Schwatzkasten

Schwatzkasten 26.04.2017

MOONSPELL - FERNANDO RIBEIRO

Am Mittag nach dem großen Jubiläumskonzert, bei dem MOONSPELL ihr 25-jähriges Bestehen vor 4.000 Fans gefeiert haben, treffen wir FERNANDO RIBEIRO in einem Lissabonner Nobelhotel. Bei Fisch und Vinho Verde beantwortet er gewohnt wasserfallartig unsere „Schwatzkasten“-Fragen.

Fernando, wo bist du geboren und aufgewachsen?

»Ich wurde in Lissabon geboren. Aufgewachsen bin ich in einem der Vororte, in Brandao, um genau zu sein. In Lissabon zu leben, konnten sich meine Eltern nicht leisten.«

Warst du in der Schule ein ruhiges Kind, oder hast du zu den Troublemakern gehört?

»Vor allem war ich ein guter Schüler. Natürlich habe ich auch mal ein bisschen Ärger gemacht, aber ich bin gerne zur Schule gegangen. Ich habe also gerne gelernt, und ich mochte meine Lehrer, doch wenn es die Möglichkeit gab, sich danebenzubenehmen, habe ich auch nicht nein gesagt. Aber das gehört ja auch dazu.«

Was war der schlimmste Job, den du je hattest?

»Ich habe ziemlich viele Jobs gehabt. Einmal musste ich auf Kinder am Strand aufpassen, das hat Spaß gemacht. In Portugal dauerten die Sommerferien damals drei Monate. Die Eltern, die arbeiten mussten, schickten ihre Kinder an den Strand, und ich habe dann auf sie aufgepasst. Das war eine coole Sache. Der schlimmste Job war, als ich mich entschloss, eine Teilzeitstelle anzunehmen, um mehr Geld für die Band und für mich zu haben. Ich habe dann Leute auf der Straße befragt, ob sie Wasch- oder Spülmaschinen besitzen. Das war ungefähr vor 20 Jahren, und zu der Zeit hatte natürlich schon fast jeder eine Waschmaschine. Das lief im Auftrag von Philips bzw. Whirlpool. Ich habe den Job nach nur einem Nachmittag geschmissen. Mein bester Job war und ist die Band.«

Gab es einen Punkt, an dem dir klar wurde, dass du als Musiker deinen Lebensunterhalt verdienen wirst?


»Das kam ganz von alleine 1997 bzw. 1998. Da haben wir viel getourt, um „Irreligious“ und „Sin/Pecado“ zu promoten. Wir sahen uns nach wie vor als Underground-Band, die das Glück hat, im Ausland spielen zu können. Aber wir hatten plötzlich keine Zeit mehr, um weiter zu studieren oder Jobs für Philips/Whirlpool zu machen. Ich habe auch nicht davon geträumt, professioneller Musiker oder sogar Rockstar zu sein. Ich studierte zu der Zeit Philosophie und wollte Lehrer werden. Doch dann kam es eben, wie es kam. Wir haben zwar auch viel dafür getan, aber es hätte auch genauso gut anders laufen können.«

Hast du dein Studium beendet?

»Nein. Aber immerhin wurde ich als Gast eingeladen, als meine Uni ihr 100-jähriges Bestehen feierte. Ich war mit meinem Studium fast fertig. Doch wenn ich noch mal an die Uni gehen würde, was ein ziemlich cooles Projekt wäre, wenn ich mal älter bin, würde ich vermutlich portugiesische Literatur studieren. Es ist nicht so, dass ich alles über Philosophie wüsste, aber ich hatte damals sechs intensive Jahre an der Uni, und seitdem habe ich mich durchgehend damit beschäftigt. Ich habe immer ein philosophisches Buch dabei. Momentan lese ich zum Beispiel Hannah Arendt.«

Demzufolge würdest du dich sicher als politisch interessierten Menschen bezeichnen?

