Interview


Pic: George Grigoriadis

Interview 24.11.2022, 14:28

GAUPA - Schwedische Melancholie

Die schwedischen Senkrechtstarter:innen GAUPA sind ein musikalisches Chamäleon. Irgendwo zwischen Doom, Stoner Rock, Classic Rock, psychedelischem Prog und skandinavischer Folklore erzeugt die Band eine einzigartige Magie, die ihr für das außergewöhnliche zweite Album „Myriad“ einen Deal mit Nuclear Blast eingebracht hat. Wir schnappten uns Sängerin Emma Näslund und Gitarrist David Rosberg für ein Gespräch über Erwartungshaltungen, Dunkelheit, die Sonne und Räume voller Luftballons.

Emma, David, ihr seid eine dieser jungen Bands, die es im Zuge der Pandemie geschafft haben, auf der Karriereleiter voranzukommen und nicht zurückzufallen. Wie habt ihr die Entwicklung von eurem Debüt „Feberdröm“ (April 2020) hin zum neuen Album „Myriad“ erlebt?

DAVID: »Wir alle hatten während der Pandemie zu kämpfen. Wir hatten drei Europatourneen geplant, als uns die Pandemie traf, und innerhalb von zwei Tagen wurde alles abgesagt. Das alles schraubte sich immer weiter nach oben und wir waren am Boden zerstört. Also dachten wir über Alternativen nach und nahmen Kontakt zu einer Organisation auf, die uns dabei half, einen Livestream zu unserem „Feberdröm“-Album umzusetzen. Die Leute von Nuclear Blast hatten schon seit einer Weile ein Auge auf uns geworfen und etwa einen Monat nach diesem Konzert kontaktieren sie uns. Von da an nahmen die Dinge ihren Lauf. Es fühlte sich so an, als ginge es bergab mit uns, dabei stiegen wir aber eigentlich immer weiter auf.«

Hat euch der Sprung zu einem großen Label wie Nuclear Blast unter Druck gesetzt?

EMMA: »Wir hatten mit dem Songwriting für „Myriad“ schon während der Veröffentlichung von „Feberdröm“ erste kleine Schritte gemacht, deshalb verspürten wir keinen Druck. Wir hatten großes Glück. Sie sind sehr gut zu uns und haben keinen Einfluss auf unseren Sound und unsere Songs genommen.«

DAVID: »Sie hatten von Anfang an eine klare Vorstellung: „Zieht euer Ding durch und bleibt bei eurem Sound.“ Ich glaube, viele Bands denken darüber nach, bevor sie einen Vertrag bei einem großen Label unterschreiben. Zumindest anfangs hatten wir diese Gedanken auch. Müssen wir eine bestimmte Erwartungshaltung erfüllen? Aber der Songwriting-Prozess lief auf natürliche Art und Weise einfach weiter.«

Ihr habt zu einer einzigartigen musikalischen Identität gefunden, indem ihr verschiedene Stile zusammenbringt. Hat es lange gedauert, euch dieser Identität bewusst zu werden?

EMMA: »Das passiert einfach, sobald wir fünf zusammen Musik schreiben. Uns vereint eine Myriade unterschiedlicher Einflüsse (lacht). Wenn jemand ein Riff beisteuert, dann bringt jeder von uns seine eigenen Farbtupfer ins Songwriting ein und führt den Song in eine andere Richtung.«


DAVID: »Es freut uns, zu hören, dass die Leute unseren Sound als etwas Einzigartiges erleben. Aber ich sehe das wie Emma, es passiert einfach. Wir sind Musiker, die sich auf das Erschaffen von Musik konzentrieren, wir spielen nicht nur Riffs oder begleiten andere Bands und Sänger. Wir sind alle Songwriter. Jeder brachte sofort seine Ideen ein, wir hatten also von Anfang an jede Menge Action. All das kam einfach aus uns heraus und floss in dieses Projekt namens GAUPA ein.«

Die Frage nach euren musikalischen Einflüssen bekommt ihr wahrscheinlich oft gestellt, richtig?

EMMA: »Ja, das kommt vor (lacht). David und ich teilen beispielsweise eine gemeinsame Leidenschaft für Gentle Giant. Bei Jimmy (Hurtig, dr. – sb), Daniel (Nygren, g. – sb) und mir sind es Kyuss und die Queens Of The Stone Age.«

Stimmlich wirst du hingegen ständig mit der isländischen Sängerin Björk verglichen. Gefällt dir dieser Vergleich?

