Kolumne

Kolumne 24.07.2019, 08:00

Die Festivalsaison, sie sei gepriesen!

Nach drei Dekaden beim Rock Hard kann ich mich ohne Zickzack als Festival-Veteranin etikettieren – einer meiner Ex-Freunde faselte letztens sogar was von „Alteisen“, aber was weiß der denn, immerhin trafen wir uns inne Apotheke, wo der Gute Rheumasalbe (O-Ton „aber bitte die starke“) kaufte, pah. Aber ich schweife ab – was ich sagen will, ist, dass sich mein Musikgeschmack seit den Tagen meiner ersten Dauerwelle/Spandexledschins/CD natürlich irgendwie entwickelt und erweitert hat, ahaber eines hat sich nicht verändert: Die Festivalsaison ist seit dem ersten Open Air auf irgendeinem Rübenfeld dieser Republik jedes Mal Anlass für fröhliches Gereise – und meine Rettung vor den bizarren Clan-Ritualen, denen sich einige andere in meinem Bekanntenkreis durchaus gnadenlos unterwerfen müssen...

Beispielsweise der 70. von Onkel Detlev (wenn ich noch EINMAL seine Story hören muss, wie er seinen ´83er Audi mit Hilfe von Unterbodenschutz und drei strategisch gerissen angebrachten Schrauben übern TÜV gezerrt hat, dreh ich durch): „Och schade, da is leider unser Festival, da bin ich vier Tage im Vollstress und kann auf keinen Fall nach Castrop kommen...“ Die Silberhochzeit von Tante Friede und Onkel Kalle? „Mist, da is das Rock Harz, also von Quedlinburg nach Köln wär echt nich an einem Tag hin und zurück zu schaffen, ey.“ Auch alle anderen Sommer-Festivitäten der PV (aka pucklige Vawandtschaft) lagen in den letzten Jahrzehnten immer so günstig, dass meine beruflichen Trips nach Eindhoven, Wacken, Tilburg, in den Harz, nach Thüringen, Dinkelsbühl und/oder anderswo hin immer vier fette Fliegen mit einer Klappe für mich kaputtkloppten:

1. Bands gucken.

2. Freunde, Bekannte und geschätzte Geschäftskollegen sehen, die man dort treffen kann.

3. Ein Mini-Urlaub vom Büro.

4. Keine Buttercremetorte, gefolgt von Doppelkorn, bei der Sippschaft!

Gut, es gibt natürlich auch die Ächzstöhnkeuchmomente – sonntagsabends, wenn man dann wieder auf die heimische Ranch geritten is und die staubigen, nach Schweiß und anderen, äh, Sachen stinkenden Satteltaschen auf den Boden geworfen hat, sich den Sonnenbrand mit in der Apotheke erhältlichen Mitteln („aber bitte die starke“) einreiben muss und danach die interessanten Schwellungen beglotzt, die Bremsen/Wespen/Mücken hinterlassen haben... Wenn die verkrusteten Adidasse (Mit Glück! Oft sind´s auch die Gummibotten...) in der Wanne liegen und man weiß, dass man´s grad noch schafft, die Sachen vom Wacken bis zum Party.San wieder sauberzukriegen... Dann frag ich mich natürlich auch, warum zum Henker ich das über mich...

Und dann schellt das Telefon, und am anderen Ende befindet sich ein Augenzeuge/Reporter/Protokollant des Sippschaftstreffs vom Wochenende. „Naaa, wie war´s auf deinem komischen Musikdings im Osten?“ – „Hammer, ey. Wer hätte gedacht, dass der alte Witt es noch so in sich hat? Bin Hubschrauber geflogen! Wollte ´ne monstergroße Antonov knipsen, war aber im Hangar! Waren alle da, ich hab sogar ´nen brennenden Kuchen geschenkt gekriegt! Wir hatten da so ´ne Schachtel mit Augen...“ – „Äh, ich unterbrech dich ja nur ungern, aber während du irgendwelche Augen und brennenden Kuchen und Helikopter abgefeiert hast, musste ICH in Altendorf-Ulfkotte das Gebiss von Onkel Ferdi zum dritten Mal zusammenkleben und dann noch die dämlichen Zwillinge von Klöppners nach Hause fahren, weil die zu doof waren, ´ne Zugfahrkarte zu kaufen. Und rate mal, wer wieder die Geschichte vom ´83er Audi gebracht hat? Rrrrichtich! Die Krönung war allerdings noch der Alfons von gegenüber, der...“

