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Foto: Nathaniel Shannon

ToneTalk 20.03.2019, 08:00

DISMEMBER - Die vielen Gesichter des Todes

Death-Metallern der alten Schule bescheinigt man selten außerordentliche Musikalität, doch wenn einer von ihnen unterschätzt wird, ist es wohl FRED ESTBY von Dismember, ein Multi-Instrumentalist mit Schwerpunkt Schlagzeug, Tontechniker, Produzent, Lied- und Textschreiber mit verblüffend vielen stilistischen Interessen. Umso mehr freut sich der 47-jährige Wahlamerikaner gerade, ausnahmsweise nicht über die Reunion seiner wegweisenden Band reden zu müssen.

Fred, ersten Kontakt zu harter Musik hattest du wie viele skandinavische Musiker aus deiner Generation durch Kiss, richtig?

»Ja, da war ich noch keine 13. Meine Freunde und ich, wir haben uns wie die Bandmitglieder verkleidet und posiert. Gitarrenunterricht bekam ich schon mit elf Jahren, wobei man bedenken sollte, dass diesbezüglich damals noch mittelalterliche Zustände vorherrschten. Stunden zu nehmen, kostete zwar nicht viel, doch die Lehrer waren oft vertrocknete alte Typen, die dich zwangen, irgendwelche klassischen Suiten zu üben. Das raubte mir schnell den Spaß, weil ich verstehen wollte, wie man Riffs von den Sex Pistols oder Judas Priest spielt. Fachleute für handfesten Rock waren damals zumindest in Schweden dünn gesät.«

Wann bist du auf die extreme Schiene geraten?

»Nachdem ich in der Mittelstufe Nicke Andersson kennengelernt hatte. Er war Punk, ich ein Heavy-Metal-Kid, doch außer uns gab es an der Schule niemanden, der solche Sachen hörte. Ich spürte schnell, wie ernst er es mit der Musik meinte, und bewunderte ihn dafür, dass seine Eltern ihn so stark dabei unterstützten. Er hatte einen eigenen Proberaum, bestens ausgestattet mit Equipment, stellte mir Kenny Håkansson vor, mit dem er später auch bei den Hellacopters war, und lud mich zum gemeinsamen Proben ein. Nach ein paar Jahren mit Coverversionen von Bands wie Motörhead oder G.B.H. wollte er etwas Anspruchsvolleres machen, woraus Nihilist hervorgingen. Ich schloss mich David Blomqvist und Erik Gustafsson an, die einen Schlagzeuger suchten. Nicke brachte mir die Grundzüge des Trommelns bei, wofür ich ihm bis heute zu danken habe.«

Du hast mal gesagt, Dismember seien aus der Idee heraus entstanden, Iron Maiden und Autopsy miteinander zu versöhnen. Wie hat sich dieser Stil konkret entwickelt?

»Alles wurde eben immer härter. Als Teenager besuchten wir Shows von Slayer oder Nuclear Assault, und das schlug sich auf unsere eigene Musik nieder. Zu den Konzerten in Stockholm pilgerten auch Leute aus dem Norden des Landes, sodass wir etwa die Jungs von At The Gates kennenlernten und erfuhren, dass wir nicht die Einzigen waren, die auf diese neue Art von Metal standen. Tapetrading und Fanzines wurden unser Tor zur Welt, also verbanden wir das Extreme amerikanischer Gruppen wie dem Obituary-Vorläufer Xecutioner mit unserer Begeisterung für traditionellen Kram. Ich glaube auch, dass die beschränkten Mittel, die einem damals zur Verfügung standen, nicht geschadet, sondern im Gegenteil zur Originalität junger Bands beigetragen haben. Wer behauptet, schwedischer Death Metal klinge überall gleich, hat schlichtweg keine Ahnung.«

Stilprägend für den Klang der Szene war bekanntlich der HM-2-Verzerrer des Effektherstellers Boss, den Nihilist-Gitarrist Leif Cuzner eingeführt haben soll.

