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Foto: Simon Füllemann

ToneTalk 16.12.2020, 08:15

ENSLAVED - »George Martin war der erste Produzent, den ich bewunderte«

Bevor Iver Sandøy Produzent und schließlich auch Drummer von ENSLAVED wurde, sang er bei Emmerhoff & The Melancholy Babies und setzte auch andere Progrock- bis Metal-Bands klanglich in Szene. Derzeit ist der Norweger stärker im Studio eingespannt denn je und schafft sich den Backkatalog der Black-Metal-Pioniere drauf.

»Mein Einstieg als Drummer stand am Ende einer natürlichen Entwicklung, weil ich schon seit vielen Jahren eng mit den Mitgliedern befreundet bin, zumal ich ja auch schon das eine oder andere Mal live für meinen Vorgänger Cato eingesprungen war. Als der dann ausstieg, schrieb mir Grutle (Kjellson, v. – as) eine SMS irgendwo aus Russland und drohte scherzhaft, ebenfalls seinen Hut zu nehmen, falls ich nicht mitmachen würde. Obwohl ich mir zunächst nicht ganz sicher war, ob ich mich darauf einlassen sollte, rang ich mich schließlich dazu durch, weil ich sowieso mehr Schlagzeug spielen wollte. Das durfte ich auch sofort, weil die Jungs gerade tourten.«

Hattest du Respekt vor ihrem umfangreichen Repertoire und Stellenwert für die Szene?

»Klar, und wenn man zu einer bestehenden Band stößt, kommt man nicht umhin, sich stilistisch anzupassen; du kannst nicht einfach alles auf den Kopf stellen, was sie sich erarbeitet hat. Bei Enslaved ist es aber leicht, weil sie wussten, welches Ei sie sich mit mir ins Nest legten (lacht). Vor allem bei den ganz alten Sachen wurde ich auch ermutigt, mir etwas Neues einfallen zu lassen, wobei sie manchmal sogar meinten, genau so, wie ich spielte, hätte es von Anfang an klingen müssen.«

Haben die detaillierten inhaltlichen Konzepte der Band Auswirkungen auf die Produktion?

»Mit den Texten habe ich grundsätzlich nichts zu tun, das ist allein Grutles und Ivars (Ivar Bjørnsson, g.) Bereich. Sie erklären mir aber im Zusammenhang mit dem jeweiligen Thema, was ihnen in puncto Sound und Feeling vorschwebt, und damit kann ich gut arbeiten.«

Hast du persönliche Favoriten unter euren Alben?

»Für Konzerte wird es immer schwieriger, Programme zusammenzustellen, die allen Fans gefallen. Die Live-Streams, die wir momentan durchziehen, sind insofern spannend, als wir Stücke performen, die bei gewöhnlichen Gigs eher nicht berücksichtigt würden, und beispielsweise auch das Album „Below The Lights“ komplett aufführen; es war das erste, mit dem ich mich uneingeschränkt identifizieren konnte, nachdem auf den vorangegangenen für meinen Geschmack immer irgendetwas gefehlt hatte. Als ich jünger war, fühlte ich mich von Enslaveds rohem Sound abgestoßen, doch mittlerweile begreife ich, was es damit auf sich hat.«

Wie bist du überhaupt Musiker und Produzent geworden?

»Ich wuchs in einem Umfeld auf, wo die Eltern einiger meiner Altersgenossen selbst Musik machten, und hatte mit elf Jahren meine erste Band. An einem Tag spielte man draußen Wikinger, am nächsten wurde im Keller gelärmt; das war Mitte der Achtziger und nichts Ernstes, auch wenn wir schon Idole hatten, die wir aus der Glotze kannten. Ich stand total auf die Beatles und entwickelte deshalb wohl einen recht altmodischen Geschmack, was auch daran lag, dass ich ein Landei war. In der Provinz erreichten uns popkulturelle Trends mit einiger Verzögerung, aber egal: Die Fab Four haben die Popmusik praktisch im Alleingang erfunden, und der Soundtrack zu „Magical Mystery Tour“ prägte mich nachhaltig. Das hört man wohl auch an meinen Alben als Sänger von Emmerhoff & The Melancholy Babies. George Martin war der erste Produzent, den ich bewunderte.«

Trotzdem ist das Schlagzeug dein Hauptinstrument.

»Ja, aber ich habe mich immer als denjenigen angesehen, der Musik klanglich angemessen in Szene setzt. Ich bin beileibe kein Virtuose, sondern begreife alles, was Sounds erzeugt, als Werkzeug, und achtete schon früh auf das akustische Gesamtbild von Songs. Darum konnte es vorkommen, dass ich mich lange damit aufhielt, Mikrofone richtig zu positionieren, bevor überhaupt nur ein Ton gespielt wurde.«

Würdest du sagen, dass du als Schlagzeuger ein ausgeprägtes Bewusstsein für Struktur und Ordnung hast?

»Vielleicht. Ich spielte jahrelang in Bands mit einem relativ geradlinigen Rhythmusfundament und mag dabei ein Gespür für den allgemeinen Eindruck entwickelt haben, den ein Song hinterlassen sollte. Davon abgesehen glaube ich nicht, dass man bestimmte Vorteile hat, wenn man sich als Produzent auf dieses oder jenes Instrument versteht. Keyboarder etwa verfolgen oft einen eher theoretischen Ansatz, und gut möglich, dass Grooves für mich eine wichtigere Rolle einnehmen. Andererseits habe ich mich nie darum gerissen, Drummer zu werden, im Gegenteil: Mit 15 oder 16 brachte ich mir das Gitarrenspiel selbst bei, indem ich Sachen von Bob Dylan und Simon & Garfunkel heraushörte. Texte und Melodien waren mir wichtig.«

Angesichts dessen: Hattest du je Interesse an Black Metal? Immerhin gehörst du derselben Generation an wie dessen Vorreiter.

»Ende der Achtziger spielte ich in einer Thrash-Band, und die zweite Welle rollte erst ein paar Jahre später an. Die Szene war leicht überschaubar und kam mir immer bedeutungslos vor, obwohl sie berühmt wurde; 1993 interessierten mich vor allem Pink Floyd und Frank Zappa, was mit ein Grund dafür sein könnte, dass ich so gut zu Enslaved passe. Ivar und Grutle liebten Progressive Rock nämlich von Anfang an. Erst Mitte der Neunziger, als ich nach Bergen zog, lernte ich Black Metal besser kennen, fand ihn aber wahrlich nicht berauschend. Heute schätze ich den Stil umso mehr, und dass ich die eine oder andere Platte aus diesem Bereich produziert habe, die gut angekommen ist, spricht für sich.«

Irgendwelche Anekdoten aus jener Zeit?

»Eigentlich nicht. Wir lernten einander als völlig normale Jugendliche kennen, Gaahl von Gorgoroth oder Olve von Immortal und andere. In jenen Tagen wurde aber viel getrunken, weshalb wir in unserer Stammkneipe so berüchtigt waren, dass wir unsere eigenen Plätze reserviert bekamen, den Emmerhoff-Tisch.«

Wenn Schlagzeugspiel kein Vorteil für Produzenten ist, dann eventuell psychologisches Feingefühl?

»Auf jeden Fall. Black-Metal-Musiker können sich menschenfeindlich geben, wie sie wollen, sind aber größtenteils liebenswürdige Menschen, zu denen ich einen guten Draht habe. Ich mische mich privat gerne unter Leute, denke praxisbezogen und bin auch deswegen nie ein versierter Instrumentalist geworden. Mir geht es vor allem darum, mich in andere hineinzuversetzen und zu verstehen, wie sie ticken, was mir bestimmt zugutekommt, wenn ich mit sensiblen Künstlerseelen arbeiten muss. In meinen Augen hat Musik etwas mit Gemeinschaft und Kommunikation zu tun. Folglich muss ein Song für mich auch immer eine Aussage haben, solides Handwerk allein genügt mir nicht. Ich bemühe mich, Emotionen aus Bands herauszukitzeln, die zu mir ins Studio kommen, und wenn es Streit gibt, bedeutet das, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden.«

Du hast ein Endorsement mit dem Beckenhersteller Paiste.

»Ich bekomme ihre Produkte billiger, was sehr angenehm ist, wenn man in einer regelmäßig tourenden Band spielt. Ich verschleiße meine Becken recht schnell, also kann ein anhaltend guter Schlagzeug-Sound teuer werden. Für mich ist mit dieser Partnerschaft ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen, weil Paiste in meiner Jugend so etwas wie der Heilige Gral waren. Ein Kumpel von mir, der auf einer norwegischen Insel wohnte, war damals einer der Wenigen, die ein Ride-Becken der Marke besaßen, worum ich ihn beneidete. Fast noch besser ist mein Vertrag mit Pearl Drums, denn dadurch kann ich sowohl in Las Vegas als auch Singapur Konzerte geben, ohne mein eigenes Kit mitzunehmen, weil die Firma mir jeweils vor Ort ein nagelneues zur Verfügung stellt und zügig Ersatzteile liefert, falls etwas zu Bruch geht. Um alles zum Nulltarif zu bekommen, muss man allerdings ein größeres Kaliber sein als Enslaved.«

Bist du fanatisch, was anderes Equipment angeht?

