Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 24.07.2019, 08:00

THE VINTAGE CARAVAN, WOLFMOTHER, YOB - FREAK VALLEY FESTIVAL 2019: Das Woodstock der Gegenwart

Trotz seines mittlerweile weltweiten Rufs bleibt die Atmosphäre beim FREAK VALLEY FESTIVAL auch im gar nicht verflixten siebten Jahr familiär, was nicht zuletzt an der Beschränkung auf 2.500 Eintrittskarten liegt, die einmal mehr wenige Minuten nach Beginn des Vorverkaufs komplett vergriffen waren.

Dass sich die Gemüter über das diesjährige Line-up streiten („unspektakulär“ sagen die einen, „für Kenner“ behaupten die anderen), spiegelt den Sonderstatus der traditionsgemäß zu Fronleichnam stattfindenden Sause wider, denn die Macher tun einen Teufel, sich dem Geschmack der Masse anzubiedern, und ziehen ihren schlüssigen Stilmix konsequent weiter durch. Nichtsdestoweniger zeigen sie aber auch 2019 Bewusstsein für einen gewissen Konsens, in dessen Sinn das Engagement von Corrosion Of Conformity und Wolfmother (baten übrigens von sich aus, auftreten zu dürfen) zu verstehen ist.

Ungeachtet solcher Erbsenzählerei und mehrerer Ausfälle (The Obsessed, Duel, Slomatics) bleibt auf dem AWO-Gelände im nordrhein-westfälischen Netphen-Deuz jedoch alles beim Alten: Wenn Rasta-Pärchen mit Kind und Hund anreisen, das Rund zur Liegewiese umfunktioniert und Sofas aufgestellt werden, hat das etwas von einem Hippie-Happening, bloß dass New-Age-Kitsch und Baumumarmen außen vor bleiben. Schließlich dreht sich das Ganze wie immer in erster Linie um Musik, wobei jeder auf seine Kosten kommt, der sich annähernd auf Kiffer- bis Krautrock versteht. Nahbare Musiker, eine klaglos gute Organisation auf allen Ebenen und der wahrscheinlich schönste Campingplatz aller deutschen Open Airs auf einer Anhöhe mit herrlichem Ausblick über die sehr ländliche Idylle der Umgebung, die dennoch nicht weitab vom Schuss liegt, vervollständigen den Eindruck eines nahezu perfekten Mini-Woodstocks für die Gegenwart.

DONNERSTAG

Auch wenn VALLEY OF THE SUN mit ihrem neuen Album etwas schwächeln, gehen sie 2019 glatt als einer der zwingendsten Opener aller bisherigen Freak-Valley-Ausgaben durch. Verdammt tight und metallisch hart bewähren sich die im falschen US-Bundesstaat (Ohio) geborenen Wüstenrocker als zeitgemäße Kyuss-Nachlassverwalter, wobei vom 2015er Knaller „Volume Rock“ leider nur das wehmütige ´The Shaman´ zum Zug kommt.

Statt Hits im Akkord gibt´s danach Klamotten aus Cord, die STONEFIELD mit der gleichen Überzeugung zu tragen scheinen wie die Fahne des psychedelischen Doom. Die vier Schwestern aus Melbourne schleppen sich durch einen schwülen Set, bei dem die kraftvoll singende Schlagzeugerin Amy zu Recht im Mittelpunkt sitzt. Zum Highlight ´66´ kann man sogar wirklich mit dem Hintern wackeln, was sich bei den folgenden SPACESLUG auf den Kopf überträgt. Das polnische Trio spielt quasi mitreißenden Standfußball mit Planeten – sechs Space-Sludge-Brecher mit sporadischem Gesang, alle überstrahlt vom Über-Finale ´Proton Lander´.

