturen heizen DARK TRANQUILLITY dem Hamburger Publikum ein. Allerdings kommen die schwedischen Melo-Deather gut zehn Minuten zu spät auf die Bühne und haben während des ganzen Sets mit hartnäckigen Soundproblemen zu kämpfen, was dem ansonsten gelungenen Auftritt einen gehörigen Dämpfer verpasst. 'Lost In Apathy' klingt ohne Bassdrum zwar interessant, auf Dauer muss man diesen „Sound“ aber wirklich nicht haben. Frontmann Mikael Stanne, anfangs selbst kaum zu hören, ignoriert das Ärgernis gekonnt und geht trotz Dampfbad-Klima auf Tuchfühlung mit dem Publikum, wenn er nicht gerade wie ein Derwisch auf Dope (vielleicht doch eher auf Speed? - Red.) über die Bühne wirbelt und seine Bandkollegen als Slalomfähnchen benutzt. Die nehmen's gelassen und lassen sich weder vom Ton noch vom Stanne-Tornado irritieren, bis sich die Band nach viel zu kurzen 60 Minuten und dem letzten Song 'Misery's Crown' in Richtung Handtuch verabschiedet.

Die Soundprobleme bleiben leider auch EDGUY nicht erspart: Bereits beim Startsong 'Love Tyger' ärgert sich Frontmann Tobias Sammet mit seinem fehlerhaften In-Ear-Monitoring herum. Es folgt eine für Band und Fans ziemlich nervige Reparier-und-Austausch-Aktion, die sich über mehrere eisern durchgehaltene Tracks zieht und dem ansonsten als Spaßvogel bekannten Sänger ein etwas gequältes „Die gute Nachricht: Wir spielen weiter. Die schlechte Nachricht: Das Konzert wird scheiße“ abnötigt. Die Hessen erweisen sich allerdings vollkommen professionell als Herren der Lage, zaubern mit 'Vain Glory Opera', 'Ministry Of Saints' und 'Tears Of A Mandrake' die eine oder andere Überraschung auf die Bretter und strafen das Vorurteil von den kühlen Hanseaten Lügen, indem sie die inzwischen ausverkaufte Markthalle bei 'Lavatory Love Machine' zum Hüpfen, Mitsingen und (noch mehr) Schwitzen bringen. Überraschender Siedepunkt der Show: Die vorab eher kritisch beäugte, vom Publikum allerdings heißgeliebte Falco-Nummer 'Rock Me Amadeus'. Da werden Bayern-Fan Sammet selbst seine Fußball-Sticheleien gönnerhaft verziehen.

Samstag

Schreiben wir es mal dem ungewöhnlich guten Wetter und den Attraktionen der Hansestadt zu, dass ALPHA TIGER um 17 Uhr vor einer reichlich dünn besiedelten Markthalle auftreten – an der launigen Show der jungen Truppe liegt das nämlich ganz sicher nicht. Die Sachsen um Sänger Stephan Dietrich holen ihre hartgesottenen Fans und die langsam nachströmenden Neugierigen mit einem spritzigen Mix aus Power Metal und NWOBHM aus dem Nachmittagstief und beweisen mit feschem Tigerlook (neben den Saiteninstrumenten ist sogar der Mikroständer gestreift) und tierisch agilem Stageacting ordentlich Biss. Für großen Spaß im Publikum sorgt neben der kurzweiligen Show übrigens auch das „dezente“ Michael-Jackson-Shirt von Drummer David – Ehre, wem Ehre gebührt.

PROFANE OMEN halten nicht viel von leisen Tönen, dafür aber umso mehr von kuriosen Frisuren und noch kurioserer Musik: Die Finnen, die heute ihre Bühnenpremiere auf deutschem Boden feiern, locken mit ihrem verrückten Stil-Potpourri aus Thrash, Hardcore und einer Prise klassischem, wenn nicht gar Power Metal immer mehr Zuschauer vor die Bühne und liefern eine Show, die, um es kurz zu machen, total gaga ist: Irre Tanzeinlagen, akrobatische Luftsprünge, schwindelerregendes Herumwirbeln und brachiale Schlagzeuggewitter zum einzigartigen Groove-Metal-Sound der Nordmänner animiert auch die Menge vor der Bühne zu mehr Action. Geile Party und hoffentlich nicht der letzte Besuch in der Bundesrepublik!

