Krach von der Basis

Krach von der Basis 16.12.2020, 10:15

Grave Thoughts: die Krachkolumne 01/21

Irgendwann Ende der Neunziger war in Bezug auf Collagen-Cover alles gesagt. Allerdings wurden Computer zu der Zeit immer erschwinglicher, und dank der rasanten Verbreitung von CD-Brennern hatte man sich auch schnell eine Photoshop-Version besorgt.

Die Folge: Die eigentlich toten Collagen-Cover erwachten wie Zombies zu neuem Leben. Plötzlich klickte sich jeder ein paar bedeutungsschwangere Bildschnipsel zusammen und verkaufte sie günstig an Musiker, die froh waren, dass sie für jene paar Cent, die von ihrem Aufnahmebudget übrigblieben, noch was für vorne drauf bekamen – keine schöne Zeit, aber was hat das mit dem Krach von heute zu tun? Dieser Tage steht der Verdacht im Raum, in Sachen (hand-)gemalter „okkulter“ Artworks sei fürs Erste alles gesagt. Noch mehr Varianten von Gestalten mit Kapuzen und magischen Zeichen vor höllischer oder düster-romantischer Kulisse sind kaum denkbar. Jeder Stil droht eben irgendwann, zu seiner eigenen Karikatur zu verkommen. Strahlten solche Cover anfangs noch etwas Mysteriöses oder gar Gefährliches aus, wirkt das tausendste Kapuziner-Motiv nun bloß wie die ambitionierte Fingerübung eines Elftklässlers, der sich vom Unterricht ablenken will, indem er Horrorgeschichten visualisiert. Ein bisschen frischer Wind und neue Ideen dafür, wie man extreme Musik optisch aufbereiten kann, wären wirklich zu begrüßen. Man denke an Satyricon, die dem Black-Metal-Einerlei zur Jahrtausendwende mit dem Cover und den Bandfotos zu „Rebel Extravaganza“ den Mittelfinger zeigten, wie um die Szene von der Waldromantik und den Panda-Gesichtern wegzuführen. Wo sind also die unverbrauchten Einfälle? Wie sieht der Black- und Death Metal der Zwanziger aus? Eines ist jedenfalls sicher: Ein Collagen-Revival brauchen wir nicht!

Autor:
Sebastian Schilling

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos