Interview


Pic: Gael Matthieu

Interview 30.04.2020, 15:33

ELDER - Im Sog des Wurmlochs

Dass ELDER im Jahr 2006 als Stoner-Metal-Gruppe gestartet sind, lässt sich im künstlerischen Schaffen der Band aus Boston, Massachusetts, mittlerweile nur noch in Form vereinzelter musikalischer Farbtupfer wahrnehmen. Mit ihrer 2015 erschienenen Schlüsselscheibe "Lore" stürzten sich die Jungs um Frontmann Nick DiSalvo kopfüber in psychedelische Progressive-Rock-Gefilde mit Krautrock-Einschlag und haben sich seitdem über "Reflections Of A Floating World" (2017) hin zum neuen Album "Omens" konsequent und vielfältig weiterentwickelt.

Nick, wie geht es dir als Musiker und Mitglied von ELDER in diesen verrückten Zeiten? Ihr musstet eure kommende US-Tour verschieben.

»Wir haben keinen Reiseführer oder können mehr als ein paar Monate in die Zukunft blicken. Wir hatten die Veröffentlichung unseres Albums schon vor einiger Zeit für den 24. April eingeplant und wären direkt im Anschluss für ein halbes Jahr auf Tour gegangen. Doch dann stürzte alles in sich zusammen. Jetzt sind wir mit der Schadensbegrenzung beschäftigt und versuchen, herauszufinden, wie wir in einer Welt vorausschauend handeln können, in der wir der einen Sache nicht nachgehen können, die wir als Band machen. Auf der anderen Seite konnten wir aber ein Album zu einer Zeit veröffentlichen, in der viele Menschen verzweifelt eine gewisse Ablenkung gebrauchen können.«

Du hast ELDER einmal als einen ständig fortschreitenden Prozess beschrieben. Im Vergleich zum deutlich rifflastigeren "Reflections Of A Floating World" habt ihr dieses Mal der Entfaltung von Synthesizern und Keyboards mehr Raum gegeben. Ein bewusster Schritt?

»Als wir das Songwriting abgeschlossen hatten und ins Studio gingen, fühlte es sich so an, dass wir den Gipfel unseres Progressive-Rock-Standpunkts erreichen konnten, den wir in den letzten Jahren immer angedeutet hatten. Es war direkt zum Verrücktwerden, als wir uns bei den Aufnahmen in jedes kleine Detail der Arrangements vertieften und uns darin verhedderten. Wir haben uns aber nicht spezifisch vorgenommen, wie die Songs klingen sollten. Dass die Synthesizer stärker in den Vordergrund rücken, die Menge der Riffs zurückgeschraubt werden oder die Parts stärker auf offenen Chords und weitläufigen psychedelischen Arrangements basieren sollten. Das alles passierte einfach deshalb, weil es uns langweilte, die Riffs zu spielen. Nach so vielen Jahren, in denen wir rifflastige Musik gespielt haben, wird es irgendwann extrem langweilig und monoton. Die Songs schreiben sich also auf gewisse Weise selbst.«

Ist deshalb auch der Gesang stärker in den Vordergrund gerückt?

»Weißt du, jahrelang war der Hauptkritikpunkt bei ELDER, dass wir zu wenig Gesang haben. Und das ist wahr, denn er hat immer eine andere Rolle in unserer Musik gespielt. Im Sinne des Vorhabens, etwas Neues zu versuchen, wollte ich den Gesang dieses Mal bewusster einsetzen. Nicht nur, indem ich ihn stärker in den Vordergrund mixe, sondern indem ich ihn mehr als ein Instrument nutze. Der Gesang soll nicht nur da sein, weil er da sein muss. Er braucht einen festen Platz im Mix.«

Inwiefern war eure sehr experimentelle und introvertierte Jam-EP "The Gold & Silver Sessions" ein Schlüsselwerk für "Omens"?

