Classic Albums

Classic Albums 21.09.2011

ANVIL - Forged In Fire (1983)

Es ist beinahe grotesk, dass erst der großartige, tragikomische 2009er Dokumentarfilm „Anvil! The Story Of Anvil“ den beiden Hartwurst-Hippies Lips (v./g.) und Robb Reiner (dr.) die Aufmerksamkeit und den Erfolg beschert hat, der ihnen eigentlich schon gut 25 Jahre zuvor mit dem bahnbrechenden Drittwerk „Forged In Fire“ gebührt hätte.

Wenn man aus berufenem Munde hört, dass die Highlights der Scheibe wie ´Free As The Wind´, ´Butter-Bust Jerky´, ´Motormount´, ´Winged Assassins´, ´Future Wars´ oder der Titelsong der Karriere der Speed-Metal-Pioniere aus dem kanadischen Toronto seinerzeit fast den Garaus gemacht hätten, versteht man die Welt nicht mehr.

»Die „Forged In Fire“-Listening-Session in Toronto gehört zu den deprimierendsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben machen musste. Irgendwie hat keiner der Anwesenden kapiert, was wir mit den Songs bezwecken wollten, weil wir unserer Zeit 20 Jahre voraus waren. So meinten die Leute von unserem Label nur lapidar: „Die Stücke sind viel zu hart, um sie im Radio zu spielen.“ Im Klartext: Nach der Veröffentlichung der Scheibe waren wir unseren Plattendeal los«, klagt ANVIL-Sympathikus Lips (55). »Ein Jahr später wurden dann aber Acts wie Metallica und Slayer unter Vertrag genommen, während wir in der wichtigen Zeitspanne von 1983 bis ´87 ohne Deal dastanden, obwohl unser Manager David Krebs uns überall wie saures Bier angeboten hat. Ironischerweise haben wir mit der Scheibe, die uns fast unsere Karriere gekostet hat, viele andere Bands inspiriert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr Joey DeMaio und Ross The Boss von Manowar beeindruckt waren, als wir ihnen die Songs in einem New Yorker Hotelzimmer vorgespielt haben.«

Produziert wurde das Album seinerzeit von Chris Tsangarides (u.a. Judas Priest, Thin Lizzy, Y&T, Helloween), mit dessen Arbeit die Band damals wie heute nicht zufrieden ist.

»Als Chris nach Kanada kam, war er mental in keiner guten Verfassung, weil ihm John Sykes von Thin Lizzy nach der Produktion von „Thunder And Lightning“ die Freundin ausgespannt hatte. Deshalb konnte er sich nicht richtig auf seine Arbeit konzentrieren. Als wir die Aufnahmen nach ein paar Tagen unterbrechen mussten, um vier Konzerte im Vorprogramm von Aerosmith zu absolvieren, haben wir beschlossen, mit den Recordings noch mal von vorne zu beginnen, weil wir mit dem Sound überhaupt nicht zufrieden waren. Dadurch haben wie eine ganze Woche Zeit verloren, worüber sich unsere Plattenfirma, für die wir eh ein Haufen Loser waren, natürlich alles andere als glücklich zeigte. Allerdings bin ich fast 30 Jahre später nicht sicher, ob das die richtige Entscheidung war. Zumal uns dadurch nur noch drei oder vier Tage blieben, um die Scheibe abzumischen, und ich den neuen Sound eigentlich kaum besser fand. Chris war übrigens aber nicht der Einzige, der damals unter Stress stand. Ich hatte ein paar Wochen davor in England mit einem Chick geschlafen, was meine Freundin leider rausgefunden hat, weil im kanadischen „New Music Express“ ein Foto von mir und dem Mädel war. Dieses Erlebnis hat sich dann im Song ´Make It Up To You´ niedergeschlagen. Darin leiste ich meiner Freundin Abbitte.«

Was nichts an der Tatsache ändert, dass ´Make It Up To You´ der kommerziellste und gleichzeitig schwächste Song der Scheibe ist, der zu allem Unglück auch noch von Gitarrist Dave Allison eingesungen wurde, dessen schwachbrüstige, cheesige Vocals schon bei ´Stop Me´ auf dem Vorgängeralbum „Metal On Metal“ für kollektives Kopfschütteln gesorgt hatten.

»Ich kann mich noch entsinnen, wie sehr Chris gelitten hat, als Allison das Stück im Studio einträllerte, zumal Dave nach jeder Zeile eine Pause eingelegt hat, um zu husten, sich eine neue Kippe anzuzünden oder einen Schluck Kaffee bzw. eine Büchse Bier zu trinken. Letztlich war ´Make It Up To You´ der völlig untaugliche und letztlich auch erfolglose Versuch, wenigstens einen radiokompatiblen Song zu schreiben«, grinst Lips, der Allison, der 1989 bei ANVIL ausstieg, trotzdem nicht gram ist.

»Wir hätten Dave eben nicht ans Mikro lassen sollen. Überhaupt gab´s zwischen uns kein böses Blut. Er hatte einfach keinen Bock mehr aufs Musikbiz. Ab und an telefonieren wir miteinander, und ansonsten ist er mächtig stolz, dass wir mit der Dokumentation endlich Erfolg haben. Auch zu unserem ehemaligen Bassisten Ian Dickson, der noch bis 1993 dabei war, haben wir ein gutes Verhältnis. Als ich vor einigen Jahren meinen 51. Geburtstag gefeiert habe, ist er auf die Bühne gekommen und hat ´Metal On Metal´ und ´Forged In Fire´ mit uns gejammt. Gegen unseren aktuellen Top-Basser Glenn Gyorffy konnte er aber zu keiner Sekunde anstinken. Deshalb wäre eine Show oder gar Tournee im Original-Line-up auch ein Schritt zurück.«

Das gilt aber nicht für neu eingespielte Versionen der „Forged In Fire“-Highlights.

»Wir haben kürzlich ´Winged Assassins´ von „Forged In Fire“, ´666´, ´Mothra´, ´March Of The Crabs´ und ´Metal On Metal´ vom Vorgängeralbum sowie ´School Love´ von unserem Debüt für eine Best-of mit dem Titel „Monuments Of Metal“ neu aufgenommen. Die Scheibe erscheint Ende September bei The End Records aus New York. Neben der neuen Version von ´Winged...´, die großartig klingt, haben wir zwar auch noch ein paar weitere Tracks von „Forged...“ neu eingespielt; weil wir mit dem Resultat nicht hundertprozentig zufrieden waren, haben wir sie aber weggelassen.«

Noch viel unzufriedener sind ANVIL mit dem vertraglichen Status der ersten drei Alben. Obwohl Attic, das ursprüngliche Label der Dopeheads, längst Geschichte ist, sind die Rechte an dem Album nie an Lips und Robb zurückgefallen.

»Unidisc Music aus Montreal haben die Rechte an den Platten erworben, als Attic pleite gegangen ist. Deshalb sind die Scheiben überall nur als Kanada-Import erhältlich, obwohl es etliche Labels in aller Herren Länder gibt, die „Forged In Fire“, „Metal On Metal“ und „Hard´n´Heavy“ liebend gerne lizenzieren würden. Als das vor zehn Jahren passiert ist, haben wir kurz überlegt, ob wir vor Gericht gehen, aber dafür hätten wir ein ganzes Team an Rechtsanwälten benötigt, und dafür fehlte uns damals schlichtweg die nötige Kohle. Außerdem war nicht sicher, dass wir den Prozess gewonnen hätten, weil solche Knebelverträge früher leider Usus waren bzw. wohl rechtens sind. Leider stellen sich Unidisc blöd, wenn wir sie auf das Thema Lizenzierungen ansprechen, und wenn wir den einen oder anderen alten Track für einen Sampler wollen, ist das jedes Mal ein Riesenakt.«

www.myspace.com/anvilmetal

Das Line-up auf „Forged In Fire“:

  • Steve „Lips“ Kudlow (v./g.)
  • Dave Allison (g./v.)
  • Ian Dickson (b.)
  • Robb Reiner (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

  • Songs: 10
  • Spielzeit: 39:18
  • Produzent: Chris Tsangarides
  • Studio: Phase One Studios, Toronto

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Hard´n´Heavy (1981)
Metal On Metal (1982)
Forged In Fire (1983)
Strength Of Steel (1987)
Pound For Pound (1988)
Worth The Weight (1991)
Plugged In Permanent (1996)
Absolutely No Alternative (1997)
Speed Of Sound (1998)
Plenty Of Power (2001)
Still Going Strong (2002)
Back To Basics (2004)
This Is Thirteen (2007)
Juggernaut Of Justice (2011)

Bands:
ANVIL
Autor:
Buffo Schnädelbach

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