Krach von der Basis

Krach von der Basis 21.03.2021, 08:00

Grave Thoughts: Die Krachkolumne 04/21

Je länger die Pandemie dauert, desto schwerer fällt mir diese Kolumne. Immer schmerzlicher wird nämlich klar, dass es ohne Konzerte und Festivals eigentlich keine Szene gibt. Natürlich werden weiterhin Platten veröffentlicht, und Bands geben gelegentlich Streaming-Konzerte, aber alles Weitere fehlt.

Dabei gewinnt man den Eindruck, nach dem ersten Schock durch die Festivalabsagen sei kurzzeitig Begeisterung über die Möglichkeiten der Digitalisierung aufgekommen. Schlussendlich erkannte man aber, dass das alles zwar ganz nett ist, aber nicht wirklich trägt. Bands mögen sich im Proberaum filmen und ihre Social-Media-Aktivitäten hochfahren – das Ganze stagniert trotzdem. Newcomer können sich nicht vor Publikum behaupten, alte Hasen bleiben von Blamagen verschont, Trends kommen gar nicht erst auf, und niemand tritt ins Fettnäpfchen. Man kann keine Stimmungen nachempfinden; was in der Szene diskutiert wird und die Gemüter bewegt, liest man höchstens in Foren, doch repräsentativ ist es nicht. Große Bands betrifft dies nicht als Problem, da sie sich attraktive Online-Events leisten können – ganz richtig gelesen, so etwas durchzuziehen, ist nämlich mit nicht unerheblichen Kosten verbunden. Andernfalls wird eben noch ein Video zu einem neuen Album gedreht, während dem Underground nichts weiter übrigbliebt, als im übertragenen Sinn Winterschlaf zu halten. Irgendwann wacht er allerdings zwangsläufig auf, und dann wird sich die Szene langsam neu sortieren. Ich persönlich glaube, dass uns noch nicht in vollem Umfang bewusst ist, wie gut wir es bis vor Kurzem hatten, aber um auf einer positiven Note abzuschließen: Vielleicht beginnt die Rückkehr zur Normalität ja gerade im Underground, wo kein so starker kommerzieller Druck besteht und Idealisten auch Konzerte mit wenigen Zuschauern ermöglichen.

Autor:
Sebastian Schilling

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