Kolumne

Kolumne 22.05.2019, 08:00

Grave Thoughts

Die Krach-Kolumne

In meinem ersten Auto war serienmäßig ein Kassettenradio eingebaut. Zwar gab es zu der Zeit auch schon CD-Brenner, aber sich mp3s zu ziehen und auf CD zu brennen, war noch nicht völlig üblich und immer noch mit einem gewissen Aufwand verbunden. Also besorgte ich mir Kassetten und stellte in mühsamer Fleißarbeit Sampler zusammen. Das war großartig, und ich muss zugeben: So intensiv und bewusst höre ich Musik heute nicht mehr. Es ist zu einfach geworden, täglich bekommt man gleich mehrere neue Songs von demnächst erscheinenden Platten aufs Ohr gedrückt, und durch das Überangebot skippt bzw. scrollt man sofort weiter, sobald man sich zu langweilen beginnt. Auf Facebook dauert das Untersuchungen zufolge ungefähr 1,6 Sekunden. Schafft es ein Song nicht, in diesem Wimpernschlag zu flashen, heißt es: danke und auf Wiedersehen. Früher waren die Sampler-CDs der Magazine so ziemlich die einzige Quelle neuer Musik, abgesehen von den Platten, die man sich gekauft hat oder von Kumpels ausgeliehen bekam. Man beschäftigte sich also zwangsläufig intensiver mit dem damals noch bewältigbaren Nachschub an neuer Mucke. Heute steht einem mit YouTube und Spotify quasi alle jemals aufgenommene Musik zur Verfügung - und zwar sofort. Eigentlich müsste man sich darüber freuen, aber was haben wir dadurch wirklich gewonnen? Neben meinen Sampler-Kassetten hatte ich auch eine, auf der „Violent Revolution“ von Kreator und „All You Need Is Love“ von den Apokalyptischen Reitern drauf war. Und weil ich nicht ständig neue Kassetten aufgenommen habe, lief die eben rauf und runter. Ich glaube, es wird keine Platten mehr geben, die ich derart in- und auswendig kenne wie diese beiden.

Autor:
Sebastian Schilling

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