»Ich dachte ursprünglich nicht, dass sie irgendeine Auswirkung auf unseren zukünftigen Output haben würde. Wir wollten etwas machen, das sich stark vom Rest unseres Katalogs unterscheidet und auf eigenen Beinen als experimentelle EP stehen kann. Beinahe eine Art Ablenkungsmanöver, um die Leute glauben zu lassen, dass wir auf dem nächsten Album eine instrumentale Krautrock-Band sein würden. Nur, um dann mit etwas komplett Anderem um die Ecke zu kommen. Schlussendlich hatte das Jamming für diese Aufnahme aber doch einen großen Einfluss auf die Songs von "Omens", denn wir konnten diesen entspannten Ansatz, in dem wir die Dinge sich auf natürliche Art und Weise entfalten ließen, einfach genießen. Wir packten deutlich mehr dieser offenen Räume und sich langsam entfaltenden Jam-Parts in "Omens", als auf die vorhergegangenen Alben.«

Ihr habt auf "Omens" also mehr gejammt, trotzdem aber die Kontrolle über eure Songs behalten?

»Vieles auf dem Album ist aus einem Jam heraus entstanden. So ziemlich jeder Song hat eine Passage, wo du hören kannst, dass die Band improvisiert. Am offensichtlichsten hört man das am Anfang von 'Halcyon', dem dritten Track. Der vier-, fünfminütige Teil zu Beginn ist ein kompletter Studio-Jam, von dem wir mehrere Takes aufgenommen hatten. Manche davon waren zehn bis 15 Minuten lang, bevor wir überhaupt zum eigentlichen Song kamen. Ehrlicherweise haben wir fast schon zu viel Zeit mit Jammen verbracht. Das ist wie ein Wurmloch, dass du genau im Auge behalten musst.«

Wenn ich mir die Texte von "Omens" durchlese, scheinst du immer stärker die Rolle eines Beobachters der aktuellen Weltlage einzunehmen. "In the ruins tomorrow lies the meaning of today" - heißt es im Titelsong. Wie besorgt bist du um unsere Welt?

»Ich bin sehr besorgt bezüglich des Kurses, den unsere Welt mein gesamtes erwachsenes Leben über eingeschlagen hat. Wir Menschen haben gewaltige schädliche Auswirkungen auf unseren Planeten. Der große Dialog ist immer der gewesen, ob wir die menschlichen Tätigkeiten bis zu einem Punkt zurückschrauben können, an dem wir im Wesentlichen unsere Spezies retten können. Ich denke, nicht nur haben wir diese Frage mit einem klaren "Nein!" beantwortet. Wir haben alles in unserer Absicht getan, um als menschliche Wesen noch schlimmer zu werden. Das hing die letzten paar Jahre wie eine dunkle Wolke über meinem Kopf und machte es wirklich schwierig, ein Album zu schreiben, das nicht davon handelt.«

"Omens" beschreibt die "Lebensspanne einer Zivilisation".

»Das Album ist grundsätzlich eine dünn verschleierte Metapher für die aktuelle Weltlage, so wie ich sie sehe. Die besagte Zivilisation ist also metaphorisch mit unserer eigenen verknüpft. Präsentiert als Konzeptalbum und geschrieben über eine fiktionale Welt wurde es aber deshalb, weil unsere Alben diese Fantasy-Elemente in sich tragen. Wir haben hart daran gearbeitet, um für die Hörer eine Fantasy-Welt zu erschaffen, in der sie sich auch verlieren können.«

Mit "Lore" habt ihr euch 2015 von euren Stoner-Wurzeln losgelöst und euch ein deutlich weitläufigeres progressiv-psychedelisches Universum erschlossen. Und auch als Musiker habt ihr euch der Welt stärker geöffnet. Angefangen habt ihr alle am selben Ort im US-Bundesstaat Massachusetts, heute lebt ein Teil der Band in Berlin.

»Die ersten Jahre unserer Existenz als Band waren ganz anders. Es war ein Hobby unter Freunden. Wir machten Musik, die wir größtenteils von den Künstlern ableiteten, die wir selbst hörten. Es gab keine großartigen Ambitionen. Trotzdem schafften wir es, ein paar Veröffentlichungen herauszubringen, die ein ordentliches Feedback bekamen. Als "Lore" 2015 geschrieben wurde, lebte ich gerade in Deutschland und studierte dort. Wir entwickelten unser persönliches Leben, gingen zur Uni und versuchten herauszufinden, was wir als Erwachsene machen wollten. Dabei nahm die Musik mehr und mehr eine zentrale Rolle in unserem Leben ein. 2015 war es dann soweit, dass wir alles auf die Musik konzentrierten. Vielleicht nicht in der Hinsicht, dass wir einen Haufen Geld machen wollten, aber wenn du Teil einer ernsthaften Band sein willst, dann musst du dich ihr voll und ganz widmen und alles andere zur Seite stellen. Das hat eine Menge Energie freigesetzt, nicht nur um "Lore" zu produzieren und unsere kreative Seite auszubauen, sondern auch um so intensiv mit dem Touren anzufangen. Eines führt zum anderen und der Schneeball-Effekt tritt ein.«

