ToneTalk

ToneTalk 19.12.2012

GRAVEYARD - »Drummer, die posen, sind mir ein Gräuel«

Weniger ist mehr? Auf Axel Sjöberg trifft dieses Motto unbedingt zu. Im Gegensatz zu diversen Kollegen hält der Taktgeber der schwedischen Vintage-Rocker GRAVEYARD nämlich rein gar nichts davon, sich hinter einem gigantischen Drumkit zu verschanzen, sondern setzt stattdessen auf eine eher spartanische Ausstattung. Im Rock-Hard-Gespräch bricht der Bill-Ward-Fan eine Lanze für Spontanität, erklärt den Reiz von Timing-Schwankungen und echauffiert sich über Stuart Copeland von The Police.

Axel, wann hast du mit den Drums begonnen?

»Mit 13 Jahren. Ich hatte vorher ein wenig mit der akustischen Gitarre experimentiert, aber als meine Freunde eine Punkband starteten, wollte ich natürlich dabei sein. Zuerst boten sie mir den Posten des Sängers an, aber fürs Singen habe ich einfach kein Talent. Danach stieg der Bassist für eine Weile aus, und ich sollte seinen Platz übernehmen, aber nach seiner Rückkehr hatte sich auch das erledigt. Ich glaube, es war Glück, dass der Schlagzeuger der Band ziemlich lange nicht zu den Proben erschienen ist, denn so konnte ich mir den Platz hinter den Drums sichern (lacht).«

Hat dir die akustische Gitarre ein gewisses Musikverständnis gebracht oder dir geholfen, Songwriting-Fähigkeiten zu entwickeln?

»Nein, eher nicht. Dass man ein gewisses Rhythmusgefühl entwickelt, wenn man Musik macht, ist klar, aber meinen Drum-Stil hat das nicht beeinflusst. Ich mochte die Akustikgitarre nicht besonders, aber das lag an meinem Lehrer, der mich die unmöglichsten Sachen spielen ließ.«

Stand dir schon zu Beginn deiner Karriere ein komplettes Drumkit zur Verfügung?

»Natürlich nicht. Ich habe - wie so viele andere Musiker - von einer schwedischen Besonderheit profitiert. Die Arbeiterbewegung hat in den Städten Organisationen gegründet, die über Proberäume und auch über Instrumente verfügen. Diese Organisationen haben einen großen Anteil daran, dass so viele schwedische Musiker von klein auf die Chance haben, ihrem Hobby nachzugehen. Man trifft dort auf Leute, die dir schon im Kindesalter an zwei oder drei Tagen in der Woche genau erklären, wie die einzelnen Instrumente zu spielen sind. Wenn man älter ist, hat man dann die Möglichkeit, so oft, wie man will, zu proben. Zu diesem Zweck kann man billig Proberäume anmieten. Das funktioniert so ähnlich wie ein Lesezirkel. Heute sind diese Organisationen allerdings nicht mehr mit der Arbeiterbewegung verbunden.«

Erinnerst du dich noch an dein erstes Drumkit?

»Klar. Das war ein ziemlich billiges japanisches Teil in Schwarz. Als Anfänger muss man nicht gleich auf dem besten Equipment der Welt trommeln.«

Welche Schlagzeuger haben dich am nachhaltigsten beeinflusst?

»Als ich jung war, Kristoffer Sjödahl von Norrsken (heute Dead Man - tk). Der hat bei den Konzerten alle umgehauen. In dem Alter kannte ich zwar schon einige Drummer, aber er war einer der ersten, die ich live sah. Später haben es mir dann der Speed und der Punkeinfluss von Metallicas „Kill ´Em All"-Album, vor allem bei einer Nummer wie ´Motorbreath´, angetan. Nach heutigen Standards ist das nichts Besonderes mehr, aber damals hat es mich schier umgehauen.«

Lars Ulrich hat dich mit seinem Spiel inspiriert? Obwohl ihm oft mangelnde Klasse nachgesagt wird?

»Er ist sicher nicht der beste Drummer der Welt, aber auf den ersten Alben ist er klasse. Danach habe ich den Eindruck, als wenn er ein wenig die Fantasie verloren und sich nicht mehr weiterentwickelt hat. Ein Schlagzeuger kann auch einflussreich sein, wenn er nicht der größte Techniker der Welt ist. Hauptsache, er spielt genau das, was für seine Band wichtig ist, und versprüht dabei eine gewisse Energie. Das hat Lars auf den ersten drei Metallica-Alben auf jeden Fall getan. Weitere Einflüsse von mir sind John „Mitch" Mitchell von der Jimi Hendrix Experience, Bill Ward von Black Sabbath und Michael Tegza. Er spielte bei der Psychedelic-Rockband H.P. Lovecraft, und das Livealbum „Live At The Fillmore: May 11, 1968" vermittelt einen guten Eindruck von seiner Klasse. Die perfekte Mischung aus Heaviness und Jazz.«

Gibt es einen bestimmten Song, der dich beim Proben an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht hat?