»Das stimmt. Wir teilten uns einen Proberaum mit der Band. Nicke erzählte von Leif und dessen Pedal, das jede beliebige Gitarre in eine Kreissäge verwandeln würde, daher auch die Bezeichnung „Buzzsaw“-Sound. Ich traute meinen Ohren nicht, als wir das Ding dann mit Dismember ausprobierten. So wurde es zu einem Markenzeichen. Entombeds „Left Hand Path“ ist wohl das Paradebeispiel dafür. Wir sind jetzt übrigens Endorser von Lone Wolf Audio, einem amerikanischen Unternehmen. Dessen Gründer kenne ich schon seit Jahren, und er wollte nicht nur schon immer ein Pedal in Anlehnung an unseren Gitarrenklang entwickeln, sondern auch das Originalmodell verbessern, das ja längst nicht mehr hergestellt wird. Wir mussten bereits vor Jahren nach Exemplaren aus zweiter Hand suchen, wenn unsere kaputtgingen, was zusehends schwieriger wurde. Als wir Prototypen zum Testen geschickt bekamen, waren wir hin und weg. Die Teile klingen großartig. Mittlerweile gibt es zwei funktional verschiedene Typen, deren Gehäuse den Artworks unserer Scheiben „Like An Ever Flowing Stream“ und „Massive Killing Capacity“ nachempfunden sind.«

Wie bist du vom Spielen zum Produzieren übergegangen?

»Ich erkannte zum ersten Mal, dass ich ein Händchen für so etwas habe, als wir mit Carnage unser einziges Album „Dark Recollections“ bei Tomas Skogsberg in den Sunlight Studios aufnahmen. Da ich genau wissen wollte, was wie und warum gemacht wurde, fragte ich ihn aus und schaute ihm auf die Finger, während er die Spuren abmischte. Er war immer sehr zuvorkommend und erklärte alles, weshalb ich ihn auch außerhalb der Zeit, in der wir bei ihm einquartiert waren, häufig besuchte. Ich beobachtete ihn bei seiner Arbeit mit anderen Bands, bis er mir ein Praktikum bei sich anbot. Das war zu der Zeit, als wir schon regelmäßig tourten, passte aber perfekt. Er muss wohl meine Begabung erkannt haben, und von da an schaukelte sich alles hoch. Ich produzierte erst uns selbst, dann auch fremde Sachen. Damals herrschte im Sunlight sieben Tage die Woche Betrieb, aber Tomas nahm sich immer ein Stündchen, um meine Mixe zu hören. Dann erhielt ich Anregungen und Tipps, von denen ich bis heute zehre. Ich habe feine Ohren und meistens eine relativ genaue Vorstellung davon, wie bestimmte Musik klingen sollte.«

Willst du dich als Instrumentalist und Produzent immer noch verbessern?

»Ja, auch wenn ich mir keine konkreten Ziele setze, sondern eher „on the job“ lerne. Früher haben wir wie blöde geübt und unser halbes Leben in Proberäumen verbracht. Allein schon die Aufbruchstimmung der jungen Szene und die engen Verzweigungen unter den Bands führten dazu, dass man rasch Fortschritte machte. Man befruchtete sich gegenseitig und spornte einander an. Da wir oft nichts als überspielte Kassetten der Alben bekannter Acts hatten, ließen wir unsere Fantasie spielen und versuchten, das umzusetzen, was wir beim Hören solch schlechter Kopien in unseren Köpfen hatten.«

Wie lautet deine Philosophie, was das Textschreiben angeht?

»Ich verschlinge seit meiner Kindheit Unmengen von Büchern und mochte früher vor allem Gruselgeschichten. Mein Vater hatte selbst schriftstellerische Ambitionen und versorgte mich mit den Romanen von Stephen King. Horrorfilme konnte man sich als Jungspund nicht ausleihen, weil die Gesetze in Schweden sehr streng waren, doch auch das tat mein alter Herr für mich. In meinem Freundeskreis fanden alle die klassischen Gore-Streifen cool, das war unsere Hauptinspiration. Nebenbei lernte man auch ein bisschen Englisch und schnappte Wörter auf, weil sie einfach cool klangen. Erik, der aus Texas stammte, war als Muttersprachler noch für die Lyrics unseres ersten Demos zuständig, bloß fand ich sie nicht sonderlich gut, weshalb ich mich im Folgenden immer selbst darum kümmerte. Ich notiere mir auch heute noch täglich Einfälle für neue Songs.«

Welche unterschiedlichen Anforderungen werden an Studio- und Live-Mischer gestellt?