EMMA: »(Lacht) Natürlich, das ist ein riesiges Kompliment. Sie ist eine fantastische Sängerin, ich finde es großartig, wie sie ihre Stimme einsetzt.«

Kommt ihr alle aus der schwedischen Stadt Falun?

DAVID: »Nicht alle von uns. Emma und ich kommt aus einer anderen Stadt im Norden des Landes. Von dort stammt tatsächlich auch unser Bandname. GAUPA bedeutet „Luchs“ in dem schwedischen Dialekt, den wir hier oben in den Bergen sprechen.«

EMMA: »Lustigerweise haben wir irgendwo stehen, dass GAUPA das schwedische Wort für „Luchs“ sei. Das ist aber falsch. Ich sprach mit jemandem darüber, der mir sagte, er hätte ein paar Freunde aus Schweden, die dieses Wort nicht kennen.«

DAVID: »Der Dialekt stammt aus dem Norwegischen, von dort wo wir herkommen.«

Wie seid ihr in Schweden aufgewachsen? Haben euch eure Eltern musikalisch geprägt und unterstützt?

DAVID: »Das ist eine schöne Frage, die wurde uns bislang noch nicht gestellt. Wir kommen aus Östersund, wo es schon immer eine große Death-Metal-Szene gab. Bands wie Chastisement und Aeon kommen von hier, oder auch der ehemalige Schlagzeuger von Dark Funeral, Nils Fjellström. Mein Vater ist auch ein großer Metalfan, er hört sehr gerne Black Sabbath und Led Zeppelin. Sobald ich mich für Rockmusik interessierte, hatte ich seinen Segen (lacht). Davor hörte ich hauptsächlich Skatepunk, Bands wie Blink-182. Das hat er eher weniger verstanden.«

EMMA: »(Kichert)«

DAVID: »Manchmal fällt es uns schwer, zu akzeptieren, dass die Leute GAUPA als Metal abstempeln. Heavy Metal ist ein schweres Wort. Wir betrachten uns eher als Rock, das passt besser zu uns.«

EMMA: »Wenn du in Östersund aufwächst, dann lässt es sich nicht vermeiden, dass du früher oder später auf Metal stößt. Ich hatte zunächst eine Classic-Rock-Band, aber in dieser Stadt wirst du Metalfans über den Weg laufen.«

DAVID: »Es ist kalt bei uns. Der perfekte Ort für Black Metal.«

EMMA: »Die Menschen sind wütend, weil es kalt ist (lacht). Viele Bands gehen in den Wäldern verloren, während sie dort Fotos schießen.«

Ernsthaft? Nein…

EMMA: »(Lacht)«

DAVID: »Sie gehen nicht verloren, aber sobald du eine Black-Metal-Band startest, solltest du dich definitiv auf den Weg in die Wälder machen.«

Bei schwedischen Bands wird oft das Klischee bemüht, dass sie eine besondere Verbindung zur Natur haben. Wie seht ihr das?

EMMA: »Für mich ist es tatsächlich so. Die Natur ist mächtig und inspirierend. Viele unserer Texte handeln von der zerstörerischen Beziehung zwischen den Menschen und der Natur.«

DAVID: »Die Natur ist in unserer Stadt immer sehr präsent gewesen. Hier kannst du die Berge sehen, die beinahe wie Gletscher wirken. Die Natur ist ein Teil des täglichen Lebens. Mein Vater hat uns immer auf Scooter- und Schneemobil-Safaris mitgenommen. Viele Menschen denken über die nördlichen Regionen Skandinaviens, dass man dort die Natur in der Seele trägt. Das ist nicht immer so. Gleichzeitig würde ich aber lügen, wenn ich sagen würde, dass mich die Natur nicht inspiriert. In unserem Fall hat sie tatsächlich einen Einfluss darauf, wie wir Musik schreiben.«

Im Song ‘Moloken‘ sprecht ihr über das Konzept der sogenannten schwedischen Melancholie. Kennt ihr dieses Gefühl in der dunklen und kalten Winterzeit nur allzu gut?