»Nicht im Kontext der Band, das trenne ich. Andererseits finde ich aber auch nicht, dass Musiker nur Entertainer sein sollten, obwohl es davon in der Gothic- und Metal-Szene viele gibt. Ich bin der Meinung, dass man heutzutage eigentlich nicht die Wahl hat, politisch zu sein oder nicht. Politik betrifft alles, und oft ist Politik korrupt in dem Sinne, dass sie ihrer Aufgabe, in der Gesellschaft für einen Ausgleich der Interessen zu sorgen, nicht mehr gerecht wird. Es gibt außerdem nicht wenige Regierungschefs, die nicht gewählt wurden. Trump hätte nach der Anzahl der Stimmen verloren. Die britische Premierministerin Theresa May kam ebenfalls nicht durch eine Wahl ins Amt. Also ja, ich bin wohl ein politischer Mensch geworden. Man muss sich einfach informieren, um einen Standpunkt zu haben und den auch verteidigen zu können. Die Sache mit Trump ist zum Beispiel ziemlich schwierig für mich zu akzeptieren. Ich weiß nicht, ob wir momentan Probleme hätten, in die USA einzureisen. Aber ich muss ganz klar sagen, dass ich derzeit überhaupt keine Lust habe, in den USA zu touren. So, wie Trump agiert, könnte Portugal bald auch von einem Einreisestopp betroffen sein, wenn dem dummen weißen Mann im Oval Office irgendetwas nicht in den Kram passt. Es macht mir einfach Angst, wie der gesunde Menschenverstand immer weiter zurückgedrängt wird. Wir sollten nicht eine Verrücktheit nach der anderen akzeptieren. Sonst machen Leute wie Trump und Putin nur noch, was sie wollen. Und die Hoffnung, dass sich Trump als Präsident mäßigt, muss man nach den ersten Wochen im Amt auch nicht mehr hegen. Es ist alles so abgefuckt. Wir schreiben das Jahr 2017 und reden über das Errichten von Mauern – das kann doch alles nicht wahr sein.«

Zurück zu leichteren Themen. Kannst du dich an deinen ersten Gig erinnern?

»Ja, sehr gut sogar, denn er hat im Grunde alles definiert, wofür MOONSPELL stehen. Der Auftritt lief gut, und am Ende bekamen wir auch Applaus. Er fand in einem Vorort in einer schwierigen Gegend statt, wo sich Dealer und andere zwielichtige Gestalten rumtrieben. Portugal war Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger ein raues Pflaster. Eigentlich wollten wir nie live spielen, weil wir dachten, man würde unsere theatralische Herangehensweise in Portugal nicht verstehen. Aber dann sagten wir doch zu, weil man uns eine große P.A., viel Licht und eine Nebelmaschine versprach. Aber am Tag vorher war nichts davon zu sehen. Also rief ich eine P.A.-Verleihfirma an, damit die Show stattfinden konnte. Andere Bands hier in Portugal hätten sich davon vielleicht entmutigen lassen, aber da zeigte sich schon unsere Do-it-yourself-Attitüde.«

Wie viele Leute kamen denn zu eurem ersten Gig?

»So zwischen 120 und 150. Das waren natürlich hauptsächlich Freunde und Bekannte, aber auch einige, die neugierig waren. Wir fielen damals mit unserer Musik und unserer Show ein bisschen aus dem Rahmen. Es kommt heute auch noch manchmal vor, dass nur 150 Leute zu einer Show erscheinen. Leider können wir nicht jeden Tag vor 4.000 Leuten spielen. Aber vielleicht ist das auch nicht so schlecht. Es erinnert einen daran, dass es in der Musik immer auf und ab geht. Manchmal geht es auf der Karriereleiter nach oben, dann mal wieder nach unten, das war uns immer bewusst. Nach einer Show wie gestern fragen mich die Leute oft, ob ich mich jetzt großartig fühle, und natürlich habe ich es genossen und fühle mich gut. Aber es fühlt sich jetzt auch nicht so extrem speziell an. Es war eine gute Show und das Ergebnis von harter Arbeit im Team – ein spezieller Moment, doch jetzt haben wir schon wieder die nächsten Aufgaben vor Augen. Ich glaube, es ist nicht gut, wenn man zu sehr von sich selbst beeindruckt ist.«

Würde man dich erkennen, wenn du hier durch Lissabon läufst?

»Ja, definitiv.«

Stört es dich, oder freust du dich darüber und genießt es?

»Wie jeder andere auch würde ich es natürlich bevorzugen, wenn ich einfach in Ruhe mein Ding machen könnte. Aber es kommt auch darauf an, wie man mir begegnet. Wenn Leute blöde Sprüche machen oder mich an den Haaren ziehen, was schon vorgekommen ist, sage ich ihnen natürlich, dass sie sich verpissen sollen. Doch meistens sind die Leute cool, und dann unterhalte ich mich selbstverständlich auch gerne mit ihnen. Normalerweise muss mich dann meine Frau zum Weitergehen drängen. Aber natürlich möchte ich auch manchmal meine Ruhe haben, wer will das nicht? Meine Frau ist die Sängerin einer der größten Popbands hier in Portugal, das macht es natürlich nicht gerade einfacher, wenn wir mal ausgehen wollen. Doch glücklicherweise bleiben wir heutzutage eh meist lieber zu Hause.«

Macht es dich stolz, dass du es mit MOONSPELL zu internationalem Erfolg gebracht hast?

