Classic Albums

Classic Albums 23.10.2013

PRETTY MAIDS - Future World (1987)

Mit ihrer selbstbetitelten EP 1983 und dem „Red, Hot And Heavy"-Debütalbum elf Monate später konnten die Dänen zwei starke Duftmarken setzen, um mit „Future World" 1987 endgültig durchzustarten. Und das völlig zu Recht, zählt die Scheibe doch auch gut zweieinhalb Dekaden später zum Besten, was in der Gemengelage zwischen NWOBHM und kommerziellem Hardrock der Marke Deep Purple und Thin Lizzy je veröffentlicht wurde.

Die Recordings zu „Future World", die zwischen Oktober 1986 und Februar 1987 in den Bearsville-Studios in New York unter der Leitung von Eddie Kramer (u.a. Kiss, Led Zeppelin, Anthrax) über die Bühne gingen, standen anfangs unter keinem guten Stern.

»Eddie kam vor den eigentlichen Aufnahmen sogar extra zwei Wochen nach Dänemark, um mit uns an den Songs im Rahmen einer Vorproduktion zu arbeiten. Leider wurde uns aber schon nach kurzer Zeit in den Staaten klar, dass er der Aufgabe nicht gewachsen war. Also übernahm Engineer Chris Isca den Job«, erinnert sich Frontröhre Ronnie Atkins alias Paul Christensen (48) kurz vor Show im Aschaffenburger Colos-Saal. »Als wir mit den fertig abgemischten Aufnahmen zurück in Dänemark waren und das Album einige Male gehört hatten, waren wir mit dem Resultat allerdings nicht sonderlich glücklich. Deshalb haben wir härtere Stücke wie ´Yellow Rain´, ´We Came To Rock´ und den Titeltrack noch mal von unserem Landsmann Flemming Rasmussen abmischen lassen, der im Jahr zuvor „Master Of Puppets" von Metallica produziert hatte. Und um das kommerziellere Material wie ´Love Games´ und ´Rodeo´ hat sich Kevin Elson gekümmert, der schon „The Final Countdown" von Europe produziert und mit Bands wie Journey gearbeitet hatte. Eddie Kramer zu feuern, war trotzdem keine leichte Sache für uns. Menschlich war er nämlich absolut in Ordnung, aber letzten Endes leider einfach nicht mehr auf dem neuesten Stand der Aufnahmetechnik.«

Zwei Wochen Vorproduktion, vier Monate Studio in den USA, ein rausgeworfener Producer, ein komplett neuer Mix von zwei namhaften Sound-Engineers - das ging bestimmt mächtig ins Geld.

»Das kannst du laut sagen. Zu dem Zeitpunkt war es die teuerste dänische Rock´n´Roll-Produktion aller Zeiten. Wenn ich mich recht entsinne, hat uns die ganze Geschichte 2,4 Millionen Kronen gekostet, also etwa 310.000 Euro. Das war eine Menge Geld, vor allem im Vergleich zu den heutigen Budgets. Der Nachfolger „Jump The Gun" war übrigens noch teurer. Leider hatten wir seinerzeit einen Schweinevertrag mit der dänischen Dependance von CBS Records unterschrieben. Die ersten 40.000 oder 50.000 Euro haben CBS bezahlt, der Rest wurde mit unseren Lizenzen verrechnet. Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, bis wir unsere Schulden zurückgezahlt hatten, obwohl „Future World" mit mehreren hunderttausend verkauften Einheiten - genaue Verkaufszahlen weiß ich leider nicht - das kommerziell erfolgreichste Album unserer Karriere war. Wenn wir damals nicht so dumm bzw. grün hinter den Ohren gewesen wären, hätten wir den Vertrag nie und nimmer in der Form abgenickt. Außerdem hätten wir lieber gleich bei CBS London oder New York unterschreiben sollen. Im Endeffekt war das aber ein typischer Anfängerfehler, und die haben wir damals alle gemacht. Leider ist man immer erst hinterher schlauer«, lacht Ronnie ohne einen Funken Bitterkeit in seiner Stimme und kriegt sich fast nicht mehr ein, als die Rede auf das Cover des Longplayers kommt. Während auf der Vorderseite das Wahrzeichen von Kopenhagen, die kleine Meerjungfrau, in einer abgefahrenen Aufmachung vor einer futuristischen Skyline posiert, sind die Fotos der fünf Musiker auf dem Backcover nach heutigen Maßstäben ein ganz klarer Fall für die Geschmackspolizei.

»Mit dem Airbrush von Joe Petagno, dem Haus- und Hofkünstler von Motörhead (der auch schon für Giganten wie Pink Floyd, Led Zeppelin und Nazareth gearbeitet hat - buf), der uns von CBS empfohlen wurde, waren wir sehr zufrieden, aber wenn ich mir die Fotos auf der Rückseite anschaue, muss ich schallend lachen. Wir sehen aus wie ein Rudel dämlicher Pudel, und die Klamotten, die wir auf den Fotos tragen, sind auch mehr als gewöhnungsbedürftig. Trotzdem schäme ich mich nicht dafür. Früher lief man halt so rum. Außerdem war die ganze Arie die Idee des Stylisten, der die Fotosession damals betreut hat.«

Im Video zum poppig-cheesigen, aber trotzdem geilen Kommerz-Rocker ´Love Games´ trugen die fünf Nordlichter dann aber gottlob wieder ihr übliches Outfit aus Lederhosen, Jeans, Jeansjacken und besagten Vokuhilas.

