Classic Albums

Classic Albums 16.03.2011

FIFTH ANGEL - Fifth Angel (1986)

Bevor Seattle das Epizentrum des Grunge wurde, war die Metropole im Nordwesten der Vereinigten Staaten die Heimat von hochklassigen Acts wie Queensryche, Heir Apparent, Culprit, Metal Church, Q5 sowie FIFTH ANGEL. Letztere brachten es leider nur zu zwei Veröffentlichungen; die hatten es allerdings in sich. Zudem konnte die Band letztes Jahr beim KIT als Headliner begeistern. Willkommen zu einer Zeitreise mit Gitarrist Ed Archer!

Ed, was sind deine ersten Assoziationen, wenn du an euer Debüt denkst?

»Da war ich ein junger Mann, der das Leben noch vor sich hatte. Die Musik spielte damals eine ganz wichtige Rolle für mich. Wir wollten mit unserer Musik unseren Gefühlen Ausdruck verleihen und andere begeistern. Ich erinnere mich noch, wie wir mitten in den Aufnahmen steckten und jemand mit den Demos von Green River und Soundgarden ankam. Niemand von uns konnte ahnen, dass dieser Sound der nächste große Trend werden sollte.«

Wie verlief die Arbeit mit eurem Produzenten Terry Date?

»Das war eine klasse Erfahrung - vor allem, wenn man betrachtet, dass Terry seine großen Erfolge als Produzent erst danach hatte. Er war damals der Haupttechniker des Studios, in dem wir aufnahmen, und so war klar, dass er uns unterstützen würde. Er war eigentlich aber nicht der Produzent, sondern nur der Engineer. Weil er aber als Produzent aufgeführt werden wollte, besorgte er uns nachts kostenlose Zeit im Studio und stieg so zum Produzenten auf. Wir haben den Kontakt auch über die Jahre gehalten. Neulich erzählte er mir, dass ihm die Arbeit mit uns in bester Erinnerung geblieben ist. Die Aufnahmen selber erfolgten in zwei Phasen. Die erste Phase bestand darin, dass wir ein Fünf-Song-Demo aufnahmen, mit dem wir auch unseren Deal mit Shrapnel erhielten. Erst danach nahmen wir die restlichen Songs als neue Nummern im selben Studio auf.«

Wie kam es dazu, dass das Album von Epic 1988 in den Staaten noch mal veröffentlicht wurde?  

»Mit der Wiederveröffentlichung des Debüts hatten wir eigentlich recht wenig zu tun. Das war eine wirtschaftliche Entscheidung von Epic. Weil das Album bereits fertig produziert war, gab es von der Promotion abgesehen keine Kosten für das Label. So war die Wiederveröffentlichung eine reizvolle Sache. Für uns war das auch interessant, denn so bekam das Album noch mal die Aufmerksamkeit, die es verdiente, und wir hatten zusätzlich Zeit, Songs für den Nachfolger zu schreiben.«

Was hat es mit dem Cover auf sich?

»Das ursprüngliche Cover der Shrapnel- und Roadrunner-Pressung zeigt die Geschichte vom fünften Engel aus dem Buch der Offenbarung. Man sieht den Engel unten rechts, und er hält den Schlüssel zum Schlund des Abgrunds. Gezeichnet hat es ein lokaler Künstler aus Seattle nach unseren Vorgaben. Das Cover der Wiederveröffentlichung war eine Entscheidung von Epic. Ihre Vorgabe mit dem Kerl und der Krone fand aber unsere Zustimmung, und so hatte das Album letztlich zwei Cover.«

Was ist dein Lieblingssong auf dem Album?

»Eine schwierige Frage, weil mein Favorit im Laufe der Jahre ständig gewechselt hat. Derzeit ist es ´Cry Out The Fools´. Als ich die Songs für unseren Auftritt beim KIT neu lernen musste, habe ich dieses Lied wiederentdeckt. Hier passt alles: interessantes Gitarrenspiel, ein packender Chorus, Interaktion mit den anderen Instrumenten und dem Gesang. Als der Song bei den Proben in meinem Keller saß, wussten wir, dass der Auftritt beim KIT klappen würde.«

Wie würdest du euren Stil mit vielen Jahren Abstand beschreiben?

»Auch wenn die Begriffe belastet sind, würde ich das Material als „gotisch" und „apokalyptisch" bezeichnen. Natürlich ist es für die damalige Zeit klassischer Heavy Metal, und wir machten uns keine Gedanken über eine besondere Unterkategorie. Neulich sprach ich mit Neil Kernon, einer anderen Produzentenlegende, der unser altes Material als „Traditional Metal" bezeichnete. Und damit liegt er wohl ganz gut. Darüber hinaus war unsere Musik etwas progressiv, und auch bei den Gitarren-Arrangements haben wir uns von anderen Bands unterschieden. Letztlich ging es uns darum, etwas Eigenständiges zu erschaffen. Eine Art FIFTH ANGEL-Musik.«

Der LP waren keine Lyrics beigefügt. Worum ging es in den Texten?