»Falls du Verstärkertechnik meinst, kann ich durchaus meinen inneren Nerd hervorkehren (lacht). Bei Gesangsaufnahmen schalte ich in der Regel einen Röhren-Amp vor und benutze höchstens noch einen Kompressor, den ich dezent einsetze. Letzten Endes landet aber doch alles digital auf einer Festplatte, und ich bevorzuge solche modernen Mittel auch deshalb, weil man für traditionelle Tonbandeinspielungen als Gruppe ungeheuer gut aufeinander eingespielt sein muss, um keine Produktionsbudgets zu sprengen. Heutzutage macht sich kaum mehr jemand die Mühe, darauf hinzuarbeiten, eine fest verschweißte Einheit zu werden, alles ist auf Effizienz ausgerichtet, aber da die Technik in den letzten 20 Jahren große Fortschritte gemacht hat, hört man wirklich so gut wie keinen Unterschied mehr zwischen Live-Performances im Studio und mit Pro Tools zusammengesetzten Tracks. Aktuelle Effekt- und Verstärkersimulationen klingen geradezu erschreckend gut, und bedenkt man, dass ein Großteil der Hörer das Ergebnis nicht selten auf Smartphones oder Laptops hört, wird jeglicher Mehraufwand endgültig hinfällig. Damit will ich jedoch nicht sagen, Authentizität sei nicht erstrebenswert, und mancher wundert sich, nach längerem Konsum von mp3s eine feinfühlig gemasterte LP über eine hochwertige Anlage zu hören. Das kommt einer Offenbarung gleich, ist aber bei unserem gegenwärtigen Lebenswandel fast schon Luxus.«

Inwieweit bringst du dich bei Produktionen selbst ein?

»Idealerweise gar nicht. Ich möchte wirklich immer nur das Beste für meine Kunden, und solange sich ein Musiker bei einer Arbeitsweise wohlfühlt, gehe ich damit konform. Sich im Ausprobieren etlicher Mikrofone zu verzetteln, ist unsinnig, wenn die Band vor lauter Warten ihren Schwung verliert. Am Ende des Tages soll eine Aufnahme magische Momente einfangen, und die kann man nicht künstlich erzeugen. Hier sind digitale Geräte auch definitiv überlegen, weil man sie rasch einstellen kann und die Fehleranfälligkeit geringer ist.«

Wie nimmst du rein akustische Musik wie jene von Wardruna in Angriff?

»Das ist ein Steckenpferd von mir. Ich liebe Minimalismus und die Möglichkeit gerade in diesem Bereich, sich bewusst mit den Ohren auf Klänge zu konzentrieren. Je organischer, desto besser, und dass uns Skandinaviern Folk im Blut liegt, ist ja keine neue Erkenntnis. Darüber hinaus bin ich ein Riesenfan von Americana und US-Singer-Songwritern wie eben Dylan. In Wardrunas Musik muss meiner Meinung nach immer eine gewisse Gefahr mitschwingen, und dafür will ich sorgen, wenn ich Einars Spiel mit seiner Gruppe einfange. Wenn du mich fragst, muss einem Musik auch ohne verzerrte Riffs sprichwörtlich ins Gesicht springen, während ihr intimer Charakter erhalten bleibt. Wir sprechen halt von Kunst, die Gefühle erzeugt und widerspiegelt.«

www.facebook.com/solslottetstudio


10 Iver-Sandøy-Produktionen:

EMMERHOFF & THE MELANCHOLY BABIES – Electric Reverie (2005)

TRINACRIA – Travel Now Journey Infinitely (2008)

ENSLAVED – Axioma Ethica Odini (2010)

SAHG – Delusions Of Grandeur (2014)

AUDREY HORNE – Pure Heavy (2014)

SEVEN IMPALE – Contrapasso (2016)

BARDSPEC – Hydrogen (2017)

WARDRUNA – Skald (2018)

GAAHLS WYRD – GastiR – Ghosts Invited (2019)

KRYPTOGRAF – Kryptograf (2020)

Bands:
ENSLAVED
Autor:
Andreas Schiffmann

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