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ToneTalk 28.01.2015

GUNS N' ROSES , SIXX:A.M. - »Der ganze Rock´n´Roll ist eine Lüge!«

NAME: DJ ASHBA
BANDS: Guns N´Roses, Sixx:A.M.
INSTRUMENT: Gitarre

DJ Ashba steht mit Guns N´Roses im Arena-Rampenlicht, werkelt bei Sixx:A.M. u.a. mit Mötley Crües Nikki Sixx an einer zweiten Karriere und hat nebenbei noch genügend kreative Luft für Soloexkurse. Grund genug, den 42-jährigen Amerikaner genauer unter die Lupe zu nehmen.

DJ, wann bist du auf die Idee gekommen, Gitarre zu spielen?

»Ich habe als Neunjähriger angefangen. Schon mit drei bekam ich Klavierunterricht. Danach probierte ich eine Woche lang das Saxofon aus, da wir so ein Ding zu Hause im Schrank hatten, fand das Gequäke aber ziemlich grässlich (lacht). Als Nächstes war das Schlagzeug dran. Ich war sogar in einer Schulband, flog dort allerdings raus. Ich übte daheim immer auf Metallmülltonnen und zertrümmerte dabei meine Sticks. Als ich mehrere Male ohne Sticks in der Schule auftauchte, hat´s dem Lehrer gereicht. Dann trat endlich die Gitarre auf den Plan. Ich habe einen ganzen Sommer auf Maisfeldern gearbeitet. Als ich 100 Dollar zusammenhatte, habe ich mir aus einem Kaufhauskatalog eine bestellt.«

Man kann davon ausgehen, dass du als Dreijähriger nicht freiwillig mit dem Klavierspielen begonnen hast...

»Meine Mutter lehrt klassisches Klavier. Sowie eines von uns Kindern halbwegs aufrecht gehen konnte, wurde es ans Klavier gesetzt (lacht). Ich hatte schon mit fünf einen Auftritt und spielte die ´Ode an die Freude´.«

Deinen ersten Gitarrenunterricht hattest du an einem ungewöhnlichen Ort.

»Ja, in dem Bus, der mich zu den Maisfeldern und zurück brachte. Da fuhr immer ein Typ mit, der in einer Band spielte. Ich war total begeistert. Wahrscheinlich war er nicht mal besonders gut, aber er war der einzige Gitarrist, den ich kannte. Ich kerbte mit einem Taschenmesser eine Art Griffbrett in einen der Bussitze, und er bohrte regelmäßig Löcher rein, um mir Akkorde zu zeigen. Ich merkte mir den jeweiligen Griff, eilte aufgeregt nach Hause und probierte ihn aus. Das klang dann immer unglaublich gigantisch. Zumindest für einen Neunjährigen (lacht).«

Du bist in einem sehr strengen Elternhaus aufgewachsen. Dennoch hast du es geschafft, dir als 16-Jähriger ausgerechnet eine Show der berüchtigten Mötley Crüe anzusehen.

»Meine Eltern trennten sich, als ich vier Jahre alt war. Mein Vater war ein sehr wütender Mensch. Ich hatte keine schöne Kindheit. Ich wuchs nach der Scheidung bei meiner Mutter auf. Sie ist superchristlich. Wir hatten nicht mal einen Fernseher. Gelegentlich besuchte ich meinen Dad. Zu meinem 16. Geburtstag schenkte er mir das Mötley-Crüe-Ticket. Wahrscheinlich nur aus Hass auf meine Mutter (lacht). Aber Mötley waren bereits eine meiner Lieblingsbands.«

Wie hast du damals überhaupt härtere Musik entdeckt?

