Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 26.06.2013

UNIDA , PENTAGRAM , ORCHID - DESERTFEST BERLIN 2013 - Astra Kulturhaus

Das DESERTFEST BERLIN (ein Ableger des Desertfest London) ist ein Paradies für Freunde der Stoner-, Doom- und Avantgarde-Szene und als solches dem holländischen Roadburn recht ähnlich. Der Ort des Geschehens, das knapp 2.000 Fans fassende Astra Kulturhaus, spricht mit seinem kaputten, reizvollen Punk-Charme aber bewusst eine weniger elitäre Zielgruppe an. Wir fühlten uns bei der zweiten Ausgabe des Festivals drei Tage lang zwischen Rockern, Stonern und Punks pudelwohl.

Donnerstag

Betritt man das Desertfest-Gelände, steht man zunächst mal in einem urigen kleinen Biergarten, von dem eine kleine Theaterbühne (das „Theatre Bizarre“) und ein überschaubares Merchandise- und Plattenzelt abzweigen. Dazwischen gibt´s Bratwurst und Bier. Wer´s nicht so gerne deftig, sondern gemütlich und (Herr Kaiser hätte jetzt ein „nun ja“ eingefügt) esoterisch mag, kann sich ein paar Meter weiter verschiedene Tees, Gewürzkaffee (sehr lecker!) und vegetarische Spezialitäten in die Jaedike-Plauze kippen. Man muss dann allerdings den gemütlichen Doomrocker ignorieren, der zehn Minuten lang in aller Seelenruhe und in Zeitlupe (Doom!) neben den Stand kotzt. Dass niemand auch nur im Traum auf die Idee käme, den unpässlichen Burschen vom Ort des Geschehens zu vertreiben, spricht für die friedliche, sehr nette Atmosphäre des Festivals. Die Teefreunde nippen weiter an ihren Tässchen, als wäre nichts gewesen - und ich wundere mich insgeheim darüber, dass das feuchte Bäuerchen des Doomers nicht mal stinkt. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass sich schon am frühen Nachmittag dichte süßliche Rauchschwaden über die Szenerie legen.

Passend dazu schrammelt im Zwischenbereich des Astra (der „Foyer Stage“) der Opener des Festivals, SATELLITE BEAVER, durch die Botanik. Harter Stoner Rock mit Sludge-Kante. Für die Zielgruppe, der ich nicht angehöre, offenbar ganz okay.

Im direkten Anschluss steht mit SAMSARA BLUES EXPERIMENT bereits das erste Tages-Highlight auf der Hauptbühne. Der große Saal ist jetzt etwa halbvoll, und man staunt über den klaren, sehr lauten Sound, der besonders die beiden unverzerrten Gitarren gut zur Geltung kommen lässt. Toller Psychedelic-Jam-Rock mit einem an Cliff Burton erinnernden Bassisten.

Auf die nächste Band der Hauptbühne freue ich mich heute am meisten: VICTOR GRIFFIN´S IN-GRAVED sind für die „Pure Doom“-Fraktion einer der drei Top-Acts des gesamten Festivals und werden dieser Rolle auch vollauf gerecht. Der inzwischen volle Saal genießt die von einer satten Hammondorgel (Ex-Trouble-Drummer Jeff Olson!) und Victors knochentrockener, fetter Les Paul getragene Show, deren Hauptbestandteil das kürzlich veröffentlichte (starke) In-Graved-Debütalbum ist. Das äußerst geschmackssicher interpretierte Jethro-Tull-Cover ´Teacher´, der Ohrwurm ´Late For An Early Grave´ oder das inzwischen schon fast als „Victor-Griffin-Signature-Tune“ durchgehende ´House Of The Rising Sun´ (natürlich wieder sehr heavy gespielt) überzeugen bis auf die extremere Sludge-Fraktion so ziemlich alle, und Victor räumt nebenbei den Titel „coolste Bühnenpersönlichkeit“ des Festivals ab. Seine Jesus-Biker-Lederweste (s.a. Interview in dieser Ausgabe) unterstreicht den Coolness-Faktor der Pentagram-Legende nur noch. Was bei anderen aufgesetzt und albern wirken würde, beeindruckt bei Victor selbst Zyniker. Authentizität ist halt immer am goilsten. (gk)

Da hat man sich mit In-Graved gerade schön warm gedoomt und die Laune auf den Höchststand gebracht, da fällt sie auch schon wieder steinschlagartig, und schuld sind DYSE. Mit Fragmenten statt Songs und Billig-Riffing erstickt diese Gurkentruppe sowohl den Reiz ihres humoristischen Konzepts als auch ihre sowieso schon rar gesäten großen Momente im Keim. Teile des Publikums feiern die Truppe trotzdem, was wohl auch mit dem inzwischen bedenklichen Marihuana-Anteil in der Luft zu tun haben könnte. Nur mit Alkohol ist die Band kaum zu ertragen.

