Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 28.08.2013

SATAN , ELECTRIC WIZARD , PORTAL - Die Hölle öffnet sich

Ein paar hundert Besucher mehr sind es dieses Jahr gewesen, die den Fortbestand des Kultfestivals in Pößneck (bei Jena) hoffentlich garantieren. Letztes Jahr stand das äußerst geschmackvoll zusammengestellte und sehr fanfreundlich organisierte HELL´S PLEASURE noch auf der Kippe. 1.500 Fans braucht man schon, um bei niedrigem Eintrittspreis Exoten wie Portal, Vomitor oder Hobbs´ Angel Of Death einfliegen zu können.

Freitag

BÖLZER eröffnen mit ihrem kauzigen Death Metal in Zwei-Mann-Besetzung das Bandprogramm. Die Truppe bietet ein bisschen Doom, etwas mehr Midtempo sowie krachiges D-Beat-Gewalze, dazu einen Sänger, der sein Mikro in Lemmy-Position hat, dabei aber schön gemein klingt. Der Sound ist gut, das Publikum lässt sich bei brütender Hitze aufwärmen, und der Hippie-Look irritiert interessanterweise überhaupt nicht. Netter Auftakt.

Warum Leute wie IRKALLIAN ORACLE ihre spirituellen Überzeugungen (die ich ihnen im Grundsatz erst mal glauben möchte) in künstlerische Form gießen und einem Publikum präsentieren wollen, wenn sie zeitgleich wahlweise nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, auch nur die rudimentärsten Voraussetzungen einer solchen Präsentation zu erfüllen (etwa ein zumindest solides Instrumentalspiel oder in Ansätzen interessantes Songwriting), wird immer ihr Geheimnis bleiben. Die Schweden sind der einsame Tiefpunkt des Festivals, langweilen mit Stangen-Arrangements, verstören mit unglaublich unsauberem Spiel (der Gitarrist scheint sein Instrument vorher kaum in der Hand gehabt zu haben) und lassen so auch die Wirkung ihrer an sich gelungenen rituellen Inszenierung komplett verpuffen. Ab in den Proberaum und üben!

Das komplette Kontrastprogramm dazu liefern DEAD LORD. Einerseits gut gelaunte, bodenständige Rocker, die einfach Bock auf Mucke haben, andererseits fähige Musiker, die ihr famoses Thin-Lizzy-Worshipping technisch gut umsetzen, ohne dabei die Stimmung zu vernachlässigen. Retro hin oder her: Das ist großes Ohrenkino und einer der zugegebenermaßen zahlreichen Höhepunkte des Hell´s Pleasure.

Vergleichbares über VERMINOUS zu behaupten, wäre schon eine Übertreibung, aber die zahlreichen Deathbanger im Publikum sind dennoch vollends zufrieden mit dem Auftritt der Schweden, die gar nicht so schwedisch klingen, aber dennoch neben aller benötigten Brutalität auch in ihrer Melodik überzeugen können. (fp)

Melodien haben VOMITOR aus Australien zwar nur wenige am Start, sie schrubben den Anwesenden dafür aber durchaus ansprechend im typischen Aussie-Death-Thrash-Style im Nu die Schweißperlen Richtung Hinterkopf. Kurzweilig, aber nicht ganz auf dem Niveau der Landsleute von Gospel Of The Horns und Deströyer 666.

Greller Sonnenschein und brütende Hitze sind ziemlich unpassende Begleitumstände für eine IN SOLITUDE-Show. Auch wenn die Schweden musikalisch einen Sahnetag erwischen, will sich einfach nicht die gleiche Gänsehaut-Atmo und Tiefen-Aggressivität einstellen wie z.B. wenige Wochen zuvor auf dem Muskelrock-Festival, als man gegen Mitternacht die Anwesenden neben obligatorischem Düsterstahl wie ´We Were Never Here´ und ´Witches Sabbath´ auch mit ein paar neuen, auf Anhieb etwas sperrig anmutenden Songs des bald erscheinenden nächsten Albums „Sister“ beglückte, die auch heute zur Setlist gehören.

