01.07.2020, 08:00

KANSAS - Georgia statt Kansas

Für einen recht unbekannten Musiker ist es mit das Größte, wenn er die Gelegenheit bekommt, bei seiner Lieblingsband einzusteigen. Nicht immer gibt es aber ein Happy-End, oftmals bleibt es bei einem glücklosen kurzen Gastspiel. Ganz anders bei Zak Rizvi, der 2015 beim Classic-Rock-Urgestein KANSAS eingestiegen ist und als Gitarrist, Produzent und Songwriter die beiden letzten Studioalben äußerst positiv mitgeprägt hat.

Zak, das neue Album erscheint in Corona-Zeiten, und der Blick auf das Cover gibt einem fast das Gefühl, dass die Stimmung des Bildes ganz gut in die derzeitige Situation passt.

»Ja, das kann man durchaus so sehen, auch wenn das gar nicht so geplant war. Das Bild fängt eine ganz eigene Stimmung ein. Wir haben da jemanden in einer blühenden Landschaft, wahrscheinlich sogar im Frühling, aber es stimmt etwas nicht. Die Person wirkt stark betrübt, deprimiert wie auch ratlos, und die Blasen rund um ihren Körper könnten durchaus Coronaviren sein. Auch der Songtitel ´The Absence Of Presence´ gewinnt derzeit eine ganz neue Bedeutung. Nichts ist mehr so, wie es war.«

Du bist 2016 zur Band gestoßen. Fühlst du dich mittlerweile angekommen?

»Ja, das kann man sagen. Es ist wahnsinnig viel passiert, seit ich als recht unbeschriebenes Blatt bei KANSAS eingestiegen bin. Die anderen Musiker haben mich toll aufgenommen. Wir haben zwei Studioalben produziert, dazu eine Livescheibe und unzählige Konzerte gespielt. Wir sind harmonisch zusammengewachsen und kennen uns mittlerweile richtig gut. Es fühlt sich an, wie in eine Familie aufgenommen worden zu sein. Und da wir uns besser kannten, ist es natürlich leichter gewesen, das neue Album zu schreiben und aufzunehmen, als unsere erste gemeinsame Scheibe im Jahr 2016.«

Könnte man sagen, für dich ist ein Traum wahr geworden?

»Auf jeden Fall! Seit ich 15 Jahre alt bin, liebe ich die Band, verfolge ihre außergewöhnliche Karriere genau und habe alle ihre Scheiben. Ich habe schon als Kind KANSAS-Songs auf meiner Gitarre gespielt. Natürlich war ich dann etwas nervös, als es an die Proben mit der Band und das Bewerbungsverfahren ging. Aber es lief alles glatt, und ich bin überglücklich.«

An der Band warst du aber schon vorher näher dran. Wie kam das?

»Phil Ehart hatte ich vor langer Zeit bei einer Show in Atlanta getroffen und ihm dort auch meine Band 4Front vorgestellt. 2001 bekam ich einen Anruf, ob wir nicht das KANSAS-Vorprogramm in unserer Heimat New Jersey bestreiten wollten. Das war eine ganz große Sache für uns, nicht zuletzt, da wir beim KANSAS-Publikum gut ankamen. Jeff Glixman, der Produzent der frühen KANSAS-Scheiben, suchte 2005 einen Produktionspartner, und Dan hat mich dafür empfohlen. Am Rande der ersten Aufnahmen fanden Dan und ich Zeit, zusammen zu spielen. Mit Dan und Jeff zusammen in einem Raum zu sein, war schon eine große Sache für mich, aber mit Dan erstmals gemeinsam zu spielen, war eine unvergessliche Angelegenheit. 2009 arbeitete ich mit am Sound der Livescheibe und DVD „There´s Know Place Like Home“ sowie bei Native Widow, dem Soloprojekt einiger KANSAS-Mitglieder. So näherten wir uns über die Jahre bis zu meinem Einstieg mehr und mehr an.«

Wie verliefen die Aufnahmen zum neuen Album?