»Da gibt es einige, was aber vorrangig an meiner Faulheit liegen dürfte (lacht). Wenn ich länger nicht geübt habe und mich nicht mehr genau an die Drumparts eines Songs erinnere, tendiere ich dazu, einen leichteren Weg zu nehmen und zu improvisieren.«

Wie oft probst du?

»So gut wie nie. Zumindest nicht alleine. Von daher tauge ich wohl nur bedingt zum Vorbild für zukünftige Drummer. Mit meiner früheren Band Albatros und auch jetzt bei GRAVEYARD haben wir es immer so gehalten, dass wir uns gemeinsam im Proberaum treffen und dort stundenlang jammen. Dadurch habe ich das Schlagzeugspielen erlernt. Nicht, indem ich zu Hause bis zum Erbrechen einzelne Schlagzeugfiguren geübt habe. Mit der kompletten Band zu spielen, fällt mir viel leichter, als für mich alleine zu üben. Aber wie gesagt: Das liegt vor allem daran, dass Disziplin nicht unbedingt zu meinen herausragenden Charaktereigenschaften gehört (lacht).«

Welcher Schlagzeuger liefert live die beste Show?

»Bill Ward.«

Wie bitte?

»Ganz klar Bill Ward. Wenn man sein Gesicht während des Konzertes beobachtet, merkt man, mit wie viel Herzblut er bei der Sache ist. Fantastisch! Drummer, die posen, sind mir ein Gräuel.«

Was macht einen Schlagzeuger besonders: Show, Groove oder technische Fähigkeiten?

»Groove. Der zeigt, dass der Drummer die Musik wirklich fühlt. Technische Fähigkeiten kann man sich antrainieren, Gefühl eher nicht. Ich vergleiche das immer mit einem Sänger: Ein richtig guter Sänger ist in der Lage, selbst einem Klischeetext Leben einzuhauchen und ihn unnachahmlich zu präsentieren. Das ist beim Schlagzeuger nicht anders.«

Wer ist deiner Meinung nach der schlechteste Drummer der Welt?

»Keine Ahnung. Den Typen von The Police, Stuart Copeland, kann ich nicht ab.«

Obwohl man ihn als überragenden Schlagzeuger feiert?

»Ich weiß, aber das ist mir egal. Technisch ist er brillant, aber er ist auch aalglatt, und das finde ich ekelhaft. Mit Musik von The Police hat man früher PAs getestet, weil ihre Songs extreme Frequenzbereiche aufweisen.«

Wer ist deiner Meinung nach der unterbewertetste Drummer?

»Dave Grohl von den Foo Fighters vielleicht. Der wird zwar weltweit geschätzt, aber inzwischen eher für sein Songwriting und den Gesang als für sein Schlagzeugspiel. Das ist echt schade, denn was er auf dem Queens-Of-The-Stone-Age-Album „Songs For The Deaf" abliefert, ist der helle Wahnsinn.«

Wie wichtig ist für dich das Design eines Schlagzeugs?

»Sehr wichtig. Ich mag es nicht, wenn manche Drummer - so wie Stuart Copeland - ein riesiges Kit haben, aber gar nicht alle Teile davon benutzen. Das sieht für mich lächerlich aus. Ich war schon immer Fan eines kleinen, übersichtlichen Kits. Auch jetzt gibt es noch genügend Dinge, die ich an meinem Schlagzeug lernen kann, ehe ich es mit weiteren Trommeln erweitere. Manche Drummer schleppen viel zu viel Equipment mit sich herum. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auf große Bassdrums stehe. Ich hoffe nicht, dass das eine Art Schwanzverlängerung ist (lacht).«

Benutzt du manchmal Handschuhe beim Spielen?

»Nein. Und auch keine speziellen Schuhe. Das sind absolute No-Gos. Bei manchen Highspeed-Drummern kann ich verstehen, dass sie eine spezielle Ausrüstung benutzen, aber in meinen Augen sieht das lächerlich aus. Respekt nötigen mir allerdings die Leute ab, die sich mit Stiefeln hinters Schlagzeug setzen. Das würde ich nicht hinkriegen. Der Einzige, der ungestraft Handschuhe tragen darf, ist Coady Willis von Big Business. Der spielte auf einer Tour aber auch noch bei den Melvins und somit an jedem Abend zwei Gigs. Bis dahin dachte ich immer, dass ich ziemlich fiese Blasen an den Händen habe, aber seine sahen trotz der Handschuhe noch schlimmer als meine aus.«

Click oder natürlicher Groove?