»Erstere haben mehr Zeit zum Experimentieren. In Konzertsälen muss man sich hingegen immer rasch den lokalen Umständen anpassen und kann nicht nachbessern, wenn etwas danebengeht, geschweige denn vorausplanen. Schließlich bekommst du nie das gleiche Pult oder ein und dieselbe Beschallungsanlage vorgesetzt. Demzufolge muss man das Beste aus den Gegebenheiten machen, dem eigenen Bauch und vor allem Gehör vertrauen. Ich habe sowohl in Hallen, die mehrere tausend Zuschauer fassen, als auch in kleinen Kellerräumen gearbeitet und Jahre gebraucht, um selbstsicher zu werden. Wenn das Tonsignal der Instrumente von den Boxen auf der Bühne kommt und nur der Gesang über die Raumanlage, bleibt einem nichts anderes übrig, als Kompromisse zu machen. Hier geht es anders als im Studio nicht um Perfektion, sondern um schnelle Reaktion. Ob ein Club prall gefüllt oder halb leer ist, spielt ebenfalls eine Rolle. Bei Plattenproduktionen weiß ich im Voraus, was sich eine Band vorstellt und wie man es mit den vorhandenen Geräten umsetzen kann. Mit manchen Musikern bildet man im Lauf der Zeit ein eingespieltes Team, was ebenfalls Vorteile mit sich bringt.«

Die Gretchenfrage: Digital oder analog?

»Ich bin eingefleischter Analogfan. Mein Vorbild ist Martin Birch, der sich mit Iron Maiden und Deep Purple unsterblich gemacht hat. Keine seiner Produktionen klingt gleich, aber man erkennt seine Handschrift immer. Idealerweise arbeite ich mit Tonband und übertrage das Ganze dann in den Computer, doch Tapes sind teuer geworden, unerschwinglich insbesondere für Newcomer. Außerdem wartet und repariert niemand mehr Bandmaschinen. Überhaupt droht das Wissen darüber verlorenzugehen, wohingegen die digitalen Geräte immer besser werden, wenn es ums Emulieren analoger Wärme geht. Beim Mastering für digitale Formate muss man zudem darauf achten, dass die hohen Frequenzen nicht zu stark betont werden, denn sie strengen auf unterbewusster Ebene an, wenn man sich ihnen über längere Zeit aussetzt, beispielsweise bei Techno-Partys. Es ist ein zweischneidiges Schwert: Ich schätze die Speichermöglichkeiten moderner Technik, aber sie ist auch arg unberechenbar. Selbst absolute Vollprofis wissen oft nicht, warum etwas einfach nicht so klappt, wie man es sich wünscht, während es bei altem Equipment in der Regel kein Vertun gibt. Die alten Geräte sind übersichtlich aufgebaut, und ihre Funktionalität hängt von rein mechanischen Faktoren ab.«

Über die Jahre hast du von Black Metal bis zu Classic Rock in deiner eigenen Band The Dagger vieles versucht – notgedrungen?

»Nein, ich kann nicht immer nur dasselbe spielen oder hören. Stile sind für mich nebensächlich, und in meinem Beruf beschäftige ich mich sogar mit Dance-Kram oder Rap. Am Ende läuft alles auf den Song und die Performance an sich heraus. Ich erkenne die Qualität von Wu-Tang Clan gegenüber beschissenen HipHop-Acts und spüre, wenn etwas von Herzen kommt. Das ist das A und O.«

Woran arbeitest du derzeit, wenn du dich nicht für die Dismember-Reunion aufwärmst?

»Momentan stelle ich die neue Scheibe von Impure fertig, die aus meiner New Yorker Gegend stammen. Das ist sehr geiler Old-School-Stoff, der ein bisschen an Celtic Frost erinnert. Ich will mich meinem Studio hier in Zukunft stärker widmen, es wird neben der Tätigkeit in Clubs auf lange Sicht hin meine Haupteinkunftsquelle sein, denn das mit der Band machen wir nur aus Spaß an der Sache.«

www.dismember.se

www.facebook.com/dismemberswedenofficial



Zehnmal Fred Estby als Engineer und/oder Produzent:

CARNAGE – Dark Recollections (1990)
CENTINEX – Subconscious Lobotomy (1992)
COMECON – Fable Frolic (1995)
DESULTORY – Swallow The Snake (1996)
ENTOMBED – To Ride, Shoot Straight And Speak The Truth (1997)
EBONY TEARS – Tortura Insomniae (1997)
GRAND MAGUS – Grand Magus (2001)
IN SOLITUDE – The World. The Flesh. The Devil. (2011)
DR. LIVING DEAD! – Radioactive Intervention (2012)
MORBUS CHRON – Sweven (2014)

Bands:
DISMEMBER
Autor:
Andreas Schiffmann

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