Als Nächstes sagt die JOHN FAIRHURST BAND das zugleich erste und letzte Wort in Sachen Heavy Blues für dieses Jahr. Der Londoner Namensgeber, Gitarrist und Sänger begeistert den vollen Platz nicht nur mit seinem Charisma, sondern auch mit Hendrix-verdächtigen Sperenzchen und speziell den sehr starken Songs seiner neuen LP „Divided Kingdom“, allen voran dem rollenden ´Blood And Fire´. (as)

Für The Obsessed dürfen dann die Niederländer DEWOLFF ihre Visitenkarte abgeben, und das bluesige Retro-Trio (der Organist spielt mit der linken Hand die Basslinien) glänzt mit mehr Spielwitz und besseren Improvisationen als Vorgänger Fairhurst. Der einzige Vorwurf: Es wirkt ein wenig wie von Gallagher, Hendrix & Co. streberhaft nachgeahmt. Das kann man BRANT BJORK kaum vorwerfen. Der Ex-Kyuss-Trommler ist ein Original-Veteran der Wüstenrock-Szene. Sein kürzlich erschienenes Instrumentalalbum ist zwar ein großer Haufen Langeweile, aber zusammen mit Gastsänger Sean Wheeler spielt sich der Gitarrist/Sänger durch einen erstaunlich kurzweiligen Desert-Set.

Den „chilligen“ Schlusspunkt des Tages setzen dann ELECTRIC MOON mit langen Instrumentalpassagen, in denen mir persönlich etwas zu wenig passiert. Dennoch ist der zwischen Noise und Psychedelia pendelnde Spacerock kompetent inszeniert. Die Shows im Bochumer Planetarium gelten nicht umsonst als kultig (zwei Termine im Oktober). (hs)

FREITAG

Ab dem zweiten Tag stimmen üblicherweise kleinere Acts aufs Hauptprogramm ein, und die heutigen Opener LACERTILIA erfüllen diese Funktion hervorragend. Zum Blickfang für die Damenwelt avanciert neben dem Psycho-Sänger im Alice-Cooper-Look der dezent übergewichtige Trommler, der die Temperaturen in Deutschland wohl unterschätzt hat und mangels eingepackter Shorts einfach in Unterhose (!) spielt. Da die Waliser ihrem zweiten Album gerade den letzten Feinschliff verleihen, sind sie gut aufeinander eingespielt und als Alt-Rock-Band mit psychedelischen Einflüssen besser aufgestellt als die anschließend auftretenden PRETTY LIGHTNING, die verwandte Elemente mit rudimentärem Blues verbinden; den kann man in ihrem Fall nämlich auch uninspiriertes Pentatonik-Gedudel mit schwachen Vocals nennen.

Auf der Main Stage wäre es für DEAD LORD daraufhin aber auch dann ein Leichtes, wenn die Vorgruppe mehr gerissen hätte, denn die Schweden sind live praktisch immer unschlagbar. Wer sie zudem nach drei abwechslungsreichen Bombenalben immer noch auf ihre Vorliebe zu Thin Lizzy reduziert, hat nicht richtig hingehört, und unabhängig davon dürfte am Ende ihres Sets feststehen, dass hier gerade die fähigsten Musiker (Stichwort halsbrecherische Doppel-Leads) des ganzen Events auf den Brettern gestanden haben.

Glaubt man jedoch, der Knalleffekt der nordischen Derwische sei nicht zu überbieten, hat man die Rechnung ohne GREAT ELECTRIC QUEST gemacht. Die Kalifornier ziehen eine typische überlebensgroße Ami-Show ab, komplett mit kostümiertem Sänger, akrobatischen Einlagen und wehender Bandflagge, wobei ihr ruppiger Proto-Metal an sich fast in den Hintergrund rückt. Die Jungspunde mit dem umfangreichsten Merchandise der Veranstaltung tingeln schon seit fast zwei Monaten in Eigeninitiative durch Europa und greifen in jeder Hinsicht nach den Sternen, wie sie backstage mit leuchtenden Augen versichern. Diese gleichermaßen professionellen wie hingebungsvollen Überzeugungstäter könnten es noch weit bringen.

Das haben PRISTINE zumindest in ihrer Heimat bereits getan, insbesondere dank der Ausstrahlung und Stimme ihrer Sängerin. Heidi Solheim steht auch diesmal im Brennpunkt des Geschehens, das sich längst nicht mehr auf „female fronted“ Bluesrock beschränken lässt, und fast scheint es, als würde die norwegische Truppe mit ihrem Facettenreichtum sanft auf den Ausreißer schlechthin im Festivalablauf vorbereiten: RAKETKANON. Mit viel Elektronik, einem mitten auf der Bühne zappelnden Drummer und nicht weniger spastisch zuckendem Sänger, der sich manches von Faith No Mores Mike Patton abgeschaut haben muss, pflügen die Belgier quer durch den Genre-Garten. Dass dabei die eine oder andere griffige Hook herumkommt, macht ihren noisigen Crossover zu einem gelungenen Farbtupfer.