„Virgin Metal“ taufte Bandleader Peter Hobbs einst den Sound seiner Combo HOBBS´ ANGEL OF DEATH, um den unverfälschten und puristischen Charakter zu umschreiben, der letztendlich in erster Linie aber eine sehr tiefe Verbeugung vor den Thrash-Titanen Slayer ist. Aber auch wenn die Australier in diesem Leben keinen Originalitätspreis mehr einheimsen werden, kann man kaum in Abrede stellen, dass sie ihren Job sehr überzeugend erledigen, wozu nicht zuletzt Neuzugang Jesse James Caldwell an der Gitarre mit einigen exzellenten Turbolicks seinen Teil beiträgt. (ah)

Mein Reviewpart beginnt ausgerechnet mit der Band des Festivals, mit der ich am wenigsten anfangen kann: mit dem Stoner-Drone-Fuzz-Trio ACID KING, deren Kyuss-Gitarrensound mich normalerweise sofort in die Flucht treiben würde. Aber geht ja nicht. Also doomdrone ich resigniert vor mich hin - und entdecke immerhin ein paar ganz brauchbare Saint-Vitus-Riffs.

REPULSION sind da schon eher mein Fall. Ihr Klassiker „Horrified“ von 1989 gehört zu jenen Scheiben im Death/Grind-Grenzbereich, die man einfach kennen muss. Das Trio hat durch ungekünstelte Ansagen und total euphorisches Stageacting sofort alle Sympathien auf seiner Seite und ballert Granaten wie ´Radiation Sickness´,´The Stench Of Burning Death´, ´Black Breath´ oder ´Eaten Alive´ mit der nötigen Wucht ins zahlenmäßig stark angewachsene Publikum. Dass In Solitudes Pelle als Gastshouter auf die Bühne stolpert und zudem auch noch Venom (´Schizo´) und Slaughter (´Death Dealer) gecovert werden, sind coole Zugaben.

Und dann kommen die Australier PORTAL, die ich auf Platte als ziemlich unhörbar empfinde, die mich aber live nach einer gewissen Eingewöhnungsphase so sehr beeindrucken, dass ich mich noch Tage später oft über die Band unterhalte. Was genau sie machen, kann ich nicht mal sagen, denn hier hinken wirklich ALLE Vergleiche. Portal sind ein tief schwarzes, abartig böses Gesamtkunstwerk, das akustisch eigentlich nur aus Krach besteht, dem aber trotzdem irgendein (undefinierbares) Konzept zugrunde liegt. Die Soundwand wird von ultratiefen, scheinbar wirr eingestreuten Growls und wenigen Rhythmusgerüsten durchbrochen, während sich auf der Bühne die sprichwörtliche Hölle öffnet. Der „Frontmann“, The Curator, setzt sich mit einer schwarzen Robe, einem verschleierten Kopfteil (unter dem - jeweils nur für Sekunden - eine Monsterfratze hervorscheint) und „Tentakelhänden“ in Szene. Er erinnert ein bisschen an den frühen Attila Csihar, der ja ebenfalls als Verwandlungskünstler gilt, im direkten Vergleich aber viel „menschlicher“ rüberkommt. Der Curator wirkt tatsächlich wie ein aus den Urtiefen aufgetauchtes Lovecraft-Monster: abgefahren, bedrohlich, skurril, völlig einzigartig. Und sehr intensiv. Reines, ungefiltertes Gefühl, das dich in die Schwärze der Nacht hineinzieht. DAS Gesprächsthema auf dem Hell´s Pleasure! (gk)

Samstag

Aufgrund einiger Änderungen im Billing (während für Chaos Echoes kurzfristig kein Ersatz mehr besorgt werden konnte, werden Black Salvation später den Slot von Antaeus übernehmen) eröffnen AMULET den zweiten Tag eine Stunde später als geplant. Den Engländern und ihrem puren Old-School-Metal merkt man zwar die Unerfahrenheit an, aber Leidenschaft und Enthusiasmus stimmen, weshalb man beim Publikum verdient einige Sympathiepunkte einheimsen kann. Dead-Lord-Sänger/Gitarrist Hakim bringt es mit „It´s not good good, but bad good!“ ziemlich treffend auf den Punkt, während es für seinen schwedischen Landsmann Jonas Mattson (g.; The Horsehead Union), der gestern bei Verminous am Bass ausgeholfen hat, dann doch ein paar Highschool-Riffs zu viel sind.

Dass Rock-Hard-Kumpel und Schwerenöter Krugi alias Gurkmaster bei der hohen Anzahl an überaus ansehnlichen Zuschauerinnen permanent auf Halbmast geflaggt hat, ist nicht sonderlich überraschend. Dass bei ihm um diese Uhrzeit allerdings bereits die volle Beflaggung ansteht, hat nichts mit den erregenden Rundungen des anderen Geschlechts, sondern vielmehr mit der finster-barbarischen Death-Metal-Attacke von VORUM zu tun. Scheinbar hat sich der Vierer vor dem Auftritt noch mit einem blutigen Ritual in Stimmung gebracht, und so passt auch der Look perfekt zur tight dargebotenen Hass-Attacke.

Der Look passt auch bei SVARTIDAUDI, allerdings fragt man sich doch, wie es die Isländer in dieser Bullenhitze länger als zwei Minuten in ihren Lederjacken und unter ihren Kapuzen und Gesichtsmasken aushalten, ohne einen Hitzschlag zu erleiden. Egal: Neben der auf den Punkt gebrachten musikalischen Performance gefällt vor allem der stete Wechsel zwischen derbsten Black-Metal-Eruptionen und leicht dissonanten sowie stimmungsvollen, offen gespielten Gitarrenakkorden. (ah)

ATTIC präsentieren ein neues Bühnenbild und sind als Band hörbar zusammengewachsen. Die beiden Flying Vs stehen mächtig und tight neben der Rhythmusfraktion, während Meister Cagliostro von Song zu Song kraftvoller und besser singt. King-Diamond-Kopie? Meinetwegen. Aber die beste von allen - und dem frühen King durchaus ebenbürtig. Songs wie ´Join The Coven´, ´Satan´s Bride´ oder ´Evil Inheritance´ muss man als Mercyful-Fate-Fan einfach mögen, auch wenn das Original atmosphärisch natürlich auf alle Ewigkeit unerreicht bleibt.

BLACK SALVATION aus Leipzig springen kurzfristig für Antaeus ein und gefallen mit ihrem bluesigen, experimentellen Retro/Doom-Rock, der was von Blue Cheer, CCR, Black Sabbath und sogar den Doors hat. Nicht so ganz meine Baustelle - aber ein cooler Farbtupfer des Festivals, den viele interessiert beobachten.

CRUCIAMENTUM spielen britischen, oft im Midtempo angesiedelten, technisch anspruchsvollen Death Metal, der (vor allem optisch) etwas an God Dethroned erinnert. Die Briten sind insgesamt aber düsterer, nicht ganz so eingängig und daher undergroundiger als die aufgelösten Holländer, was Felix mit begeisterter Schädelrotation und Himmelstein mit unentschlossener „Brauch ich das wirklich?“-Miene kommentieren. (gk)

Von NECROS CHRISTOS bekommt man, was man erwartet: eine angenehm ungestellte und zurückhaltende mystische Aura und Doomdeath von bester Qualität. Die runderneuerte Rhythmusfraktion fügt sich gut ins Gesamtbild ein, und man meint sogar, einen neuen Punch zu vernehmen, der vor allem schnelleren Stücken wie ´Necromantique Nun´ sehr guttut. Zudem erwischen die Gitarren einen mittigeren und aggressiveren Sound, als man ihn sonst von den Berlinern gewohnt ist. Beides zusammen ergibt eine doch spürbare Veränderung im Klangbild, die die Band frisch und interessant präsentiert, ohne die lieb gewordenen Trademarks zu vernachlässigen. Die Vorfreude auf das neue Album steigt.

SATAN zeigen sich danach quietschfidel und retten den Spirit der NWOBHM ohne erkennbare Verluste ins 21. Jahrhundert, was sich in einem neben mir ausrastenden und Faust schwenkenden Götz manifestiert. Sänger Brian Ross ist ausgezeichnet bei Stimme (einige Veteranen behaupten: besser denn je), das Funken sprühende Instrumentalspiel ist inspiriert wie eh und je, und die Setlist vereint Altes und Neues in angemessener Weise. Wenn es jemals einen Zweifel geben konnte, dass für Satan die Bühnen wieder offen sind, so ist dieser spätestens jetzt beseitigt. Wären die nicht auch mal was für unser kleines Festival?

Anders als die großartigen Portal, die den Zuhörer mit Gewalt und Verwirrung in komatöse Alptraumwelten treiben wollten, schließen ELECTRIC WIZARD den Tag gemächlich, aber dennoch intensiv ab. Damit treffen sie den Nerv vieler Fans, die die dunklen Perlen dieser Band nutzen, um langsam, aber sicher ins Delirium zu schreiten. Die Doomster machen alles richtig und sind der absolut passende Headliner für dieses geschmackssichere Festival. Wir kommen wieder, das ist mal sicher! (fp)

Pic: Levia Draconia

Bands:
ELECTRIC WIZARD
SATAN
PORTAL
Autor:
Felix Patzig
Götz Kühnemund
Andreas Himmelstein

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