Classic Albums

Classic Albums 19.02.2003

FOREIGNER - Die Story hinter 4

FOREIGNER sind eine ganz besondere Rock-Band, die ihren Reiz aus der musikalischen Spannung zwischen der englischen und der amerikanischen Kultur bezieht. Am besten kommt der unverkennbare Mix aus dem raffinierten Riffing des Briten Mick Jones und den souligen Power-Vocals des US-Boys Lou Gramm auf dem Klassiker „4“ von 1981 zur Geltung. Obwohl natürlich die drei Hit-Singles - ´Juke Box Hero´, ´Urgent´ und ´Waiting For A Girl Like You´ - im Vordergrund stehen, überzeugt die Platte auf ganzer Linie und hat sich weltweit inzwischen 17 Millionen Mal (!) verkauft.

Wie ihr dem respektlosen Livereview (RH 188) und dem folgenden Leserbrief (RH 189) bereits entnehmen konntet, ist Lou Gramm krankheitsbedingt gezeichnet. Auch Mick Jones hat wegen seiner fortschreitenden Stirnglatze heutzutage nicht mehr viel Ähnlichkeit mit den alten Fotos. Trotz der äußerlichen Veränderungen - immerhin sind seit „4“ mehr als 20 Jahre vergangen - sind die beiden Musiker, die sich im Gespräch als ausgesprochen nette Zeitgenossen ohne jede Starallüren erweisen, immer noch voll mit dem Herzen dabei. Bevor wir die Zeitmaschine anwerfen und ins Jahr 1981 zurückreisen, gibt Lou Gramm zunächst einmal Auskunft über seinen derzeitigen Gesundheitszustand.

»Vor fünf Jahren bekam ich sehr starke Kopfschmerzen und hatte zwischendurch Gedächtnislücken. Daraufhin wurde ich gründlich untersucht, und die Ärzte diagnostizierten bei mir einen zum Glück nicht bösartigen Gehirntumor. Er war bereits so groß, dass er schnellstmöglich entfernt werden musste. Die Operation dauerte mehrere Stunden und war ziemlich gefährlich. Um mich anschließend zu erholen, habe ich rund zwei Jahre gebraucht. Der Tumor hat nämlich Teile des Gehirns geschädigt, die für das Sehen und einige Bewegungsabläufe zuständig sind. Außerdem wurde mein Stoffwechsel beeinträchtigt, so dass ich 80 oder 90 Pfund zugenommen habe. Deswegen muss ich wohl bis an mein Lebensende zwei Mal pro Tag zwölf Tabletten nehmen und meine Blutwerte regelmäßig kontrollieren lassen. Die Regeneration dauert sehr lange, schreitet aber stetig voran, so dass es mir jetzt wieder recht gut geht. Anfangs war ich auf der Bühne schon nach wenigen Minuten total erschöpft, aber inzwischen halte ich zum Glück wieder eine volle Show durch.«

Durch die Krankheit wurden natürlich auch alle Planungen für das nächste Album über den Haufen geschmissen. Derzeit arbeiten FOREIGNER intensiv an der neuen CD und hoffen, sie noch dieses Jahr veröffentlichen zu können. Angesichts des quantitativ wie qualitativ eher dürftigen Outputs in den Neunzigern wenden wir uns jedoch lieber den frühen Achtzigern zu.

Die Situation vor den „4“-Aufnahmen war seinerzeit alles andere als einfach. Mit der rauen Ausrichtung des Vorgängers „Headgames“ wollte sich die Band von dem unzutreffenden Image der gecasteten Radio-Rocker befreien und bekam prompt die Quittung. Die LP verkaufte sich nämlich „nur“ zwei Millionen Mal und hatte keinen Top-Ten-Hit, so dass sie damals als kommerzieller Flop galt. Außerdem gab es Querelen unter den Musikern, die zur Folge hatten, dass der zweite Gitarrist Ian McDonald und Keyboarder Al Greenwood die Band verließen. FOREIGNER standen an einem Schlüsselpunkt ihrer Karriere. War der Druck nicht immens groß?

