Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 22.07.2015

EYEHATEGOD , TUBER , EGYPT , THE VINTAGE CARAVAN , CRIPPLED BLACK PHOENIX , BRÖSELMASCHINE , KAMCHATKA , GOATSNAKE , DANAVA , GAS GIANT , SEEDY JEEZUS , MONKEY3 , THE CYBORGS , C+C=MAXIGROSS , EARTHLESS , BLUES PILLS , THE MUGGS , ORCHID , DEAD MAN , SIENA ROOT , MOUNTAIN WITCH , SIGIRIYA , HORISONT , ELECTRIC MOON , FREEDOM HAWK - FREAK VALLEY: Urlaub im Retro-Paradies

Wenn bärtige Freaks aus ganz Europa auf dem Gelände der Arbeiterwohlfahrt im beschaulichen Netphen-Deuz im Landkreis Siegen-Wittgenstein/Olpe herumlungern, ist endlich wieder FREAK VALLEY-Zeit.

Oder „Urlaub“ für vom Redaktionsschluss/Festival-Rhythmus leicht ermüdete Rock-Hard-Redakteure. Denn im Gegensatz zu vielen „professionellen“ Veranstaltungen zeichnet das Freak Valley nicht nur superkurze Wege und ein toller Service aus (wo sonst gibt es schon eine Garderobe zur Abgabe der gerade erworbenen Vinyl-Schätzchen!), sondern auch die vielen Hang-Out-Entspannungszonen abseits der Bühnen-Action (Mittagsschläfchen bei 32 Grad im Schatten ist kein Problem, selbst ausprobiert). Darüber hinaus vermittelt das engagierte, freudig erregte, ehrenamtliche Festival-Team (Rock Freaks e.V. plus AWO-Mitarbeiter) einem das Gefühl, man sei auf einer Privat-Party zu Gast. Und eigentlich ist das ja auch so. Mitten auf dem Gelände feiert (so ganz nebenbei) gerade eine Rock´n´Roll-Hochzeitsgesellschaft. Und die Musiker ziehen sich im Verwaltungsgebäude vor Fotos der Behindertenwerkstatt um. Draußen gibt es veganes Gebäck, Yogi-Tee und Siegerländer Eintopf. Letztlich trifft hier der ganz normale deutsche Alltag auf Psychedelic-Rocker sämtlicher Couleur. Aber auch musikalisch hat das Freak Valley einiges zu bieten. So griff das Veranstalterteam in diesem Jahr verstärkt den spannenden Trend zur Instrumentalmusik auf. (hs)       


DONNERSTAG

Keine Ahnung, warum sich THE CYBORGS bei großer Hitze in schwarzen Arbeitsanzügen und Schweißer-Schutzmasken auf die Bühne stellen. Diese alberne Selbstinszenierung ist aber kein Grund, die Nase zu rümpfen, denn die energetische Elektro-Bluesrock-Show des italienischen Duos ist stark und bringt die Fans gut in Schwung.

MOUNTAIN WITCH enttäuschen im Anschluss, weil ihr doomlastiger Heavy Rock im Mittelmaß hängen bleibt. Zu offenkundig ist der Mangel an Stücken mit Wiedererkennungswert. Die Band hat gleichwohl Potenzial, muss aber in Sachen prägnantes Songwriting nachjustieren.

THE MUGGS räumen hingegen richtig ab. Danny Methric (g./v.) fegt wie ein Wirbelwind über die Bühne und steht klar im Mittelpunkt. Musikalisch orientieren sich die US-Boys an Bluesrock-Schwergewichten der siebziger Jahre wie Blue Cheer, Ten Years After & Co.

Die Classic-Rocker GAS GIANT sind dann am effektivsten, wenn sie machtvoll nach vorne preschen. Aber auch durch gelungene psychedelisch-sphärische Parts können die Dänen punkten.