»Ich schlich mich aus dem Haus und guckte beim Nachbarsjungen MTV. Deshalb kannte ich vor allem die typischen Rockstars, die im Fernsehen überlebensgroß wirkten. Heute kannst du fast jeden Menschen übers Internet kontaktieren und bekommst sogar recht häufig eine Antwort. Aber zu jener Zeit waren Musiker für mich nahezu überirdisch. Als ich Mötley Crüe live sah, merkte ich allerdings sofort, dass das auch nur Menschen sind und dass ich so was ebenfalls kann.«

Deine Eltern waren von deinem Faible für die Gitarre wenig begeistert.

»Sie unterstützten mich überhaupt nicht. Daher hatte ich von den simpelsten Sachen keine Ahnung. Meine Mutter kaufte mir damals einen Spielturm für den Garten. Schon am ersten Tag machte ich die Rutsche kaputt. Daraufhin schnitt mein Dad alle Saiten der Gitarre durch, um mir eine Lektion zu erteilen. Das war die Gitarre, für die ich den ganzen Sommer gearbeitet hatte! Ich war am Boden zerstört, weil ich nicht durchblickte, dass man die Saiten wechseln kann. Ich war ja eigentlich Klavierschüler, und das sollte ich aus Sicht meiner Eltern auch bleiben. Daraufhin fing ich an, das Klavier zu hassen, und wollte umso mehr Gitarre spielen (lacht). Ich ging rüber zu unserem Nachbarn und sagte, dass mein Dad meine Klampfe kaputtgemacht hätte, indem er alle Saiten zerschnitt. Mein Nachbar fand das ziemlich witzig und musste mir erst mal erklären, dass man Saiten durchaus ersetzen kann. Aber ich bin so abgeschieden von der Welt aufgewachsen, dass ich das nicht wusste. Ich hörte auch nur heimlich Radio. Meine Jugend war wirklich seltsam. Ich schlief im Keller des Hauses, wo ich etwas mehr Ruhe hatte, und mein Vater kam manchmal runter und sagte: „Na, wie fühlt es sich an, hier unten ganz nah bei Satan zu sein?" Dann machte er das Licht aus. Ich bekam Todesangst.«

Hattest du als Teenager ein Idol an der Sechssaitigen?

»Eddie Van Halen! Als ich ihn das erste Mal hörte, spielte er Sachen, die kein anderer Gitarrist je hinbekommen hatte. Ich habe ewig versucht herauszufinden, was er da tut. Nach und nach konnte ich es rekonstruieren und wurde umso ehrgeiziger, mein eigenes Ding durchzuziehen.«

Hast du eine Ahnung, wie viele Gitarren du besitzt?

»Nein (lacht). Als ich das letzte Mal gezählt habe, waren es ungefähr 100.«

Hast du eine Lieblingsgitarre?

»Ja, immer die, die ich gerade in der Hand halte (lacht wieder). Mein aktueller Favorit ist natürlich mein Signature-Modell (die DJ Ashba Signature Les Paul - jj). Nicht um hier Werbung zu machen, sondern weil ich es in jahrelanger Kleinarbeit entwickelt habe. Es ist exakt die Gitarre, die ich immer haben wollte. Ich bin fünf Jahre mit einer regulären Les Paul getourt und habe einige Dinge verändert, die sie noch besser machen, als sie eh schon ist. Der Hals ist dicker, das Killswitch ist überarbeitet, und das Three-way ist anders platziert. Es ist für mich die ultimative Gitarre, absolut kick-ass!«

Wie wichtig ist dir neben dem Sound und dem Spielkomfort das Aussehen der Gitarre?

»Der Look ist sehr wichtig. Mein Auto ist ein Dodge Challenger, der von mir designt wurde. Von dieser Version gibt es 50 Stück (sie heißt Ashba Limited Edition Challenger und ist ein echtes Schmuckstück - jj). Die Karre hat Niveau, wirkt aber auch irgendwie düster und ein bisschen teuflisch. Zugleich sieht sie sehr klassisch aus. Genau das habe ich auf meine Gitarre übertragen. Sie passt also zum Auto. So gehört sich das auch. Nix ist besser als cars, bars and guitars (lacht).«

Gibt es eine Gitarre, zu der du eine besondere emotionale Bindung hast?

