Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 03.05.2021, 14:10

DEVIN TOWNSEND - "Ocean Machine: Biomech"-Livestream

Devin Townsend ist seit dem Ausbruch der Pandemie einer der umtriebigsten Livestream-Künstler überhaupt in der Metalszene. Für Stream Nummer sieben blickt der hyperkreative Kanadier ganze 24 Jahre zurück in die Vergangenheit und verlässt sich ausschließlich auf die Songs seines legendären Solo-Debüts "Ocean Machine: Biomech", gespielt in chronologischer Reihenfolge.

Für viele Fans und Kritiker gilt Devins erste Machtdemonstration als Solomusiker noch immer als einer der größten Meilensteine seiner Karriere – wenn nicht sogar der größte. Die majestätische Sci-Fi-Atmosphäre des Albums wirkt bis heute absolut einzigartig und in jeder ihrer vielschichtigen Dimensionen zeitlos. Für die Live-Präsentation am Abend des 1. Mai wählt der nur mit diversen Gitarren, seiner Ausnahmestimme und Kopfhörern über der roten Mütze bewaffnete Kanadier jedoch einen visuellen Rahmen, der dieser besonderen Stimmung auf den ersten Blick scheinbar zuwiderläuft. Während "Ocean Machine" dem Hörer auf Platte stets das Gefühl vermittelt, nachts im strömenden Regen einer hell erleuchteten futuristischen Großtstadt zu stehen, wird der Stream von einer Dachterrasse der tief in den Wäldern Kanadas gelegenen The Farm Studios übertragen. Die mit einer Drohne ("That huge mosquito", wie Devin sie liebevoll nennt) aufgenommenen Panoramaeinstellungen der Location zeigen, dass das wunderschöne Studio weit und breit das einzige Anzeichen von menschlicher Zivilisation inmitten des dichten Baumwipfel-Ozeans zu sein scheint.

Tatsächlich ergänzen sich diese beiden unterschiedlichen Stilwelten aber wunderbar und verhelfen massiven Soundapparaturen wie 'Seventh Wave', 'Night', 'Voices In The Fan' und 'Regulator' zu einer noch umfassenderen Weitläufigkeit, in der man sich mit Blick in die Ferne glückselig verlieren kann. Die sämtliche Grenzen sprengenden Longtracks 'Funeral', 'Bastard' und 'The Death Of Music' gegen Ende des Streams übertreffen ihre Album-Pendants sogar, entwickeln eine unglaubliche Sogwirkung und gehen dabei emotional tief unter die Haut. Devin selbst ist bei bester Laune und spielerisch wie stimmlich gewohnt brillant. In den gut 75 Minuten des Livestreams kommt von clean-einfühlsamen Streicheleinheiten bis zum abgründigen Shouting die gesamte gesangliche Farbpalette des kanadischen Gesamtkunstwerks zum Einsatz. Und ja, sogar der unmenschliche Schrei am Ende von 'Thing Beyond Things' sitzt bombensicher und schießt sämtliche zuvor angestauten Erwartungen in den Orbit.

Nichtsdestotrotz ist der Abend an manchen Stellen aber auch angenehm unperfekt. So versemmelt Devin den letzten Akkord von 'Life', weil ihm sein Plektrum herunterfällt und improvisiert für den krönenden Abschluss eine leicht wackelige Version des "Ocean Machine"-Demo-Songs 'Ocean Machines' ("This is the most anticlimactic ending ever."). Das alles kommentiert der 48-Jährige mit seiner unendlich sympathischen Art und dem ihm ureigenen Humor, wodurch zwischen den charakteristischen Wall-Of-Sound-Ungetümen auch die menschliche Komponente nicht verloren geht. Immer wieder wendet sich Devin direkt an sein über den ganzen Erdball verteiltes Publikum und unterhält mit augenzwinkernden Kommentaren und Zwischenrufen. Dabei nutzt er auch die Gelegenheit, um aufrichtig für mehr Zusammenhalt, Freude und Hoffnung angesichts der herausfordernden aktuellen Situation zu plädieren ("The biggest middle-finger you can give right now is to be happy!"). Ein Abend der puren vertonten Lebensfreude, der einen zumindest für kurze Zeit viele Sorgen vergessen lässt. Da sind 20 US-Dollar (Ungefähr 16,60 Euro) doch ein fairer Preis, auch wenn der Stream im Anschluss leider nur 48 weitere Stunden abgerufen werden konnte. Solange kreative Köpfe wie Devin Townsend uns und sich selbst in diesem historischer Ausnahmezustand so gut wie möglich mit Musik versorgen, lässt sich dieser Wahnsinn immerhin ein bisschen besser aushalten.

Die "Ocean Machine"-Setlist von DEVIN TOWNSEND:
Seventh Wave
Life
Night
Hide Nowhere
Sister
3 A.M.
Voices In The Fan
Greetings
Regulator
Funeral
Bastard
The Death Of Music
Thing Beyond Things
Ocean Machines

Bands:
DEVIN TOWNSEND
Autor:
Simon Bauer

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