Bei GOATSNAKE sind Nerven gefragt. Die doomigen Riffs von Gitarrist Greg Anderson sind quälend minimalistisch. Aber die Leidenschaft der Band beeindruckt. Gerade Sänger Pete Stahl lebt jeden Song, fällt unvermittelt auf die Knie, verzerrt das Gesicht, treibt an, flippt aus, leidet, bläst voller Inbrunst in seine Harp und ist mit Herzblut bei der Sache – das kann man einfach nicht schlecht finden.

BLUES PILLS, schon wieder. Von wegen! Die amerikanisch-europäische Connection beweist an diesem Abend, welche Klasse sie mittlerweile erreicht hat. Nahezu jeder Song wird frenetisch abgefeiert. Mit ´Yet To Find´ – einer Akustikballade von Sängerin Elin Larsson und Gitarrist Dorian Sorriaux – gibt es dazu noch einen gelungenen Ausblick auf das Anfang 2016 erscheinende neue Album, und beim abschließenden ´Devil Man´ drehen endgültig alle am Rad. (sg)

FREITAG

Der Preis für den abgefahrensten Bandnamen des Festivals geht eindeutig an C+C=MAXIGROSS. Und genauso wirr wie der Name ist auch der psychedelische Folk der Italiener, mit dem sie den zweiten Tag auf der minimalistischen Wake&Bake-Bühne eröffnen. Das Songmaterial ist wenig Rock-Hard-relevant, und wer heute eher wegen Horisont und Orchid da ist, sollte besser Sonnencreme kaufen...

...und natürlich pünktlich zu FREEDOM HAWK zurück sein. Eigentlich unverständlich, dass unsere Soundchecksieger aus Heft 297 um diese frühe Uhrzeit auf der Minibühne ran müssen. Dennoch bringen die Amerikaner ihren von Black Sabbath beeinflussten, urwüchsigen Hardrock der Siebziger mit klasse Sänger authentisch rüber und setzen damit schon früh eines der Tageshighlights.
Mit der BRÖSELMASCHINE ist es auf der Hauptbühne dann so eine Sache. Wer was mit Hippiemucke und Krautrock anfangen kann, der findet vielleicht Gefallen am Set der Urgesteine Peter Bursch und Manni von Bohr (die mit ihren Lehrmaterialien unzähligen Gitarren- bzw. Drumanfängern auf die Sprünge geholfen haben). Für Metaller ist das, abgesehen von den erzählten Anekdoten, zu abgedreht, aber eine gute Gelegenheit, das selbstgebraute Festivalbier zu testen und sich zu fragen, warum der Krautrockexperte und Kollege Kaiser nicht vor Ort ist. (wk)

Die Australier SEEDY JEEZUS werden im Programmheft für ihre spontanen Jams gepriesen, mir ist das Songmaterial auf Dauer allerdings zu zerfahren. Im Gegensatz zu unserem Aboverwalter Robert, der bei brütender Hitze sofort bangend vor die Bühne stürmt.

Für mich sind hingegen TRAVELIN JACK die Überraschung des Festivals. Die im Turbonegro-Stil geschminkten Berliner reichern ihre eingängigen und abwechslungsreichen Songs mit AC/DC- und UFO-Referenzen sowie dem beeindruckenden Stimmumfang von Fronterin Alia Spaceface an. Unbedingt anchecken!

SIGIRIYA aus Wales halten das Energielevel, indem sie ihren Stoner Rock mit jeder Menge Drive und Groove sowie dem Kick-Ass-Gesang von Matt „Pipes“ Williams versehen.