»Natürlich, aber das war er zuvor auch schon«, kommentiert Mick Jones routiniert. »Abgesehen von Iron Butterflys „In-A-Gadda-Da-Vida“ aus den späten Sechzigern gab es vor uns keine einzige Band, von der unser Label eine Million Alben verkauft hatte. Und dann kamen wir daher und kassierten gleich mit unserem Debüt Multi-Platin, was wir selbst am allerwenigsten erwartet hatten. Ab diesem Moment war der Fokus voll auf uns gerichtet, weil wir das beste Pferd im Stall von Atlantic Records waren. Von daher waren wir es gewohnt, mit Druck umzugehen. Dennoch waren die Aufnahmen zu „4“ etwas Besonderes. Lou und ich hatten als Hauptkomponisten das Gefühl, den Stil von FOREIGNER genauer definieren zu müssen, wogegen Ian und Al verstärkt ihre eigenen Ideen einbringen und mehr experimentieren wollten. Daher führte leider kein Weg an der Trennung vorbei, die uns damals alle sehr mitgenommen hat. Die beiden waren verständlicherweise stinksauer, dass wir sie gefeuert hatten, aber zum Glück hat die Zeit die Wunden inzwischen geheilt. Wir stehen wieder in losem Kontakt, und wenn wir in der Nähe spielen, kommen sie zu unseren Shows. Anschließend nehmen wir uns in den Arm und lassen bei einigen Drinks den schönen Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit Revue passieren. Damals gab es jedoch viel böses Blut. Vielleicht haben diese Aggressionen dazu geführt, dass „4“ verhältnismäßig hart ausgefallen ist. Nach dem ganzen Theater mit dem „Headgames“-Cover (dem seinerzeit vorgeworfen wurde, sexistisch zu sein - ms), den zuletzt nachlassenden Verkaufszahlen und dem Streit mit Ian und Al waren wir froh, als wir endlich ins Studio gehen konnten, weil wir dort unsere Ruhe hatten.«

Die währte jedoch nicht lange, denn Produzent John „Mutt“ Lange (u.a. AC/DC und Def Leppard, aber auch Britney Spears und Backstreet Boys) verlangte den Musikern alles ab und geriet besonders mit Mick Jones, der stets als Co-Produzent fungiert, aneinander.

»Er war mit Abstand der härteste Schleifer, den wir je hatten«, erinnert sich der Gitarrist noch heute mit Grausen, muss aber gleichzeitig eingestehen, dass er damit das bestmögliche Resultat aus allen herausholte. »Teilweise hat er uns sogar gegeneinander aufgehetzt, nur um ein besseres Ergebnis zu erzielen. Er ist ein von der Musik besessener Perfektionist. Trotz des guten Endergebnisses haben wir danach nicht mehr mit ihm zusammengearbeitet, weil es zu kräftezehrend war.«

In den Aufnahmepausen entspannte sich die Band regelmäßig bei einer Partie Tischfußball, wie der Gitarrist, der in der First Division Portsmouth und in der Premier League Liverpool die Daumen drückt, berichtet.

»Oft wollten wir nur ein kleines Spielchen machen, doch aus zehn Minuten wurden schon mal zwei Stunden.«

Aufgenommen wurde das Album in Jimi Hendrix´ Electric Lady Studio im New Yorker Stadtteil Greenwich Village, der für seine ausgeprägte Subkultur mit vielen Kneipen und Clubs bekannt ist. Davon profitierten die Musiker nicht nur, wenn sie mal einen trinken gehen wollten, sondern auch bei der Suche nach Gastmusikern.

»Wir wollten ´Urgent´ gerne mit etwas R&B-Feeling würzen und suchten dafür einen Saxophonisten. Im „Village Voice“, einer lokalen Veranstaltungszeitung, entdeckte ich die Annonce eines Clubs, in dem die mittlerweile verstorbene Motown-Größe Junior Walker ein längeres Gastspiel gab. Ich ging hin und war von Walkers Performance so begeistert, dass ich mir gleich drei Sets hintereinander ansah. Als ich dann um zwei Uhr nachts backstage ging, um ihn zu fragen, ob er auf unserem Album spielen wolle, hatte er gerade einen großen Streit mit dem Club-Besitzer. Davon noch völlig aufgewühlt, brüllte er mich an, dass er mich nicht kenne und ich mich gefälligst verpissen solle. Dieser schwarze Riese hat mir richtig Angst gemacht! Zum Glück war sein Sohn, der in seiner Band Schlagzeug spielte und daher ebenfalls backstage abhing, Foreigner-Fan und überredete seinen Vater zum Mitmachen. Weil Junior bis dahin stets nur live aufgenommen hatte und mit Overdubs völlig unerfahren war, dauerte es Stunden, ihm klarzumachen, dass keine weiteren Musiker mehr kommen und er zu der Musik vom Band spielen soll. Als er das erst einmal begriffen hatte, legte er los und spielte drei grandiose Soli ein. Mutt und ich schnitten hinterher die besten Teile daraus zu einem neuen zusammen. Wir hatten ein schlechtes Gewissen deswegen und waren dementsprechend nervös, als er später bei unserer Show im New Yorker Madison Square Garden einen Gastauftritt hatte. Zu unserer großen Überraschung war er jedoch nicht sauer und hat das Solo genauso gespielt, wie es auf der Platte ist - offensichtlich gefiel ihm also das Resultat unserer Einmischung.«