Und dann geh ich mit dem Hörer am Ohr – dabei immer schön „Ah ja“, „Ach was?“ und „Was du nich sachst“ sagen! – inne Küche, spüle meine verkrustete Autotasse aus, wischel dann halb schlampig an der gepunkteten Reisetasche (wird eh wieder dreckig) rum und schwöre mir, nächste Woche mehr von der Insektensalbe einzupacken. „Und zu Walters Feier nach Gummersbach kommste auch nicht, oder? Irgendwie sieht man dich zwischen Pfingsten und Mitte August nie – was IS denn da immer so Dolles auf diesen Ohpen Ehrs?“ – „Tscha, das is halt zwischen Rock Hard Festival und Summer Breeze. Das is so wie bei euch Bundesliga oder Schrebergartensaison – is ja zeitlich begrenzt, und das will ausgenutzt werden.“

Sicher hat man viele Bands schon gesehen, manches Gelände markiert, einen Großteil der eigenen Kumpelblase auch woanders getroffen, und ich will hier gar nicht von den immer unberechenbarer werdenden Wetterverhältnissen anfangen, die sich open air im Extremfall als Über-30-Grad-Hitzschlagkatastrophe oder Unter-10-Grad-Campinghölle darstellen... Oder doch – ganz kurz zumindest; ich erinnere mich an das letzte Party.San in Bad Berka, wo der Schlamm im wahrsten Sinne des Wortes fast hüfthoch stand – so hoch, dass unsere Pensionswirtin in Tonndorf uns zwang, im Eingang Schuhe UND Hose auszuziehen, weil wir so verkrustet waren... Also standen alle schön unten ohne im Flur rum, puh... Oder das Dynamo, bei dem mein Kumpel Simon und ich derart froren, dass wir nur mit Jörg Michaels Hilfe und Gnade – ewige Dankbarkeit, Mann! – uns (auch unten ohne, weil alles komplett nass war) backstage vor einen Propan-Heizlüfter stellen durften, bis unsere Lippen und Hände nicht mehr blau waren... Oder ein Wacken, bei dem uns ein Bauer mit seinem Trecker mühsamst zehn Minuten lang aus dem Ackerschlamm ziehen musste, weil mein armer Kadett bei dem Regen SO tief eingesunken war, dass nix mehr ging... Jeder von uns hat haufenweise derartige Storys auf Lager, die wir später mal den jungen Leuten wie Onkel Detlev die berüchtigte von seinem ´83er Audi servieren werden, nur sind unsere natürlich vieeel besser und aufregender! Als mein Cousin mich allerdings gestern, als ich ihm eines meiner total interessanten Abenteuer aus dem Jahre 2003 ganz spannend und detailliert am Telefon berichtete, mit den Worten „Meine Fresse, nicht schon wieder diese unsagbar öde Story von der nackten Frau beim Death Feast in Hünxe, ey!“ unterbrach, dachte ich mir so: Weia, sind etwa unsere Open-Air-Erlebnisse der ´83er Audi unserer Generation? Na, und wenn schon, pah. Ich sage: Genießt es, solange ihr könnt und wollt, und erfreut eure Lieben mit extrem ausgefeilten (im Idealfall auch mit massenweise wackligen Handyfotos untermauerten) Festivalabenteuergeschichten, bei denen ihr vor Lachen zusammenbrecht und alle anderen im Raum sich peinlich berührt und gelangweilt angucken. Ihr habt es euch verdient!

Ich freue mich noch immer darüber, dass ich mir wegen meiner Festival-Reiserei fast alle Sommer-Sippschaftstreffen klemmen kann – schwöre aber trotzdem, dass ich Onkel Detlev das nächste Mal, wenn er vor einem angeödeten Publikum seinen ´83er Audi noch mal übern TÜV bringt, zuhören werde. WENN danach alle meiner viel spannenderen Geschichte, wie diese nackte Frau plötzlich damals beim Death Feast in Hünxe...

Wir sehen uns auf dem Acker – wenn nicht mehr in dieser Saison, dann eben 2020!

Eure Dani

Autor:
Dani Lipka

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