Umso stimmiger wirken dann TUBER, weil sie zur Tagesordnung zurückkehren. Der rein instrumental gehaltene Stoff der Griechen verzückt phasenweise beinahe genauso wie etwa Long Distance Calling, fällt aber rifflastiger aus und seiner erhebenden Art zum Trotz deshalb ins Beuteschema des Stoner-Undergrounds. Dagegen sind KING BUFFALO mit ihrer Kombination aus Neo-Psych und etwas Americana ein Hipster-Thema, auch weil sie aus dem Nimbus der in entsprechenden Kreisen angesagten All Them Witches stammen. Dennoch wirken die New Yorker recht lustlos, was daran liegen mag, dass sie mit der Zimmerverteilung in ihrer Unterkunft unzufrieden waren und sich ein bisschen unsympathisch wie Rockstars aufführten. (as)

Eine weitere Klangfarbe fügen die New Yorker Noise-Psychos A PLACE TO BURY STRANGERS dem Festival hinzu. Drummerin/Sängerin Lia Simone überzeugt mit exzessiver Frauenpower, während der verzerrte Bass hier die rudimentären „Melodien“ erzeugt. Die Gitarre macht hingegen nur Krach-Effekte, weshalb diverse unsanfte Landungen des Instruments auf dem Bühnenboden auch kein allzu großes Problem darstellen (Nachstimmen anscheinend unnötig). Am Schluss hilft noch ein beherzter Sprung ins Publikum, wo die Musiker zu einem Industrial-Beat in ohrenbetäubender Lautstärke noch ein wenig Partystimmung verbreiten. Irgendwie cool und im Geiste von Nine Inch Nails.

Nach dieser Sound-Demonstration legen YOB noch ein Brikett drauf. Der Epic-Sludge im Breitwandformat ist so dynamisch und gewaltig, dass CORROSION OF CONFORMITY danach merklich Probleme haben, in die Gänge zu kommen. Die Hälfte des Publikums hat genug Dröhnung für heute bekommen und verzieht sich. Etwas schade, denn C.O.C. haben eigentlich die besseren Songs zu bieten und spielen immer gelöster und sicherer auf. Schön, diese seltene Mischung aus Hardcore und Southern-Retro noch einmal erleben zu dürfen. (hs)

SAMSTAG

Nachdem SPACE VENTURA ihren leidlich originellen Fuzz-Blues mit nicht ganz sattelfestem Sänger auf der kleinen Bühne vorgestellt haben, folgt mit HIGH FIGHTER der eigentliche Weckruf. Der auf ihrem aktuellen zweiten Album deutlich gereifte Sludge der Hamburger um die stimmgewaltige Frontfrau Mona setzt einen angemessenen Kontrast im Programm des letzten Tages, ehe es hinüber zu THE FIERCE AND THE DEAD auf der Hauptbühne geht – oder auch nicht, denn zunächst locken die Briten kaum jemanden in die Mittagshitze. Zum Glück hat die Instrumentalband aber einige verboten eingängige Melodien im Aufgebot und eine selbstironische Art, mit der sie das Grün letztlich doch füllt.

Weil die Slomatics am Flughafen stecken bleiben, jammen Dave und Lulu von Electric Moon spontan mit zwei Vierteln von Arc Of Ascent und taufen das dabei entstehende Weltraumrauschen mit Spoken Words von Bushfire-Hüne Bill ELECTRIC PUHA, ehe OUTSIDEINSIDE das Dröhnen in den Ohren mit gut gelauntem Heavy Rock typisch amerikanischer Machart heilen. Der Auftritt des von der positiven Erfahrung vor Ort überwältigten Quartetts beweist, dass das Debütwerk „Sniff A Hot Rock“ fast nur Ohrwürmer enthält, wie sie Grand Funk oder Blue Cheer zu besten Zeiten schrieben, und macht Bock auf ein zweites Album.

