Interview

Interview 02.09.2022, 12:02

FRAYLE - Interview mit dem Tipp des Monats 09/22

FRAYLE aus Cleveland machen seit einigen Jahren als kreatives Duo zwischen schweren Doom-Riffs und schwebend-entrückten Vocals auf sich aufmerksam. Ihr zweites Album „Skin And Sorrow“ landet in einer musikalischen Nische zwischen Black Sabbath, Portishead, Björk und weiteren Elementen, die gar nicht weiter verglichen werden müssen. Wir sprachen mit Sängerin Gwyn Strang über persönliche Inspirationen und die vielfältige visuelle Seite der Band, die bald als Quartett in Europa touren wird.

Gwyn, 2018 und 2019 schien sich bei FRAYLE alles sehr schnell zu entwickeln. Ihr bekamt einen Plattenvertrag und konntet internationale Shows spielen. Das schaffen viele Bands in vielen Jahren nicht. Wie hat sich die Zeit der anhaltenden Krisen auf eure Pläne seit dem ersten Album „1692“ ausgewirkt?

»Covid hat für viele Bands alles verzögert und aufgehalten. Wir hatten Shows geplant, sie wurden verschoben und schließlich abgesagt. Da wir zuhause unser eigenes Studio haben, konnten wir weiter an unserer Musik arbeiten. Aber es gab auch tragische Dinge die in dieser Zeit passierten, sodass Singen das letzte war, woran ich dachte.«

Um eine Vorstellung von FRAYLEs Bildsprache und Konzept zu bekommen: 1692 war das Jahr der Hexenprozesse in Salem. Menschen die sich für Geschichte, oder die subkulturellen Diskurse in der Gothic-Szene interessieren, kennen das Thema. Wie bist du damit in Berührung gekommen?

»Spirituell war es seit der Kindheit ein Teil meines Lebens. Ich wusste, dass ich anders war und habe mich sogar selbst als Hexe bezeichnet, als ich sehr jung war. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in einer kleinen kanadischen Provinz, passte ich wirklich nicht hinein und versuchte verzweifelt herauszufinden, wer ich bin. Während der High School traf ich einen Jungen, der ein Beatnik war und sein eigenes Ding gemacht hat. Es hat ihn nicht interessiert, dass er anders war als die anderen Menschen. Das hat damals meine Augen geöffnet, dass es total in Ordnung ist anders zu sein.«

Würdest du sagen, dass deine textlichen Inspirationen immer noch davon zehren?

»Meine Inspiration kommt von alltäglichen Dingen. Ich schreibe alles auf, sodass ich besser damit umgehen kann. Ich rede nicht besonders viel. Persönlich habe ich nicht viel davon, mit Freunden über Probleme zu reden, die ich haben könnte. Von den Blicken nach innen und mich da durchzuarbeiten, zehre ich deutlich mehr.«

Ich habe versucht, euren Bandnamen zu interpretieren, der kein reguläres englisches Wort ist. Ist es eine Abwandlung von „frail“ oder dem spanischen Wort „fraile“, das Mönch bedeutet?

»Frayle ist unsere Art frail zu schreiben. Ich fand es sowohl passend zu den Themen über die ich singe, aber auch zu meiner Stimmlage. Wir wollten das Wort auseinanderziehen und in anderer Form wieder zusammensetzen. Für mich wirkt es auf diese Weise stärker.«

Wie können wir uns denEntstehungsprozess von „Skin And Sorrow“ vorstellen? Du sagtest, ihr habt ein eigenes Studio in eurem Haus. Teilt ihr die Aufgaben strikt auf? Ist Sean für Riffs und Schlagzeug zuständig und du für die Texte, Vocals und visuelle Seite?

»Sean (Bilovecky, Songwriting und Gitarre - mes) und ich arbeiten separat an unseren Sachen und machen dann den finalen Mix gemeinsam. Wenn wir uns gegenseitig zu sehr in unsere Parts reinreden, klingt es nicht mehr nach uns selbst.«

Im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Doom-Bands sind die Gitarrenmotive bei euch zwar repetitiv und hypnotisch, aber verlieren sich nicht in 15 Minuten langen Songs, bei denen die Leute einnicken. Stehen euch klassische Bands wie Black Sabbath oder Coven näher?

