Interview

Interview 12.03.2020, 15:20

GREY DAZE - Alles für Chester

So schön der Grundgedanke war, so traurig ist letztlich die Entstehungsgrundlage von „Amends“: Nur kurze Zeit vor seinem Tod im Jahr 2017 äußerte Chester Bennington seinem Jugendfreund Sean Dowdell gegenüber den Wunsch, GREY DAZE – die erste Band der beiden Freunde – wieder zusammenzubringen und ein Album aufzunehmen. Mit der Unterstützung von Chesters Familie und vielen befreundeten Musiker haben die Bandmitglieder ihrem verstorbenen Freund diesen Wunsch nun erfüllt. Im Interview spricht Sean über einen ebenso schönen wie kräftezehrenden Aufnahmeprozess und erinnert daran, wie viele Leben der Sänger privat wie musikalisch berührte.

Sean, euer neues Album stellt einen besonderen Tribut an deinen guten Freund Chester Bennington dar. Leider kam die von ihm erwünschte Wiedervereinigung nicht mehr zu Stande und ihr habt für „Amends“ Chesters Gesangsaufnahmen aus den 90ern verwendet und die Songs neu arrangiert. Wie fühlst du dich jetzt, nachdem das Album fertiggestellt ist?

»Es geht mir gut. Während wir das Album fertiggestellt haben, fühlte es sich so an, als würde man das Gewicht der Welt auf seinen Schultern tragen. Ich wollte sicherstellen, dass dieses Werk etwas wird, dass meinen lieben Freund mit Stolz und Freude erfüllt hätte. Da liegt die Messlatte ziemlich hoch. Mit den anderen Jungs zu arbeiten - Mace Beyers (Bass - lh) und Cristin Davis (Gitarre - lh) - war ein wirklich toller Prozess, aber zur gleichen Zeit auch sehr kräftezehrend. Wir haben beinah zweieinhalb Jahre gebraucht, um das Album fertig zu stellen, aber jetzt geht es mir wirklich gut. Jetzt wo alles abgeschlossen ist, fühle ich mich geehrt, gesegnet und stolz, mit den Jungs diesen Weg gegangen zu sein.«

Falls dir die Frage nicht zu nahe geht: Wo warst du, als du von Chesters Tod gehört hast?

»Ich war zu dem Zeitpunkt in Las Vegas. Wir haben zwei Tage vorher noch miteinander gesprochen und die Bandproben mit GREY DAZE sollten am kommenden Wochenende starten. Er wollte mit seiner Familie für ein paar Tage nach Sedona (Arizona – lh) reisen. Er musste dann noch kurz nach Los Angeles für einen TV-Werbespot zurückfliegen. In der Zwischenzeit sollte seine Familie schon von Sedona nach Phoenix reisen und am Samstag wollten wir uns alle zum Abendessen treffen. Die Proben sollten dann am Sonntag beginnen. Ich glaube, der Tag an dem Chester verstarb, war der Donnerstag. Ich befand mich in Las Vegas und war mitten in einem Interview, als mein Handy immer wieder geklingelt hat und ich dauernd Benachrichtigungen erhielt. Als ich dann etwa 15 davon erhalten habe, war ich mir sicher, dass irgendwas nicht in Ordnung sein kann. Ich ging ans Telefon, als meine Frau mich anrief und mir erzählte, was geschehen war. Ich war wie in Schockstarre. Damit hätte ich natürlich nie gerechnet und ich wusste in dem Moment überhaupt nicht, wie ich reagieren oder was ich fühlen sollte. Ich war einfach für ein paar Stunden wie paralysiert.«

Zum Song 'Sickness' habt ihr ein Video gedreht. Laut der mir vorliegenden Promomeldung beschreibt der Track, wie Chester in der Schule immer wieder gemobbt wurde und du zu einer Art großem Bruder und Aufpasser für ihn geworden bist. Ist der Track für dich persönlich der emotionalste Song auf dem Album?

»Da stecken eigentlich ein paar Fragen drin. Vielleicht fangen wir mit dem Video an: Das behandelt ein paar Aspekte, die Chester in seinem jungem Erwachsenendasein widerfahren sind. Das ist ein Zeitpunkt im Leben, wo wir alle voller Hormone und Zweifel sind. Einige Aspekte des Mobbings, das Chester erlebte, haben wir auch in das Video einfließen lassen. Im Song selber geht es mehr darum, wie Chester ein Gefühl der inneren Leere und Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt, beispielsweise nicht zu verstehen, warum er auf der Welt ist oder warum ihm manche Dinge zustoßen. Bei Song und Video kommen also zwei verschiedene Konzepte zusammen.

