Kolumne


Foto: Moritz Thau

Kolumne 18.03.2020, 11:51

Die hellste Laterne

Was das Dampfradio für die musikalische Geschmacksbildung der ersten Nachkriegsgenerationen geleistet hat, ist oft besungen worden. Was Tony Jasper am Dienstagabend um 22 Uhr in seiner unverzichtbaren „Heavy Metal Show“ für die Versorgung der angefixten Teens in den achtziger Jahren getan hat, wurde in vollem Umfang noch gar nicht recht gewürdigt. Vor allem die Landjugend in der norddeutschen Tiefebene hätte ohne ihn gleich einpacken können. Jasper wusste genau, mit wem er es zu tun bekam. „Don´t forget to change your clothes!“ Mit dieser eindringlichen Warnung beendete er jede seiner Sendungen.

Als er Twisted Sister für uns entdeckte, das noch etwas rumpelnde Debüt „Under The Blade“, und den Song ´Shoot ´Em Down´ ganz ausspielte, bei dem am Ende eine gute alte Tommy Gun loslegt, da lachte er dröhnend und ausgelassen. Er fand das genauso klasse wie wir.

Wie unschätzbar wichtig die „HM Show“ für die Erweiterung unseres Horizonts war, zeigt sich daran, dass er eben nicht nur Neuigkeiten spielte, sondern immer wieder Einschlägiges aus den Siebzigern und manchmal sogar späten Sechzigern, also auf Kontinuitäten und Zusammenhänge verwies, ein Bewusstsein schuf für den rockhistorischen Traditionsfluss. Ein Mitschnitt von Anfang 1982 zeigt das deutlich. Mark Storace von Krokus ist zu Gast im Studio, und höflicherweise präsentiert Jasper drei Songs vom neuen Album „One Vice At A Time“, wirft dann aber einen Blick zurück. Er spielt nicht AC/DC, das wäre zu naheliegend und vielleicht auch entlarvend gewesen, sondern die alte Hard-Blues-Rumpeltruppe Atomic Rooster, ´End Of The Day´, und Montrose mit Sammy Hagar. Da passt dann auch Jimmy Page ganz gut, der gerade den ziemlich retrofizierten Soundtrack zum Charles-Bronson-Selbstermächtigungs-Ballermann „Death Wish II“ fertiggestellt hatte. Und damit Jaspers Radio-Sprechstunde ihren Namen auch verdient und nicht ganz im Sumpf der Tradition versackt, legt er noch schnell die neue Single von Tank auf, ´Turn Your Head Around´. So lief das bei ihm.

Was Jasper aber wirklich zu einem von uns machte, war seine Aufgeschlossenheit gegenüber dem Underground. Bald fing er nämlich an, Demos zu präsentieren, durchaus solche von eher heikler Soundqualität – Steelers erstes Tape mit ´Love For Sale´ und ´Call Her Princess´ etwa. Und spätestens als er irgendwann Steeltower spielte, eine Band aus der nahen Volkswagenstadt, gab sich unsere junge Chaotentruppe, die sich selbst gerade im Proberaum die Hornhaut an den Fingern erschuftete, gewissen Hoffnungen hin, von ihm entdeckt zu werden. Das passierte nie, weil Jasper irgendwann mehr für den lieben Gott als für den bösen Metal schwärmte. Wie so viele Suchende fand er am Ende nicht das absolute Riff, sondern doch wieder nur den Mann im Mond oder einen von diesen Konsorten. Aber als hellste Laterne der ganz frühen Achtziger wies er uns den Weg aus dem musikalischen Nebel des Grauens – und dafür würde ich ihm jederzeit meine Doublette von Venoms „Welcome To Hell“ verehren. Tony, bitte melde dich!

Autor:
Frank Schäfer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos