Kolumne

Kolumne 29.08.2012

JON LORD - Die Orgel schweigt für immer

Nachruf: Jon Lord

Der große alte König der Hammondorgel ist tot. Jonathan Douglas „Jon“ Lord starb am 16. Juli im Alter von 71 Jahren nach längerem Krebsleiden an einer Lungenembolie. Die Rockwelt verliert mit ihm nicht nur einen musikalischen Titanen, der jedem Leadgitarristen mit einem sanften Lächeln und einem röhrenden Hammond-C3-Lick die Stirn bieten konnte, sondern auch einen wunderbaren Menschen völlig ohne Rockstar-Allüren.

Obwohl er mit seinem ebenso gefühl- wie kraftvollen Orgelspiel und seinen genauso beeindruckenden Zaubereien am Klavier zu den größten Tastenikonen der Popularmusik gehörte und den Hardrock stärker prägte als jeder andere Keyboarder, brauchte Lord nie die effekthaschenden Posen eines Keith Emerson oder Rick Wakeman, um sein Ego zu befriedigen. Für ihn war das Wichtigste immer die Musik, die er spielte, und wer das Glück hatte, ihn abseits der Bühne kennenzulernen, erlebte einen überaus sympathischen, gutmütigen Gentleman, der stundenlang völlig unaufgeregt die grandiosesten Rock´n´Roll-Anekdoten erzählen konnte.

Lord wird am 9. Juni 1941 im britischen Leicester geboren und bekommt schon im Alter von fünf Jahren die ersten Klavierstunden. Er reift zu einem versierten klassischen Pianisten mit Vorliebe für die kühle, durchdachte Erhabenheit eines Johann Sebastian Bach heran, begeistert sich aber als Teenager auch für Jazz, Blues und die extrovertierten Rock´n´Roll-Auftritte eines Jerry Lee Lewis.

Anfang der sechziger Jahre besucht Jon eine Schauspielschule in London und verdient sich nebenbei sein Geld mit Auftritten als Club-Pianist und Sessionmusiker (u.a. ist er auf dem ´64er The-Kinks-Überhit ´You Really Got Me´ zu hören). Überregionale musikalische Erfolge feiert Lord zusammen mit dem ehemaligen Alexis-Korner-Sänger Art Wood in der Band The Artwoods, die es mit ihrem von Jons Orgel dominierten Sound bis in diverse BBC-Fernsehshows und die Top 30 der Single-Charts (´I Take What I Want´) schafft. Einen ersten Ausblick auf den Stil, mit dem Jon bald noch deutlich bekannter werden wird, bietet das kurzlebige Projekt Santa Barbara Machine Head, bei dem Lord mit Arts Bruder, dem späteren Rolling Stone Ronnie Wood, einige bluesrockige Instrumentalnummern zockt.

Anfang 1967 steht Lord mitten im Epizentrum eines der wichtigsten kreativen Beben der Rockgeschichte. Er und der Basser Nick Simper, die sich von den Flower Pot Men kennen, treffen auf den versierten Sessiongitarristen Ritchie Blackmore, The-Maze-Sänger Rod Evans und die Jazz-Groove-Maschine Ian Paice - Deep Purple sind geboren. Die drei Alben, die die Originalbesetzung 1968 und 1969 veröffentlicht, verblassen zwar ein wenig vor den späteren Purple-Meilensteinen, enthalten jedoch durchgehend erstklassigen, psychedelisch und klassisch eingefärbten Hardrock, der vor allem von Lords Hammond C3 geprägt wird. Im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Tastenmagiern wie Keith Emerson, die mit Mellotrons und Moog-Synthesizern experimentieren, konzentriert sich Lord auf die vergleichsweise konservative Hammond, jagt seine massiven Akkorde und filigranen Leads aber nicht nur wie damals üblich durch rotierende Lesley-Speaker, sondern schaltet auch noch einen Verzerrer dazwischen und lässt den ungewöhnlich harten und rabiaten Sound zum Schluss von Marshall-Amps verstärken. Ritchie Blackmore mag nach außen hin der schillernde Pfau der Band sein, Jon kontert live jedoch ohne mit der Wimper zu zucken mit der Rechten Ritchies Soli, während seine Linke den Rhythmusgitarristen ersetzt. Dass er der versierteste und visionärste Musiker in der Band ist, beweist er auch mit dem teilweise orchestrierten frühen Rock/Klassik-Hybriden ´April´ und vor allem seinem gewaltigen Opus „Concerto For Group And Orchestra“, dessen 52 komplexe Minuten er im Herbst 1969 innerhalb kürzester Zeit im Kopf komponiert und in Partiturform niederschreibt. Die als LP veröffentlichte Live-Aufführung des bahnbrechenden Crossover-Werks in der Londoner Royal Albert Hall wird zu einer künstlerischen Sternstunde, bei der auch schon die neuen Purple-Mitglieder Ian Gillan (v.) und Roger Glover (b.) mit von der Partie sind. Blackmore stört sich zunehmend daran, dass Lord ihn immer stärker aus dem Rampenlicht verdrängt, was sich anfangs aber fast nur in den explosiven Solo-Duellen niederschlägt, mit denen die beiden auf der Bühne Dampf ablassen und so ganz nebenbei Purple zu einem der spannendsten und schweißtreibendsten Live-Acts des Planeten machen.

Auf den vier Alben der legendären Mk.-II-Besetzung - „In Rock“, „Fireball“, „Machine Head“ und mit Abstrichen „Who Do We Think We Are“ - ergänzen sich Blackmore und Lord trotz oder gerade wegen ihrer völlig gegensätzlichen Persönlichkeiten perfekt, und zusammen mit Ian Gillans Jahrhundertstimme und dem extrem tight groovenden Rhythmusgespann Glover/Paice erschaffen sie reihenweise Hardrock-Klassiker, bei denen sich Orgel und Gitarre stets auf Augenhöhe begegnen. Egal ob das einfühlsame Intro von ´Child In Time´, der röhrende ´Speed King´-Drive, die markanten Licks in ´Smoke On The Water´, die Polizeisirenen-Experimente in ´Hard Lovin´ Man´ oder das phänomenale ´Highway Star´-Solo: Lord hält in einem Genre, in dem für gewöhnlich die sechs Saiten den Ton angeben, problemlos das Gleichgewicht der Kräfte aufrecht, ohne sich in sinnlosem Gedudel zu verheddern. Wie elegant er sich auf den launenhaften Blackmore einstellen kann und den Purple-Sound zusammenhält, beweisen die Live-LPs/Boxsets „Deep Purple In Concert“, „Listen Learn Read On“ und „Made In Japan“ (bzw. die Komplettversion „Live In Japan“), auf denen u.a. ´Highway Star´, ´Space Truckin´´, ´Wring That Neck´, ´Mandrake Root´, ´Child In Time´, ´Lazy´ und ´Strange Kind Of Woman´ in grandiosen, teils bis zum Exzess in die Länge gezogenen Versionen erstrahlen.

Parallel zur mittlerweile äußerst erfolgreichen Purple-Karriere frönt Lord auch weiterhin seiner zweiten großen Leidenschaft, der Verzahnung von Rock und Klassik. Der anfangs noch mit Purple live aufgeführte, äußerst gelungene „Concerto...“-Nachfolger „Gemini Suite“ erscheint 1972 als Lord-Soloalbum, und nach der etwas orientierungslosen „Windows“-Scheibe (1974) liefert Jon 1976 mit „Sarabande“ sein orchestrales Meisterstück ab (an der Gitarre: der spätere Police-Klampfer Andy Summers). Wer das kompositorische Genie Lords in seiner ganzen schillernden Pracht erleben möchte, sollte diese Platte in entspannter Atmosphäre, aber durchaus bei gehobener Lautstärke auflegen: Facettenreicher, inspirierter, epochaler klingt kein anderes von Jons Alben.

„Sarabande“ erscheint zu einer Zeit, als Deep Purple bereits auseinandergebrochen sind. Nach schweren internen Zerwürfnissen und mäßig gelungenen Alben mit David Coverdale, Glenn Hughes und Tommy Bolin muss selbst der mit einer Seelenruhe und Engelsgeduld gesegnete Lord erkennen, dass die Band keine Zukunft mehr hat. Zusammen mit Ian Paice widmet er sich nach dem Split dem Projekt Paice, Ashton & Lord, das 1977 die etwas uninspirierte LP „Malice In Wonderland“ veröffentlicht, bevor er sich aus finanziellen Gründen Coverdales neuer Band Whitesnake anschließt. Kommerziell übertrifft die Gruppe zwar alle Erwartungen, Lords Rolle beschränkt sich jedoch darauf, hinter den beiden Leadgitarristen Bernie Marsden und Micky Moody mit harmlosen Klavier- und Synthesizer-Licks ein paar gefällige Klangkulissen zu errichten. Deutlich erfüllender sind für ihn seine Soloplatte „Before I Forget“ (1982), auf der er mit den Top-Drummern Simon Phillips und Cozy Powell arbeitet, und der Fernsehserien-Soundtrack „Country Diary Of An Edwardian Lady“ (1984). Lord genießt mittlerweile in der englischen Musikszene einen so exzellenten Ruf, dass sich Legenden wie David Gilmour und George Harrison darum reißen, ihn als Gast auf ihren Scheiben zu haben.

1984 kommt es zur vielbejubelten Reunion der Purple-Mk.-II-Besetzung. Schon das markante Orgelintro des furiosen Comeback-Hits ´Perfect Strangers´ macht deutlich, dass Lord nicht gewillt ist, noch einmal wie bei Whitesnake eine Statistenrolle zu übernehmen. Es dauert nicht lange, bis die nur oberflächlich verheilten Ego-Wunden insbesondere bei Ritchie Blackmore wieder aufbrechen und die alten Grabenkämpfe ein zweites Mal ausgefochten werden, doch als Ritchie sich schließlich 1993 endgültig in seine Renaissance-Parallelwelt zurückzieht und mit Steve Morse ein deutlich sozialverträglicheres Gitarrengenie zur Band stößt, beginnt für Purple der entspannte goldene Herbst ihrer Karriere. Mit erstklassigen Alben wie „Purpendicular“ oder „Abandon“, bestens besuchten Tourneen und sogar weltweiten Aufführungen des „Concerto...“ behaupten sich die Veteranen würdevoll auf dem Rock-Olymp.

2002, als der tourmüde Lord alles gesagt hat, was es für ihn mit Deep Purple zu sagen gab, verlässt er die Gruppe, die er mitbegründet hat, und konzentriert sich ganz auf seine Solowerke, an denen er auch schon während seiner letzten Purple-Jahre kontinuierlich gearbeitet hat. Mit den in seiner zweiten Heimat Deutschland aufgenommenen, sehr persönlich eingefärbten CDs „Pictured Within“ (1998) und „Beyond The Notes“ (2004) bedient er ein kleineres, aber äußerst treues Publikum, das auch sein Orchesterwerk „Boom Of The Tingling Strings“ (2008) und seine roheren Blues-Ausflüge mit den Hoochie Coochie Men zu schätzen weiß. Nach der Live-Aufführung seines ambitionierten „Durham Concerto“ 2007 konzipiert er mit „To Notice Such Things“ (2010) ein weiteres gutklassiges Klassik/Rock-Album, beteiligt sich an Ian Gillans und Tony Iommis WhoCares-Projekt und plant trotz einer Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung weitere Orchestertermine. Sein „Durham Concerto“ soll am 6. Juli 2012 in Hagen aufgeführt werden, der Termin muss jedoch kurzfristig abgesagt werden. Am 16. Juli stirbt Jon Lord in London an einer Lungenembolie. Er hinterlässt seine zweite Frau Vickie (die Zwillingsschwester von Ian Paices Ehefrau Jackie) und seine Töchter Amy und Sara. Posthum wird am 28. September die von vielen Fans sehnsüchtig erwartete Studioversion des „Concerto...“ erscheinen, die Lord, während er schon gegen den Krebs kämpfte, in den Londoner Abbey Road Studios mit Gästen wie Steve Morse, Steve Lukather, Joe Bonamassa und Bruce Dickinson aufnahm und die den Kreis zu den Anfängen seiner einzigartigen Karriere als Maestro zweier musikalischer Welten schließt.

Rest in peace, Jon, du wirst uns fehlen!

www.facebook.com/JonLord.org

Stimmen zum Tod von Jon Lord

»Ich empfinde große Traurigkeit und ein gewaltiges Verlustgefühl. Die Welt hat nicht nur einen fantastischen Musiker, sondern auch einen Gentleman von allerhöchstem Rang verloren. Er war ein Gigant in meinem Leben, ein enger Freund und ein wichtiger Lehrer, nicht nur was Musik anbelangt.«
Roger Glover (Deep Purple)

»Jon war der Keyboarder, der Rock und Klassik zusammengebracht hat. Erst vor wenigen Wochen spielte ich noch die Studioversion seines „Concerto...“ mit ein. Er war derjenige in der Band, der die anderen immer wieder dazu ermutigte, eine Songwriting-Idee nicht zu verwerfen, nur weil sie nicht auf Anhieb zündete. Außerdem hatte er ein geradezu majestätisches Auftreten, schlechte Laune zeigte sich bei ihm nur in seinem ironischen, trockenen Humor. Meistens war er jedoch bester Dinge und jemand, den man gerne um sich hatte. Vor Jahren begeisterte er mal in einer Umkleidekabine meinen damals fünf Jahre alten Sohn Kevin mit einer Donald-Duck-Imitation, obwohl er eigentlich längst bei einem Meet-&-Greet-Termin sein sollte.
Ich weiß, dass er nach seinem Ausstieg Deep Purple vermisste, aber andererseits ertrug er die endlosen Reisen nicht mehr. Manchmal trafen wir uns noch auf Tour, und vor einem Jahr beschlossen wir, zusammen eine Platte aufzunehmen. Nachdem er an Krebs erkrankt war, hörte ich viel Positives von ihm, weshalb mich sein Tod völlig unvorbereitet traf.«
Steve Morse (Deep Purple)

»Jon war der Pate von Deep Purple, wir alle schauten mit einer gehörigen Portion Bewunderung zu ihm auf. Wenn es in der Rockmusik einen typischen englischen Gentleman gegeben hat, dann war es Jon Lord.«
Ian Gillan (Deep Purple)

»Jon war nicht nur ein großartiger Musiker, sondern auch mein liebster Tischnachbar beim Abendessen. Ohne ihn kann es kein Deep Purple geben.«
Ritchie Blackmore (ex-Deep-Purple)

»Seit mein Vater mich 1973 im Alter von gerade mal neun Jahren zu einem ihrer Gigs in Kopenhagen mitnahm, waren Deep Purple die konstanteste und inspirierendste musikalische Größe in meinem Leben. Sie bedeuteten mir mehr als jede andere Band, und es gab in der Historie des Rock keinen anderen Musiker wie Jon Lord. Niemand spielte wie er, klang wie er, komponierte wie er, sah aus wie er. Niemals hat sich ein freundlicherer, warmherzigerer, lässigerer Mensch einem Keyboard auch nur genähert. Was er mit „The Beast“, wie er seine Orgel nannte, anstellte, wird auf immer einzigartig bleiben. Als Jon und Ian Gillan 1992 beim Gig unserer „Black Album“-Tour in München im Snake Pit standen und sich die komplette Show ansahen, war ich im siebten Himmel.«
Lars Ulrich (Metallica)

Bands:
JON LORD
Autor:
Michael Rensen

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