EMMA: »Oh ja, auf jeden Fall. Viele Menschen fühlen sich niedergeschlagen im November, weil er so dunkel ist. Wenn der Schnee dann endlich fällt und den Boden bedeckt, erhellt sich auch der Himmel wieder. Viele Menschen haben damit zu kämpfen, dass sie auf dunklere Zeiten zusteuern.«

DAVID: »Ich merke das oft, besonders im November. Es ist seltsam, in einem Land zu leben, wo du weißt, dass du einmal im Jahr in die Dunkelheit eintauchen wirst. Zumindest mir geht es so. Nicht nur in Bezug auf die Umwelt und das Wetter. Du fällst nach unten und musst es überstehen.«

EMMA: »Der Song ‘Ra‘ setzt sich damit auch auseinander. Wenn du so viel Zeit in der Dunkelheit verbringst wie wir, dann musst du nach draußen gehen, sobald sich die müde Sonne endlich wieder zeigt. Es ist in Schweden beinahe eine Sünde, nicht nach draußen zu gehen, sobald die Sonne scheint.«

DAVID: »Du bekommst ziemlichen Ärger mit deinen Eltern, wenn du dann nicht raus gehst. Selbst wenn du nicht einmal mehr bei ihnen wohnst. „Was zur Hölle machst du noch drinnen?!“«

EMMA: »An einem sonnigen Tag kannst du dir keinen Film ansehen, das ist absolut uncool, Mann!«

Geht ihr neben GAUPA noch anderen Berufen nach?

EMMA: »Ich arbeite hauptberuflich in einem Buchladen und habe deshalb auch kein freies Wochenende. Für mich ist morgen ein Montag (unser Gespräch findet an einem Donnerstag statt – sb).«

DAVID: »Ich bin Highschool-Lehrer und unterrichte Musik und Japanisch. Das ist mein Hauptberuf und nebenbei kümmere ich mich um GAUPA. Es gab aber auch schon Phasen in meinem Leben, in der ich als freiberuflicher Musiker und Studiotechniker gearbeitet habe.«

Ist es erstrebenswert für euch, euch eines Tages hauptberuflich auf die Band zu konzentrieren?

EMMA: »Sicherlich.«

DAVID: »Diese Frage wird mir immer wieder gestellt und wir sprechen auch oft darüber. Für mich ist das ein schwieriger Gedanke. Meine Arbeit an der Highschool und die Beziehungen zu den Kindern und Kollegen bedeuten mir unglaublich viel. Würde ich mich davon einfach zurückziehen, dann würde mir das sehr viel Kummer bereiten. Im Moment bin ich dafür noch nicht bereit.«

EMMA: »Ich glaube nicht, dass du das Unterrichten jemals hinter dir lassen wirst. Du wirst wahrscheinlich immer eine Rolle an deiner Schule spielen, egal was passiert, weil du es schlicht und ergreifend liebst.«

Ihr steckt viel Arbeit in eure Musikvideos. Emma, du warst bei ‘Diametrical Enchantress‘ und ‘Ra‘ an der Gestaltung der Kostüme beteiligt, während David den Clip für ‘Moloken‘ selbst gedreht hat. Sind das Hobbys von euch?

DAVID: »Für mich auf jeden Fall. Emma hat sich schon immer sehr für Kunst und Handwerk interessiert. Es hat also nicht nur mit Budget zu tun, dass sie ihre eigenen Kostüme entwirft. Trotzdem arbeiten wir mit einem Regisseur zusammen, Simon Hjortek, der die Videos gedreht hat und viel in Richtung Surrealismus macht. Das ‘Moloken‘-Video habe ich gedreht, auch wenn ich natürlich kein Experte bin. Aber es hat mir schon immer Spaß gemacht, Dinge auszuprobieren.«

EMMA: »Ich denke wir sind schlichtweg künstlerisch veranlagte Menschen. Ich gehe beispielsweise gerne auf Flohmärkte, ebenso wie unser Regisseur Simon, er ist ein guter Freund von mir. Dabei suchen wir oft nach alten Sachen, aus denen er dann Maschinen baut und ich Kostüme bastele. So sind die Kostüme der Tänzerinnen in ‘Ra‘ entstanden. Als ich noch jünger war, verbrachte ich einige Jahre in einer Zirkusschule, deshalb hatte ich damit schon immer zu tun.«

Gibt es die beiden komplett mit Luftballons bestückten Räume im ‘Ra‘-Video wirklich?

DAVID: »Ja, tatsächlich. Wir haben etwa 15.000 Luftballons aufgeblasen. Aber immerhin hatten wir eine Maschine dafür.«

EMMA: »Wir bekamen Blasen an den Fingern vom Zusammenbinden all dieser Ballons. Und wir haben tatsächlich zwei Sets gebaut, ein rotes und ein weißes. Es hat ungefähr einen Tag gedauert, den roten Ballonraum zu bauen und danach machst du mit einer Nadel alles innerhalb von wenigen Minuten wieder zunichte. Das war schrecklich (lacht).«

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Bands:
GAUPA
Autor:
Simon Bauer

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