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Foto: Gabrielle Duplantier

ToneTalk 26.05.2021, 08:01

GOJIRA - »Schlagzeug zu spielen, ist nicht so einfach, wie viele denken«

MARIO DUPLANTIER gehört zur Riege jener Metal-Schlagzeuger, die einem Song mit ihrem wilden Spiel einen Stempel aufdrücken können, stellt jedoch seit „Magma“ (2016) auch mit leidenschaftlicher Perfektion vermeintlich einfache, prägnante Rhythmen in den Fokus. Ob Blastbeat oder Ethno-Percussion: Der Gojira-Drummer ist stets mit Motivation, Grips und ganzem Körper präsent. Für Kunstsammler und Fans bemalt er zudem seine Bassdrum-Felle.

Mario, was entsteht bei euren Liedern zuerst: ein Riff, eine Melodie oder einer der gewaltigen Rhythmen, für die ihr berühmt seid?

»Im Grunde sind alle drei Möglichkeiten ein Ausgangspunkt. Auf dem neuen Album „Fortitude“ entstanden drei Titel direkt aus meinen Drum-Pattern. Auch wenn ich keine konkreten Melodien dazu entwerfe, habe ich oft eine Idee für die Gestaltung des jeweils nächsten Parts. Diese eher „technisch“ entwickelten Songs spielen bei Gojira traditionell eine große Rolle. Für ´Into The Storm´ und ´Grind´ nahm ich jeweils vier verschiedene Takes auf, die ich dann meinem Bruder als Basis überreichte.«

Der Schlagzeug-Sound auf Gojira-Platten ist nahezu perfekt: organisch, lebendig, greifbar, dynamisch, hart. Worin besteht das Geheimnis?

»Bei den Aufnahmen bin ich äußerst konzentriert. Ich versuche stets, auf althergebrachte Weise ohne Computernachbearbeitung auszukommen, sperre mich aber auch nicht gegen moderne Mittel, wenn es unbedingt sein muss. Das sind für mich alles Zutaten wie in einer guten Küche; allein das Resultat zählt. Deswegen läuft auch gerne mal ein Snare-Sample im Hintergrund mit, damit sich ein regelmäßiger Anschlag im Klangbild durchsetzt.«

Inwieweit vertraust du deshalb auf Clicktrack?

»Das kommt auf den jeweiligen Song an. Live spiele ich einige mit Metronom, um mit den atmosphärischen Sounds darin synchron zu bleiben, die wichtig für unsere Show sind, und in einem Stück auch zu einem Video. Obwohl ich mir dann keine Gedanken ums Tempo machen muss, was schon irgendwo komfortabel ist, macht es weit weniger Spaß, als etwas freier mit den anderen Jungs zusammenzuspielen.«

Dein erstes Vorbild war sicherlich Sepulturas Originalschlagzeuger Igor Cavalera, wie man deinem Spiel heute noch anhört.

»Er ist der Grund dafür, dass ich unbedingt trommeln wollte. Außerdem liebe ich Lars Ulrich, Abe Cunningham von Deftones, Gene Hoglan bei Dark Angel, Sean Reinert bei Death und Pete Sandoval von Armored Saint: Sie sind meine Helden der Neunziger! Ich war damals zwölf Jahre alt, das Schlagzeug zog mich in seinen Bann; warum, das kann ich eigentlich gar nicht genau erklären. Am wichtigsten waren natürlich Metallica. Sie hatten die besten Songs, vor allem der Gesang und die Drums packten mich auf ganz besondere Weise.«

Es gibt ein seltsames Phänomen, was Lars Ulrich betrifft: Bis zum „Black Album“ lieferte er sich jedes Jahr ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Dave Lombardo als beliebtester Metal-Drummer, danach waren plötzlich viele Experten der Meinung, er sei nicht gut genug. Was war da passiert? Ihr seid mehrfach mit Metallica auf Tour gewesen, also hast du dir bestimmt nicht nehmen lassen, deinem Idol mal aus nächster Nähe über die Schulter zu schauen, oder?