Während HATESPHERE die Markthalle erneut in einen Schmelztiegel verwandeln, bietet eine Stippvisite ins Marx Abkühlung, wo sich Online-, Print- und Radioredakteure eine angeregte Debatte über die wachsende Rolle und den Sinn und/oder Unsinn von Online-Magazinen als Ergänzung der traditionelleren Medien liefern. Die Meinungen der Fachleute sind geteilt, die digitalen Quellen werden von den Einen eher als Konkurrenz, von anderen als Chance für Print und Radio gewertet. Ein weiterer Diskussionspunkt: Soll die Ausrichtung eines Magazins eher in die Breite gehen, oder sich aufs Spezielle beschränken? Während das Gespräch langsam anfängt, sich im Kreis zu drehen, wird es auf der Hauptbühne eine Halle weiter Zeit für ein paar ganz andere Umdrehungen.

TANKARD, die heute schon in Mission Buchpräsentation für ihre Bandbiografie unterwegs waren, legen ihren Fokus nun auf Bühne, Fans und helles Blondes und feiern laut Frontflummi Gerre „32 Jahre Tankard, 32 Jahre gutes bis schlechtes Aussehen, 32 Jahre Erfolg“. Neben Gassenhauern wie 'Die With A Beer In Your Hand', 'Rectifier' und 'A Girl Namend Cerveza' mogeln die Hessen auch gekonnt neues „R.I.B.“-Material ins Set. „Habt ihr Bock auf alten Scheiß? Wir auch, aber zuerst müssen wir noch was Neues spielen“, kündigt Gerre die Nummer 'R.I.B. (Rest In Beer)' an. Zwar merkt man den Thrashern ein wenig die mangelnde Kondition an, für ihre Motivation gilt jedoch das Gegenteil: Gerstenzaubertrank sei Dank zockt, post und animiert die Kult-Truppe ihre Zuschauer, dass die Schweißtropfen nur so von der Bühne spritzen. Stolz tätschelt Gerre, der ununterbrochen in Bewegung ist, seinen klatschnassen Bierbauch und kippt sich bei '(Empty) Tankard' in alter Tradition zur Abkühlung eine Flasche Bier über den Denkkasten. Spielerisch ist die Show vielleicht nicht immer astrein, aber auf alle Fälle extrem unterhaltsam.

Unterhaltsam wird es auch bei FINNTROLL, die das zehnjährige Jubiläum ihrer Scheibe „Nattfödd“ begehen und das Album zur Feier des Tages einfach mal durchzocken, bevor sie im Zugabenblock auch auf neueres Material zurückgreifen. „Hübsch“ wie eh und je und spielerisch tadellos bringen die Finnen mit Landstreicher-Outfits und überdimensionalen Spitzohren die Bretter zum Beben und das Publikum zum Hopsen und Tanzen – der Pulk vor der Bühne erinnert wahlweise an einen wilden Moshpit oder einen Polkakurs für Fortgeschrittene. Auch Sänger Vreth tanzt extrem trollig (oder drollig?) im Humppa-Style, vergisst dabei aber nicht, nach Leibeskräften sein Vintage-Mikro zu beanspruchen. Dass finnischer Death-Folk mit schwedischen Texten der perfekte Soundtrack fürs nächste Workout ist, haben die Trolle mit ihrem rund 75 Minuten langen Power-Auftritt bewiesen. Eigentlich ein Jammer, dass die Zuschauerdichte bei so viel Spaß und Einsatz im Vergleich zum Vortag deutlich geringer ausfällt. Ein würdiger Samstags-Headliner und krönender Abschluss eines rundum gelungenen Festivals sind FINNTROLL ohne Frage.

Pics: Alexandra Michels

Bands:
DARK TRANQUILLITY
FINNTROLL
PROFANE OMEN
TANKARD
KRYPTOS
HATESPHERE
MAMBO KURT
BEYOND THE BLACK
EDGUY
ALPHA TIGER
Autor:
Alexandra Michels

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