Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 18.12.2019, 13:56

CRESTFALLEN QUEEN, ORODRUIN, ANTIMATTER - Doom over Würzburg

Es passt wieder mal alles: ein tolles Billing, eine volle Posthalle und ein Herbstwetter, das für die nötige Atmosphäre in der morbiden Barockstadt sorgt. Dass Kollege Glas aufgrund eines Schrittfehlers die Anreise nicht schafft, dürfte den Pfälzer extrem ärgern. Dabei hätte ihm das Doom-Motto „Wenn du es eilig hast, gehe langsam“ sicherlich geholfen.

Der Freitag

Der Opener CRESTFALLEN QUEEN wird auf der Facebook-Seite des Veranstalters als einer der besten Genre-Newcomer abgefeiert. Und wirklich, der Blackened Doom der Schwaben ist die perfekte Wahl für den Festival-Einstieg. Sängerin und Keyboarderin E (auch der Rest der fünfköpfigen Truppe verbirgt sich hinter seinen Anfangsbuchstaben) sorgt mit ihrer ganz eigenen Mimik und Gestik sowie ihrem facettenreichen Gesang für eine besondere Atmosphäre und veredelt die Songs. Mächtig auch das Riesenbanner hinter der Bühne und cool der Abgang mit dem Keyboard-Outro. Der geschieht allerdings fast zehn Minuten zu früh und nicht ohne Grund: Da die Band nur lange Songs im Programm hat, will man das Risiko vermeiden, die Spielzeit zu überziehen.

Von ORODRUIN hat man lange nichts mehr gehört, und unmittelbar vor ihrem ersten Deutschlandauftritt seit dem Doom Shall Rise 2004 (!) erscheint das neue Album. Dessen Nummern überzeugen ebenso wie die Klassiker. Die Amerikaner stehen zwar nicht für Innovation, aber für soliden traditionellen Doom, der bei ´War On The World´ auch mal etwas mehr Tempo bietet. Verstärkt hat sich das Trio heute mit einem Drummer, einem Linkshänder am Bass und Gitarrist John Gallo. Mit seinem Doom-Dance hebt man sich in Sachen Bühnenpräsenz von anderen Genre-Bands ab.

Auf den ersten Blick passen ANTIMATTER, die Truppe um Ex-Anathema-Mitglied Mick Moss, nicht so ganz zum restlichen Billing. Da sich die Briten aber als traurigste Band der Welt bezeichnen und Melancholie an oberster Stelle steht, findet man doch sein Publikum. Bevor es bald auf Akustik-Rundreise geht, überzeugen die Liverpooler, und man fragt sich, warum die Band nicht viel erfolgreicher ist.

Eigentlich hätten danach Trouble zum 35-jährigen Jubiläum ihres Kultwerks „Psalm 9“ aufspielen sollen, die Herren sagten aber wegen zu hoher Gagenforderungen kurzfristig ab. Der Vorteil liegt auf der Hand, denn die „Ersatzband” THE SKULL hat mit Eric Wagner die Originalstimme des Albums zu bieten und mit Ron Holzner den langjährigen Trouble-Bassisten. Angekündigt ist ein „Trouble-Only-Set“, obwohl man bei der Schlussnummer ´Psychotic Reaction´ einen eigenen Song kurz einbaut. Ansonsten gibt es fünf Nummern von „Psalm 9“ und sieben andere Trouble-Hymnen, die die alten Kollegen vergessen lassen. Ganz großes Doomkino – eigentlich headlinerwürdig. Und erwartungsgemäß hat Kettenraucher Wagner zum Ende des Auftritts eine Kippe in der Hand.