»Schlagzeug zu spielen, ist nicht so einfach, wie viele denken. Es nimmt dich körperlich stark in Anspruch, und wenn man einmal ganz oben war, heißt das nicht, dass man automatisch dort bleibt. Die Fitness spielt meiner Meinung nach eine große Rolle. Du musst schon etwas für deine Kondition tun, zum Beispiel laufen gehen, Gymnastik machen oder Gewichte stemmen; ich surfe zusätzlich noch. Die Annahme, alles würde sich um Arme und Beine drehen, stimmt nicht, denn der Rücken ist ebenso wichtig, vor allem für die Gesamtstabilität des Körpers beim stundenlangen Sitzen. Wenn man anfängt, sich mit Schmerzen hinters Kit zu klemmen, hat man schon verloren. Darüber hinaus muss man lange üben, ich empfehle bis zu fünf Stunden täglich. Vielleicht hat sich Lars irgendwann zu viel um die geschäftlichen Aktivitäten von Metallica gekümmert und sein Training am Instrument etwas vernachlässigt. Das ist natürlich nur eine Vermutung aus der Distanz, wobei ich finde, dass er immer noch ungeheuer kreativ ist. Er hat einige der bekanntesten Drum-Pattern des Metal abgeliefert, die Fans weltweit aus dem Effeff kennen, und die Band mit seinem markanten Stil entscheidend geprägt. Das können nur wenige Schlagzeuger von sich behaupten. Natürlich ist sein Timing live zuweilen ein bisschen schlampig, oder er macht kleine Fehler; das ist mir als Metallica-Student natürlich schon aufgefallen, aber völlig unerheblich (lacht). Lars hat unheimlich viel Charisma. Er interagiert mit dem Publikum, steht auf, feuert die Leute an oder schneidet Grimassen. Sein Enthusiasmus ist legendär. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass wir im Showgeschäft sind. Ich sehe ihn selbstredend als Vorbild, von dem ich mir einiges abgeschaut habe.«

Wie bildest du dich an deinem Instrument weiter?

»Seit drei Jahren beschäftige ich mich mit den Schlagzeugern der amerikanischen Gospel- und Kirchenbands. Die haben eine ganz spezielle Spieltechnik drauf, die mich fasziniert. Diese Nachforschungen haben mich als Schlagzeuger erheblich verbessert.«

Steckt ein Geheimnis hinter eurem gewaltigen Live-Sound? Wenn man sich Konzerte von euch bei YouTube anschaut, fällt auf, dass ihr auch abseits der offiziellen DVD-Veröffentlichungen, etwa bei Streams oder Fernsehübertragungen, ein beachtliches Klangerlebnis bietet – zuletzt beim Hellfest oder im Red-Rocks-Amphitheater in Colorado.

»Wir sind Kontrollfreaks, versuchen alle Shows selbst zu mischen und wirklich simultane Live-Streams zu vermeiden, für die man sich von fremden Tontechnikern abhängig macht. Unsere Musik hört sich schrecklich an, wenn die Vocals zu laut oder die Gitarren viel zu leise sind. Wir checken auch die Kameraeinstellungen, damit alle Bandmitglieder zufrieden sind. Deshalb sind wir als Vertragspartner wohl nervig, aber viele Fans orientieren sich nun einmal leider an dem, was sie bei YouTube sehen und hören.«

Seit wann spielst du Soli?

»Eigentlich habe ich das von Anfang an getan. In den meisten Gruppen würdest du schief angeguckt, wenn du einen Solospot wolltest; das ist Sprengstoff für die Egos und kann Streit auslösen. Wir spielen allerdings so intensive Musik, dass wir solche Einlagen als Pause benötigen: fünf Minuten Percussion, um die Ohren ein bisschen zu entspannen (lacht). Im Moment gefällt es sowohl unseren Fans als auch den anderen in der Band, was aber nicht bedeutet, dass es ewig so bleibt. Jede Routine muss irgendwann mal abgelegt werden, weil sie zwangsläufig zu Langeweile führt.«

Ihr seid seit 25 Jahren in derselben Besetzung zusammen. Wie hat sich deine Interaktion mit Bassist Jean-Michel Labadie im Lauf der Zeit verändert?