PENTAGRAM sind dagegen der Höhepunkt des Tages und werden ihrem Status als Szeneleader und -Urväter gerecht. Der Innenraum ist bis zum letzten Quadratmeter gefüllt, die Metalheads schütteln die Haare, während das Alternative/Hipster-Publikum neugierig bis anerkennend auf die Bühne schaut. Bobby Liebling ist das alles egal. Der Mann ist 59, wirkt rein optisch noch ein paar Jahre älter, tänzelt und läuft aber dennoch über die Bühne und zeigt einen an seiner körperlichen Form gemessen beeindruckenden Einsatz. Noch beeindruckender ist aber seine Stimme - Ozzy würde vor Neid erblassen! Das Volumen ist noch vollständig da, und auch die giftigen Parts klingen nach wie vor giftig. Da verkommt die Restband schon fast zur Randnotiz, wenngleich auch die sich weder spielerisch noch bezüglich der Performance eine Blöße gibt. Dazu noch eine Hammer-Setlist, und Pentagram etablieren sich als eines der absoluten Festival-Highlights.

Anders LONELY CAMEL: Die sind lediglich ein solider Rausschmeißer, der die Nachteulen warm hält und für einen angenehmen Abschluss sorgt. (fp)

Freitag

Opener-Positionen sind kein Spaß, und LECHEROUS GAZE müssen sich mit einer kleinen und zurückhaltenden Meute herumschlagen. Traurig, denn die Amis avancieren zu einem der Überraschungssieger des Festivals: Die abgefahrene Strumpfmaske des Sängers in Verbindung mit seinen unfassbar geilen Vocals, dazu eine ordentliche Stoner-Rock-Wand mit viel Rock´n´Roll im Mörtel und einfach Spaß an der eigenen, nie eindimensionalen Musik - das ist eine begeisternde Verbindung, die immer mehr Fans auf ihre Seite zieht.

Mit WITCH MOUNTAIN geht die Druckbetankung weiter. Musikalisch komplett anders gelagert, regiert hier die Schwere und Gemächlichkeit, ohne die Intensität zu vernachlässigen. Die Gitarre röhrt, die Rhythmusfraktion stampft, die Sängerin hat Charisma in Stimme und Auftreten, so dass man ihr auch einige tonale Unsicherheiten in den Höhen verzeiht, und die Songs fließen zäh, aber beständig ins Ohr und nehmen den Hörer gefangen. Well done!

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die eh schon nicht besonders spannenden Alternative-Rocker ODDJOBMEN nach diesem Doppelschlag umso schwächer wirken. Die Songs sind mäßig spannend, die Umsetzung auf der Bühne ist routiniert, aber blutleer. Logisch, dass in den ersten Reihen Lücken klaffen.

Dann schon lieber BLUES PILLS, deren eindeutig von Led Zeppelin beeinflusster Hardrock dank starker Instrumentalisten und guter Sängerin locker überzeugt. Die Truppe weiß, was sie tut, und hat definitiv Rock´n´Roll im Blut. (fp) (Ein bisschen mehr Euphorie wäre in Sachen Blues Pills angemessen gewesen, Felix! - Red.)

HOUSE OF BROKEN PROMISES servieren Sludge-Suppe mit Blues-Bröckchen und testen die aktuelle Stimmung, denn die Truppe aus Kalifornien ist Unida minus John Garcia. Die Zuschauer goutieren die satten Riffs mit nickendem Kopf und kleckernden Getränken. So geht Rock´n´Roll-Zeitvertreib für beide Seiten.

LOWRIDER sind vom Anblick der gut gefüllten Halle völlig geplättet und feiern ihre Wiederauferstehung wie einen Sechser im Lotto. Die Setlist bietet zwar kaum Überraschungen, hält dafür aber mit ´Dust Settlin´´ und ´Lameneshma´ erinnernswerte Höhepunkte bereit.

Danach der Gegenpol: NAAM, völlig druffe Brooklyn-Psycho-Orgel-Freaks, deren Show wie eine Jam-Session wirkt. Dem Rezensenten fehlen zum Durchdringen der Wah-Wah-Wand entweder entscheidende Gene oder notwendige Promille, denn breit ist nur mein Gähnen nach dem halben Set.

Zum Glück gehen DOZER straigher zu Werke, deren Drummer Olle Mårthans den traditionellen Sound mit trickreichen Fills und mächtigem Punch zwei Stufen hochlevelt.

Jeglicher Restoptimismus wird von der blauroten COUGH-Nebelwand eliminiert: Ihr Finster-Drone unter dem infernalischen Gekeife ist wirklich bösartig.

Dann, endlich, degradieren UNIDA mit dem federnden ´Wet Pussycat´ die bisherigen Kapellen zu Klonen der Wüsten-Könige. John Garcia wirkt im Vergleich zu den Kyuss-Shows deutlich fitter, singt Knaller wie ´Nervous´ und ´Human Tornado´ mit bester Stimme und liefert den ausklinkenden Fans als Bonbon das lässige Leaf-Hound-Cover ´Stray´.