Auch der heutige Headliner ULI JON ROTH ist ja genau genommen kein typischer Hammer-Of-Doom-Act, verspricht aber im Vorfeld eine „Special Handpicked-Setlist”, und die hat es in sich. Mit gleich drei Drummern (darunter Rudy Lenners („Virgin Killer”, „In Trance”) und dessen Vorgänger Doobie Fechter, der allerdings mit den Scorpions nur auf Tour war) sind zwei Sondergäste dabei. Ansonsten bietet Roth eine Zeitreise zu den Wurzeln des Hardrock und Heavy Metal (zehn Songs der Scorpions-Frühphase), zwei Cover (Hendrix und Dylan), drei Electric-Sun-Stücke und eine Zeno-Nummer. Letztlich ist es wie immer ein Genuss, den sympathischen Saitenhexer – heute zwei Stunden – bei der Arbeit zu genießen. (wk)

Der Samstag

THRONEHAMMER haben die Ehre, als erste Band des Tages pünktlich um 13 Uhr die Bühne zu erklimmen. Die Posthalle ist trotz der frühen Stunde schon recht gut besucht, und die Zuschauer bekommen eine 45-minütige Lehrstunde in Sachen Sludge und Epic Doom. Die deutsch-englische Formation, die schon mit Lord Vicar auf Tour war, legt mit einem unerbittlichen Dampfwalzensound los, der sich gewaschen hat. Außerdem kann eine Band, deren Frontfrau einen Wolfpack-Aufnäher auf dem Rücken ihrer Kutte hat, nichts verkehrt machen – super Einstieg in Tag zwei!

Der Druck wird rigoros fortgeführt von den 2013 in Osnabrück gegründeten IRON WALRUS. Sänger Aufi zelebriert mit seinen vermummten Mannen ein brachiales Sludge/Doom/Noise-Soundgewitter der besonderen Art. Ich möchte wetten, dass zuvor keiner im Publikum unser allseits geliebtes ´Breaking The Law´ in solch einer pulverisierenden Doom-Version vorgetragen bekommen hat.

Nun ist rigoroses Kontrastprogramm angesagt: Es geht sehr entspannt und relaxt weiter mit dem Quartett TANITH, dessen Siebziger-lastiges Songmaterial für wohltuende Abwechslung sorgt. Russ Tippins, seines Zeichens Leadgitarrist der NWOBHM-Legende Satan, spielt nicht nur überragend Gitarre, er teilt sich auch mit Bassistin Cindy Maynard die Leadvocals. Die aus Brooklyn, New York, stammende Band präsentiert ein wundervolles Twin-Gitarrenspiel, tollen zweistimmigen Gesang und schöne Harmonien. Es ist eine wahre Freude, den Musikerinnen und Musikern beim Spielen zuzusehen. (ml)

Als Nächstes sind MESSA an der Reihe, die bereits im vergangenen Jahr die halbe Redaktion mit ihrem aktuellen Album „Feast For The Water“ begeistern konnten. Die Norditaliener(innen) peppen ihren traditionell geprägten Doom-Rock mit Jazz-Einflüssen auf, sind spielfreudig und machen live eine ziemlich gute Figur. Frontfrau Sara B. erinnert stimmlich ein Stück weit an Jex Thoth, trifft jeden Ton und sorgt mit ihrem markanten Organ kräftig für Gänsehaut.

MIRROR OF DECEPTION kommen aus dem Schwabenländle und sind seit knapp 30 Jahren in der Szene unterwegs. Allzu oft darf man die Herrschaften nicht live erleben, auf dem Hammer Of Doom war die Band zuletzt 2010 zu Gast. Dementsprechend groß ist das Interesse, und die Band liefert dann auch amtlich ab. Am Ende des Sets steht mit dem überlangen und in altschwäbischer Mundart vorgetragenen ´Der Student von Ulm´ eine eigenständige Nummer, die im Ohr bleibt.

Das Interesse an LORD VICAR ist riesig – kein Wunder, denn die Finnen haben vor einigen Monaten mit „The Black Powder“ eines DER Doom-Highlights 2019 abgeliefert. Live gehen die Herrschaften ab wie Schmitz´ Katze, und Frontmann Chritus, der vor Urzeiten mal bei Saint Vitus am Mikro gestanden hat (diesen Einfluss merkt man Lord Vicar nicht nur auf Platte überdeutlich an), kommt aus dem Grinsen kaum noch heraus. Die 45 Minuten vergehen wie im Fluge – sicherlich eines der Tages-Highlights.