Zum Teil der Frage, ob das für mich der persönlichste Song ist: Nein, ich würde sagen der emotional bedeutsamste Song für mich ist 'Morei Sky'. Das ist ein Song, der Chester und mich sehr verbindet. Wir waren in Mexiko, saßen auf der Ladefläche des Trucks meines Kumpels Henry, tranken ein paar Bier und schrieben gemeinsam die Lyrics. Dann brachten wir den Text zur Bandprobe mit und schrieben den Song gemeinsam mit den anderen. Da steckt für mich viel spirituelle und emotionale Bedeutung drin, die ich mit Chester verbinde. Deshalb ist das für mich auf jeden Fall der persönlichste Song.«

Ich finde es schön, dass du 'Morei Sky' erwähnst. Kannst du mir erzählen, was es mit dem Titel auf sich hat?

»In meiner Jugend habe ich Shirts per Siebdruck hergestellt. Als wir in Mexiko auf dem Truck saßen und die Sonne unterging, verlieh das dem Himmel so ein purpur-orangefarbenes Leuchten. Das erinnerte mich an ein Siebdruckmuster namens Morei, was ich dann Chester gegenüber erwähnte. Er meinte dann: „Das ist ein cooler Name! Wir nennen den Track 'Morei Sky'!“ So ist also der Titel entstanden und dann haben wir angefangen, die Lyrics zu schreiben. Es ist also wie ein Kommentar zum vorbeiziehenden Sonnenuntergang.«

Ein Song, der mir besonders nahe gegangen ist, ist definitiv 'The Syndrom'. Hier singt Chester mehrfach die Zeile „Are you happy?“, was im Kontext der Entstehung vielleicht nichts bedeuten muss, rückblickend aber wie ein früher dunkler Schatten wirkt. Kannst du mir mehr zum Hintergrund des Songs erzählen?

»Eigentlich sollte der Song 'The Down Syndrom' heißen und der Song sollte das Thema Depressionen behandeln. Chester und ich haben den Text zum Lied gemeinsam geschrieben. Die von dir erwähnte Zeile, „Are you happy?“, war etwas, das Chester in den Song miteinbrachte. Natürlich kommen all diese Songs durch das, was mit Chester geschehen ist, mit einer völlig neuen Leseart. Man kann also in diesen Lyrics auch etwas tiefer in Chesters Seelenleben blicken und etwas von dem Schmerz sehen, den er hier zum Ausdruck bringen wollte. Vielleicht hilft das etwas beim besseren Verständnis, welche Vorgänge sich in Chester durch seine Erlebnisse im Leben in Bewegung setzten. Diese Zeile selbst bringt zum Ausdruck, was jemand mit Depressionen durchlebt. Diese Person stellt sich selbst die Frage, ob sie glücklich ist, und die Antwort ist ein klares „Nein“. Wir haben den Titel dann noch von 'The Down Syndrom' zu 'The Syndrom' geändert, weil wir aus Gründen der politischen Korrektheit nicht wollten, dass irgendjemand denkt, wir würden uns über Personen mit dieser Erkrankung lustig machen. Das war zu keinem Zeitpunkt die Intention des Songs. 'The Down Syndrom' war für uns einfach an dieser Stelle eine Metapher für Depressionen.

Für die Fertigstellung des Albums habt ihr viel Unterstützung erhalten. Nicht nur von befreundeten Musikern – unter anderem von Korn, Bush oder Breaking Benjamin – sondern auch Chesters Eltern und besonders von seiner Frau Talinda Bennington. Was kannst du mir über dieses Zusammenkommen unterschiedlichster Menschen berichten?

»Das bedarf natürlich einer umfangreicheren Antwort. Lass uns mit „Munky“ und „Head“ von Korn beginnen. Ich kenne Brian - „Head“ - vermutlich schon seit 15 Jahren, vielleicht sogar 17 Jahren. Als wir uns mal geschrieben haben, erzählte ich ihm von dem GREY DAZE-Material, an dem ich begonnen hatte zu arbeiten, und er fand das ziemlich cool. Dann bat ich ihn, ob er mir zu einem der Songs eine ehrliche Meinung geben könnte. Ich schickte ihm die Nummer also rüber und nach etwa drei Minuten rief er mich zurück und sagte: „Bro, was ist das? Das ist unglaublich!“ Er zeigte so ehrliches Interesse daran, also erläuterte ich ihm dem Hintergrund, was wir hier mit GREY DAZE vorhatten, und er klang so begeistert, dass ich ihn fragte, ob er bei dem Song mitspielen will. Er war von der Idee total angetan. Nach ein paar Tagen fragte er mich dann, ob es für mich ok wäre, wenn er und Munky das gemeinsam machen, den Vorschlag fand ich großartig. Wir haben dann als Band gemeinsam mit den beiden ungefähr einen Tag zusammengearbeitet und 'B12' gemeinsam geschrieben. Munky und Head hatten ein paar tolle Ideen und waren absolut professionell, das hat unglaublich viel Spaß gemacht. Und während der Song in der Form zustande gekommen ist, kam mir in den Sinn, dass Chester die beiden wirklich geliebt hat, es sich für ihn allerdings nie die Gelegenheit ergeben hat, musikalisch etwas gemeinsam aufzunehmen. Wäre er noch am Leben, hätte er das wirklich liebend gerne getan.