»Auf jeden Fall alle, die ich früher gespielt habe: bei den Beautiful Creatures (Ashbas Band bis 2002 - jj), am Anfang von Sixx:A.M., auf den Crüe-Fest-Shows oder in irgendwelchen Videos. Auch die Gitarren, die ich auf Magazincovern in der Hand halte, sind mir sehr wichtig. Die Instrumente hängen in meinem Haus wie in einem Museum. Manchmal nehme ich eins von der Wand und erinnere mich an die speziellen Situationen, in denen ich es gespielt habe. Diese Gitarren werden mir wegen ihrer History immer sehr viel bedeuten, auch wenn sie technisch nicht unbedingt perfekt sind.«

Gibt es Gitarren, die du regelrecht hässlich findest?

»Oh Mann, ich besitze wirklich einige fiese Dinger. Eins ist von Ibanez und inzwischen 25 Jahre alt. Ich habe Mitte der neunziger Jahre ein instrumentales Soloalbum namens „Addiction To The Friction" aufgenommen. Danach ging das Label pleite, aber ich hatte schon eine zweite Scheibe als Demo am Start, das auf dieser Gitarre entstand. Ich war damals noch kein Produzent und hatte keine Kohle, einen anzuheuern. Also verschwanden die Bänder irgendwo. Letztens habe ich zu Hause sämtliche Tapes im Archiv gesichtet und fand diese Kassette. Ich wusste zunächst nicht mal, was drauf war, und musste mir ein Abspielgerät leihen, weil ich seit Ewigkeiten keine Tapes mehr gehört hatte. Es war sogar ´ne Mono-Aufnahme. Aber es waren echt gute Ideen. Daraufhin habe ich mir gedacht, dass es nichts Cooleres geben kann, als sie noch mal professionell aufzunehmen, mit modernem Equipment, aber auf genau dieser alten Gitarre. Die Klampfe war total verrostet, ich musste sie erst mal generalüberholen.«

Aber sie ist immer noch hässlich.

»Oh ja! Sie ist hellgelb mit pinken Pickups. Ich glaube, es ist eine RG 550. Sie sieht schrecklich aus (lacht).«

Übst du häufig?

»Ich komponiere. In dem Bereich fordere ich mich heraus. Aber ich probiere nicht ständig, irgendwas Neues zu lernen. Ich liebe das Spielen, doch ich habe mich noch nie für das ganze Drumherum interessiert. Ich stöpsel die Gitarre ein, und wenn sie gut klingt, ist alles super. Ich bin definitiv kein Gearhead.«

Dann streiche ich jetzt einfach mal unsere detaillierteren Technikfragen.

»Danke, damit kannst du am besten bei Richard Fortus (Guns-N´Roses-Gitarrist - jj) punkten. Der erkennt sogar verschiedene Gitarrenkabel am Klang und ist in der Hinsicht der totale Freak (lacht).«

Gibt es Songs, die dich beim Spielen an deine technischen Grenzen bringen?

»´Crossroads´ von Steve Vai ist verdammt hart. Aber ich war noch nie ein Fan davon, die Stücke anderer Leute zu lernen. Ich will nichts kopieren, also muss ich auch nichts nachspielen.«

Nicht mal bei Guns N´Roses die Sachen von dem Herrn mit dem Zylinder (der während des Interviews in der Berliner Gibson-Filiale witzigerweise nur wenige Meter von uns entfernt als lebensgroßer Aufsteller steht)?

»Nein, überhaupt nicht. Ich habe mir anhand von Guns-N´Roses- und Mötley-Songs das Gitarrespielen beigebracht. Ich habe diese Sachen im Blut. Ich habe viele Angebote von Bands abgelehnt, aber als die Guns mich fragten, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich habe diese Band verstanden. Sie kommt meinem eigenen Spiel sehr entgegen, da sie melodiös und bluesig ausgerichtet ist. Dort einzusteigen, fühlte sich so gut an, als würde ich einen Handschuh überstreifen. Deshalb kann ich auch die alten Stücke originalgetreu aufführen. Ich erkenne die Vision des jeweiligen Komponisten sofort.«

Welchen Song oder welches Riff aus deiner Feder sollen Leute, die noch nie etwas von dir gehört haben, antesten, um dich als Musiker kennenzulernen?

