Interview


Pic: Franz Schepers

Interview 18.03.2020, 15:06

GOTTHARD - Heftergänzung zu Rock Hard Vol. 395

Kurz bevor die Corona-Pandemie sich auch in Deutschland verbreitete, trafen wir uns mit GOTTHARD-Bassist Marc Lynn in München, um mit ihm über die neue Platte „#13“ zu plaudern. Ergänzend zum Interview im aktuellen Rock Hard Vol. 395 wollen wir euch nicht vorenthalten, was wir dabei alles erfahren haben.

»Ich hoffe, du verstehst meinen Schweizer Akzent!«, scherzt der Musiker, der schon vor geraumer Zeit ein Haus in Baden-Württemberg bezogen hat, zur Begrüßung.

Na klar, das läuft ja fast schon unter Hochdeutsch.

»Ich habe ein Ferienhaus hier. Also nicht in München, sondern in Göppingen, denn meine Freundin kommt von dort. Deshalb habe ich ihr gesagt, ich kaufe dort ein Haus. Mein Haus in der Schweiz habe ich verkauft, dort habe ich nur noch eine Wohnung, denn ich bin immer noch öfter in der Schweiz.«

Wohnen die anderen GOTTHARD-Mitglieder denn immer noch im italienischen Teil der Schweiz?

»Das war am Anfang so, aber inzwischen auch nicht mehr. Freddy (g.) wohnt jetzt in der Skifahrer-Ecke bei Kur in Graubünden. Nic (v.) ist nach Zürich gezogen. Leo (g.) wohnt noch unten, und ich in Luzern, aber schon seit 15 Jahren, und vielmals eben auch in Deutschland. Das ist halt einfach, wie das Leben geht. Aber wenn wir unten sind, haben wir immer alle das gleiche Hotel, das ist immer cool. Das ist nicht so ein typisches Hotel wie man es kennt, sondern mehr wie eine Pension, und die mieten wir gleich wochenweise an. Im Sommer mit Swimming Pool. Man soll es sich ja auch gut gehen lassen!«

Klappt es bei Nic denn mit dem Schwizerdütsch, wenn er jetzt in Zürich lebt?

»Also sagen wir es mal so: Er macht nur kleine Fortschritte (lacht). Für ihn ist es vor allem schwierig, weil er aus der französischen Schweiz kommt. Und dann bist du ja auch nicht mehr 20. Wenn du 20 bist, gehst du jeden Abend weg, kommst in Kontakt mit den Leuten, und dann lernst du hier ein Wort und da ein Wort. Aber wenn du über 40 bist und auch noch viel zu tun hast mit der Band, bist du natürlich nur noch am Rumspringen. Er tut sich leider sehr schwer mit dem Deutsch. Aber er gibt sich immer wieder Mühe. Manchmal kommt er vor einer Tour zu mir und fragt: „Du, kann ich das so sagen?“ Dann hat er etwas vorbereitet, woran wir dann ein bisschen rumschleifen. Lustig.«

Hat die Anzahl der von euch für das Album „#13“ angestrebten 13 Songs eigentlich genau zur Anzahl der Songideen gepasst? Oder musstet ihr einige rauswerfen, damit es mit der 13 klappt?

»Nee, es hat sich wirklich einfach so ergeben. Es hat ja auch keinen Sinn, dass du B-Songs oder C-Songs veröffentlichst. In der ersten Version haben wir mit den Bonustracks 15 Songs veröffentlicht, und dann gab es 13 für die reguläre Version. Früher haben wir manchmal auch zu viele Songs gemacht. Manchmal ist weniger mehr.«

Ich finde 13 Songs gar nicht so wenig für ein Album.

»Aber so wie die Amis, die nur zehn Songs drauf tun, das finde ich dann auch ein bisschen schade. Wir wollen den Fans ja auch was geben.«

Eure Fans haben Ende 2018 mit „Defrosted 2“ die volle Akustik-Ladung bekommen. War es euch wichtig, möglichst schnell ein Stromgitarrenalbum nachzuschieben?

