Classic Albums

Classic Albums 24.08.2011

VICIOUS RUMORS - Digital Dictator (1988)

Mit dem aktuellen Album „Razorback Killers“ erleben VICIOUS RUMORS ihren zweiten Frühling. Den Grundstein für seinen kernigen, hymnenhaften US-Metal mit ganz viel Melodie legte der Fünfer aus der Bay Area aber in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern mit den drei Genreklassikern „Digital Dictator“, „Vicious Rumors“ und „Welcome To The Ball“, die alle vom ehemaligen Ruffians-Goldkehlchen Carl Albert (R.I.P.) eingesungen wurden.

»In der Tat: Mit „Digital Dictator“ haben wir den typischen VICIOUS RUMORS-Sound definiert. Außerdem war es die erste Scheibe, die vom Line-up Albert/McGee/Starr/Howe/Thorpe komponiert und eingespielt wurde«, erzählt Flitzefinger Geoff Thorpe, nachdem auf dem gutklassigen „Soldiers Of The Night“-Debüt zwei Jahre zuvor noch Guitarhero Vinnie Moore und Ex-Hawaii-Heulboje Gary St. Pierre zu hören waren.

»Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich gerade auf Hawaii Urlaub machte, als mich Dave anrief und mir Mark McGee als neuen Leadgitarristen ans Herz legte. Ich war anfangs ein wenig skeptisch, weil ich ihn bis dato nur als Sänger und Rhythmusklampfer von Overdrive kannte. Zu Unrecht, denn spätestens nach der ersten gemeinsamen Bandprobe war klar, dass sich Mark in der Zwischenzeit zu einem Weltklasse-Gitarristen gemausert hatte. Weil wir auch noch einen neuen Frontmann suchten und von Carl Albert schon viel Gutes gehört hatten, haben wir kurz darauf eine Show seiner neuen Band Villain besucht. Dabei hat er uns mit seiner Performance dermaßen weggeblasen, dass wir spontan den Plan fassten, ihn Villain zu stehlen. Gottlob hatte Carl Interesse, und so wie bei Mark hat die Chemie zwischen allen Beteiligten sofort gestimmt.«

Was zur Folge hatte, dass man sich einige Zeit später in die 75 Kilometer nördlich von San Francisco gelegenen Prairie-Sun-Studios in Cotati begab, um dort Göttergaben wie ´Lady Took A Chance´, ´Worlds And Machines´, den Speed-Hammer ´Minute To Kill´ oder den flotten Titeltrack unter der Anleitung von Engineer/Producer Steve Fontano (u.a. W.A.S.P., Phantom Blue und das ganze Griffbrettgewichse aus dem Hause Shrapnel von Joey Tafolla bis Richie Kotzen) einzusemmeln.

»Die Aufnahmen sind sehr entspannt über die Bühne gegangen, weil wir uns gut vorbereitet hatten. Weil wir alle in einem Radius von etwa hundert Meilen lebten, konnten wir nämlich endlich regelmäßig proben. Außerdem haben wir im Vorfeld noch ein Demo mit drei Songs - ich glaube, das waren ´Digital Dictator´, ´Lady Took A Chance´ und ´Condemned´ - aufgenommen, das schon ziemlich gut klang. Wie lange wir im Studio waren? Etwa vier Wochen, und gekostet hat die Scheibe ca. 15.000 Dollar. Auf jeden Fall hatten wir alle einen Heidenspaß. Bis auf unseren Sänger. Weil das Studio auf einer Farm liegt, musste Carl, der an Heuschnupfen litt, ständig niesen, und sein Gesicht sah aus wie eine reife Tomate«, lacht Geoff, der schätzt, dass Shrapnel und VICIOUS RUMORS´ europäisches Label Roadrunner bis dato zusammen etwa 150.000 bis 200.000 Exemplare von dem Album verkauft haben, das derzeit leider nur als teurer US-Import erhältlich ist.

