ToneTalk

ToneTalk 18.11.2020, 09:41

DREAM THEATER - »Der Gitarrist gibt der Band die stilistische Landschaft vor«

Auf seinem zweiten Soloalbum „Terminal Velocity“ zeigt Prog-Gott John Petrucci erneut sein immenses Können an den Saiten. Zudem ging ein hoffnungsvolles Raunen durch die Dream-Theater-Fangemeinde, als er für die Scheibe prompt Ex-Drummer Mike Portnoy ans Schlagzeug holte. Ob das ein musikalisches Nachspiel hat, wie viele Gitarren er besitzt und bei welchen Songs ihm Angst und Bange wird, verrät uns der New Yorker im Telefonat.

John, wie bist du musikalisch wieder mit Mike Portnoy zusammengekommen?

»Ich habe überlegt, welchen Schlagzeuger ich für „Terminal Velocity“ nehmen könnte. Meine Familie sagte von Anfang an: „Du musst unbedingt Mike holen!“ Wir stehen den Portnoys sehr nahe – und ich stimmte dem zu. Ich rief ihn an, er sagte zu und kam in mein Studio, um die Drum-Parts aufzunehmen. Wir haben nicht gemeinsam gespielt, da ich die restliche Musik bereits vorher geschrieben und aufgenommen hatte. Er trommelte also zu den fertigen Tracks, und wir hingen eine Woche zusammen ab. Es war toll, ihn zu sehen und etwas Musikalisches mit ihm auf die Beine zu stellen. Er hat tolle Arbeit geleistet. Ich denke, dass sein Spiel dem Album viel Spirit, Energie und positive Vibes verleiht.«

Hattest du ihn also schon beim Ausarbeiten der Songs im Kopf?

»Nicht von Anfang an, um ehrlich zu sein. Ich war noch nicht hundertprozentig sicher und habe viel darüber nachgedacht. Außerdem war ich mir der möglichen Kontroversen bewusst; die Leute konnten ja einen falschen Eindruck bekommen, wenn ich mit Mike zusammenarbeite. Die Pandemie hat aber vieles geändert. Ich lebe in New York, alles war geschlossen, ziemlich surreal und verrückt. Man wacht eines Tages auf und denkt: „Das Leben ist zu kurz! Ich arbeite an einem Soloalbum und frage einfach Mike. Da ich mit ihm zehn Jahre lang nichts gemacht habe, wird das bestimmt spaßig.“«

Nachdem es jetzt so gut geklappt hat: Gibt es schon Zukunftspläne für weitere Projekte mit ihm?

»Wer weiß? Alles ist möglich. Diesmal ging es aber allein um mein Soloalbum, das er zusammen mit mir und Dave (LaRue, b. – ib) unter Dach und Fach gebracht hat. Wenn die Welt wieder zur Normalität zurückkehrt und sich Gelegenheiten bieten, die Musik live zu präsentieren, wäre das sicherlich toll, aber um das noch klarzustellen: Mike Portnoy spielte nur auf meinem Soloalbum, und das hat nichts mit Dream Theater zu tun. Mike Mangini ist nun auch schon über zehn Jahre in der Band und hat sich dort etabliert. Für mich gibt es also das Beste aus zwei Welten, denn ich darf mit beiden zusammenarbeiten. Das ist cool!«

Was ist deiner Meinung nach die Rolle des Gitarristen in einer Band?

»Darüber lässt sich streiten. Ich finde, dass der Sound des Gitarristen den Stil der Band diktiert. Wenn er stärker gen Metal tendiert, kommt die Band nicht umhin, Metal zu spielen; kommt er hingegen aus dem Jazz oder einer traditionelleren Richtung, ändert sich der Stil der Gruppe dementsprechend. Ich finde, dass sich die Gitarre nicht so einfach austauschen lässt wie der Bass oder das Schlagzeug, obwohl auf einem Album natürlich alle Instrumente zusammenwirken. Der Gitarrist gibt der Band die stilistische Landschaft vor. Vielleicht bin ich voreingenommen, weil ich selbst Gitarre spiele – aber so denke ich eben (lacht).«

Wie bist du Gitarrist geworden?

»Ich bin auf Long Island an der Küste vor New York City groß geworden. Im Radio lief eine Menge Rockmusik, und es gab viele Garagenbands. Alle meine Freunde spielten Instrumente. Die Gitarre zog mich in ihren Bann, als ich zwölf Jahre alt war. Mit acht oder neun hatte ich schon für ein paar Wochen Unterricht genommen, es aber gehasst: Ich konnte nicht spielen, meine Finger waren zu kurz, also brach ich ab. Mit zwölf sah das anders aus. Beim Jammen mit anderen Kids lernte ich u.a. John Myung (b. - ib) kennen, der ja auch bei Dream Theater spielt, und Kevin Moore, unseren ursprünglichen Keyboarder. Wir wuchsen alle zusammen auf und gehörten unterschiedlichen Bands an. Musikmachen war unser Hobby.«

Erinnerst du dich an deine erste Gitarre?

»Meine allererste Gitarre war eine akustische mit Nylon-Saiten und bestand, glaube ich, aus Kunststoff (lacht). Sie ließ sich sehr schwer spielen, was vermutlich auch dazu führte, dass ich nach einem Versuch wieder aufhörte. Meine erste E-Gitarre habe ich auf einem Flohmarkt gekauft. Das dürfte eine Les-Paul-Kopie von Suzuki gewesen sein.«

Besitzt du sie noch?