»Nee, überhaupt nicht. „Defrosted 2“ war eigentlich ein Zwischenspiel, und wir hatten gedacht, dass es noch mehr Erfolg haben würde. Es hat guten Erfolg gehabt, aber es wurde als Live-Album abgekanzelt, und Live-Alben ziehen in der heutigen Zeit nicht mehr. Für uns ist das eigentlich kein Live-Album, sondern ein Best-of-Akustikalbum, und alles neu arrangiert. Das ist eigentlich ein Musikerlebnis, wenn du das hörst, denn es findet ganz viel an Musik und Vielfältigkeit statt, wenn du richtig zuhörst. Es ging darum, einen Break zum neuen Album zu bringen. Und diesen Break hatten auch wir, deshalb waren wir geil darauf, ein neues Album zu machen. Ein Zweijahresabstand ist eigentlich bei GOTTHARD normal, und deswegen war es so gedacht. Was wir nicht gedacht haben ist, dass wir mit „Defrosted 2“ im vergangenen Jahr noch so viele Festivals und Open Airs spielen würden. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, das neue Album in zwei Teilen aufzunehmen. Einmal im Mai und einmal im September.«

Und das hat gut geklappt?

»Ja, das hat gut geklappt, denn du musstest nicht gleich alle Songs schreiben und hattest bei gewissen Ideen, die beim ersten Mal vielleicht noch nicht so weit waren, Zeit, darüber nachzudenken. Zum Beispiel hatten wir gleich schon zehn bis zwölf Ideen. Da hat man aber gemerkt: Diese sieben sind toll und die anderen lassen wir mal noch weg, weil sie noch nicht an einem Punkt sind, wo wir sie haben möchten. Die konnten wir dann noch mal überarbeiten, und es kamen sogar noch drei oder vier neue Songs dazu. Und da wir viele Open Airs gespielt haben, akustisch wie elektrisch, mussten wir auch immer wieder in den Proberaum zurück um alles aufzufrischen. Die ganze restliche Zeit konnten wir aber neue Ideen ausarbeiten. Das war cool.«

Der Text von '10.000 Faces' passt sehr gut zu Nics Anfangszeit bei euch, als er noch verhältnismäßig unbekannt war und plötzlich auf der Bühne in tausende fremde Gesichter blickte.

»Ja, den Song habe ich auch für Nic geschrieben, und er hat den Rest gemacht. Ich meinte zu ihm: „Nic, erinnere dich an die erste Zeit bei GOTTHARD“, und das ist genau das Thema. Beim ersten Mal auf der Bühne könnte er sich in kein Mauseloch verkriechen. Er will diesen Job, er will vor diesen Leuten stehen, aber er hat auch eine Riesenangst, weil das ein Riesendruck und eine Herausforderung ist. Das war eigentlich die Grundidee.«

… Und dann habt ihr auch noch 'S.O.S.' von Abba gecovert.

»Ja, der Song stand schon lange auf unserer Liste. Dann hat das Schweizer Fernsehen eine Sendung über Abba gemacht und den Nic gefragt, ob er wie viele andere Sänger auch, einen Song von Abba live singen würde. Daraufhin hat Nic ein Demo gemacht und dem TV-Sender geschickt. Sie haben das auch genommen, es wurde ausgearbeitet, und als Nic uns das zeigte, erinnerte sich Leo daran, dass wir das Lied schon lange auf der Liste hatten. Also haben wir sein Demo angehört und noch ausgebaut, das wurde dann richtig cool. Wir haben versucht, diesen Song von der Dramatik her zu verbessern, denn das haben auch Abba nicht geschafft. Deswegen beginnt er als Ballade, wird aber dann ziemlich heavy, um diese Dramaturgie des Songs, der ja vom Text her nicht gerade happy ist, zu verkörpern. Wir haben seit unserer dritten Scheibe nie mehr geschafft, so tolle Cover zu machen wie 'Mighty Quinn' oder 'Hush', und irgendwann haben wir damit aufgehört, weil es uns einfach nicht gelungen ist, diesen GOTTHARD-Touch reinzubringen. Aber ich glaube mit 'S.O.S.' haben wir wieder so einen Song, wo dieses GOTTHARD-Flair drin ist.«

Trotzdem wird gerade 'S.O.S.' sehr oft gecovert, selbst im Hardrock- und Metal-Bereich. Habt ihr nie gezweifelt, ob ihr ihn wirklich veröffentlichen sollt?


»Nö. Der Song ist gut, er kommt GOTTHARD-mäßig rüber, scheiß drauf. Ist mir egal, was die anderen machen. Eigentlich muss ja unser Herz stimmen, und wir fanden es alle cool. Und da überlegen wir auch nicht, was andere denken. Wir machen es einfach.«

Der Albumtrack 'Rescue Me' ist nicht gerade ein typischer GOTTHARD-Song. Der ist für mich eher Psychedelic Rock.