»Reich geworden sind wir bei den Verkaufszahlen natürlich nicht, aber im Gegensatz zu vielen anderen Bands sind wir auch nicht übers Ohr gehauen worden. Im Gegenteil: Zu Mike Varney (Shrapnel-Boss - buf) hatten wir immer ein sehr gutes Verhältnis. Im Gegensatz zu Atlantic war er stets fair zu uns und hat uns nie etwas versprochen, was er nicht halten konnte. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass wir zu seinen ersten Signings gehörten und am längsten bei ihm unter Vertrag standen.«

Trotzdem wechselte man wenig später zum finanzkräftigen Majorlabel Atlantic Records, wo man Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger verstärkt auf hardrockige bis metallische Klänge setzte.

»Aufgrund der vielen guten Kritiken, die wir mit „Digital Dictator“ einheimsen konnten, war die A&R-Abteilung von Atlantic auf uns aufmerksam geworden, woraufhin wir ein paar Showcases in Nordkalifornien anberaumten, darunter auch einen Gig als Support von Paul Stanleys Soloband. Nach dem dritten und besten Konzert haben sie uns dann einen Vertrag angeboten. Wobei ich im Nachhinein sagen muss, dass wir mit Roadrunner vermutlich besser gefahren wären. Die wollten uns damals nämlich auch haben, aber das Angebot von Atlantic war einfach zu verlockend; wir wollten unbedingt in den süßen Apfel Majorlabel beißen. Trotzdem bereue ich nichts. Jimi Hendrix´ Karriere war beispielsweise bereits nach vier Jahren zu Ende, während ich seit 1979 bei VICIOUS RUMORS spiele. Und dafür bin ich extrem dankbar. Zumal viele meiner Freunde ziellos durchs Leben irren, weil sie sich für nichts richtig begeistern können, während ich seit mehr als 30 Jahren tue, was ich liebe«, erzählt der Bandleader der Amis, die Ende der Achtziger mit ihren Haarspray-Vokuhilas ausschauten wie ein Rudel Pudel nach einem Friseurbesuch.

»Dafür brauchte ich kein Haarspray, mein Freund! Meine Mähne sah auch ohne Hilfsmittel so krass aus. Außerdem waren wir noch nie eine typische Bay-Area-Kapelle wie Testament oder Exodus.«

Das lässt sich nicht nur an den Bandfotos, sondern auch am Cover von „Digital Dictator“ erkennen, auf dem ein riesiges Raumschiff im Stile der Borg-Kuben aus der Sci-Fi-Kultserie „Star Trek“ durchs Weltall tuckert.

»Ich habe unserem Label den Albumtitel vorgegeben, woraufhin der Haus- und Hofgrafiker von Shrapnel - der Typ hieß Guy Aitchison und hatte auch schon das Artwork von „Soldiers Of The Night“ gestaltet - das Konzept mit dem Raumschiff entwickelt hat. Mit dem Resultat waren wir sehr zufrieden, auch wenn es etwas cartoonartig aussieht. Im Rückblick bin ich auf jedes unserer Alben stolz, also auch auf die von der Kritik arg geschmähten „Cyberchrist“ und „Sadistic Symphony“. Für mich ist jede unserer Scheiben eine Momentaufnahme, wobei „Digital Dictator“ für uns besonders wichtig ist, weil damit unsere Karriere endlich ins Rollen kam und die Platte für meinen Geschmack keinen einzigen schwachen Song enthält. Außerdem führte uns „Digital Dictator“ zum ersten Mal nach Europa, wo wir Leute kennenlernten, mit denen wir teilweise noch heute befreundet sind.«

www.myspace.com/viciousrumors

Das Line-up auf „Digital Dictator“:

Carl Albert (v.)
Geoff Thorpe (g.)
Mark McGee (g.)
Dave Starr (b.)
Larry Howe (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

Songs: 10
Spielzeit: 38:59
Produzenten: Steve Fontano & Geoff Thorpe
Studio: Prairie-Sun-Studios, Cotati, Kalifornien

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Soldiers Of The Night (1986)
Digital Dictator (1988)
Vicious Rumors (1990)
Welcome To The Ball (1992)
Word Of Mouth (1994)
Something Burning (1996)
Cyberchrist (1998)
Sadistic Symphony (2001)
Warball (2006)
Razorback Killers (2011)

Bands:
VICIOUS RUMORS
Autor:
Buffo Schnädelbach

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