»Ja, natürlich. Am stolzesten macht mich allerdings, dass wir den Weg für viele nach uns geebnet haben. Als ich meinen Eltern damals sagte, dass wir mit MOONSPELL auf Tour gehen und ich aufhören würde zu studieren, war das eine wirklich harte Sache. Meine Eltern konnten das nicht verstehen. Sie gehörten zu der Generation, die nach Lissabon gezogen ist und darauf hoffte, dass ihre Kinder ein besseres Leben haben und vielleicht Anwälte oder Ärzte werden würden. Und dann wollte ich plötzlich Metal-Musiker werden. Durch unseren Erfolg haben es die Nachwuchsmusiker heute leichter. Sie haben uns als Beispiel und können sagen, dass sie Musiker werden wollen und dass es möglich ist.«

Gibt es eine Musikrichtung, die du überhaupt nicht leiden kannst?

»Ich konnte HipHop und Reggae nicht leiden, bis ich in Jamaika war und mir einige Dokus darüber angeschaut habe. Dadurch habe ich ein gewisses Verständnis dafür entwickelt. Beide Genres besitzen eine Geschichte, die der des Rock und Metal nicht ganz unähnlich ist. Was ich bis heute am meisten verachte, ist Indierock. Musikalisch ist das meistens recht dünn, und trotzdem wird ein Hype darum gemacht, als wäre es die beste Musik der Welt. Zudem schwingt da immer so eine gewisse moralische Überlegenheit mit. Dabei ist eine Band wie Iron Maiden in jeder Hinsicht so viel besser als zum Beispiel die Arctic Monkeys.«

Bevorzugst du Vinyl, CDs oder mp3s?

»CDs, auch wenn ich eine gute Vinyl-Sammlung besitze und mir gerade erst Platten von Led Zeppelin gekauft habe. Aber ich gehöre zu der Generation, die mit Vinyl aufgewachsen ist und froh war, als mit der CD ein Format kam, das besser klang und vor allem für Metal geeigneter ist, weil die tiefen Frequenzen nicht abgeschnitten werden. Ich besitze auch mehr CDs als LPs.«

Was ist das seltsamste oder lustigste Gerücht, das du über dich gehört hast?

»Tod, Homosexualität, Kommunismus (lacht). Als mein Sohn geboren wurde, hat jemand eine Fake-Seite auf Facebook erstellt und da Bilder von meinem Sohn gepostet. Das war natürlich weniger lustig. Ich habe sofort die Polizei informiert, und dann hatte sich das bald erledigt. Daher meide ich auch die sozialen Medien und habe bei Facebook nur ein Künstlerprofil.«

Hattest du schon mal einen Fan, der dich gestalkt hat?

»Das gibt es nach wie vor. Früher war das manchmal ganz lustig. Eine Zeit lang haben wir Rosen, Räucherstäbchen und Hexenkram an unseren Autos gefunden, wenn wir mit der Probe fertig waren. Heute passiert das eher online. Es gibt da einen, der mir immer schreibt und wohl schwul ist, womit ich kein Problem habe. Er bleibt aber anonym, und das ist wahrscheinlich der Kick für ihn. Ich finde das lustig, denke mir aber, wenn jemand was zu sagen hat, soll er auch sein Gesicht zeigen und dazu stehen.«

Warst du jemals im Gefängnis?

»Nein. Ich hatte nie Probleme mit der Polizei, manchmal fragen die sogar nach einem Autogramm.«

Welche drei Alben würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

»„Bloody Kisses“ von Type 0 Negative, „Mothership“ von Led Zeppelin und „Twilight Of The Gods” von Bathory.«

Was würdest du tun, wenn du Premierminister von Portugal wärst?