»Ja, voll! Das war einfach ein Jam. Eigentlich hat es begonnen, als Leo gejammt hat, und unser Produzent Paul Delaney dazu Drums spielte. Das war eigentlich ein Warm-up. Dann hat Nic dazu gesungen, und irgendwie war dann der Song zu drei Vierteln fertig. Dann gingen Nic und Leo in die Kneipe, haben einen getrunken und irgendwie gab es Stress mit dem Handy, woraufhin ihnen diese Idee kam, wie wir, wenn wir mal 15 Minuten kein Handy oder kein Internet haben, schon gestresst sind. So kamen wir auf die Idee zu 'Rescue Me', denn das kann es doch nicht sein, dass man so abhängig ist. Es gibt ja wahnsinnig viele Süchte im Zusammenhang mit dem Internet, Social Media und Leuten, die richtig durchdrehen. Es kann doch nicht, sein, dass das unser Leben so beeinflusst. Und deswegen haben wir in diesen Jam letztlich noch voll die Siebzigerjahre eingebaut. Deshalb ist es auch der letzte Track geworden. Ich glaube, das war auch in der Entstehung der lustigste Song.«

Euer Gitarrist Leo Leoni ist nebenbei in der Band CoreLeoni aktiv. Was haltet ihr anderen GOTTHARD-Mitglieder davon? Leo spielt mit dieser Truppe ja hauptsächlich sehr alte GOTTHARD-Songs. Gibt es eine gewisse Besorgnis, dass dort eine Konkurrenz aus den eigenen Reihen entstanden ist?

»Nee, da würde Leo sich ja selber das Wasser abgraben. Das wäre ja blöd, vor allem, weil er das gleiche machen würde, was er mit uns macht (lacht). Ich werde aber auch nicht so recht schlau daraus, was das soll. Aber das muss er wissen. Es sind seine Songs, er kann damit machen, was er will. Stören tut es mich nicht. Aber wenn ich schon so einen Sänger hätte, der so gut Metal singt (Ronnie Romero – am), würde ich mit ihm andere Musik machen. Er bringt es sicher gut rüber, aber wenn ich eine zweite Band hätte, würde ich halt neue Songs schreiben. Leo hatte das auch gemacht, um sich auszutoben, mehr zu spielen und so. Vor allem, wenn wir akustisch unterwegs sind, kann er so in der Zeit noch Gas geben. So lange er bei uns noch 100 Prozent gibt, was er ja macht, und ihm Gotthard noch wichtig ist, was es ja ist, soll der das machen und Spaß haben, gar kein Thema.«

Es gibt übrigens tatsächlich eine „Swiss Rock“-Genreschublade, in die gemeinhin ihr, Shakra, Crystal Ball, Krokus u.ä. gesteckt werden. Findest du dieses „Genre“ berechtigt? Oder ist das totaler Quatsch und eure Gemeinsamkeit ist lediglich, dass ihr aus der Schweiz kommt?

»Das ist das einzige. Oder sagen wir es mal so: Was wir alle gemeinsam haben, ist sicher, dass wir aus dem originalen Schweizer-Sein ausbrechen möchten und deswegen Rock machen, das ist ja ein bisschen rebellisch gewesen. Wir waren schon rebellisch in der Kindheit. All wir Musiker, wir suchten nach mehr. Und wir waren begeistert von dieser Art von Musik. Du kennst es ja, wenn du vom Hardrock mal geleckt hast, von diesem Blut, heißt es entweder nie mehr oder immer! So ist jeder Rockfan, und auch wir Musiker sind in dieser Hinsicht besessen. Es ist schwierig, gerade von der Schweiz aus Rock zu machen. Aber wenn du es liebst, dann mach's doch einfach. Vielleicht haben wir alle das gemeinsam. Die Schweiz ist kulturell für diese Art von Musik nicht unbedingt die beste Geburtsstätte, die du haben kannst (lacht). Die Wahl, in der Schweiz Rockmusiker zu werden, ist eher selten. Du musst auf vieles verzichten und dein Traum muss dir einfach das Wichtigste sein. Und genau das haben wir Bands alle gemeinsam.«

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Bands:
GOTTHARD
Autor:
Alexandra Michels

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