»Den Clip haben wir in New York auf einem Wolkenkratzer mit dem Kerl gedreht, der auch schon das Video zu Bon Jovis ´Livin´ On A Prayer´ inszeniert hatte und uns ebenfalls von CBS ans Herz gelegt wurde. Außerdem haben wir noch einen Clip zum Titelsong irgendwo in Kalifornien mit einem Sportwagen abgedreht. Da MTV seinerzeit noch viel Hardrock und Heavy Metal gespielt haben, liefen beide Videos sogar eine Weile auf „Heavy Rotation".«

...und sind seit diesem Zeitpunkt fester Bestandteil jeder PRETTY MAIDS-Liveshow.

»Es gibt nur einen Song von „Future World", den wir nie live gespielt haben, und das ist die letzte Nummer ´Long Way To Go´. Alle anderen Stücke wie ´Yellow Rain´ oder ´Rodeo´ spielen wir regelmäßig und den Titeltrack seit 1987 sogar bei jedem Konzert. Heute Abend geben wir auch ´Needles In The Dark´ zum Besten, nachdem der Song auf den Festivals im Sommer angekommen ist. Wenn ich mich recht entsinne, haben wir das Lied 1987 das letzte Mal live präsentiert. Ob es langweilig ist, seit gut 25 Jahren auf jedem Konzert ´Future World´ zu spielen? Keineswegs. Zumal das vielleicht der beste Track ist, den wir je komponiert haben.«

Wobei die deutschen Metal-Pioniere Helloween im selben Zeitraum, also im Frühjahr 1987, auf ihrem Gesellenstück „Keeper Of The Seven Keys Part I" ebenfalls mit einem Song namens ´Future World´ um die Ecke kamen. Zufall, oder hat da jemand abgekupfert?

»Ich war erst kürzlich als Gastsänger mit Avantasia auf Tour, und da hat mir Michael Kiske (ehemaliger Helloween-Sänger - buf) gesagt, dass Helloween den Titel von uns haben. Keine Ahnung, ob das stimmt. Wenn ich mich richtig entsinne, kam unsere Scheibe ein paar Wochen eher raus«, grinst Ronnie, der noch nie konket mit dem Gedanken gespielt hat, die vielen Hits von „Future World" und „Red, Hot And Heavy" noch mal neu im Studio aufzunehmen.

»Man soll zwar nie nie sagen, aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Wir mögen die Songs so, wie sie sind. Außerdem erinnere ich mich noch mit Grauen an die neue Version von ´Shout At The Devil´, die Mötley Crüe seinerzeit für „Generation Swine" aufgenommen haben. Im Vergleich zum Original war die einfach nur schrecklich. Falls wir irgendwann mal etwas neu aufnehmen, dann wird das am ehesten was aus den Neunzigern sein.«

Bleibt zum Abschluss noch die Frage, was die drei Mucker der „Future World"-Besetzung treiben, die aktuell nicht mehr bei PRETTY MAIDS sind, also Bassist Allan Delong, Drummer Phil Moorhead und Keyboarder Alan Owen.

»Mit Allan Delong habe ich vor einigen Monaten das letzte Mal gesprochen. Er versucht gerade wieder, eine eigene Band auf die Füße zu stellen, nachdem er lange aus dem Musikbusiness raus war. Alan Owen hat in den letzten Jahren in diversen Barbands Keyboards gespielt, war aber auch auf einigen unserer Alben in den Neunzigern zu hören. Was Phil derzeit macht, weiß ich leider nicht. Das letzte Mal habe ich ihn vor ca. zehn Jahren gesehen. Seitdem ist er völlig von der Bildfläche verschwunden. Mir sind vor einiger Zeit Gerüchte zu Ohren gekommen, dass er unter Depressionen leidet. Hoffentlich lebt er noch. Zumal er ein richtig intelligenter Bursche war, der mit seiner eigenen Mixing-Konsole reich geworden ist.«

www.prettymaids.dk
www.facebook.com/prettymaids

Das Line-up auf „Future World"

Ronnie Atkins (v.)
Ken Hammer (g.)
Allan Delong (b.)
Alan Owen (keys)
Phil Moorhead (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

Spielzeit: 41:04
Produzent: Eddie Kramer
Studio: Bearsville-Studios, New York
Cover: Joe Petagno

Die Songs

Future World
We Came To Rock
Love Games
Yellow Rain
Loud´n´Proud
Rodeo
Needles In The Dark
Eye Of The Storm
Long Way To Go

DISKOGRAFIE

Pretty Maids (EP, 1983)
Red, Hot And Heavy (1984)
Future World (1987)
Jump The Gun (1990)
In Santa´s Claws (EP, 1990)
Sin-Decade (1992)
Offside (EP, 1992)
Stripped (Akustik-Album, 1993)
Scream (1994)
Screamin´ Live (Live, 1995)
Spooked (1997)
Anything Worth Doing Is Worth Overdoing (1999)
First Cuts... And Then Some (Compilation, 1999)
Carpe Diem (2000)
Planet Panic (2002)
Alive At Least (Live, 2003)
Wake Up To The Real World (2006)
Pandemonium (2010)
It Comes Alive - Live In Switzerland (Live, 2012)
Motherland (2013)

Bands:
PRETTY MAIDS
Autor:
Buffo Schnädelbach

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