Interview

Interview 28.05.2020, 12:32

GRAND MASSIVE - Aufstand gegen Viren und Grenzen

Telefonieren liegt aufgrund von Covid-19 wieder voll im Trend. Also habe ich mich ans Telefon geklemmt und bei Alex Andronikos, Sänger des bayrischen Quintetts GRAND MASSIVE, durchgeklingelt. Der Anlass: der jüngste Release ihres zweiten Albums mit dem Titel „4“. Im Gespräch plaudern wir nicht nur über die Auswirkungen des Virus auf die Live-Landschaft, sondern auch über den Kampf gegen Rechts und Genre-Grenzen.

Alex, in dieser Corona-Zeit ist es ganz wichtig erst mal zu fragen: Wie geht’s dir denn?
»Ganz gut. Allerdings ist der Album-Release in dieser Zeit schon komisch.«


Ihr habt euch den Release bestimmt etwas anders vorgestellt.
»Wir haben uns so lange darauf gefreut, dass wir das jetzt einfach durchgezogen haben und wir konnten das Album über die kleineren Kanäle trotzdem gut promoten. Vielleicht bekommen wir jetzt sogar mehr Fokus, wenn die Leute zuhause sitzen müssen (lacht).«


Hattet ihr schon Shows geplant, die ihr verschieben musstet?
»Wir hatten schon gedacht, dass wir zum Release etwas machen. Allerdings sieht es jetzt bereits ganz düster aus in der Live-Landschaft, weil schon viele Nachholtermine gebookt sind und auch 2021 richtig voll aussieht. Wir sind aber fleißig auf der Suche.«


Das Problem sehe ich auch. Bei so vielen Nachholterminen wird es irgendwann auch schwierig für die Fans – auf so viele Konzerte gleichzeitig kann man leider nicht gehen.
»Eben, das wird ab 2021 völlig überladen. Man weiß nicht, wie es überhaupt mit den Konzerten weitergeht. Vielleicht kommt man als lokale Band doch wieder besser an Termine, weil ausländische Bands nicht ins Land kommen können. Vielleicht werden in den ersten Schritten Konzerte und Festivals mit Bands aus dem Umkreis, also aus einzelnen Bundesländern, oder aus ganz Deutschland organisiert. Ich glaube zumindest nicht, dass so schnell zum Beispiel eine US-Band hier am Start ist.«


Dito. Das wäre natürlich auch für unbekanntere Musiker aus Deutschland ganz schön, wenn sie live auftreten könnten. So würde man auch kleinere Bands wieder eine Bühne bieten.
»Vielleicht machen unsere Veranstalter was für die deutschen Bands – da gibt es nämlich auch echt coole Acts! Auf Dauer wäre das natürlich doof, weil man will ja alle Bands von überall her live sehen. Ich wollte zum Beispiel auf das Kvelertak-Konzert gehen und wenige Tage davor wurde das dann gestrichen. Da ist man dann doch etwas betroffen, weil man sich wirklich darauf gefreut hat.«


Stimmt. In Deutschland haben wir immerhin das Glück, dass viele Bands zurück nach Deutschland kommen. In anderen Ländern ist das ja oft etwas schwieriger. Wir werden sehen wie das weitergeht. Lass uns auch über euren neuen, zweiten Langspieler sprechen. Es trägt den zunächst etwas kryptisch erscheinenden Namen „4“. Was hat es denn mit dem Titel auf sich?
»Wir haben dabei nicht an Alben gedacht, sondern an die Releases, die wir bisher gemacht haben. Deshalb haben wir „4“ genommen. Das ist also ganz pragmatisch gewesen. Und es hat uns an coole Alben von Danzig oder Led Zeppelin erinnert. Die Vier ist auch mit dem Artwork verbunden – das war uns schon immer ganz wichtig. Hier ist die Zahl in der Flagge der Fahnenträgerin zu sehen. Das Artwork ist auch explizit auf das Album und dessen Inhalt abgestimmt. Es ist zwar kein politisches Album, aber es hat doch etwas von einem Aufstand gegen diese braunen Viren, die wir auch zu bekämpfen haben. Es geht darum, dagegen aufzustehen und seinen kleinen Beitrag zu leisten.«

Wichtiges Thema! Was kannst du uns zu der musikalischen Entstehung des Albums sagen? Ihr habt zum Beispiel mit Emil Bulls‘ Christoph von Freydorf zusammengearbeitet. Das ist eine ganz andere Richtung als die, in die ihr sonst eingeordnet werdet. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
»Christoph und ich sind schon recht lange befreundet und wir hatten beide Bock, mal zusammen zu arbeiten. Ich schätze seine Arbeit und er hat auch schon ganz tolle Gesangs-Projekte gemacht. Das hat sich immer geil angehört und er legt Wert auf Melodie. Ich wollte nicht das Gleiche machen wie auf dem Vorgänger-Album, sondern ein bisschen mehr zweite Stimmen und da fand ich Christoph genau die richtige Wahl.«

