Krach von der Basis

Krach von der Basis 27.01.2021, 08:10

Grave Thoughts: Die Krachkolumne 02/21

Früher oder später erreicht wohl jeder ein Alter, in dem er denkt, dass früher doch irgendwie alles besser war. Die Tage waren länger und die Partys berauschender, der Kater danach dauerte nicht so lange, der Metal wirkte ehrlicher. Wer die 35 hinter sicher gelassen hat und sich noch nicht bei solchen Gedanken ertappt, möge den ersten Stein werfen.

Traurig wird es allerdings, wenn man sich zum Ewiggestrigen entwickelt. Ein österreichischer Black-Metal-Musiker etwa lässt sich auf Facebook in hoher Frequenz über die heutige Szene aus, die – natürlich – nichts mehr mit jener in den Neunzigern gemein hat. Gruppen, die mit der reinen Lehre, wie er sie versteht, gebrochen haben, sind natürlich Sell-outs und müssen sich vorwerfen lassen, als Berufsmusiker Verrat an der Sache begangen zu haben. Dieser Mann spielt mit seiner eigenen Combo erstaunlicherweise nach wie vor höchst relevanten Black Metal, der musikalisch überhaupt nicht in den Neunzigern stehengeblieben ist. Vermutlich besteht die Gefahr der Nostalgie einfach darin, wie schnell man vergisst, dass sich die alten Zeiten vor allem deshalb so spannend, aufregend und vielleicht auch gefährlich anfühlten, weil man noch jung war. In die gleiche Falle ist jüngst auch Tom Angelripper getappt; für Sodoms ´Nicht mehr mein Land´ muss er sich nicht ganz zu Unrecht kritisieren lassen. Interessant ist allerdings, dass sich viele, die an der Diskussion darüber teilnehmen, lediglich am Titel des Songs stoßen, obwohl doch die Frage, was die Zeile „Nicht mehr mein Gott“ bedeutet, viel wichtiger ist: Handelt es sich bei Tom nicht nur um einen Jäger und Postkartensammler, sondern etwa auch noch einen Katholiken, dem die Kirche zu modern geworden ist? Dann wäre das der eigentliche Skandal und wirklich nichts mehr wie früher!

Autor:
Sebastian Schilling

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