Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 21.03.2018

METAL CHURCH , MESHUGGAH , KORPIKLAANI , EXODUS , BENEDICTION , IN EXTREMO , SABATON , CANNIBAL CORPSE , INSOMNIUM , SEPULTURA , ENSLAVED , DESTRUCTION , BATTLE BEAST , KREATOR - Essener Thrash im karibischen Himmel

Runde acht für eines der außergewöhnlichsten Festivals, das der jährliche Veranstaltungszirkus zu bieten hat. Erneut sticht das schwimmende Heavy-Event „70000 Tons Of Metal“ auf dem Kreuzfahrtschiff „Independence Of The Seas“ in See, um mit 3.000 Metallern im Alter von einem bis 79 Jahren aus über 75 Nationen vier Tage lang ab Florida durch die Karibik zu schippern, während in Deutschland fröstelig-feuchtes Winterwetter herrscht. Ebenfalls an Bord des mondänen Kutters sind 61 Bands, angeführt von den Headlinern KREATOR, IN EXTREMO, SAMAEL, EXODUS, SABATON, CANNIBAL CORPSE und MESHUGGAH.

Logbuch: Mittwoch, 31. Januar, Miami South Beach

Schon im Flieger nach Miami erkennt man sich und grinst sich an. In den Tagen vor der Reise sitzen mehr Kuttenträger und schwarz Gekleidete als sonst zwischen Normalo-Urlaubern und Geschäftsleuten im Flieger, genießen die ersten Bierchen und verabreden sich für die Warm-up-Party am Strand von Miami Beach. Dort versammelt sich am Nachmittag vor dem Ablegen des Schiffs ein riesiger, multinationaler, in diversen Sprachen plaudernder schwarzer Pulk von rund 1.000 Metallern, die ihr jährliches Wiedersehen in warmen Gefilden feiern. Deutschland ist die am zweitstärksten vertretene Nation auf der Kreuzfahrt, aber auch Metalheads aus u.a. Ägypten, Kuba, Syrien, Israel, Saudi-Arabien, Südafrika, dem Iran, Russland, Indien, Australien, Singapur und Brasilien sind an Bord. Veranstalter Andy Piller ist zu Recht stolz auf seine schwimmenden „United Nations of Metal“.

