My Hometown


Foto: Blendfabrik

My Hometown 22.04.2020, 08:15

GRAVE DIGGER - My Hometown: Gladbeck mit Chris Boltendahl

Zugegeben: Das nordrhein-westfälische Gladbeck ist nicht gerade der Nabel der Welt. Überregional erlangte das Städtchen vor allem durch ein berühmtes Geiseldrama Bekanntheit, das in den späten Achtzigern dort seinen Anfang nahm. Wie es war, am Rande des Ruhrgebiets aufzuwachsen, verrät uns GRAVE DIGGER-Frontmann Chris Boltendahl.

Wie ist deine Jugend in Gladbeck verlaufen, Chris?

Chris lacht: »Gladbeck war nicht unbedingt die Heimatstadt des Rock´n´Roll, liegt aber immerhin noch im Ruhrgebiet. Die Musikszene in der Stadt selbst war ziemlich übersichtlich, aber als Band hatte man aufgrund der Lage schnellen Zugriff auf die gesamte Region. Ich habe gerne in Gladbeck gewohnt, bis ich 27 war. Dann bin ich nach Köln gezogen, und da lebe ich bis heute.«

Gab es viele Konzerte in Gladbeck?

»Ja, es gab das Jugendzentrum Haus der Jugend, wo im Musikbereich viel stattgefunden hat. Im Keller war ein Proberaum, in dem ich Peter Masson und Lutz Schmelzer, also die Ur-Ur-Urbesetzung von GRAVE DIGGER, kennengelernt habe. Es gab eine Heavy-Konzertreihe unter dem Namen „Dröhnschuppen“, wo wir auch unsere ersten Gigs gespielt haben. GRAVE DIGGER haben sich sozusagen aus diesem Jugendzentrum heraus entwickelt.«

In den Siebzigern wurde Gladbeck mal kurz von Bottrop eingemeindet. Das hat die Leute ordentlich auf die Barrikaden getrieben.

»Absolut! Bottrop, Kirchhellen und Gladbeck waren plötzlich eine Gemeinde, die im Volksmund unter Glabotki lief. Das hat den Leuten überhaupt nicht gepasst, da gab´s ordentlich Zoff. Ich fand´s allerdings viel schlimmer, dass wir als Autokennzeichen irgendwann RE (steht für den Kreis Recklinghausen - jp) bekommen haben. Ich hatte damals einen Opel Corsa mit einem schönen Kennzeichen, bestehend aus RE-P und einer Zahl. Kurz darauf lernte ich eine junge Frau aus Köln kennen, die eher der linken Szene zugetan war. Die hat aufgrund der Abkürzung ordentlich das Kotzen gekriegt (lacht).«

Wie hast du die berühmte Geschichte mit dem Gladbecker Geiseldrama im Sommer 1988 erlebt?

»An den Tag kann ich mich tatsächlich noch ziemlich gut erinnern. Wir hatten in Gladbeck eine Stammkneipe, das Café Göthestraße, da haben wir uns immer getroffen und wie die Löcher gesoffen. An jenem Morgen saß ich gegen elf im Biergarten, schlabberte mein erstes Bier und wunderte mich, als auf einmal 20 oder 30 Polizeiwagen vorbeirasten. Die Besitzerin der Kneipe schaltete das Radio ein, und wir hörten, was passiert war. Man könnte quasi sagen, ich war live dabei. Der Wagen mit Degowski, Rösner und den Geiseln war auch an der Kneipe vorbeigefahren. Die beiden waren sowieso stadtbekannt. Es gab in der Innenstadt einen Busbahnhof, an dem das ganze „Asi-Pack“ abhing, die ganzen Schläger und Drogensüchtigen, und da gehörten die dazu.«

Hast du einen der beiden mal persönlich getroffen?

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mal mit Rösner meine Erfahrung gemacht habe. Er gehörte meines Empfindens zu einer Gruppe, die mir eines Tages im Wald aufgelauert und mich arg zugerichtet hat. Das waren ziemlich heiße Gesellen.«

Was war denn da los?

»Ach, solche Sachen passierten früher halt, da gab es auch schon richtige Jugendbanden. Ich muss eine Freundin der Typen irgendwie beleidigt haben, und dann gab es eine Rache-Aktion. Nachdem sie mir die Fresse poliert hatten, musste ich mich offiziell bei der besagten Dame entschuldigen, was ich dann natürlich auch gerne gemacht habe. Ich muss da so zwölf oder 13 Jahre alt gewesen sein.«

Zurück zur Musik. Kannst du dich noch an den ersten Gig erinnern, den du in Gladbeck gesehen hast?

»Das war auch im „Dröhnschuppen“, aber frag mich nicht, welche Band da gespielt hat. Eine Gruppe, die mich schon sehr früh beeindruckt hat, waren Challenger. Die Jungs gaben ordentlich Gas und hatten sogar eine Pyro-Show. Als die sich später aufgelöst haben, haben wir sowohl Schlagzeuger Albert Eckardt als auch Bassist Willi Lackmann für GRAVE DIGGER rekrutiert. Das war ziemlich krass. Eigentlich war ich Fan, und auf einmal spielten zwei von den Jungs in unserer Band.«

Wie lief deine erste eigene Show?

Er lacht: »Innerlich waren wir ja schon damals Rockstars, wir fühlten uns wie echte Metal-Götter. Es war egal, ob im Publikum nur zehn oder 15 Leute standen, wir haben unser Ding voll durchgezogen, Gitarren auf der Bühne verbrannt und richtig abgefeiert. Wir waren in unserem kleinen Rahmen von den ersten Shows an Poser, wie sie im Buche stehen. Der Bruder meiner damaligen Freundin hat Bilder von den Konzerten gemacht, aber da habe ich leider keinen Zugriff drauf.«

Gab es gute Plattenläden in der Stadt?

»Ja, auf jeden Fall. Das Problem war, dass der beste in der Nähe des besagten Busbahnhofs lag und man da immer dran vorbei musste. Dasselbe galt, wenn man zu Konzerten in die Essener Grugahalle wollte, wo unter anderem 1978 Black Sabbath im Rahmen ihrer „Never Say Die!“-Tour gespielt haben. Ich bin also am Nachmittag vor dem Konzert zu jenem Plattenladen getingelt, weil ich mir die LP der Vorband anhören wollte – einer bis dato völlig unbekannten Gruppe namens Van Halen. Das Album hat mich sofort völlig weggeblasen, und am Abend habe ich mir die Show aus der ersten Reihe angesehen. Black Sabbath sind danach total abgekackt. Das war ein echtes Schlüsselerlebnis für mich.«

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Bands:
GRAVE DIGGER
Autor:
Jens Peters

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