Kolumne

Kolumne 25.04.2012

Früher war alles besser?

Wer kennt ihn nicht, diesen Satz? Dein Opa benutzt ihn, wenn er von Zusammenhalt und Familienbanden spricht, deine Eltern benutzen ihn in anderen Zusammenhängen - und sogar bei den Metalheads kommt er immer wieder vor.

Ja, manches war früher besser und aufregender. Weil es neu war. Weil wir es zum ersten Mal erlebten. Aber war zum Beispiel alles, was in den Achtzigern erschienen ist, wirklich so supertoll? Nein, das war es nicht. Der Prozentsatz an miesen Veröffentlichungen war sogar relativ hoch. Bloß erinnert sich heutzutage niemand mehr an die entsprechenden Bands. Zu Recht. Heute hingegen gibt es mehr Metal zu entdecken als jemals zuvor. Nicht zuletzt dank des Internets. Natürlich ist da auch jede Menge Schrott dabei, aber gleichzeitig kannst du mit etwas Mühe in einem Monat mehr Perlen ausbuddeln, als es vor 25 Jahren möglich gewesen wäre.

Überhaupt, das Internet. Ist es nicht so, dass man früher auf Gedeih und Verderb den Radiosendern ausgeliefert war, deren korrupte Programm-Manager tagein, tagaus die gleichen Playlists rauf- und runterdudelten? War es nicht so, dass devote Plattenfirmen-PromoterInnen bei den Entscheidungsträgern von MTV oder VIVA zu Kreuze kriechen und betteln mussten, dass ihre Clips von ihren Künstlern gespielt werden? Und dass diese vor Arroganz fast platzenden Senderheinis dann darüber entscheiden konnten, was erfolgreich wird und was nicht? Heutzutage brauchen wir den Scheiß nicht mehr. Wir suchen einfach im Netz nach den Liedern oder Clips, die wir hören wollen.

Sprechen wir über den Live-Sektor. Wie neidisch haben wir noch Ende der Achtziger nach Amerika geblickt, wenn dort Sanctuary zusammen mit Fates Warning auf Tour gingen. Oder Riot mit Anvil. Wie sehr hätten wir uns gefreut, wenn wir solche Packages auch hätten sehen können. Und die Amis hätten sicherlich auch abgespritzt, wenn bei ihnen ein Tourpaket wie Celtic Frost/Helloween/Grave Digger aufgeschlagen wäre. Aber das ging in den Achtzigern noch nicht so richtig. Kleine und mittelgroße Acts konnten nicht so einfach über den Teich setzen und touren. Heute hingegen gibt es mehr Liveclubs und Tourneen als je zuvor. Das hat natürlich auch zur Folge, dass so manche Tournee furchtbar floppt. Aber zumindest ist die Chance, dass du deine Lieblingsgband mal live sehen kannst, ziemlich groß. Du brauchst dir nur ein Ticket zu kaufen. Und auch das ist heute ein Kinderspiel. In den Achtzigern sah das hingegen an einem konkreten Beispiel so aus:

AC/DC kommen nach Frankfurt, da muss der halbstarke Teenie Frank natürlich hin. Nach der Schule also erst mal ins D.E.R. Reisebüro in der Frankfurter Nordweststadt gelatscht. Aha, die haben schon keine Karten mehr. Gut, dann also 20 Minuten mit der U-Bahn in die Innenstadt geeiert, um beim Kartenkiosk Sandrock in der B-Ebene der Hauptwache nachzufragen. Hat auch nichts mehr. Da hilft nix, du musst mit der Straßenbahn noch ´ne halbe Stunde nach Frankfurt-Höchst gondeln, da gibt´s noch eine Vorverkaufsstelle. Die haben leider auch nix mehr. So konntest du mehrere Nachmittage verbringen, bis du dann mit etwas Glück am dritten Tag im südhessischen Dieburg irgendeinen obskuren, auf Reggae spezialisierten Plattenladen gefunden hast, der tatsächlich noch einen Stapel AC/DC-Tickets in der Registrierkasse hatte. Jede Vorverkaufsstelle hat halt ein Bündel mit Eintrittskarten bekommen. Und wenn du in ganz Frankfurt keine mehr für die Show gekriegt hast, hieß das noch lange nicht, dass das Konzert ausverkauft war. Heute erledigst du solche Dinge mit wenigen Klicks auf deinem heimischen Computer. Was ich mich aber schon länger frage: Wie sind damals eigentlich die Leute auf irgendwelchen Dörfern oder in Mini-Städtchen fernab jeglicher Rock´n´Roll-Zivilisation im Hintertaunus oder in der Wetterau an ihre Tickets für das AC/DC-Konzert gekommen? Mussten die sich zwei Tage freinehmen, um mit ihrem Opel Rekord alle Vorverkaufsstellen in Mittelhessen abzuklappern?

Open-Air-Festivals gab´s damals übrigens auch schon. Manchmal sogar mit unglaublich guten Line-ups, wie die legendären „Monsters Of Rock“-Festivals. Aber davon gab´s höchstens zwei pro Jahr, während man heute (wenn man möchte) von Mitte Mai bis Mitte September jedes Wochenende irgendwo in Deutschland ein Metal-Festival besuchen kann. Aber nicht die Masse macht´s. Ich habe viele dieser grandiosen Festivals in den Achtzigern besucht. Musikalische Sternstunden, aber der Begriff „Service“ war damals in der Veranstalter-Landschaft noch nicht sehr verbreitet. Der Besucher hatte sein Eintrittsgeld zu bezahlen und möglichst viel auf dem Gelände zu konsumieren. Ob die Veranstaltungsfläche dabei völlig überfüllt war oder ob es genügend Toiletten für alle gab, war vollkommen unerheblich. Im Vergleich zu früher erleben wir bei Festivals heutzutage geradezu paradiesische Verhältnisse.

Aber auch das Leben als Redakteur ist heute einfacher geworden. Unsere freien Mitarbeiter zum Beispiel schickten ihre Texte per Fax oder Brief, und wir Redakteure mussten sie dann abtippen. So was wie Praktikanten hatten wir damals noch nicht.

Und eine Sache möchte ich zum Abschluss keinesfalls unterschlagen: Ihr wollt doch nicht ernsthaft behaupten, dass die Frisuren und Klamotten in den Achtzigern besser aussahen als heute? Oder etwa doch?

Autor:
Frank Albrecht

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