Logbuch: Donnerstag, 1. Februar, Port Everglades, Fort Lauderdale

„Dresscode of the day: Metal“, verkündet der „Cruise Compass“, der täglich in den Schiffskabinen hinterlegte Zettel, auf dem die aktuelle Running Order ebenso zu finden ist wie Wettervorhersagen, Autogrammstunden-Zeiten und der Drink des Tages. Einen anderen Look gibt es auf dem Schiff auch nicht zu sehen. Metal dröhnt allgegenwärtig aus den Lautsprechern in den Gängen, am Büfett und auf den Toiletten, und im Hauptrestaurant gibt es einen riesigen „70000 Tons Of Metal“-Kuchen zu naschen. Die Kreuzfahrt-Teilnehmer wuseln durch das Schiff, und dazwischen sieht man an allen Ecken Musiker, die sich unter das Cruise-Volk mischen. Einen Backstage-Bereich für Künstler gibt es hier nicht – auf dem Schiff sitzen wortwörtlich alle im selben Boot. Und die Musiker müssen sich unter Umständen auch mit den gleichen „Problemen“ wie die Fans rumschlagen. So erzählt KREATOR-Bassist Speesy, wie er auf seiner letzten Kreuzfahrt ständig die Zimmernummer vergaß und sich verlief, weswegen ihm vom Veranstalter diesmal vorausschauend eine Zimmernummer mit leicht zu merkender Zahlenfolge verpasst wurde.
Ein besonderer Moment der Reise ist stets das Auslaufen aus dem Hafen, das sich auch die Jungs von IN EXTREMO, MESHUGGAH, METAL CHURCH sowie Mikael Stanne von DARK TRANQUILLITY und Dr. Pest von DIE APOKALYPTISCHEN REITER, der eifrig Fotos schießt, nicht entgehen lassen. Im Abendlicht verlässt die „Independence Of The Seas“ Fort Lauderdale, während im Schiffsbauch die ersten Konzerte beginnen. Vom Postkarten-Szenario mit untergehender Sonne auf dem Pool-Deck geht es ein paar Treppen hinab zum Alhambra Theater, in dem SWALLOW THE SUN die erste ihrer drei Shows spielen, bei denen sie jeweils einen Teil ihrer aktuellen Veröffentlichung „Songs From The North I, II & III“ mit vier- bis sechsköpfigem Orchester performen. Während sich Pat O´Brien von CANNIBAL CORPSE neben mir sitzend ebenfalls ein paar Lieder der Finnen anhört, steht sein Bandkollege Corpsegrinder von Fans umringt vor dem Studio B – einer zur Konzert-Venue umgebauten Schlittschuh-Halle – und genießt den Plausch mit den Cruise-Teilnehmern. Wenige Meter weiter zocken INSOMNIUM einen geilen Gig vor voller Hütte, bei dem laute „He! He! He!“-Rufe durch die Luft schallen. Auf dem Weg zu ENSLAVED läuft mir Schmier von DESTRUCTION über den Weg, bei dessen Auftritt plötzlich der Gitarrentechniker der Band verschwunden war. Des Rätsels Lösung: Die eifrigen Sicherheitsleute an Bord hatten den armen Roadie kurzerhand in Gewahrsam genommen, nachdem es Verwirrung um dessen Ausweis-Unterlagen gegeben hatte. Pech für Schmier & Co.: Genau in dem Moment rauchte der Gitarren-Amp ab. Glück im Unglück: Speesy von KREATOR sprang kurzerhand als Roadie ein, um zu helfen. Reibungsloser läuft es für seine eigene Band. KREATOR legen einen würdigen Headliner-Auftritt im bis auf den letzten Platz gefüllten Theater hin. Zwischen Fotograben und Plüsch-Sesseln bildet sich ein brodelnder, ständig agiler Pit, Crowddiver surfen über die Köpfe, und lautstarke „Kreator!“-Rufe schallen durch die edle Venue.

Logbuch: Freitag, 2. Februar, Karibisches Meer

Noch im Halbschlaf höre ich MASTERPLAN, die die Pool-Deck-Stage am Morgen eröffnen und deren über das ganze Schiff schallender Gesang sich mit dem Meeresrauschen vermischt. Es gibt unangenehmere Arten aufzuwachen.
Während die einen vor der Bühne schon das erste Bierchen des Tages verköstigen, trainieren die anderen gesundheitsbewusst im Wellness-Center des Schiffs. Behaupte noch mal jemand, Metaller seien nicht gesundheitsbewusst. Auch Mille trifft man hier beim Yoga, ebenso Musiker von DARK TRANQUILLITY, EVERGREY und SABATON, die sich fit halten.
BENEDICTION sind ein paar Decks über dem Wellness-Center keine schlechte Wahl als erstes Konzert des Tages. Die Kult-Deather locken zu Recht viele Fans auf das Pool-Deck, die die erste Show der Briten seit Jahren einem Frühstücksmüsli oder endlosem Ausschlafen vorziehen.
Party-Stimmung kommt bei KORPIKLAANI auf, die u.a. von diversen Promille-Spezialitäten singen und dabei genau den Nerv des Publikums treffen, das im Whirlpool vor der Bühne mitmosht oder als Polonaise durch die Reihen tanzt. Ebenfalls ausgelassen geht es bei DIE APOKALYPTISCHEN REITER zu, die im gut gefüllten Studio B ihre Textzeile „Ich war ein Seemann“ passenderweise genau in dem Moment raushauen, in dem das Schiff ordentlich schwankt. Oft vergisst man auf dem riesigen Kahn mit seinen vielen Etagen, Gängen, Konzertstätten und Bars, dass man auf hoher See ist. In solchen Momenten wird man aber daran erinnert. Von den Reitern und ihrer „Wall of Love“ geht es zu CANNIBAL CORPSE, die auf der Pool-Stage die erste Show im abendlichen Dunkel spielen. Dann folgen SABATON, die ein paar warme, tropische Regentropfen abbekommen, was aber kaum einen davon abhält, sich die Show der Schweden anzuschauen. Eines der musikalischen Highlights des Abends sind DARK TRANQUILLITY, die ich erstmals mit Chris Amott (ex-Arch-Enemy, Armageddon) sehe, der eine Bereicherung des Line-ups ist. Die Skandinavier spielen eine großartige Show, die auch SAMAEL danach kaum toppen können.