»Sixx:A.M. repräsentieren mich in dieser Hinsicht perfekt und zeigen mich pur, ohne Netz und doppelten Boden. Ich habe schon bei anderen Bands gespielt, wo ich ebenfalls meinen eigenen Stempel hinterlassen konnte. Ich kann mich außerdem gut anpassen. Spiel mir einen Song vor, und ich komponiere dir einen, der als nächster auf dem entsprechenden Album stehen könnte. Aber bei Sixx:A.M. bin ich völlig unverfälscht. Eins meiner Lieblingsriffs ist ´Heart Failure´ (er singt es kurz an - jj). Ich mag den Sound des Whammy-Pedals. Auch ´Stars´ ist etwas Besonderes. Das Riff geht sogar bis zu Beautiful-Creatures-Zeiten zurück. Dafür war Eddie Van Halen mit coolen Sachen wie ´Don´t Tell Me (What Love Can Do)´ ein großes Vorbild. Wenn man sich bei den Besten bedient, kommt als eigener Sound etwas Tolles raus. Ich denke durchaus, dass ich einen individuellen Stil besitze, den man speziell bei Sixx:A.M. gut heraushört.«

Musstest du dich schon mal kneifen, als du mit einer Legende auf der Bühne oder im Studio standest, um sicherzugehen, dass du dich nicht in einem Traum befindest?

»Das passiert mir ständig mit Axl Rose und Nikki Sixx (lacht). Außerdem muss ich Neil Diamond nennen. Mit ihm habe ich einige Sachen für ein Weihnachtsalbum gemacht. Das war etwas sehr Besonderes. Der Mann ist ein ganz Großer.«

Auf welchem Album hättest du gern mitgespielt?

»Auf jeder Elvis-Platte (lacht). Scotty Moore (Elvis-Gitarrist - jj) ist einer meiner absoluten Helden!«

Gibt es einen Gitarristen, der auf der Bühne besonders cool rüberkommt?

»Ich höre eigentlich lieber zu, als dass ich gucke, wie sich jemand bewegt. Aber Zakk Wylde ist on stage definitiv ein Monster und hat eine super Ausstrahlung. Ich liebe den Kerl. Er hat mich total inspiriert. Als ich ihn zum ersten Mal mit Ozzy hörte, dachte ich nur: „Wow!" Ich war ein riesiger Randy-Rhoads-Fan, doch Zakk war die Wiedergeburt von Randy. Er hat den Rhoads-Stil sogar weiterentwickelt.«

Welcher Gitarrist ist aus deiner Sicht unterbewertet?

»Auf jeden Fall Mick Mars! Bei Mötley Crüe spielt er Rock, aber er ist ein atemberaubender Blues-Musiker. Ich hoffe, dass er mal eine Blues-Platte aufnimmt.«

Was ist die größte Lüge im Rock´n´Roll?

»Ungefähr 90 Prozent von dem, was Musikbusinessleute den ganzen Tag so erzählen (lacht). Eigentlich ist der ganze Rock´n´Roll eine Lüge. Es ist das härteste Geschäft, das es gibt. Die größte Lüge ist also, wenn jemand meint, dass es einfach sei, sich in diesem Metier zu behaupten. Aber es ist immerhin möglich. Man muss an sich glauben und darf sich nie entmutigen lassen.«


www.gunsnroses.com
www.sixxammusic.com

Pic: George Chin/Iconicpics (Promo)

Bands:
SIXX:A.M.
GUNS N' ROSES
Autor:
Jan Jaedike

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