Im Anschluss spielen Deep Purple im Mk-II-Line-up! Ach nee, es sind doch nur die schwedischen SIENA ROOT, die sich auch live die britische Hardrock-Legende zum Vorbild genommen haben und mit ausufernden Gitarren- und Hammondorgel-Duellen sowie starkem Gesang das Publikum verzücken.
Die amerikanischen Heavy-Rocker DANAVA klingen immer dann am besten, wenn sie zu instrumentalen Parts mit gedoppelten Gitarrenharmonien ansetzen. Sobald Fronter Gregory Meleney allerdings zu seinen schrägen, verhallten Vocals ansetzt, rollen sich mir die Fußnägel hoch. (rb)

Wie beim letztjährigen Rock Hard Festival können HORISONT auch heute mit unbändiger Spielfreude, tollem Stage-Acting, doppelläufigem Gitarrenspiel und einer klasse Setlist voll überzeugen. Leider springt das Publikum nicht so ganz darauf an – vielleicht hätten die Herren doch ihr Standardcover ´Rock Bottom´ bringen sollen. Wenn schon retro, dann so! (wk)

MONKEY3 gehören dank der stilistischen Öffnung gen Psychedelic Rock derzeit zu den angesagtesten Instrumental-Combos. Live untermalen die Schweizer das Geschehen mit einer ausgeklügelten Diashow, die die Zuschauermenge in der Abenddämmerung immer mehr in den Bann zieht. Ein echtes Erlebnis!

ORCHID beweisen bei ihrem Headliner-Slot, dass es auch heute trotz aller technischen Möglichkeiten eine wahre Kunst ist, einen transparenten, druckvollen und warmen Sound aus den Boxen perlen zu lassen. Das Zusammenspiel der Band aus San Francisco ist traumhaft, dennoch will der Funke nicht so recht  überspringen. Vielleicht liegt es an der hitzebedingten Erschöpfung im Publikum oder daran, dass die Black-Sabbath-Aficionados gleich drei Songs ihrer kommenden EP „Sign Of The Witch“ spielen, die bis dato noch niemand kennt. Das hitgespickte Ende der Show stimmt allerdings versöhnlich und entlässt das Publikum in die trügerische Stille der schwülen Sommernacht, die einige Stunden später von heftigen Gewittern durchbrochen wird. (rb)

SAMSTAG

Den ersten Höhepunkt des Tages markieren die Wüstenrock-Verehrer VALLEY OF THE SUN, die über Nacht aus der Tschechischen Republik angereist sind. Mit Kaffee und veganen Süßigkeiten bewaffnet, schütteln sich rund hundert Besucher vor der Nebenbühne die Müdigkeit aus den Knochen. Das Trio rockt in Queens-Of-The-Stone-Age-Manier unbekümmert geradeaus und lässt sich auch von zwei Stromausfällen nicht beeindrucken.

DEAD MAN und EGYPT sind im Anschluss zu brav, um richtig Stimmung aufkommen zu lassen. Das gelingt dafür einer Instrumental-Band aus Griechenland, die niemand auf dem Zettel hatte. Außer Festival-Ansager Volker natürlich, der es sich nicht nehmen lässt, jedes Jahr eine Band „bezahlen zu dürfen“. TUBER entwickeln mitunter richtig Druck, verstehen sich auf das Wechselspiel von leichter Metal-Kante und feinen Pink-Floyd-Delay-Gitarren. Anschließend „prügeln“ sich die Sammler förmlich um die wenigen mitgebrachten T-Shirts und Longplayer des Quartetts.

Entsprechend erleichtert zeigen sich dann KAMCHATKA, deren Flug Verspätung hatte und die mit den Griechen die Position tauschen konnten. Wie auf ihren letzten Alben präsentieren die Schweden hochoriginelle Hardrocker mit schönen Blues- und Folk-Schlenkern neben unerklärlich durchschnittlichem Songmaterial.
Da ist es relativ leicht für THE VINTAGE CARAVAN, noch einen draufzusetzen. Wie einst das Adrenalin-Trio Raven fegen die isländischen Jungspunde grinsend über die Bretter und spielen einige Höhepunkte ihrer drei Alben. Noch ist der Truppe kein großer Wurf im Studio gelungen, aber der Gig zeigt eindeutig, dass die Band „heiߓ ist und zunehmend mehr Eigenständigkeit durch den kompetent vorgetragenen Retro-Sound schimmern lässt. (hs)    

