Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 18.11.2019, 15:16

DEVIN TOWNSEND - Tilburg, 013

Devin Townsend hat auf seinem aktuellen „Empath“-Album bewiesen, dass er sich von Genre-Grenzen gar nicht mehr limitieren lassen will. Auch live beschreitet der Kanadier mit einer zehnköpfigen Band neue Wege. Der Erfolg gibt ihm recht: Die 3000 Tickets für das Konzert in Tilburg waren schon im Vorfeld ausverkauft.

Als Support-Act fungieren diesmal HAKEN, die zusammen mit Between The Buried And Me und Leprous zweifelsohne zur Speerspitze der jüngeren Progbands gehören. Ähnlich wie der Headliner lassen die Briten sich ungern auf einen Stil festnageln. Als Fundament dient zwar Keyboard-lastiger Prog Metal der Dream-Theater-Kategorie, die Band integriert aber auch immer wieder Jazz- und Pop-Versatzstücke in ihren Sound. Auf die leichtfüßige Zuckerguss-Ballade 'Earthrise' lässt man zum Beispiel die instrumentale Prog-Wundertüte 'Nil By Mouth' folgen, die für ein angenehmes Britzeln der Synapsen sorgt. Zum Abschluss des kurzweiligen, 45-minütigen Auftritts serviert die technisch einwandfreie Combo samt sympathischem Frontmann noch ihre „Hits“ 'Cockroach King' und '1985'.

Foto: William van der Voort

In der halbstündigen Umbaupause steigt die Spannung. Während der zweite Teil der „Empath“-Tour den Fokus auf Devins Metal-Songs samt Strapping-Young-Lad-Material legen wird, hat der Mastermind für diesen ersten Tour-Teil ein zehnköpfiges Ensemble zusammengestellt, mit dem er seine komplexeren Tracks auf die Bühne bringen will. Der Mann liebt offenbar Herausforderungen und so hat er sich vorgenommen, die Konzerte möglichst „live“ zu absolvieren, also ohne hunderte Backing-Tracks vom Computer einfliegen zu lassen.

Als erstes erscheint Keyboarder Diego Tejeida und mischt unter lautem Beifall einen Cocktail auf der Bühne. Die anderen, in Hawaii-Hemden gekleideten Musiker betreten nach und nach die Bretter und bekommen zur Begrüßung von Diego ein Kaltgetränk serviert. Die neu zusammengestellte DEVIN TOWNSEND-Truppe stellt schon beim Opener 'Borderlands' ihr Potential unter Beweis: Wunderschlagzeuger Morgan Ågren beherrscht wie kein Zweiter die Dynamikspanne zwischen Laut und Leise, während die Gitarristen Mike Keneally und Markus Reuter sowie Keyboarder Diego den Sound mit irren Soli bzw. interessanten Ambient-Sounds bereichern. Devin führt mit seiner Gitarre durch die harten Riffwände des Refrains, die aber immer noch genügend Platz für das akzentuierte Bassspiel von Nathan Navarro lassen. Die Backing-Sängerinnen Arabelle Packford, Anne Preis und Samantha Preis harmonieren derweil hervorragend mit der souligen Stimme von Co-Sängerin Che Aimee Dorval, die neben Devin in der ersten Reihe steht. Der Clou an der Sache: Hier kommt tatsächlich nichts vom Band: Für die „Gotta have a good life“-Chöre kommen zwei Roadies auf die Bühne geschlappt, den hupenden Sound in der Bridge übernimmt Che mit einer Druckluftfanfare. In der Mitte wechselt der Song überraschend in eine atmosphärische Ambient-Nummer, bei der dieses erstklassige Line-up für Gänsehaut sorgt. Auf der Leinwand im Hintergrund wird derweil ein sonniger Palmenstrand eingeblendet und auch Devin erste Ansage („Legt mit eurer Familie unbedingt mal einen Urlaub ein!“) zeugt davon, wie sehr sein Karibik-Urlaub seine Kreativität beflügelt hat. Mit 'Evermore' steht im Anschluss noch eine heftigere Achterbahnfahrt auf dem Programm, bevor mit 'War' eine vergleichsweise simple Nummer aus Devins Frühphase aufgeführt wird. Hier wird nochmal besonders deutlich, wie sehr sich der Bruch mit alten Gewohnheiten in musikalischer Hinsicht gelohnt hat. Der Song wird eben nicht mehr möglichst nah an der Studioversion nachgespielt und mit einer Armada Backing-Tracks zugepflastert. Stattdessen wird der Kern der Komposition in den Vordergrund gerückt und in der Live-Version neues Leben eingehaucht.

Foto: William van der Voort

Mit 'Sprite' folgt ein weiterer „Empath“-Song, bevor ein überraschender Block auf dem Programm steht. Das ruhige „Ki“-Album fand seit seinem Erscheinen 2009 kaum Berücksichtigung in der Setlist, wird nun aber gleich mit vier Songs bedacht. 'Coast' wird von Morgan auf einem Mini-Schlagzeug am vorderen Bühnenrand gespielt, während Devin, Mike und Markus sich mit ihren Gitarren gekonnt die Bälle zuspielen. Die brodelnden 'Gato' und 'Heaven Send' rücken die grandiose Gesangsperformance von Che und Devin in den Vordergrund, während der 'Ain't Never Gonna Win'-Jam für eine kleine Verschnaufpause sorgt. Bei einigen Besuchern hat das bisherige Set vielleicht für einige Fragezeichen über den Köpfen gesorgt, die aber mit dem Hit 'Deadhead' versöhnt werden. Mit der Musical-Nummer 'Why' steht allerdings schon die nächste Überraschung auf der Setliste, zu der sich nicht nur Che in ein Tutu kleidet, sondern auch Devin in einem Rock über die Bühne tänzelt, während er die gesanglich enorm herausfordernde Nummer ohne jeden Makel bewältigt. „Der nächste Song ist eher ein Gag, weil ich nach den letzten beiden Tracks nicht viel Lust zum Singen habe“, erklärt Devin die Wahl von 'Lucky Animals', bei dessen Refrain das Publikum seine „Jazz-Hands“ in die Höhe reckt. 'Castaway' und 'Genesis' wirbeln dann nochmal alle Stile durcheinander, bevor 'Spirits Will Collide' als bedächtige Akustiknummer gar mehr überzeugt als die Studioversion. Danach verabschiedet sich das Ensemble, hat für die Zugabe aber noch eine faustdicke Überraschung parat: Mit 'Disco Inferno' zaubert die Band eine gelungene The-Trammps-Coverversion aufs Parkett, bei der Che im roten Glitzerkleid den Leadgesang übernimmt. Ihr Ende findet die Show dann im umjubelten 'Kingdom', das die 3000 Besucher mit einem Lächeln auf den Lippen in die kalte Nacht entlässt. Ich ziehe meinen Hut vor Devins Mut und der musikalischen Leistung dieser Ausnahmemusiker, die heute erst ihre dritte gemeinsame Show absolviert haben.


SETLIST
Borderlands
Evermore
War
Sprite
Solo/Coast
Gato
Heaven Send
Ain’t Never Gonna Win
Deadhead
Why
Lucky Animals
Castaway
Genesis
Spirits Will Collide (akustisch)
--
Disco Inferno
Kingdom

Fotos: William van der Voort
www.cloakture.com

Bands:
DEVIN TOWNSEND
HAKEN
Autor:
Ronny Bittner

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