Classic Albums

Classic Albums 17.11.2010

KISS - Destroyer (1976)

„Destroyer“ ist das anspruchsvollste KISS-Album der siebziger Jahre und ein Fundus unsterblicher Klassiker, hinter den Kulissen aber auch der Anfang vom Ende der Original-Besetzung der Gruppe. Gene Simmons blickt für das Rock Hard exklusiv zurück.

Verglichen mit den ersten drei Longplayern „Kiss“, „Hotter Than Hell“ und „Dressed To Kill“ ist „Destroyer“ ein stilistischer Quantensprung. Probierten KISS zuvor mehr oder minder erfolgreich, ihren ruppigen Livesound einzufangen, präsentiert sich „Destroyer“ 1976 als Lehrbuch-Studioalbum, das weit über den normalen Bandkontext hinausgeht und sämtliche damals zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten ausschöpft. Mit dreieinhalb Dekaden Abstand weiß Simmons, wem dafür die Ehre gebührt.

»Was damals passierte? Bob Ezrin passierte! Bob (der in den frühen Siebzigern u.a. Alice Cooper produzierte, später auch Pink Floyd, Deftones und Jane´s Addiction - jj) wurde der Trainer, den wir bis dato nie hatten. Du kannst ein guter Boxer sein, aber erst wenn jemand kommt und dir sagt, was genau du noch verbessern musst und wie du das tun kannst, erreichst du wirkliche Fortschritte. Im Militär ist dein Freund der Sergeant, der dir ins Ohr brüllt, was du zu machen hast, damit du ein perfekter Soldat wirst. Wir hatten Bob Ezrin. Und der hat uns heftig in die Eier getreten.«

Bob sorgt für Zucht und Ordnung: Er staucht Gene zusammen, wenn der nicht pariert, und verwendet als vorsintflutlichen Clicktrack eine Zigarrenkiste, auf der er mit einem Stock das Tempo vorgibt, in dem die Songs zu spielen sind. Erholung vom Drill-Sergeant winkt nur durch ein Groupie, das alle vier Bandmitglieder regelmäßig auf dem Klo durchnudeln. Ezrin erhält für sieben der neun „Destroyer“-Stücke Komponisten-Credits. ´Shout It Out Loud´ wird von ihm, Gene Simmons und Paul Stanley spontan im Studio geschrieben; die Grundidee entleiht man dem Hollies-Track ´I Wanna Shout´, den die KISS-Vorgänger-Gruppe Wicked Lester im Programm hatte. Von KISS produzierte Demos pflückt Ezrin gnadenlos auseinander. Man vergleiche z.B. die straight arschtretende Ur-Version von ´Detroit Rock City´, die seit einiger Zeit in Fankreisen zirkuliert und stilistisch auch auf „Dressed To Kill“ funktioniert hätte, mit dem bombastischen „Destroyer“-Endergebnis.

»Hör dir das erste Beatles-Album an und versuche, dir ´She Loves You´ oder ´I Want To Hold Your Hand´ auf „Sgt. Pepper´s...“ vorzustellen. Das wäre kaum möglich. Es sind dieselben Stimmen, dieselben Gitarren, aber ein ganz anderes Gefühl. Bob hat uns immens mit den Songs geholfen. „Destroyer“ ist sehr abwechslungsreich, hat jedoch einen einheitlichen Stil. Die Tracks klingen einfach so, als ob sie auf diese Platte gehören. Es verbindet sie ein gewisses Element. Und das ist das Verdienst von Bob. (Gene singt den charakteristischen Bass-Part aus den Strophen von ´Detroit Rock City´:) Da-dadadadada! Damit kam Bob an. Auch das Gitarrensolo war von ihm. Ich fand es zunächst zu spanisch.«

Doch es wird zu einem der prägnantesten Lead-Exkurse der Rock-History...

Genes diabolische Signatur-Nummer ´God Of Thunder´ versprüht auf Demo-Niveau noch einen locker-flockigen Mittsiebziger-Okkult-Rock-Hippie-Vibe und stammt unter dem Motto „Einen Gene-Simmons-Song kann jeder schreiben!“ zudem aus der Feder von Paul Stanley.

»Pauls Version war mehr ein üblicher Rocksong. Bob Ezrin hat ihn verlangsamt und umgearbeitet und meinte, dass ich das Stück singen sollte.«

Gene ändert noch etwas den Text - z.B. macht er aus „We make love ´til we bleed“ das bösere „Hear my word and take heed“ - und fertig ist ein Klassiker der KISS-History.

Eines der auffälligsten Stücke von „Destroyer“ ist ´Great Expectations´. Der progressive Brocken kommt aufgrund seiner komplexen Orchester/Chor-Instrumentierung erst 2003 auf „Kiss Symphony - Alive IV“ einmalig zu Live-Ehren.