»Black Sabbath sind für immer eine Inspiration, aber wir mögen auch Sleep, Crowbar, Portishead oder Cranes sehr gern.«

Da ich mich vor einiger Zeit viel mit Dylan Carlson und Earth beschäftigt habe, würde mich deine Meinung zu ihnen interessieren. Die musikalischen Strukturen sind sehr einfach, aber jeder Ton ist wichtig und braucht Zeit zum ausklingen.

»Ich denke, sie sind sehr talentiert und ich respektiere ihre Arbeit.«

Auf Videos und Shows trägst du eine Art Schleier aus Ketten vor dem Gesicht und einen schwarzen Kranz auf dem Kopf. Sind sie ein Symbol für Dinge, die seit Jahrhunderten in Frauen hineininterpretiert werden, und dass sie bis heute um ihr Recht auf Unabhängigkeit kämpfen müssen?

»Ich trage diesen Ketten über meinem Gesicht und eine Krone aus Dornen als eine Repräsentation von Unterdrückung und Schmerz.«

Ihr habt mehrere Videos in der letzten Zeit veröffentlicht. Der visuelle Teil scheint euch also sehr wichtig zu sein. Eins davon ist für den Song 'Bright Eyes' und in drei Abschnitte unterteilt, die sozusagen ineinander übergehen und sich überkreuzen. Im ersten skatet eine junge Frau vor dem Hexenhaus von Salem und dann durch die Straßen zwischen bürgerlichen Häusern. Später sieht man eine andere Frau, wie sie langsam und verträumt durch Manhattan geht. Die dritte Ansicht zeigt euch als performende Band. Erzähl uns gern etwas über das Video! Beide Frauen können mit Profilen als Skaterin oder Gothic-Model auf Instagram gefunden werden.

»Wir fanden, es war ein wichtiges Statement, eine „Gothic“-Rollerskaterin vor dem Haus einer Person fahren zu lassen, die während der Hexenprozesse für den Tod vieler Menschen verantwortlich war. Die Idee für das Video ist, dass wir oft verstecken, was wir fühlen und ein sorgloses Gesicht nach außen kehren.«

Beide Frauen tragen Kopfhörer, während sie durch ihre Städte gleiten. Vielleicht hören Sie dabei diesen Song, der sie zu einer anderen Wahrnehmung der Realität begleitet? Seit vielen Jahren sind wir alle gewohnt, die Erfahrungen unser Welt zu steuern, indem wir uns unter Kopfhörern verstecken, der uns den Soundtrack zu unseren Leben liefert.

»Das Tanzen mit den Kopfhörern steht auch für dieses Symbol, unsere wahren Gefühle vor äußeren Faktoren zu verbergen und einen starken Gesichtsausdruck aufzusetzen.«

Ein weiteres interessantes Video gibt es für den Titeltrack 'Skin And Sorrow'. In diesem läufst du im schwarzen Mantel und Hut gekleidet durch eine trockene Landschaft, während du einen Holzstuhl mitschleppst, wie Django es mit dem Sarg im Kino der 1960er gemacht hat. Sind die Bilder mit dem Text verbunden, die sich mit Tod und Leid zu beschäftigen scheinen, nachdem man einen Menschen verloren hat? Der Kampf mit inneren Fragen, ob etwas verpasst wurde: „Lament the hours not spent, held by a grieving hand, poetry written, not sent.“

»Ich wollte, dass Einsamkeit und Trostlosigkeit im Video klar sichtbar sind. Der Song handelt darüber, jemanden zu verlieren der dir nahe stand und wie du dich dann leer und ausgehöhlt fühlst. Alles was von dir übrig bleibt, ist Haut und Kummer.«

Um dieses Gespräch mit einem leichteren Thema abzuschließen: Bald werdet ihr Konzerte in Europa spielen. Habt ihr schon zuvor Erfahrungen damit gesammelt und sind die beiden Musiker im 'Bright Eyes'-Video Teil eurer Liveband?

»Wir haben schon zwei mal in Europa gespielt und wir werden mit Jason und Jon unterwegs sein, die auch im Video dabei waren. Wir lieben es in Europa zu spielen und ich kann es kaum erwarten! Vielen Dank, dass ihr an uns gedacht habt.«

www.facebook.com/frayleband

https://frayle.bandcamp.com

Bands:
FRAYLE
Autor:
Meredith Schmiedeskamp

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