Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 28.03.2012

ARCHITECTS , RISE AGAINST - Dortmund, Westfalenhalle

Es gibt sie noch, die Punkrock-Jugend. Jene Begeisterung, die anno dazumal für einen relativ kurzen historischen Moment Bands wie The Offspring oder Green Day ganz nach oben spülte und Bad Religion einen ziemlich fürchterlichen Hit bescherte, haben Rise Against ganz offensichtlich in der jüngeren Generation entfacht.

Die Westfalenhalle jedenfalls ist rappelvoll, noch zu Beginn des Konzerts stehen lange Schlangen vor der Halle und in unfreiwilligen Autokorsos drumherum. Weil der Rezensent sich in einem davon befindet, verpasst er Touche Amore. Eine nicht repräsentative Blitzumfrage ergibt jedoch folgendes Stimmungsbild: viel Energie, aber auch viel Geschrei.

Exakt das Gleiche lässt sich über ARCHITECTS sagen. Zwar war deren letztes Album ein recht gutes, davon ist aber nur wenig zu hören an diesem Abend. Zum einen konzentrieren sich die Engländer auf ihr härteres Material, und das ist im Gegensatz zu ihren melodiösen Momenten (´BTN´ ) schlicht austauschbarer Metalcore von der Stange. Zum anderen verfehlen selbst erprobte Mittel zunächst ihre Wirkung. Der extrem verhallte Klang in der Westfalenhalle beraubt insbesondere die Gitarrenabteilung ihrer Kraft. Für die Energie ist also vor allem Frontmann Sam Carter zuständig, und weil der zu liefern vermag, die zirkelfreudige Menge unermüdlich anheizt und sich schließlich selbst kopfüber hineinstürzt, wird es doch noch ein hart erarbeiteter Erfolg.

Wahrscheinlich müssten RISE AGAINST nicht ganz so hart arbeiten. Die gute Nachricht ist, dass sie es trotzdem tun. ´Survivor Guilt´, ´Ready To Fall´ und ´Collapse (Post-Amerika)´ sind ein brillantes Eröffnungstrio und Tim McIlrath ein völlig begnadeter Frontmann. Unermüdlich läuft er die gesamte Breite der Bühne ab, und in den Momenten, in denen er vorm Mikro steht, sorgt sein Charisma dafür, dass er praktisch die ganze Halle einnimmt. Besonders im letzten Drittel des Konzerts, das mit einem kleinen Unplugged-Teil für romantisch wogende Feuerzeuge und LCD-Screens sorgt, wird deutlich, wie viel von Rise Against diese raue, immer ein wenig leidende und nicht einen einzigen Ton verfehlende Stimme eigentlich ausmacht.

Trotz der extrem eingängigen, gelegentlich mit süßlichem Pop flirtenden Songs lassen es Rise Against nie an Ernsthaftigkeit vermissen. Ob nun die Melancholie in der Stimme, die allerlei politisches Gewirr und Kriegsszenen zeigenden Videos im Hintergrund oder die Ansagen McIlraths - jederzeit macht die Band nicht aufdringlich, aber eindrücklich klar, dass sie eine Message hat. Schade nur, und das ist die schlechte Nachricht, dass sie rein akustisch nicht wirklich gut rüberkommt. Immer noch ist der Sound eine mittlere Katastrophe, was nur deswegen kaum ins Gewicht fällt, weil die Anwesenden eh wissen, wie ´Paper Wings´ oder ´Re-Education (Through Labor)´ klingen. Der Enthusiasmus, der das komplette Konzert über nie nachgelassen hat, steigert sich mit dem finalen ´Savior´ schließlich fast zur Ekstase. Als kurz darauf die Lichter angehen, wartet draußen schon ein neuer Korso, diesmal von suchenden und nervös telefonierenden Eltern, die sichtbar froh sind, die versammelte Punkrock-Jugend endlich wieder einsammeln zu können.

Bands:
RISE AGAINST
ARCHITECTS
Autor:
Tobias Blum

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