»´Great Expectations´ ist noch aus meiner Zeit vor KISS. Die Idee habe ich vom britischen Roman gleichen Namens, der auch verfilmt wurde. Ich liebe diesen Titel einfach. Du hast nun mal „große Erwartungen“, wenn du zu einem Date gehst oder Erfolg im Leben haben willst. Ich habe darüber nachgedacht, wie es ist, einen Rockstar auf der Bühne zu sehen und selbst so etwas zu werden; Gitarre zu spielen und backstage zu dürfen.«

Ebenfalls älter als KISS ist ´Beth´, ein Song, den Peter Criss 1970 zusammen mit Stan Penridge, dem Gitarristen seiner damaligen Kapelle Lips, schrieb. Gene denkt bei dem ursprünglichen Namen ´Beck´ eher an Jeff Beck und besteht auf der Änderung zu ´Beth´, auch wenn das Stück tatsächlich einer gewissen Becky, der nervigen Ehefrau eines früheren Mitmusikers von Peter, gewidmet ist. Im Original eher folkig und auf Akustikgitarre basierend, wird ´Beth´ in seiner orchestralen „Destroyer“-Version nicht nur zur ersten echten KISS-Ballade, sondern auch zur kommerziellen Rettung des Albums. „Destroyer“ verkauft in den USA zwar umgehend 850.000 Exemplare, ist jedoch im Vergleich zum kommerziellen Durchbruch „Alive!“ von 1975, der millionenfach über die Tresen wanderte, ein Rückschritt. Die ersten drei Singles ´Shout It Out Loud´, ´Flaming Youth´ und ´Detroit Rock City´ sind mäßig bis kaum erfolgreich, als ein paar findige Radio-Redakteure auf die Idee kommen, die ´Detroit Rock City´-B-Seite ´Beth´ durch den Äther zu kuscheln. Die Nummer sprengt die Top Ten der Singlecharts, hievt „Destroyer“ zurück in die Hitparaden und macht das Album zu einem der größten Erfolge der Gruppe. ´Beth´ ist nicht zuletzt wegen der fast komplett klassischen Instrumentierung der erste KISS-Song, auf dem mit Sänger Peter Criss nur ein einziges Bandmitglied zu hören ist (im Laufe der Jahre folgen noch andere Titel, die zwar offiziell von KISS aufgenommen werden, jedoch größtenteils von Studiomusikern stammen, z.B. ´Shandi´ und ´Nothing Can Keep Me From You´). Doch auch auf den regulären „Destroyer“-Tracks gibt´s Risse in der KISS-Gemeinschaft. Das ´Sweet Pain´-Solo spielt Dick Wagner (der u.a. mit Alice Cooper und Lou Reed gearbeitet hatte und auch als „Geheimgitarrist“ auf Aerosmiths „Get Your Wings“ auftaucht) und nicht KISS-Sechssaiter Ace Frehley. Der wird erst nach Pressung des Albums vor vollendete Tatsachen gestellt und ist mächtig angepisst. 1981 überwirft er sich während der Arbeiten am zweiten von Bob Ezrin aufgenommenen KISS-Werk „(Music From) The Elder“ endgültig mit dem Produzenten.

»Ace war ständig betrunken und blieb meist zu Hause. Er spielt außerdem nicht auf ´Beth´ (die eh kaum hörbare Akustikgitarre wird ebenfalls von Dick Wagner übernommen - jj) und einigen weiteren Parts. Auch Peter hatte diverse Probleme. Wir hatten aber keine Lust, auf die beiden zu warten, also brachten wir Dick und ein paar andere Leute ins Studio.«

Außer einer kleinen Passage für das aus diversen alten Fragmenten zusammenklamüserte ´Flaming Youth´ steuert Ace keine Ideen zu „Destroyer“ bei. Wenn man von den Credits absieht, die frühere Wicked-Lester-Mitglieder im Rahmen der Neueinspielungen von ´Goin´ Blind´ („Hotter Than Hell“) und ´She´ („Dressed To Kill“) bekamen, ist „Destroyer“ stattdessen das erste KISS-Album, auf dem externe Songwriter zum Zuge kommen. So holt man den Runaways-erprobten Kim Fowley und seinen Kompagnon Mark Anthony ins Boot. „Destroyer“ hilft diese Vorgehensweise, weil das brillante ´King Of The Nighttime World´ schon weitgehend komponiert angeliefert wird und von Stanley und Ezrin nur noch einen Feinschliff bekommt. In Interviews zu ihrem 2009er Album „Sonic Boom“ stellen KISS hingegen immer wieder in den Vordergrund, dass sie jetzt endlich wieder ohne fremde Hilfe Songs zustande bringen. Entsprechend gibt´s für Gene kein Patentrezept.