„Zieh dir unbedingt KHEMMIS rein, Alter!“, ermahnt mich ein Bekannter, den ich am Merch-Stand treffe – nicht, dass ich das nicht sowieso vorgehabt hätte. Die Colorado-Connection hat jüngst eine Deutschland-Tour absolviert und ist in hervorragender Verfassung. Den Sängerposten teilt sich das Gitarristendoppel Phil Pendergast und Ben Hutchinson, wobei Ersterer für die hellen, cleanen Parts (die anteilig überwiegen) und Letzterer für das fiese Geröchel zuständig ist. Beides in Kombination wirkt nicht nur eindringlich, sondern auch eigenständig, Khemmis heben sich vom Rest des Tages-Billings ab.

SWALLOW THE SUN widmen gut die Hälfte ihres Sets ihrem aktuellen Album „When A Shadow Is Forced Into The Light“, dessen Titeltrack die Finnen heute zum Opener erkoren haben. Die Herrschaften stehen in Roben und mit Kapuzen auf der Bühne, bauen mit fantastischen Melodien und tollen Arrangements im Laufe ihrer einstündigen Spielzeit eine tiefe, melancholische Atmosphäre auf und wirken über alle Maßen erhaben.

Und dann: SCALD. Spätestens jetzt wird sich Kollege Glas ob seiner Verletzung und der damit verhinderten Anreise kräftig in den Hintern beißen, denn dieser Auftritt ist ein lang ersehntes, historisches Ereignis. Die Russen, die sich nach nur einem Album und dem Unfalltod ihres Sängers Agyl im Jahr 1997 aufgelöst hatten, sind wieder da und spielen heute zum allerersten Mal in Deutschland. Am Mikro steht Felipe Kutzbach, den man von Bands wie Procession, Capilla Ardiente oder Deströyer 666 kennt und der die Scald-Songs mit viel Inbrunst und Stimmgewalt vorträgt. Würzburg geht steil, und das zu Recht. Zum Abschluss des etwas mehr als einstündigen Sets spielt die Truppe dann noch einen neuen Song, der auf einem kommenden Release stehen soll. Man kann den Herren nur die Daumen drücken, dass die Zeichen für sie diesmal besser stehen – verdient hätten sie es.

Dass das Interesse an ATLANTEAN KODEX riesig ist, merkt man nicht nur an den Tonnen von Merch, die im Laufe des Tages über die Theke wandern, sondern auch daran, dass gefühlt jeder Zweite in der Halle mit einem Backpatch der Band unterwegs ist. Verwunderlich ist das nicht, schließlich haben die Bayern ihren Überalbum-Hattrick erst kürzlich mit der Veröffentlichung von „The Course Of Empire“ voll gemacht, und der heutige Gig ist zudem eine der ersten Shows in der neuen Besetzung. Coralie Baier, Thrash-Fans von Antipeewee bekannt, ersetzt den langjährigen Kodex-Gitarristen Michael Koch und macht aus dem Stand eine dermaßen gute Figur, dass einem die Kinnlade herunterklappt. Dass die Band die Größe hat, ihren Gig mit einem Triple aus brandneuen Songs – ´The Alpha And The Occident´, ´People Of The Moon´ und ´Lion Of Chaldea´ – zu beginnen, zeugt von gesundem Selbstvertrauen, und auch später im Set kommen nicht nur die obligatorischen Klassiker, sondern immer wieder auch neue Stücke (majestätisch über allem thronend: ´He Who Walks Behind The Years´) zum Zuge. Die Halle steht Kopf, jedes Lied wird vom ersten bis zum letzten Ton mitgesungen. Der Auftritt ist nicht nur absolut headlinerwürdig, sondern auch ein Triumphzug. Was für ein Finale! (jp)

In Würzburg doomten für euch durch die Posthalle: Jens Peters (jp), Wolfram Küper (wk) und Mario Lang (ml). Die Fotos schoss Mario Lang.

Bands:
CRESTFALLEN QUEEN
ORODRUIN
ANTIMATTER
THE SKULL
ULI JON ROTH
THRONEHAMMER
IRON WALRUS
TANITH
MESSA
MIRROR OF DECEPTION
LORD VICAR
KHEMMIS
SWALLOW THE SUN
SCALD
ATLANTEAN KODEX
Autor:
Jens Peters
Wolfram Küper

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