»Früher habe ich ihm ständig in den Arsch getreten (lacht). Er sollte jeden meiner verrückten Rhythmen auf den Punkt genau mitspielen, jetzt sind wir entspannter und erfinderischer. In einigen unserer neuen Stücke gibt es Bassmelodien, die unser Mixer Andy Wallace sogar sehr laut hervorgehoben hat. Der technische Aspekt unserer Musik hat nachgelassen, es geht eher um Grooves und Gefühl, weil wir vielmehr dem Song an sich dienen wollen. Seitdem wir durch den Erfolg selbstbewusster geworden sind, schaffen wir häufiger Räume, indem wir Noten bewusst auslassen. Je älter ich werde, desto lieber mag ich es puristisch und simpel. Als Youngster hast du dafür kein Verständnis und zu wenig Erfahrung; man will nichts falsch machen und so schnell wie möglich spielen.«

Wolltest du von Beginn an Profimusiker werden? Letztlich seid ihr die erste und einzige Band aus der französischen Provinz, die es in die internationalen Charts geschafft hat. Das war ja nicht einmal für Acts aus Paris möglich – abgesehen allenfalls von den mit ´Antisocial´ bekannt gewordenen Trust, und deren Erfolge beschränken sich ja auch bloß auf zwei Alben in den Achtzigern. Das macht eure Leistung, bis an die Weltspitze des Metal zu gelangen, umso eindrucksvoller.

»Komischerweise hatte ich von Anfang an ein Gefühl dafür und glaubte daran, obwohl es extrem unwahrscheinlich war. Unsere Eltern gingen damit erstaunlich entspannt um; sie haben nie von uns verlangt, „richtige“ Jobs anzunehmen, und waren auch selbst irgendwie Lebenskünstler. Ich weiß noch, wie ich vom Gymnasium kam und mich meine Mutter fragte, ob ich mein Glück fortan als Schlagzeuger versuchen wolle. Ich war regelrecht enttäuscht, als sie ganz cool sagte: „Probier aus, was dir am Herzen liegt.“ Die Entscheidung machte mir fast Angst, obwohl ich die Musik ja eigentlich zu meinem Lebensinhalt machen wollte. So gesehen war das Baskenland gar kein schlechter Standort. Ich wurde von nichts abgelenkt und hatte keine zwiespältigen Vorbilder. Es gab nur meinen Bruder, der unglaublich talentiert war. Zusammen bildeten wir ein eingespieltes Team, und ich wollte trommeln, trommeln, trommeln… Schwer zu sagen, ob ich es auch alleine geschafft hätte, doch zum Glück stellt sich diese Frage nicht.«

Du bist nebenbei noch künstlerisch tätig. Es begann damit, dass du auf Tour Bassdrum-Felle als Andenken bemalt hast. Viele Bilder haben einen surrealen Charakter oder sind betont naiv wie die Werke bekannter spanischer oder südfranzösischer Künstler. Du verkaufst sie neben neueren Fellen aus dem Winter 2020 seit geraumer Zeit in einer Onlinegalerie; sind das alles Originale oder teilweise auch Prints?

»Man kann beides kaufen. Die Drucke fertige ich in Auflagen von jeweils zehn Exemplaren auf sehr edlem Papier an und signiere sie. Die bemalten Originalfelle sind gewissermaßen auch eine Möglichkeit zum Recyclen, da sie ansonsten wohl auf dem Müll landen würden. Selbstverständlich habe ich alle Felle auf Tour oder im Studio gespielt; die Abnutzungsspuren gehören oft zu den Artworks.«

Machen wir zum Schluss mal die Stichprobe: Gehst du heute noch Schlagzeug spielen?

»(Ohne Zögern) Natürlich – für eine oder zwei Stunden, obwohl wir momentan viele Interviews geben und Online-Meetings zur Veröffentlichung der Platte haben.«

www.gojira-music.com

www.marioduplantier.com (Marios Onlinegalerie)

Bands:
GOJIRA
Autor:
Holger Stratmann

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