»Ich erinnere mich noch, dass er bei dieser Show einen leuchtend bunten Satin-Anzug trug und wir uns deswegen Sorgen um unser Image machten«, wirft Lou Gramm schmunzelnd ein. »Der Typ war echt ´ne Marke...«

Bei der nächsten Anekdote verliert Lou etwas den Faden, wobei Mick die Situation absolut vorbildlich rettet. Ohne auch nur ansatzweise despektierlich zu wirken, übernimmt er nach angemessenem Abwarten das Wort und prüft mit regelmäßigem Blickkontakt, ob sein Kollege die Geschichte nicht doch selber zu Ende erzählen will.

»Lou hat bei ´Waiting For A Girl Like You´ nicht nur eine fantastische Gesangsleistung geboten, sondern lieferte sie auch gleich im ersten Take ab. Als er im Aufnahmeraum stand, kam neben einigen Freunden auch eine absolute Traumfrau ins Studio. Lou und sie sahen sich die ganze Zeit durch die Scheibe an, und es schien so, als ob der Text extra für sie geschrieben worden wäre - ein magischer Moment! Als Lou nach der Aufnahme in den Regieraum kam, war sie jedoch plötzlich verschwunden. Jeder dachte, sie würde zum anderen gehören. Keiner kannte sie, und wir haben sie nie wieder gesehen. Das Ganze war sehr mysteriös.«

Angesichts der penetranten Vorwürfe, zusammengewürfelte Industrie-Handlanger zu sein, war es mutig von FOREIGNER, diese Ballade als Single zu veröffentlichen.

»Auch auf den ersten drei Alben hatten wir schon gute Balladen, aber uns fehlte bis dato etwas der Mut zu einer Auskopplung - das stimmt schon. Mit „4“ hatten wir jedoch unseren eigenen Weg und ein neues Selbstverständnis gefunden. Schließlich definiert sich Rock nicht nur über laute Gitarren. Außerdem ist ´Waiting For A Girl Like You´ sehr sparsam instrumentiert und nicht überproduziert, wodurch sich der Song seinerzeit nicht gerade beim Radio angebiedert hat (wohl ein selbstkritischer Seitenhieb auf die drei Jahre später veröffentlichte Bombast-Ballade ´I Wanna Know What Love Is´ - ms).«

Das Albumcover setzt mit seiner schlichten Prägnanz noch heute Maßstäbe. Wer kam eigentlich auf die Idee, für die Zahl das Layout eines Filmvorspanns zu nehmen?

»Ursprünglich waren der Titel „Silent Partner“ und ein enorm aufwändiges Artwork geplant«, verrät Mick. »Wir hatten für viel Geld die Firma Hypnosis beauftragt, die u.a. auch für Led Zeppelin und Pink Floyd Cover entwarf. Wir saßen nächtelang mit den Kreativen zusammen, aber ihr Konzept über Spione war so kompliziert, dass es kein Mensch verstand. Also schmissen wir den ganzen konstruierten Krempel in die Tonne. Als Gegenreaktion strebten wir nach etwas ganz Einfachem und nannten die Scheibe „4“, weil sie nun mal unsere vierte war. Die Idee mit der graphischen Umsetzung kam von uns selbst, weil wir alle gerne ins Kino gehen. Ich halte es für das beste Cover eines „4“ betitelten Albums - davon gibt es ja eine ganze Menge. Außerdem wirkt es selbst auf einem kleinen CD-Booklet noch gut.«

Davon könnt ihr euch selbst überzeugen. Wir verlosen nämlich eine von Lou Gramm und Mick Jones handsignierte Wiederveröffentlichung, die nicht nur im 5.1-Surround-Sound remastert ist, sondern außerdem zwei „nearly unplugged“ Versionen von ´Juke Box Hero´ und ´Waiting For A Girl Like You´ enthält. Schickt einfach eine Postkarte mit dem Stichwort „Foreigner“ an die Redaktion.

Außerdem wurden von Atlantic unlängst auch die ersten drei Alben „Foreigner“, „Double Vision“ und „Headgames“ neu aufgelegt - alle mit 5.1-Surround-Sound, ausführlichen Linernotes und teils lohnenden Bonustracks.

Bands:
FOREIGNER
Autor:
Onlineredaktion

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