Interview

Interview 23.02.2022, 11:43

(DOLCH) - Online-Ergänzung zum Interview in Rock Hard Vol. 417

Im aktuellen Heft sprechen wir mit (DOLCH) über „Nacht“, den zweiten Teil ihrer Album-Trilogie – und zwar so ausführlich, dass wir euch die übrigen Einblicke in das Nachfolge-Werk von „Feuer“ nicht vorenthalten wollen. Ergänzend zu den Highway-Trips und düsteren Seelenzuständen im Heft, offenbarten uns die Berliner:innen um Sängerin M. und Gitarrist T. auch mögliche Inspirationsquellen aus Film und Literatur, reflektieren die Darstellung von Depressionen in der Subkultur und beleuchten die vielen verschmelzenden Elemente in „Nacht“.

Vielen Dank für eure Zeit erst mal. Ich hatte den Eindruck, dass die einzelnen Bestandteile aus Musik, Lyrik, Atmosphäre, Kunst und auch Theater auf „Nacht“ möglicherweise noch ein Stück stärker verschmolzen sind als in der Vergangenheit. Wie nehmt ihr das ganz grundsätzlich wahr, was könnt ihr zum Schaffensprozess erzählen?

M: »Wir haben zu danken! Wahrscheinlich entsteht dieser Eindruck, da die drei Alben „Feuer“, „Nacht“ und die noch ausstehende Veröffentlichung „Tod“, jeweils mehr Raum zu einem Themenkomplex bieten und die Produktion eine aufwändigere war. So sind die von dir genannten Bestandteile präsenter. Diese vier, ich nenne sie mal „Eckpfeiler“, begleiten uns aber ohnehin durch unsere Lebenswege und Lebensumstände, Begegnungen, Erlebnisse, Einflüsse. Die drei Alben sind ein Zyklus und in einem Prozess entstanden. Mit „Tod“ haben wir noch Mixing, Mastering und das Artwork vor uns. Im Wesentlichen waren es drei Etappen auf dem Weg zu den Alben: Die Vorproduktion in Berlin, dann die leicht verrückte Idee zu den Aufnahmen in Los Angeles. Weitere Aufnahmen fanden in Bayern zusammen mit einem langen Austausch zum Mix der jeweiligen Songs statt. Die wichtigste Änderung im Schaffensprozess war wohl die Zusammenarbeit mit Michael Zech und Selling Horse als Produzenten. Beide haben einen enormen Teil zur musikalischen Entwicklung der Alben beigetragen. Dieses Zusammenspiel und, dass es das erste Mal für (DOLCH) in einem Studio mit all seinen Möglichkeiten war, sind ein wesentlicher Unterschied im Schaffensprozess.«

Das Video zur Singleauskopplung ´Tonight´ ist unheimlich gut gelungen und auch sehr spannungsgeladen, vor allem wenn man Details wie die Hände der Protagonisten im Zusammenspiel mit dem „Desire“-Vibe, der in der Luft zu hängen scheint, betrachtet. In der Vergangenheit hat euch u.a. Federico García Lorca inspiriert, war das in diesem Fall ähnlich?

M: »Ich freue mich sehr, dass dir die Choreographie der Hände gefällt. Du bist bisher die Einzige, die dieses Element besonders hervorhebt. Da ich am Theater arbeite, hat sich in der Vorbereitung zum Video schnell gezeigt, dass mein Blick sehr vom Betrachten der Bühne als Ganzes geprägt ist. Der Blick durch die Kamera kann oder muss natürlich noch mehr gelenkt werden. Ich glaube, diese beiden Betrachtungsweisen haben dem Video gutgetan. Wir haben versucht auf einer abstrakteren Ebene ein sinnliches, zuweilen „bedrohliches‘“ Verlangen oder eine Sehnsucht zu zeigen. Diese unerfüllte Sehnsucht und zugleich Hoffnung kann in jedem Fall auf Lorca verweisen. Das Boot stammt allerdings aus einer Inszenierung von Büchner.«

Lorca hat seine Werke gerne mit surrealistischen Elementen durchsetzt, weil er fasziniert davon war, Sinneseindrücke zu verschmelzen, Ursache und Wirkung zu vertauschen, Reales zu entgrenzen und Gegenstände und unbeseelte Wesen zu personifizieren. Experimenten ihr damit auch oder könntet ihr euch vorstellen, das zu tun?

M: »Ganz ehrlich, wenn ich mir sein aufreibendes Leben und den tragischen Tod anschaue, war das für ihn sicher auch eine künstlerische Zuflucht. Es wäre für mich vermessen, uns darauf zu beziehen. Wir erzählen eine Geschichte oder beschreiben äußere oder innere Zustände in unseren Liedern. Natürlich gibt es eine Vorstellung davon, was und wie es am Ende sein kann. Insofern ist der Weg dahin unser Experiment. Wie sie dann wahrgenommen wird, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Das gilt auch für die künstlerische Übersetzung in das begleitende Artwork.«

Nimmt man Bild und Ton von ´Tonight´ zusammen, kommen leichte Werner-Herzog-Vibes auf. War er eine Inspirationsquelle für euch?

M: »Nein. Wir haben einfach nach Bildern, Bewegungen, Bühnenbildelementen und Kostümen gesucht, die uns mit dem Song verbinden. Rein intuitiv. In zwei Figuren beziehungsweise deren Kostüme gibt es eine Verbildlichung des „Nacht“-Covers. Die Möglichkeit, das umzusetzen, war auch eine Inspiration.«

Ihr habt bereits angedeutet, dass „Nacht“ vielfältige Deutungsweisen innewohnt und eine davon ein Abbild düsterer Seelenzustände sein kann. Gerade auch in Bezug auf subkulturelle Kunst neigt man dazu, Dinge wie Depression als „Künstler:innen-Krankheit“ zu romantisieren. Wie steht ihr dazu und wird das in irgendeiner Weise auf „Nacht“ verarbeitet?

T: »Romantisieren würde ich eine Depression niemals. Eine Depression ist einfach schlimm - für die Betroffenen und die Menschen drum herum. Eine Depression fühlt sich scheiße an und ist eine Krankheit, die im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Aber man kann sich auch Hilfe holen und sie bekämpfen und lernen, damit zu leben. Es gibt sicherlich eine romantische Art von Melancholie, das ist sicher auch mal schön und sogar kreativ förderlich, aber in keinem Fall mit einer Depression zu verwechseln.«

M: »In der Kunst ist es romantisch und in der Wirtschaft nennt man es „Burn Out“. Macht beides nicht viel Sinn. Ich glaube aber, dass Kunst helfen kann, ob als Sender oder Empfänger, depressive Episoden erträglicher zu machen. Ob es das Mittel der Wahl sein kann, sie zu verarbeiten, vermag ich nicht zu sagen.«

http://dolch-band.com/

dolch.bandcamp.com

Bands:
(DOLCH)
Autor:
Mandy Malon

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