Vor dem Endspurt gibt´s in der zweiten Samstagshälfte erst noch mal zwei interessante Kontrastpunkte: Die aktuelle Besetzung von CRIPPLED BLACK PHOENIX wartet mit drei Gitarren und zwei Keyboards auf. Bandleader Justin Greaves drängt sich nie in den Vordergrund, sondern agiert entspannt und gut gelaunt als Zahnrad der Maschine, während die gelegentlich an Pink Floyd erinnernden Endzeitballaden aufrührerische Botschaften mit filmreifen Spannungsbögen kombinieren. Das finale ´Burnt Reynolds´ funktioniert aufgrund des hervorragend eingestimmten Fan-Backgroundchors ziemlich großartig.
Danach ist Schluss mit Hippie-Vibes: Wenn die Sludge-Ikone EYEHATEGOD zu lärmen anfängt, regiert zwischen fiesen Feedback-Orgien und rauen HC-Punk-Ausbrüchen eine Aura von anarchistischem Chaos. „I knew you fuck your sister“, krakeelt Mike Williams, nachdem der Song ´Sisterfucker´ einen wilden Moshpit verursacht hat. So kaputt, wie der Sound der Band mitunter ist, kommt im Übrigen auch besagter Frontschreizwerg rüber, gesund sieht anders aus.
Wer nach diesem herrlich asozialen Inferno Erholung braucht, für den rocken ELECTRIC MOON entspannter und versöhnlicher vor einer stimmungsvollen Bühnenbeleuchtung durch ihren Set. Der in Psychedelic-Rock-Gefilden mit vielen Projekten sehr umtriebige Gitarrist Dave Schmidt alias Sula Bassana und seine beiden MitstreiterInnen entführen einen mit ihrem wohligen Sound in andere Sphären.

Eine perfekte Einstimmung auf die nächste weitgehend instrumentale Trio-Formation, die abschließenden Headliner EARTHLESS. Die Kalifornier beweisen mit episch wie energisch ausartenden Jams eindrucksvoll, warum sie sich in der Stoner-Szene über die letzte Dekade zu einer ziemlichen Hausnummer gemausert haben. Zur Feier des Tages haut man direkt im Anschluss an eine besonders verspielte Nummer auch noch mal eben Hendrix´ ´Foxy Lady´ sowie ´Communication Breakdown´ von Led Zeppelin raus, wozu der eine oder andere Besucher auch spät am letzten Tag noch mal enthusiastisch das Tanzbein schwingt. Ein würdiger und passender Abschluss eines rundum tollen Festivals! (sd)

DIE HIPPIE-VIBES IN NETPHEN GENOSSEN RONNY BITTNER (RB), SIMON DÜMPELMANN (SD), ROBERT FUST (ROCK-HARD-STAND), STEFAN GEIDE (SG) WOLFRAM KÜPER (WK) UND HOLGER STRATMANN (HS).

(Alle Pics: Holger Stratmann)

Bands:
THE CYBORGS
MOUNTAIN WITCH
EARTHLESS
GOATSNAKE
DEAD MAN
BLUES PILLS
SEEDY JEEZUS
BRÖSELMASCHINE
THE MUGGS
TUBER
ELECTRIC MOON
EYEHATEGOD
GAS GIANT
FREEDOM HAWK
DANAVA
C+C=MAXIGROSS
ORCHID
EGYPT
MONKEY3
THE VINTAGE CARAVAN
SIGIRIYA
SIENA ROOT
HORISONT
CRIPPLED BLACK PHOENIX
KAMCHATKA
Autor:
Wolfram Küper
Holger Stratmann
Simon Dümpelmann
Stefan Geide
Ronny Bittner

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