»Hier muss ich erneut auf die Beatles verweisen. Da denkt auch jeder, dass Lennon, McCartney und Harrison die Musik geschrieben haben. Aber das stimmt nicht. Sie haben von Motown bis Carl Perkins alles Mögliche gecovert. Das haben sie sehr gut gemacht und waren immer die Beatles. Wenn du dich mit Herz und Seele dem Material anderer Komponisten öffnest, ist es nicht mehr wichtig, von wem ein Stück verfasst wurde. Bei ´God Of Thunder´ glauben ja auch die meisten Leute, dass es von mir stammt. Aber es ist nun mal von Paul.«

Ebenfalls sind eine Menge KISS-Fans der Meinung, dass der Nachrichtensprecher im Intro von ´Detroit Rock City´ Gene Simmons höchstpersönlich ist.

»Das ist Bob Ezrin. Und die jungen Stimmen, die man auf ´God Of Thunder´ hört, sind seine beiden Kids. Sie kamen ins Studio und spielten mit Kinderpistolen herum. Bob nahm das auf und fügte es in den Song ein.«

Bleibt die Frage, welche Tracks Gene mit fast 35 Jahren Abstand auf „Destroyer“ am liebsten sind.

»´Detroit Rock City´ und ´Great Expectations´.«

www.kissonline.com

www.myspace.com/kiss

DISKOGRAFIE

Kiss (1974)

Hotter Than Hell (1974)

Dressed To Kill (1975)

Alive! (Live, 1975)

Destroyer (1976)

Rock And Roll Over (1976)

Love Gun (1977)

Alive II (Live/Studio, 1977)

Double Platinum (Best-of, 1978)

Dynasty (1979)

Unmasked (1980)

(Music From) The Elder (1981)

Killers (Best-of, 1982)

Creatures Of The Night (1982)

Lick It Up (1983)

Animalize (1984)

Asylum (1985)

Crazy Nights (1987)

Chikara (Best-of, nur in Japan veröffentlicht, 1988)

Smashes, Thrashes And Hits (Best-of, 1988)

Hot In The Shade (1989)

Revenge (1992)

Alive III (Live, 1993)

MTV Unplugged (Live, 1996)

You Want The Best... You´ve Got The Best (Compilation, 1996)

Greatest Hits (Best-of, nur in Großbritannien veröffentlicht, 1997)

Greatest Kiss (Best-of, 1997)

Carnival Of Souls (1997)

Psycho Circus (1998)

The Box Set (Boxset, 2001)

The Very Best Of Kiss (Best-of, 2002)

Kiss Symphony - Alive IV (Live, 2003)

The Best Of Kiss: The Millennium Collection (Best-of, 2003)

The Best Of Kiss: The Millennium Collection Volume 2 (Best-of, 2004)

Kiss Gold 1974 - 82 (Best-of, 2005)

Kiss Chronicles (Best-of, 2005)

The Best Of Kiss: The Millennium Collection Volume 3 (Best-of, 2006)

Alive! 1975 - 2000 (Boxset, 2006)

Jigoku Retsuden (Re-Recordings, nur in Japan veröffentlicht, 2008)

Ikons (Best-of, 2008)

Legends Of Rock (Best-of, 2009)

Sonic Boom (2009)

Das Line-up auf „Destroyer“:

Paul Stanley (g./v.)

Gene Simmons (b./v.)

Ace Frehley (g.)

Peter Criss (dr./v.)

Fakten, Fakten, Fakten

Songs: 9

Spielzeit: 34:06

Produzent: Bob Ezrin

Studio: Record Plant (New York)

Cover: Ken Kelly

Noch mehr Fakten

* Coverkünstler Ken Kelly musste das legendäre „Destroyer“-Artwork mehrfach ändern, weil die Band zwischen dem Erstentwurf und der Albumfertigstellung ihre Bühnenkostüme modifizierte. Ken war auch für Manowar, Rainbow und Coheed And Cambria tätig.

* Um einen bestimmten Schlagzeugsound zu kreieren, setzte Bob Ezrin Trommler Peter Criss mitsamt seinen Drums in einen Fahrstuhl.

* Der tödliche Autounfall eines KISS-Fans, auf dem der Text von ´Detroit Rock City´ basiert, geschah in Wirklichkeit in North Carolina.

* Das auf dem Album unbetitelte ominöse Outro heißt ´Rock And Roll Demons´. Ezrin benutzte dafür den Loop einer Paul-Stanley-Ansage vom „Alive!“-Longplayer und Effekte aus dem ´Great Expectations´-Chor.

Bands:
KISS
Autor:
Jan Jaedike

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