Beim offiziellen Gig von ARC OF ASCENT ziehen dann zumindest am geistigen Horizont finstere Wolken auf, denn der ebenso von den Melvins wie klassischem Doom beeinflusste Sound der Neuseeländer ist latent düster. Am Ende hat das Gebrumme aber doch etwas Erhebendes an sich, und entsprechend euphorisch äußert sich Gitarrist Matt auch später, während er im Hotel von seiner laufenden Europa-Rundreise erzählt, von der er erschlagend viele neue Eindrücke und Anregungen mit in seine Heimat am buchstäblichen Ende der Welt nehmen wird.

Zwei Wochen nach ihrer frühen Performance bei Sturmwetter auf dem Rock Hard Festival erscheinen THE VINTAGE CARAVAN zur Primetime und in strahlender Sonne wie ausgewechselt. Ihr bereits zweites Gastspiel beim Freak Valley wird zu einem Triumphzug, mit dem das Trio die Messlatte für seine Nachfolger enorm hoch anlegt, und beweist mit schon jetzt zeitlosen Hymnen wie ´Babylon´, dass man zwischen den vielen austauschbaren Emporkömmlingen, die der Retro-Trend in die öffentliche Aufmerksamkeit gespült hat, gekommen ist, um zu bleiben.

MONOLORD sind hinterher wie gewohnt ein ungleich weniger flotter Dreier, erzeugen aber eine ähnliche Durchschlagskraft, wenn auch mit gröberer Kelle. Wie schon 2016 an gleicher Stelle betreiben die Göteborger mit ihren gleichförmigen Doom-Bandwürmern Klanghypnose, wohingegen sie optisch – Langhaar-Gitarrist/Sänger Thomas in Schwarz mit Flying V, Bass-Glatze Mika im bunten Kaftan – ein uneinheitlicheres Bild abgeben. (as)

Die Japaner MINAMI DEUTSCH, deren Label laut Info Guruguru Brain heißt (echt jetzt?), sind scheinbar große Krautrock-Fans. Die Musik ist weitestgehend instrumental, rockt ganz solide und ist weit weniger anstrengend als die manch anderer Valley-Kapelle. Höflicher Applaus, aber keine Ekstase. Deshalb können WOLFMOTHER nach Herzenslust abräumen. Die Band wirkt spielfreudig und hat auch ein paar Hits im Repertoire, die das Publikum in seiner Gänze mitnehmen. Ein sympathischer und gut gewählter Headliner!

Die Iren GOD IS AN ASTRONAUT gewinnen das Publikum zu später Stunde schnell mit ein paar deutschen Ansagen von Torsten Kinsella, der in Hamburg aufgewachsen ist. Der melancholische, zumeist instrumentale Postrock überzeugt durch satte Dynamiksprünge. Ein starkes Finale des Freak Valley 2019…

…das erstmalig den „WDR-Rockpalast“ zu Gast hat. In der Mediathek des Kölner Senders findet ihre reichlich Interviews, Musik und Abseitiges zum Festival. Wichtiger als die Musik sind in Netphen-Deuz jedoch ohnehin die Einbindung der Werkstätten der Arbeiterwohlfahrt und das angenehme Flair der Veranstaltung. Da darf Freak-Valley-Kultansager Volker Fröhmer nicht fehlen, dessen „Liebe Freunde…“ bei jeder Band stets mit freundlichem Gejohle begrüßt wird. Doch Volker hat gerade eine dreifache Bypass-Operation hinter sich („Mein Arzt hat mir das Leben gerettet“) und ist sichtlich froh, überhaupt auf dem Gelände zu sein. Musik heilt alle Wunden. Wir sehen uns 2020, Freaks! (hs)

Im Siegerland-Spacerock-Universum schwebten Andreas Schiffmann (as) und Holger Stratmann (hs), die Fotos beamten Falk-Hagen Bernshausen (C.O.C., YOB, Wolfmother) und Andreas Schiffmann (Rest) an die Peace Street.

Bands:
THE VINTAGE CARAVAN
WOLFMOTHER
YOB
CORROSION OF CONFORMITY
GOD IS AN ASTRONAUT
HIGH FIGHTER
MONOLORD
BRANT BJORK
PRISTINE
VALLEY OF THE SUN
Autor:
Andreas Schiffmann
Holger Stratmann

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