»Da wir uns kannten, lief das ganz entspannt ab. Nachdem wir auf Tour schon über den Produktionsprozess gesprochen hatten, stand die Richtung für die Aufnahmen. Wie immer herrschte im Studio eine stressfreie und kreative Atmosphäre, und wir arbeiteten auf höchstem Niveau. Aufgrund der Aufnahmekosten und der technischen Möglichkeiten machten viele der Bandmitglieder ihre Aufnahmen in ihren Heimstudios, und so fanden Aufnahmen u.a. in Nashville und New Jersey statt. Das Hauptstudio war aber in Atlanta, wo auch die Drums, die Violine und die Gitarre von Richard (Williams - wk) aufgenommen wurden. Natürlich ist es nicht immer einfach, die Aufnahmen und Ideen von sieben Musikern unter einen Hut zu kriegen. Da es aber in der Band niemanden mit einem problematischen Ego gibt und alle gute Ideen hatten, konnten wir die Puzzleteile harmonisch zusammenbringen. Gemixt habe ich das Ganze bei mir in meinem Studio in New Jersey.«

In den letzten Jahren habt ihr die beiden Klassikeralben „Leftoverture“ und „Point Of Know Return“ komplett aufgeführt. Hatte das einen Einfluss auf das Songwriting von „The Absence Of Presence“?

»Weniger bewusst, aber ganz sicher unterbewusst. Die beiden Alben bieten mit die besten Songs der Bandgeschichte. Wir mussten uns mit dem Songmaterial intensiv auseinandersetzen und haben dabei die DNA von KANSAS wiederentdeckt. Zudem konnten wir erkennen, was bei den Fans am besten ankommt. Das Songwriting zum neuen Album war auch leichter, da ich die Bandmitglieder nun besser kannte.«

Hast du auf dem neuen Album einen Lieblingssong?

»In alle neun Stücke des Albums haben wir viel Arbeit und Zeit investiert, und ich bin mit allen sehr glücklich. Keine Nummer fällt ab. Auch wenn die Band einige Singlehits hatte, macht es KANSAS aus, dass ihre Alben immer aus einem Guss sind. Wenn ich aber eine Nummer hervorheben muss, dann den Titelsong. Wir haben so viel Arbeit in das Stück gesteckt, und es gab Momente, wo wir dachten, dass wir die Nummer nie zu Ende kriegen. Und als ´The Absence Of Presence´ dann musikalisch stand, mussten noch die passenden Lyrics geschrieben werden. Letztlich haben wir eineinhalb Jahre gebraucht, um den Song zu vollenden. Zudem ist er der längste Track auf dem Album, was uns die Möglichkeit gab, viel in ihn hineinzustecken. Als die Scheibe dann fertig war, entschieden wir uns, ´The Absence Of Presence´ gleich am Anfang zu positionieren und das Album auch danach zu benennen.«

Würdest du mir zustimmen, dass ´Throwing Mountains´ vielleicht der härteste Song der Bandgeschichte ist?

»Es ist vielleicht nicht die härteste Nummer der Bandgeschichte, aber sicherlich eine der härtesten. Auf dem letzten Album hatten wir mit ´Rhythm In The Spirit´ schon eine recht harte Nummer. So etwas wollte ich auf der neuen Scheibe wieder haben, nicht zuletzt, weil so ein Song herausragt und etwas für Abwechslung sorgt. Die beiden Stücke haben eine ähnliche Grundstimmung, aber dennoch einen eigenen Charakter. Dass KANSAS auch eine harte Seite haben, ist mir wichtig.«

Seit deinem Bandeinstieg spielen KANSAS wieder mit zwei Gitarristen. War das nicht überfällig?

»Zwei Gitarren geben der Band viel mehr Möglichkeiten und machen den Sound mächtiger, was man auf den letzten beiden Alben auch heraushören kann. Zudem funktionieren viele der alten Songs aus der Zeit von Kerry Livgren auf der Bühne viel besser, wenn es zwei feste Gitarristen in der Band gibt. Bei meinen alten Bands war ich immer der einzige Gitarrist und war das Zusammenspiel anfangs gar nicht gewohnt. Mit Richard ergänze ich mich aber ganz gut, was das Songwriting und die Bühnenauftritte betrifft.«

Bevorzugst du die Arbeit im Studio, oder bist du lieber auf der Bühne?