Logbuch: Samstag, 3. Februar, Grand Turk, Cockburn Town


Schon in den frühen Morgenstunden legt die „Independence Of The Seas“ im Hafen von Cockburn (hihihi...) Town auf Grand Turk an, der größten der Turks- und Caicos-Inseln, die rund 1.000 Kilometer südöstlich von unserem Starthafen Fort Lauderdale liegt. Wer will, kann Ausflüge buchen und u.a. mit WOLFCHANT auf Küstensafari gehen, mit MESHUGGAH allerlei Meerestiere beobachten oder mit EXUMED und ABORTED schnorcheln gehen. Alternativ kann man aber auch einfach im karibischen Postkarten-Szenario am langen Strand mit Blick aufs Schiff abhängen und beobachten, wie Mikael Stanne von DARK TRANQUILLITY einen riesigen Cocktail nach dem anderen zu seinen Bandkollegen schleppt, Volkmar von DIE APOKALYPTISCHEN REITER schon früh am Tag die ersten Runden schwimmt oder Tom Hunting von EXODUS und Andreas Kisser von SEPULTURA im Meer über gemeinsame Tourneen in den neunziger Jahren plaudern. SEPULTURA sind nach dem Ablegen auch eines der Highlights am Konzertabend. Das Pool-Deck ist voll, und in den ersten Reihen feiert ein Trupp Südamerikaner Kisser & Co. mit hochgehaltener Flagge ab, während im Whirlpool vor der Bühne im Tribal-Rhythmus meterweit Wasser durch die Gegend gespritzt wird. Mindestens genauso mitreißend sind MESHUGGAH, die im Anschluss alle Hirnwindungen der Zuschauer auf links drehen. Die perfekt abgestimmte Lichtshow tut ihr Übriges und intensiviert den durch Mark und Bein gehenden Brachial-Sound-Trip.

Logbuch: Sonntag, 4. Februar, Karibisches Meer

Einer der Höhepunkte der Kreuzfahrt ist die Allstar-Jam „Jamming with Waters in international waters“, organisiert und moderiert von ANNIHILATOR-Chef Jeff Waters, bei dem Metal-Klassiker von wechselnden Line-ups gespielt werden. Wo sonst sieht man schon die Gitarristen Kurdt Vanderhoof von METAL CHURCH und Per Nilsson von MESHUGGAH zusammen performen, Noora Louhimo von BATTLE BEAST, durch deren Stimmbänder purer Whiskey und rostige Nägel zu fließen scheinen, mit Mat Sinner und Cato von ENSLAVED ´Hells Bells´ zocken oder Andreas Kisser mit Schmier und Mille zusammen zu ´Whiplash´ die Matten schütteln?
Langsam schippert das Schiff wieder auf seinen Heimathafen zu, doch an Bord drehen die letzten Bands inklusive Fans noch einmal richtig auf. IN EXTREMO locken mit ihren Mittelalterklängen trotz brutzelnder Nachmittagssonne viele Fans vor die Pool-Stage, und KREATOR beschließen an selber Stelle nachts das Open-Air-Programm. Noch einmal schallen Essener Thrash-Klänge in den karibischen Himmel, bevor es zurück nach Fort Lauderdale geht.

www.facebook.com/70000tons

Bands:
DESTRUCTION
BATTLE BEAST
KORPIKLAANI
ENSLAVED
SEPULTURA
CANNIBAL CORPSE
IN EXTREMO
SABATON
BENEDICTION
KREATOR
METAL CHURCH
EXODUS
INSOMNIUM
MESHUGGAH
Autor:
Conny Schiffbauer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.