Auf diesen Triumph können die polnischen Doomheads BELZEBONG nichts draufsatteln, sie spielen zu Recht die Rausschmeißer. (jk)

Samstag

Die Wachmacher 1000 MODS stonerdröhnen um 15 Uhr trotz ihrer Fuzziness ziemlich punktgenau in die Frühaufstehermeute.

ALUNAH haben dicke Hooks und ´ne, ähem, vollschlanke Frontfrau, die nicht auf die nötige Verträumtheit verzichtet, schließlich ist man ja bestimmt ganz doll Pagan oder so. Elin Larsson von der Freitagsüberraschung Blues Pills (nein, NICHT Fußpilz!) bleibt in Sachen Stage-Präsenz unerreicht. Es ist aber schön, die Psychedelic-Doom-Schwadron erstmals außerhalb Englands zu sehen.

FREE FALL wildern in Garage Rock und Proto-Punk. Die Instrumentalisten besitzen zudem echten Rockstar-Appeal. Sänger Kim Fransson hingegen hat die Ausstrahlung eines Roadies, der sich auf ´ne große Bühne verirrt hat, kompensiert das jedoch mit ´ner großartigen Röhre. Götz zieht Flogging Mollys Dave King zu Fastway-Zeiten als Vergleich heran, Herr Patzig mault etwas, nun ja, patzig: „Klingt fast wie Foreigner. Ich musste beinahe den Saal verlassen!“

GENTLEMANS PISTOLS donnern im Foyer hochenergisch Hit um Hit in eine völlig begeisterte Masse - inklusive des ersten Crowdsurfers des Tages. Witzig ist, dass die Combo trotz Gitarrist Bill Steer (u.a. Firebird, Carcass, Angel Witch) einen schrägen Nerd-Faktor aufweist.

„We are Flotsam And Jetsam“, nee, schade, „We are FATSO JETSON“, tönt´s von der großen Bühne. Bei der Truppe aus dem kalifornischen Palm Desert flirten Stoner und Blues mit Jazz-Flair.

YAWNING MAN liefern mit ihrem Namen ´ne Steilvorlage. Sphärisch fluffig, aber wegen technischer Probleme zugleich etwas unentspannt dudelt der Dreier durch kacklangweilige Jams. Mein Kopfkino zaubert ´ne Schildkröte hervor, die auf ´ner Überdosis Magic Mushrooms ´ne schier endlose Düne hochschleicht und dabei herzhaft gääähnt. (jj)

Für MY SLEEPING KARMA ist der Vorraum zu klein, die Fans stapeln sich, und selbst als früh Anwesender kann man einen Platz in den vorderen Reihen vergessen. Zu Recht, denn der meist instrumentale Postrock wirkt wie ein gigantischer akustischer Film mit viel Tiefgang und träumerischer Stimmung.

Auch KADAVAR erfüllen alle Erwartungen und nutzen den Heimvorteil für einen coolen Hippie-Doom-Gig. Das Dreiergespann rifft und rockt sich durch einen Set, der kaum Wünsche offen lässt, und überzeugt damit das noch zahlreich anwesende Publikum. Stark!

Das ist bei TROUBLED HORSE leider ein wenig anders. Es ist schön, dass für Witchcraft ein schneller und bekannter Ersatz gefunden wurde, aber die Songs langweilen schnell, und der Shouter hat wohl nicht gerade seinen besten Tag erwischt und agiert beständig an der Grenze zur Unerträglichkeit. Der Vorraum ist dennoch gut gefüllt, wobei mir das kalte Grausen kommt, wenn ich daran denke, dass Orchid hier ursprünglich spielen sollten.

Denn auch wenn es bei den anderen beiden Headlinern noch voller war, ist der Innenraum nun mehr als gut gefüllt, als die Black-Sabbath-Verehrer loslegen und das Publikum 75 Minuten lang mit warmen Gitarrenklängen und schneidigem Gesang verwöhnen. Die Nähe zu den Pionieren ist nicht zu leugnen, die Truppe als reines Plagiat abzutun, wird ihr aber auch nicht gerecht. Korrekterweise müsste man sagen, ORCHID führen eine Tradition weiter, die die Originale nicht in der Lage und/oder gewillt sind, weiterzuführen. Die Zusammenstellung aus alten und neuen Songs funktioniert ausgezeichnet. (fp)

Auf dem Desertfest zeigten sich selig bedröhnt: Jan Jaedike (jj), Felix Patzig (fp), Jakob Kranz (jk) und Götz Kühnemund (gk)

Bands:
UNIDA
PENTAGRAM
ORCHID
Autor:
Felix Patzig
Jan Jaedike
Götz Kühnemund
Jakob Kranz

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.