»Letzteres. Immer. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt zum Click spielen könnte (lacht). Das mag von Nachteil sein, denn manchmal halte ich das Tempo nicht ganz exakt, aber wenn man es auf die richtige Art anstellt, kann das sogar zur Energie eines Songs beitragen. Manche Parts darf man ruhig langsamer oder schneller als in der Studioversion spielen.«

Was ist wichtiger fürs Feeling: die richtigen Drumsticks oder Drumheads?

»Eigentlich ist beides gleich wichtig, aber es liegt natürlich daran, wie man seine Drums stimmt. Ich persönlich benötige schwere und lange Drumsticks, denn ich habe ziemlich lange Arme, und da müssen die Relationen passen, wohingegen die Drumheads nicht ganz so entscheidend für mich sind.«

Natürlicher Drumsound oder Trigger?

»Natürlicher Drumsound. Bei manchen Metalbands sieht es so aus, als ob der Schlagzeuger eine Tasse Tee während der Show trinkt, aber trotzdem ist der Sound so wuchtig wie bei dem Drummer von Black Breath.«

Welches Album hat den besten Drumsound?

»Alle Jimi-Hendrix-Alben haben einen tollen Sound. Persönlich stehe ich auf Old-School-Sachen, die einen jazzigen Touch haben.«

Gibt es ein Drumkit, das dir besonders viel bedeutet?

»Das, was ich momentan spiele, ist mein Liebling. Daneben habe ich noch zwei andere, die allerdings nicht vollständig sind. Da fehlen jeweils einige Toms oder Becken. Trotzdem kann ich mich einfach nicht davon trennen.«

Wie hältst du dich für die Shows fit?

»Manchmal mache ich Liegestütze, aber ein echtes Trainingsprogramm habe ich nicht. Vielleicht sollte ich damit beginnen, denn viele Schlagzeuger klagen über Schulter- und Rückenprobleme, die man durch gezieltes Training vermeiden kann.«

Hast du ein besonderes Ritual, bevor du auf die Bühne gehst?

»Nein. Ich laufe herum und trommel dabei mit den Sticks auf meinen Oberschenkeln herum. Danach mache ich ein paar Liegestütze, um den Kreislauf in Schwung zu bringen, und trinke etwas Wasser.«

Was für ein Schlagzeug würdest du einem Anfänger empfehlen?

»Kein besonderes. Außer du hast eine genaue Vorstellung von dem Sound, den du haben möchtest, denn dann kann man sich am Equipment seiner Lieblingsbands orientieren. Aber am Ende des Tages geht es immer darum, seinen eigenen Sound und Stil zu finden. Das gelingt am besten, wenn man mit anderen Leuten zusammenspielt, statt sich jahrelang alleine im Proberaum zu verschanzen.«

Gibt es einen Bassisten, mit dem du gerne mal jammen würdest?

»Mit Noel Redding (2003 verstorbener Jimi-Hendrix-Sidekick - Red.) hätte ich gerne mal gespielt. Und Geezer Butler von Sabbath wäre auch ein Traum.«

Wann wirst du bei einem Konzert dein erstes Drumsolo bringen?

»Ich könnte eins spielen, aber irgendwie stehe ich nicht auf so etwas. Auch Gitarrensoli finde ich langweilig. Manchmal spiele ich bei Konzerten anstelle des Drumbreaks in der Nummer ´Granny And Davis´ (B-Seite der ´Hisingen Blues´-Single - Red.) eine Art Mini-Solo.« 

Was macht einen kreativen Drummer aus?

»Das Zusammenspiel mit anderen Musikern. Wer ausschließlich Drum-Figuren probt, entwickelt keine Vorstellungskraft. Das ist wie bei klassisch ausgebildeten Musikern, die meist Probleme bekommen, wenn sie mal nicht nach Noten spielen sollen. Selbst wenn man beim Jammen mal einen Fehler macht, ist das nicht schlimm, denn dieser Fehler führt dich wieder in eine andere Situation, die es zu lösen gilt. Ich war mal beim Konzert einer schwedischen Progressive-Band und habe vor allem den extrem guten Schlagzeuger beobachtet. Irgendwann in der Mitte der Show nahm er einen Drumstick in den Mund und holte sein Handy aus der Hosentasche. Während er völlig unbeeindruckt mit nur einer Hand weiterspielte, schrieb er mit der anderen eine SMS und klang dabei immer noch fantastisch. Das ist die ganz hohe Schule des Schlagzeugspiels.«

www.facebook.cm/graveyardofficial

Pic: Jenny Segerfelt

Bands:
GRAVEYARD
Autor:
Thomas Kupfer

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