So hat die Idee mit all den Gästen angefangen, wir haben gute Freunde von Chester gefragt, ob sie bei „Amends“ mitmachen wollen. So hat beispielsweise Page Hamilton (Sänger und Gitarrist von Helmet – lh) bei 'Sickness' mitgespielt, auch Marcos Curiel von P.O.D. hat uns unterstützt. Die Sängerin LP hat einen Duett-Beitrag zum Song 'Shouting Out' geleistet. Wir haben Unterstützung bei ihr angefragt, weil ich besonders bei dem Song gerne weibliche Vocals haben wollte und es mir in Erinnerung kam, wie sehr Chester ihre Stimme liebte. Sie hatte großes Interesse und hat hier einen tollen Beitrag geleistet. Außerdem wurde mir Chris Traynor von Bush von einem guten Freund vorgestellt. Er hat gleich auf vier Songs mitgewirkt, deswegen sehen wir ihn eigentlich auch als fünftes Bandmitglied.

Außerdem hat Jaime Bennington, Chesters Son, auf dem Track 'Soul Song' mitgesungen. Das war unsere Art, Chester etwas zurückzugeben. Als wir im Studio waren, kam uns der Gedanke, dass es sehr schön wäre, wenn eins von Chesters Kindern mit ihrem Vater gemeinsam singen könnte. Das hat sich zu seinen Lebzeiten leider nie ergeben. Daher hat sich diese Aufnahme ganz besonders angefühlt. Jaime hat die Sache super gemacht, sein Vater wäre wirklich sehr stolz auf ihn.«

Könnt ihr euch vorstellen, ähnlich wie beim Linkin-Park-Tribute-Konzert mit verschiedenen Gastmusikern „Amends“ live aufzuführen?

»Das ist eine hervorrage Frage und ja, das wollen wir sehr gerne machen. Oft werden wir von Leuten gefragt, ob wir auf Tour gehen und Chester ersetzen werden. Da ist meine Antwort „nein“, das wollen wir auf gar keinen Fall machen. Wenn wir auftreten, würden wir das genau so machen, wie du es eben beschrieben hast. Wenn wir live auf die Bühne gehen, dann wird dieser Auftritt ein Tribut an Chester und für Chester. Das würden wir dann so aufziehen, dass alle Gäste, die uns auf der Platte unterstützen, mit dabei sind und weitere Gastsängerinnen und -sänger gemeinsam mit den Gesangsaufnahmen von Chester singen.«

Was mir persönlich sehr gefällt, ist das „Amends“ mit 'Shouting Out' einen sehr versöhnlichen und liebevollen Ausklang mit den Worten „Love you, talk to you soon“ findet.

»Diese Art von Voicemail hinterlassen wir uns in der Band ständig untereinander. Diese besondere Nachricht wurde von Chester auf der Voicemail unseres Freundes Rene Mata hinterlassen. Als er uns die Nachricht vorspielte, fanden wir die Idee schön, diese Nachricht an das Ende des Songs zu packen. Als wir die Nachricht dann im Kontext des Songs hörten, war uns klar, dass das Album auf keine andere Art enden kann. Das fühlte sich unserer Ansicht nach wie der perfekte Abschluss an.«

Möchtest du gerne zum Abschluss noch etwas los werden?

»Wir haben dieses Album für unseren Freund Chester aufgenommen, daher war es wichtig, dass wir es endlich fertigstellen konnten. Es ist wichtig zu wissen, dass es Chesters Wille war, dass diese Platte erscheint. Er hatte sich sehr darauf gefreut, GREY DAZE wieder zusammenzubringen und wieder mit seinen Freunden zu spielen.«

Bands:
GREY DAZE
Autor:
Lukas Höpfner

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