Krach von der Basis

Krach von der Basis 19.08.2020, 08:15

Grave Thoughts: Die Krachkolumne 09/20

Die Corona-Pandemie beschleunigt die Digitalisierung. Plötzlich arbeitet fast jeder Vierte im Homeoffice, und die Elterngeneration verabredet sich mit ihren Freunden zum Zoom-Meeting. Tolle Sache, was liegt da näher, als auch Konzerte als Live-Stream zu übertragen?

So zumindest denken von erzwungenen Konzertausfällen gebeutelte Berufsmusiker und vermutlich auch der eine oder andere findige Digitalunternehmer. Und tatsächlich ist der Gedanke verlockend. Schließlich können Bands so ihre Fanbase weltweit erreichen, und, wenn sie für das virtuelle Konzert Eintritt verlangen, auch noch etwas dabei verdienen. Neun Dollar haben zum Beispiel Clutch verlangt, die mit Crowbar als Support eine Show aus einem Studio gestreamt haben. Doch es gibt einen Haken: Es funktioniert nicht. Bands dabei zuzusehen, wie sie vor Kameras versuchen, eine mitreißende Performance abzuliefern, offenbart auf fast schmerzhafte Weise, wie sehr Konzerte von der Interaktion zwischen Band und Publikum leben. Diese knisternde Energie, die bei guten Shows entsteht, der Sound, der durch Mark und Bein geht, können nicht digitalisiert werden. Keine noch so professionell in Szene gesetzte Live-im-Studio-Performance wird den Besuch eines echten Konzerts ersetzen. Auch nicht diese tragikomischen Autokino-Konzerte für Event-Touristen und Leute, die vermutlich auch zum Weihnachtsliedersingen ins Fußballstadion gehen. Das mag für alle, die in der Live-Entertainment-Branche arbeiten, momentan ein schwacher Trost sein. Doch für die Kultur im Allgemeinen und die Musik im Speziellen ist es eine gute Nachricht, dass es Dinge gibt, die sich dem Zugriff der Tech-Konzerne entziehen und auch zukünftig nur analog richtig gut funktionieren werden.

Autor:
Sebastian Schilling

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