Ich kann mir vorstellen, dass ein Großteil dieser Energie und Kreativität vom Touren und Bereisen verschiedener Länder herrührt.

»Yeah, auf jeden Fall. Mir fällt sehr stark auf, wie sehr dich das Reisen und Erleben verschiedener Erfahrungen im Leben als kreativer Mensch beeinflussen kann. Das spüre ich jetzt im Moment extrem, wo wir zu Hause festsitzen. Viele Leute dachten sich mit Sicherheit, dies sei eine gute Zeit, um kreativ zu werden. Für mich fühlt es sich aber nicht sehr inspirierend an, einfach nur zu Hause zu sitzen. Die Reisen, die Tourneen, das Erleben und Bewohnen neuer Orte sind ein guter Treibstoff für die eigene Vorstellungskraft.«

Du lebst seit Jahren in Berlin. Hat die Stadt möglicherweise dein Denken und Schreiben verändert?

»Ich kam hierher, um einen Neustart zu wagen. Das war eine Zeit in meinem Lebens, in der ich der Meinung war, dass die Dinge in den Staaten für mich nicht so gut laufen. Ich war schon immer gut darin, meine Sachen zu packen, zu gehen und etwas Neues auszuprobieren. Berlin ist eine ziemlich große und offene Stadt mit einer großartig lebendigen Künstlerszene und einer guten Musikszene. Rückblickend glaube ich nicht, dass die Stadt Berlin zwangsläufig einen solchen Einfluss auf die Musik selbst hatte. Aber du wächst daran, wenn du dich aus deiner Komfortzone heraus zwingst. Vielleicht hatte das einen gewissen Effekt auf die Musik, wenn auch nicht so viel wie eine Wanderung durch verschneite Berge (lacht). Mittlerweile fühlt es sich wirklich wie mein Zuhause an. Ich sehe Berlin nicht mehr als einen exotischen Ort.«

Den Song 'Weissensee' auf der "Gold & Silver Sessions"-EP habt ihr allerdings nach dem gleichnamigen See in Berlin benannt.

»Wir haben diese EP im Studio unseres Freundes in Weißensee aufgenommen. Jeden Morgen fuhren wir mit dem Fahrrad und der Tram diese ziemlich neblige Strecke dort hinauf. Dieses graue Morgen-Feeling dort oben war irgendwie besonderes, so kam dieser Titel zustande.«

Stört es dich mittlerweile eigentlich, wenn ELDER mit der Stoner-Szene assoziiert werden?

»Es frustriert mich, wenn wir andauernd als Stoner-Metal-Band bezeichnet werden. Einfach deshalb, weil ich denke, dass es der tatsächlichen Tiefe der Musik nicht gerecht wird. Nichtsdestotrotz liebe ich die Szene, denn in ihr sind wir aufgewachsen. Sie ist der Spielplatz, auf dem wir früher spielten.«

Während der Entstehung von "Lore" und "Reflections Of A Floating World" hast du dich viel mit Spiritualität beschäftigt. Ist das heute auch noch etwas, das dir in deinem Leben wichtig ist?

»Ich denke, diese Phase meines Lebens habe ich hinter mir gelassen. Ich selbst bin niemals gläubig gewesen, allerdings faszinieren mich diese primitiven Geschichten und Archetypen, die die Menschheit immer und immer wieder erschafft und wie wir die Welt fortlaufend anhand von Mythen und Religionen definieren. Mittlerweile bin ich allerdings eher angewidert von Religion, um ganz ehrlich zu sein.«

www.beholdtheelder.com

www.facebook.com/elderofficial

Bands:
ELDER
Autor:
Simon Bauer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.