»Das ist eine ganze schwere Frage. Ich liebe beide Seiten meiner Arbeit. Auf der Bühne ist der Austausch mit dem Publikum unbeschreiblich, und man bekommt umgehend eine Reaktion aus dem Saal. Fehler auf der Bühne werden sofort erkannt und können nicht mehr korrigiert werden. Im Studio entsteht dagegen etwas für die Ewigkeit. Man muss hier hochkonzentriert arbeiten, man kann kreativ sein, steht aber unter Zeitdruck. Bis ein Song fertig aufgenommen ist, dauert es lange. Wie das Ergebnis von den Fans aufgenommen wird, erfährt man erst viel später. Deshalb bin ich glücklich, mit der Band regelmäßig im Studio zu sein und auch viele Konzerte spielen zu können.«

Eure Plattenfirma vermarktet euch als Classic-Rock-Band. Ist das die passende Bezeichnung für die Band?

»Das Besondere an Progrock im Allgemeinen und KANSAS im Speziellen ist, dass es dafür eigentlich kein Label geben kann. Das ist ein Widerspruch in sich. Die Band hat so viele Facetten, ist offen für Experimente, sorgt immer wieder für Überraschungen und kennt eigentlich keine Grenzen in ihrem Schaffen, sodass es dafür schwerlich einen Oberbegriff geben kann. Letztlich geht es aber immer um Melodien, und die kann die Band auf ihre ganz eigene Art erschaffen. Betrachtet man aber nur den Gesang der Band, könnte man fast von Pop sprechen. Das ergänzende Songwriting ist aber wesentlich vielschichtiger. Wenn man KANSAS unbedingt ein Label verpassen will, dann denke ich, passt Melodic Progrock am besten.«

Die Bandgründer Richard Williams und Phil Ehart sind immer noch an Bord. Was denkst du, ist ihre Motivation, nach wie vor aktiv zu sein?

»Die Band ist mehr oder weniger ihr Leben. Da ist einerseits der angesprochene Familienaspekt, andererseits ist die Band immer noch erfolgreich. Und mit den letzten beiden Alben haben sich KANSAS nach langer Zeit beeindruckend zurückgemeldet. Das gibt den beiden eine enorme Befriedigung, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich in nächster Zeit zurückziehen. Sie sind einfach Vollblutmusiker.«

Ist deine Band 4Front noch aktiv?

»4Front sind ein Zusammenschluss von guten Freunden. Unser Ziel war es nie, den großen Durchbruch anzustreben. Es stand immer die Freude an der Musik im Vordergrund, und es war schon eine tolle Sache, zwei Alben veröffentlichen zu können. Im Vorprogramm großer Bands wie Saga, Marillion und eben KANSAS gespielt zu haben, war die Krönung! 4Front gibt es – nicht zuletzt, da ich mit meinem Studio und mit KANSAS stark ausgelastet bin – nur noch sehr eingeschränkt. Mein anderes Tätigkeitsfeld Power Windows, eine Rush-Tribute-Band, mit der wir viel unterwegs waren, habe ich vor einigen Jahren ganz aufgelöst.«

Letzte Frage: Leben Phil und Richard eigentlich noch im US-Bundesstaat Kansas?

»In Kansas lebt niemand mehr. Die Band ist über die ganzen USA verstreut, aber mittlerweile sind die meisten Bandmitglieder wie Phil und Richard im Großraum von Atlanta in Georgia zu Hause. Vielleicht gründeten die beiden damals die Band, um aus ihrer Heimat rauszukommen.«

www.kansasband.com

www.facebook.com/kansasband

DISKOGRAFIE (Studioalben)



Kansas (1974)

Song For America (1975)

Masque (1975)

Leftoverture (1976)

Point Of Know Return (1977)

Monolith (1979)

Audio-Visions (1980)

Vinyl Confessions (1982)

Drastic Measures (1983)

Power (1986)

In The Spirit Of Things (1988)

Freaks Of Nature (1995)

Always Never The Same (1998)

Somewhere To Elsewhere (2000)

The Prelude Implicit (2016)

The Absence Of Presence (2020)

Bands:
KANSAS
Autor:
Wolfram Küper

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