Kolumne

Kolumne 26.06.2013

Doppelkoma, gemixt

Früher wussten wir viel mehr als heute. Zum Beispiel die exakte Reihenfolge aller 52 Songs von „Unhindered By Talent“, dem 1988er Vinylmassaker der englischen Crust-Grinder Sore Throat. Ihr wisst schon, das war die Band mit dem kecken „D.R.I. - fuck off and die!“-Slogan und dem zugehörigen Stück ´(D.R.I.) Dead Rich Individuals´, in dem Fronter Rancid Trout bellte: „When D.R.I. play in our town, we’ll lock them in the venue, and burn the fucker down.“

Wisst ihr nicht? Kein Wunder. Heute gilt man ja bereits als Nerd, wenn man eine Hornbrille trägt und keine einzige Nightwish-Platte besitzt.

Wieso aber waren wir früher aufnahmebereiter für nützliches und unnützes Wissen? Ganz einfach: wegen langer Autofahrten. Oder besser: wegen des musikalischen Reiseproviants, der vor dem Trip vorbereitet werden musste. Womit wir bei Mixtapes wären. Bis in die späten Neunziger hinein kopierte ich Unmengen an Mixtapes für Festivalausflüge, Urlaubsreisen, Gartenfeten, Fußballweltmeisterschaften und so weiter. Die Dinger hießen dann „Doppelkoma Dynamo Open Air 94“, „Kacken in Wacken“, „One Week in Isra-Hell“ oder „Schottlandmassaker“. Mein Kumpel Casi legte einst in einem Zeitraum von zehn Jahren unter dem Titel „Dolong Vol. 1-10“ eine konzeptionelle Tapeserie auf. Der Kassettentitel bezieht sich auf seine knappe und präzise Antwort auf meine Frage, die ich ihm in bedenklichem Aggregatzustand in einer lauen Julinacht im Jahr 1994 in der thüringischen Kleinstadt Rudolstadt gestellt hatte: Wo lang geht´s denn nun zur Kneipe?

Die Mixtape-Herstellung, das weiß jeder, ist ein rituelles Großereignis. In stundenlanger Höchstkonzentration die ultimative Songauswahl treffen, sicherheitshalber den Song nochmals anhören, Titel und Spielzeit in allerschönster Schönschrift mit Kuli oder Filzstift (mit dünner Mine!) auf die Kassettenhülle pinseln… Da setzt sich in all den Jahren viel an Infos in den Hirnrinden ab. Passt Maidens ´The Trooper´ auf die A-Seite, wenn noch eine Spielzeit von 4:12 Minuten übrig ist? Na? Wer weiß es? Richtig, die Nummer passt. Sie ist 4:11 Minuten lang.

Mittlerweile bin ich auf Mix-CDs umgestiegen (die bisherigen Highlights heißen „Sweden Rock Partymix 2010“ und „Comer See Vol. 1“), obwohl mein Autoradio mit einem USB-Anschluss bestückt ist. Aber der neumodische Scheiß interessiert mich nicht, denn ich brauche was Handfestes zum Bespielen UND Beschriften. Und da ich mir sicher bin, dass es da draußen noch etliche andere fossile Gewohnheitstiere gibt (Götz zum Beispiel ist der ungekrönte König des Kassettenchaos im Pkw), geht hiermit eine Aufforderung an unsere Leser: Welches ist euer gelungenstes Mixtape/CD? Schreibt die Songliste auf sowie den Anlass für dieses unfassbar wertvolle Tondokument, schickt das Ganze an wolfsgeheul@rockhard.de und greift im Gewinnfall die eine oder andere CD ab.

Autor:
Wolf-Rüdiger Mühlmann

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