Krach von der Basis

Krach von der Basis 25.04.2021, 11:02

Grave Thoughts: Die Krachkolumne 05/21

Vor Kurzem habe ich ein Interview mit Mark Howitzer gelesen, dem Gründer der mittlerweile aufgelösten Gospel Of The Horns. Er kommt aus der Industriestadt Whyalla im Süden Australiens. Wenn er mit Kumpels ein Metal-Konzert besuchen wollte, mussten sie mindestens bis ins etwa 400 Kilometer entfernte Adelaide fahren, wo vorwiegend große Bands wie Iron Maiden auftreten.

Einen nennenswerten Metal-Underground mit regelmäßigen Konzerten gibt es hingegen in Melbourne, das wiederum 1.100 Kilometer von Whyalla entfernt liegt. Wenn man in Sachen Musik etwas erreichen möchte – und sei es nur auf Untergrund-Niveau –, sollte man also von dort wegziehen, was Mark dann auch getan hat, genauso wie übrigens K.K. Warslut von Deströyer 666, der aus derselben Stadt stammt.

Generell haben Metal-Fans vor Internetzeiten noch ganz andere Anstrengungen unternommen, um an ihren Lieblingsstoff zu gelangen oder Gleichgesinnte kennenzulernen – Stichwort Tapetrading. Das war zwar mühsam, aber ich frage mich, ob heute noch genauso stabile Netzwerke und weltumspannende Freundschaften entstehen wie damals. Ist ein „Daumen hoch“-Klick nebst Kommentar auf Social Media das Gleiche, wie einen Brief um die halbe Welt zu schicken und darauf zu hoffen, dass die Adresse stimmt, damit man in ein paar Wochen Antwort erhält? Sicherlich war früher nicht alles besser, und heute empfindet man es zweifellos als praktisch, nicht nur jede erdenkliche Musik im Netz zu entdecken, sondern bei Gefallen auch gleich auf Tonträger bestellen zu können – aber so eine Order über beispielsweise Bandcamp bleibt doch ein anonymer Vorgang, bei dem zwar Geld den Besitzer wechselt, aber keine zwischenmenschliche Verbindung entsteht. Während der andauernden Pandemie, die Konzerte nur unter hohem Aufwand und selbst dann meistens in wenig überzeugender Form als Stream ermöglicht, erleben wir den Aufstieg eines neuen Typs von Alleinunterhaltern: Sogenannte Content Creator schreiben Songs, testen Equipment oder spielen irgendwelche Spiele und kommentieren das Ganze. Was wunders wie authentisch wirken soll, ist längst ein einträgliches Geschäft, weil Firmen den direkten Draht zu Followern logischerweise mit Produktplatzierungen unterstützen. Machen wir uns nichts vor, so unterhaltsam die Videos von Leuten wie Ola Englund sein mögen, handelt es sich bei dem, was wir uns da vorm PC reinziehen, letzten Endes um Werbesendungen. Sieht so die neue Welt aus? Oder werden wir, sobald Corona unter Kontrolle ist, wieder rausgehen und eine neue Wertschätzung fürs Analoge, für echte Begegnungen fernab gestellter Fotos und bedeutungsloser Likes entwickeln? Zu hoffen wäre es.

Autor:
Sebastian Schilling

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