»Dass die Texte fehlten, war schade und ärgerlich. Warum das so war, weiß ich auch nicht, aber ich glaube, die Labels wollten Kosten sparen. Aber zumindest die Epic-Neuveröffentlichung hatte eine Textbeilage. Das Album war letztlich eine Sammlung von Storys, die durch die Kombination von Lyrics und Musik stimmig wirken soll. Dabei geht´s in den Nummern vor allem um die Apokalypse, den Weltuntergang und die menschliche Natur.«

Queensryche waren zu der Zeit auf der Erfolgsleiter schon etwas höher. Wie groß war der Einfluss der Band auf euch?

»Der Einfluss, den Queensryche auf uns hatten, bezog sich in erster Linie auf ihre Professionalität und ihre Herangehensweise. Anstatt jeden möglichen Gig zu spielen und Party zu machen, konzentrierten sie sich darauf, ausgefeilte Songs zu schreiben und sich weiterzuentwickeln. Musikalisch war ihr Einfluss aber nicht so groß, wie man denken könnte. Die Szene in Seattle war damals recht überschaubar. Wir kannten uns natürlich und tauschten uns aus. Zudem hatten einige Mitglieder beider Bands schon zusammen in anderen Combos gespielt.«  

Wie würdest du das Album mit dem Nachfolger „Time Will Tell" vergleichen?

»„Time Will Tell" unterscheidet sich stark vom ersten Album. Das Debüt ist heavier, dunkler und ernsthafter. Jetzt, wo wir an einem neuen Album arbeiten, orientieren wir uns stärker am Debüt, und ich glaube, wir bekommen diese Vibes auch wieder hin.«

Was empfindest du beim Blick aufs Backcover?

»Daran merkt man erst, wie sich die Zeit geändert hat. Damals war das Outfit enorm wichtig. Die mächtigen Haare, die Lederhosen, die Accessoires, das gesamte Auftreten der Band. Wer uns heute sieht, weiß, dass uns das mittlerweile nichts mehr bedeutet. Wir sind froh, dass die Musik mittlerweile im Vordergrund steht und es egal ist, ob die Haare lang, kurz, rasiert oder wie auch immer sind. Der Blick aufs Cover erinnert mich aber daran, wie jung und gutaussehend ich einmal war (lacht). Weil es vom Album unterschiedliche Pressungen gab, fiel das Backcover auch unterschiedlich aus. Am interessantesten ist die Bandzusammensetzung auf dem Bild der Shrapnel/Roadrunner-Pressung. Wir hatten zu dem Zeitpunkt keinen festen Basser, also nahmen wir unseren Roadie Kenny mit aufs Bild, um als Fünf-Mann-Band zu wirken. Dabei spielte ich den Hauptteil der Bassaufnahmen auf dem Album.«

Gibt es noch etwas Interessantes über das Album zu erfahren?

»Unser Studio hatte mehrere Aufnahmeräume. Zeitgleich mit uns nahmen dort Metal Church und Uncle Sam auf. Deren Keyboarder Ron Stokes half bei uns aus. Niemand spielt die Keyboards wie er - und das mit einem kaputten Finger. Außerdem spielte Randy Hansen, die Jimi-Hendrix-Inkarnation, die anderen Bassparts neben mir ein.«

Stimmt es, dass der Auftritt beim KIT eure Bühnenpremiere war?

»Ja, das stimmt. Es war unser erstes und bisher letztes Konzert. Seltsam, oder? Bühnenerfahrung haben wir alle nur mit anderen Bands zuvor gesammelt; ich selbst war schon mit 15 Jahren mit einer Coverband viel unterwegs. Ähnlich wie Queensryche wollten wir uns zunächst aufs Songwriting konzentrieren und erst nach dem Album touren. Leider klappte das dann nicht. Schuld war natürlich auch die aufkommende Grunge-Welle. Obwohl es seit 2006 Anfragen gab, hat die Band bis zu meiner Rückkehr und bis zum KIT gewartet. Letztlich war es dann ein ganz besonderer Auftritt, und auch dieser Vulkan aus Island konnte die erste Show der Band nicht verhindern.«

www.myspace.com/fifthangelofficial

Das Line-up auf „Fifth Angel":

Ted Pilot (v.) 
Ed Archer (g./b.)
James Byrd (g.) 
Ken Mary (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

Produzent: Terry Date 
Cover: Guy Aitchison 
Spielzeit: 37:27 
Songs: 9

DISKOGRAFIE

Fifth Angel (1986)
Time Will Tell (1989)

Bands:
FIFTH ANGEL
Autor:
Wolfram Küper

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos