Kolumne

Kolumne 27.04.2022, 08:00

FIRST CONTACT

MY DYING BRIDE im Haus des Jägers

Manchmal denke ich, das Anwesen geträumt zu haben. Diese Mischung aus Herbstkrimi, Henning Mankell und Stephen King. In einem Zwinger bellten die Hunde. Jagdhunde, richtige Killer. Hunde – so vereinbarte ich es mit meinem Gewissen –, die man in einen Zwinger stecken musste, weil sie sonst die Gäste gerissen hätten, die zu Jockels Haus kamen. Das Haus eines Jägers – oder besser gesagt: eines Jägersohns. Jockel trug wirklich gern Jagdklamotten, Hüte mit Feder, Westen aus Filz mit Bordüren, aber darunter T-Shirts von Morbid Angel, Slayer, Obituary oder Marduk.

Wir trafen uns zu Oberstufenzeiten – also in den Jahren, wo das mit dem Saufen am härtesten beginnt – selten dort. Das Haus stand halt weit draußen. Die Party verteilte sich auf die rustikale Wohnküche, Jockels Zimmer unterm Dach und alle Wege dazwischen. Hin und wieder ging ich raus, um frische Luft zu schnappen, weil drinnen alle rauchten, und sog die würzige, unsagbar gute Waldluft mit Fichte, Kiefer und Unterholz aller Art ein, während die Jagdhunde im Zwinger mit den Pfoten scharrten.

In der Wohnküche spielten sie Indie und Noise Rock. Der angehende Anwalt Jan hatte zum Beispiel Helmets „Betty“ mitgebracht, und ich weiß noch, dass mir dieser karge Sound gefiel, vor allem in Verbindung mit dem Artwork, einer Frau mit Blumenkorb. Cover, die einen Kontrapunkt zur Musik setzen oder Fragen aufwerfen, faszinieren mich schon immer. An den Covern der Death-, Thrash- und Black-Metal-Acts oben in Jockels Zimmer war alles eindeutig. „Sie sind einfach die Allerbesten“, betonte er bezüglich Morbid Angels „Domination“, auf dem ein Pentagramm mit umgedrehtem Kreuz zwischen den aufragenden Steinsäulen der Hölle abgebildet ist.

Gegen drei Uhr morgens allerdings, als wir uns oben schlafen legten – den Kater vom Wodka spürte ich schon kommen –, ließ Jockel „The Angel And The Dark River“ von MY DYING BRIDE „zum Einschlafen“ laufen. Dieses Cover sah ganz anders aus, und aus den Boxen tönten doomige Riffs, ein melodisch perlendes Gothic-Piano sowie eine tiefe, dramatische Stimme, die auch dem Dark Wave der Achtziger gut gestanden hätte. Da war sie plötzlich, die Musik, die zu dem Wald dort draußen passte, zum Duft der Kiefern und zum Nebelmond über dem Dachfenster. Ich hörte noch lange zu, bevor ich einschlief, und weiß, dass in jener Nacht meine Liebe zu allen dunkel romantischen Waldgebieten geweckt wurde, die sich zwischen Doom, Sludge, Neofolk, Post Metal oder Blackgaze erstrecken.

Autor:
Oliver Uschmann

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