»Wow, einiges. Wobei ich mit der jetzigen Regierung zufriedener bin als mit der vorherigen. Ein Punkt wäre jedenfalls, dass die Sozialversicherungsbeiträge an das tatsächliche Einkommen gekoppelt sein sollten, anstatt durch eine regelmäßige Steuer erhoben zu werden. Als Musiker hat man ein unregelmäßiges Einkommen, muss aber trotzdem jeden Monat die Abgaben zahlen, auch wenn man in dem Monat keine Einnahmen hatte. Außerdem sollte mehr von den Steuergeldern in die Förderung der Künste fließen. Und Marihuana sollte legalisiert werden. Es wird zwar jetzt schon sehr liberal gehandhabt, und man kommt nicht wegen des Besitzes ins Gefängnis. Aber eine Legalisierung würde sicherlich unsere Wirtschaft ankurbeln.«

Wo hast du deinen letzten Urlaub verbracht?

»Mit meiner Frau in Leipzig auf dem Wave Gotik Treffen. Wir haben da mit MOONSPELL gespielt und sind dann die ganze Woche dageblieben. Den letzten Familienurlaub haben wir im Norden Portugals verbracht.«

Hast du eine To-do-Liste von Dingen, die du noch tun oder erreichen willst?

»Ich habe für jeden Tag eine To-do-Liste, damit ich nichts vergesse (lacht). Aber ansonsten eher nicht. MOONSPELL gibt es jetzt seit 25 Jahren, und wir haben mehr erreicht, als wir uns am Anfang vorstellen konnten. Wenn wir morgen aufhören würden, könnten wir mit dem Erreichten sehr zufrieden sein. Wir haben auch nicht das Ziel, die nächsten Metallica oder auch nur die nächsten Sabaton zu werden. Das würde eh nicht funktionieren, weil wir ganz andere Musik machen und als Band auch anders funktionieren. Was uns immer noch begeistert, ist, neue Musik zu erschaffen. Das ist das, was uns zusammenhält, viel mehr als die Konzerte oder das Geld, das wir verdienen. Wir versuchen uns dabei auch immer wieder selbst zu überraschen. Abwechslung ist ganz wichtig. Deswegen treffen wir manchmal Entscheidungen, die vielleicht in kommerzieller Hinsicht nicht die besten sind. Aber wir müssen uns damit wohlfühlen. Wir könnten es nicht ertragen, uns immer an ein bestimmtes Schema zu halten.«

Als was würdest du arbeiten, wenn du kein professioneller Musiker wärst?

»Dann wäre ich Lehrer geworden. Ich mochte die meisten meiner Lehrer, wobei es natürlich auch welche gab, die ihren Job nicht beherrschten. Schlechte Lehrer sind fatal, denn als Pädagoge hat man einen prägenden Einfluss auf seine Schüler. Zwei meiner Lehrer förderten zum Beispiel meine Kreativität, was mich später ermutigte, Künstler zu werden. Ricardo (Amorim, g. - ses) und ich sind auch schon öfter in Schulen aufgetreten. Auch in meiner alten Schule, und das war besonders cool, weil das Lehrerzimmer sozusagen unser Backstage-Raum war. Früher ist man da ja nur reingekommen, wenn man was angestellt hatte (lacht). Wenn man mich fragt und ich die Zeit dazu habe, mache ich so was sehr gern. Momentan gebe ich einen Kurs in Music Production an einer privaten Hochschule in Lissabon. Da geht es um alles, was mit dem Musikmachen zu tun hat: Komposition, Texte schreiben, Produktion und Marketing.«

Hast du eine musikalische Ausbildung?

»Nein, ich habe mir alles selbst beigebracht. Ich wollte eigentlich auch gar kein Sänger sein, doch damals konnte ich ein bisschen besser Englisch als die anderen, und meine Texte waren wohl ganz okay. Und damals waren alle der Meinung, dass derjenige, der die Texte schreibt, auch der Sänger sein muss. Bis dahin hatte ich Gitarre und auch ein bisschen Schlagzeug gespielt. Aber dann habe ich mich breitschlagen lassen, wofür ich mich im Nachhinein eigentlich bedanken müsste (lacht). Später nahm ich dann ein paar Gesangsstunden, aber das meiste habe ich mir selbst beigebracht.«

www.theportuguesewolf.com (Fernandos Blog)

Diskografie (Moonspell-Studioalben)

Wolfheart (1995)
Irreligious (1996)
Sin/Pecado (1998)
The Butterfly Effect (1999)
Darkness And Hope (2001)
The Antidote (2003)
Memorial (2006)
Night Eternal (2008)
Alpha Noir/Omega White (2012)
Extinct (2015)

Pic: Holger Stratmann

Bands:
MOONSPELL
Autor:
Sebastian Schilling

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