Apropos Stimme und Gesang: Es fällt auf, dass du nicht ins Mikrofon brüllst, sondern singst. Gerade auf 'Revolution Waltz', zu dem ihr auch vorab ein Musikvideo veröffentlicht habt, finde ich deinen Gesang sehr eingängig. Wieso hast du dich für diesen klaren Gesang entschieden?
»Das ist schön zu hören. Ich habe mich an Vorbildern orientiert, zum Beispiel Keith Caputo, jetzt bekannt als Mina Caputo. Das einfach Reinbrüllen habe ich bei vorherigen (Punk-)Bands gemacht und jetzt habe ich auf das Tonale geachtet. Das ist einfach eine Entwicklungssache gewesen und im Laufe der Zeit merkt man, was die eigene Stimme kann und baut darauf auf. Ich finde auch die modernen Sänger mit ihren kräftigen, bösen Stimmen ganz spannend. deshalb haben wir uns auch Dicker von Warpath für ‘My Path‘ ins Boot geholt, weil er eine so gegenteilige Stimme hat.«


Das ist auf jeden Fall eine ganz spannende Kombination. Auch eine großartige Kombi (tolle Überleitungen heute) ist in eurem Song ‘Never Gone‘ die Collage aus Sprachsamples von Nachrichtenmeldungen zu verstorbenen Musikern und Lyrics. Wie kam es zu dieser Idee?
»Die Collage kam, als der Song schon stand. Ich habe in den Lyrics viele Wortfetzen aus Musiker- und Bandzitaten eingearbeitet. Da ist wirklich ganz viel verstecktes Zeug drin, was gar nicht so offensichtlich ist. Später bin ich dann auf die Idee mit den News-Ausschnitten gekommen. Wir haben ein paar herausgegriffen, die uns wichtig waren und Musiker gewählt, die unsere Musik beeinflusst haben.«

Was sind denn eure Einflüsse? In welches Genre würdest du euch einordnen? Ganz so einfach kann man GRAND MASSIVE ja doch nicht in eine Schublade stecken.
»Das ist richtig. Ich kann uns auch nicht wirklich in ein Genre einordnen und ich mag das Genre-Denken auch nicht so gerne. Wir machen das, was wir in den Jahren an der Musik lieben gelernt haben. Manche von uns kommen aus der Stoner-Bereich, andere eher aus der Groove-Ecke. Ich glaube, es ist bei GRAND MASSIVE ähnlich wie in den Neunzigerjahren mit dem Crossover, wo auch viel Cooles entstanden ist: Es ist Genre-übergreifende Musik, weil es genau das ist, was wir gerne hören und machen. Es war aber schon immer mehr Heavy-Rock als Stoner. Weil wir nicht alle zusammen in einer Stadt wohnen, schicken wir uns viele Ideen. Jeder steuert seinen Teil bei und so beeinflusst jeder von uns den Sound. Das funktioniert für uns ganz gut, aber wir treffen uns auch gerne und proben zusammen die Songs. Wir haben uns Mitte März zum Beispiel auch für den Videoclip zu 'Devourer Of Time' getroffen. Den haben wir noch schnell gedreht bevor der Lockdown kam. Zum Glück war der im Kasten, sonst hätten wir das nicht mehr machen können.«

Knappe Geschichte! So verbindet man mit einem Lied auch etwas ganz Besonderes.
»Ja doch, das ist für uns wirklich etwas Besonderes, weil es das letzte Mal war, dass wir uns alle getroffen haben.«

Es sind ja gerade doch etwas unsichere Zeiten. Magst du trotzdem schon mal einen vorsichtigen Blick in die Zukunft von GRAND MASSIVE wagen?
»Ich hoffe natürlich, dass erst mal Live-Auftritte passieren werden. Wenn man eine Platte rausbringt, möchte man die Songs auch live spielen. Es war schön, dass wir im Februar noch eine große Show hatten und schon ein paar Songs angespielt haben. Wenn wir uns dann wieder zum Proben für eventuelle Live-Shows treffen, haben wir vielleicht schon die ein oder andere Idee für neue Songs dabei. Wir freuen uns darauf, wieder gemeinsam im Band-Raum zu proben und gemeinsam vor Ort zu arbeiten.«

www.facebook.com/GRANDMASSIVE

www.grandmassive.bandcamp.com

Bands:
GRAND MASSIVE
Autor:
Lisa Scholz

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