»Nein, ich habe sie einem Freund verkauft, um mir eine Aria Pro II zu holen. Das war meine zweite, und die besitze ich tatsächlich noch.«

Wie viele Gitarren hast du heute?

»Ein paar hundert, aber ich sammle keine Les Pauls, Strats oder Vintage-Instrumente. Seit 30 Jahren bin ich Signature-Künstler: die ersten zehn Jahre für Ibanez, die vergangenen 20 für Ernie Ball Music Man. Daher habe ich viele Gitarren von Touren und Aufnahmen sowie die verschiedenen Farben und Prototypen der jeweiligen Modelle. Ich versuche, immer das Neueste auf der Bühne, im Studio und in Videos zu spielen; da hat sich einiges angesammelt. Ein paar Gitarren stehen bei mir zu Hause, doch die meisten bewahre ich in einem Lager auf. Sie sind alle in einer Datenbank erfasst und sortiert, damit ich den Überblick behalte.«

Was ist dir an einer Gitarre wichtig?

»Es sind wie vermutlich bei vielen Gitarristen drei grundlegende Dinge in beliebiger Reihenfolge – erstens der Komfort und die Spielbarkeit, also wie sich das Instrument anfühlt, zweitens der Klang; ich benutze schon ewig DiMarzio-Pickups, die auch in den Modellen von Ernie Ball Music Man verbaut sind. Zuletzt kommt die Ästhetik hinzu, das Aussehen des Instruments. Ist man von seinem Look inspiriert und wird es Teil von dem, was man darbieten möchte? Ernie Ball Music Man erfüllt alle drei Kriterien: Jedes ihrer Stücke ist ein wunderbares Kunstwerk, sie klingen auf viele verschiedene Weisen großartig. Auf „Terminal Velocity“ wechsle ich mit der gleichen Gitarre etwa von Blues zu Metal. Alle sind ergonomisch und komfortabel zu spielen.«

Sowohl auf Platte als auch der Bühne klingt dein Spiel makellos. Gibt es trotzdem Songs oder Parts, vor denen du dich fürchtest?

»Absolut, sogar viele. Vor der Tour proben wir das Programm, damit wir wirklich alles so gut wie möglich spielen können. Unterwegs üben wir dann vor jeder Show. Während des Gigs will man den Moment genießen, sich mit dem Publikum austauschen und nicht zu viel nachdenken, ohne die Konzentration zu verlieren, wenn sich ein schwieriger Part anbahnt, denn die sind in jedem Stück enthalten. Auf der letzten Tour haben wir beispielsweise ´Pale Blue Dot´ von „Distance Over Time“ dargeboten, einen instrumental sehr anspruchsvollen Track mit einigen verrückten Teilen. Dafür musste ich mich sehr zusammenreißen. Außerdem haben wir das „Scenes From A Memory“-Album komplett gespielt, auf dem mehrere komplexe Soli und Parts stehen, etwa ´The Dance Of Eternity´ oder ´Beyond This Life´. Sie sind entweder unkonventionell und voller verrückter Gitarrenlinien oder aufgrund des Tempos knifflig. Da muss man sich sorgfältig aufgewärmt haben.«

Arbeitest du nach wie vor an deiner Technik?

»Ja, das mache ich. Ich spiele sehr gern Gitarre und will mich ständig weiterentwickeln, indem ich mir neue Dinge beibringe oder versuche, bestimmte Aspekte zu verbessern.«

In deinem Lehrvideo „Rock Discipline“ von 1995 erzählst du von Aktenordnern voller Fingerübungen. Hast du die noch?

»Sie müssten noch irgendwo sein (lacht)... Heute findet man im Internet alles so einfach, und es gibt sehr viel Material. Die Herangehensweise ist aber die gleiche, bloß mithilfe eines anderen Mediums. Darüber hinaus gibt es natürlich auch immer noch Magazine und dergleichen. Du kannst vermutlich jede Fachzeitschrift in die Hand nehmen und daraus etwas lernen, das wertvoll für dich ist. Wenn du dazu bereit bist und dich verbessern willst, existiert da draußen sehr viel Unterrichtsmaterial.«

www.johnpetrucci.com

www.dreamtheater.net

Diskografie (nur Studioalben)

JOHN PETRUCCI

Suspended Animation (2005)

Terminal Velocity (2020)

mit DREAM THEATER

When Day And Dream Unite (1989)

Images And Words (1992)

Awake (1994)

Falling Into Infinity (1997)

Metropolis Pt. 2: Scenes From A Memory (1999)

Six Degrees Of Inner Turbulence (2002)

Train Of Thought (2003)

Octavarium (2005)

Systematic Chaos (2007)

Black Clouds & Silver Linings (2009)

A Dramatic Turn Of Events (2011)

Dream Theater (2013)

The Astonishing (2016)

Distance Over Time (2019)

mit LIQUID TENSION EXPERIMENT

Liquid Tension Experiment (1998)

Liquid Tension Experiment 2 (1999)

Bands:
DREAM THEATER
Autor:
Isabell Bittner

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