20.03.2019, 08:00

SEPULTURA - »Der Deal mit Roadrunner stachelte unsere Kreativität zusätzlich an«

Während wir uns in den anderen Teilen unserer Titelstory den äußeren Umständen widmen, die zur Entstehung und zum Erfolg von „Beneath The Remains“ beigetragen haben, fokussieren wir uns im Gespräch mit Gitarrist Andreas Kisser auf die Musik und lassen ihn im ausführlichen Track-by-Track-Kommentar die damaligen Einflüsse der Brasilianer offenlegen.

Bevor wir uns mit „Beneath The Remains“ beschäftigen, weist Andreas darauf hin, wie wichtig sein Einstieg für die Entwicklung von SEPULTURA war.

»Als ich im April 1987 bei SEPULTURA einstieg, hatte die Band erst Ideen für drei Songs: ´R.I.P. (Rest in Pain)´, ´Screams Behind The Shadows´ und einige Riffs für ´Escape To The Void´. Ich half ihnen, diese Songs zu vervollständigen, und brachte meine eigenen Ideen ein: ´From The Past Comes The Storms´ (sic!), ´To The Wall´ oder ´Inquisition Symphony´, was damals für uns eine spielerische Herausforderung darstellte. Ich brachte meinen Heavy-Metal-Einfluss mit, deshalb klingt „Schizophrenia“ ganz anders als „Morbid Visions“ und „Bestial Devastation“. Aber die drei waren auch schon bereit, die nächste musikalische Stufe zu erklimmen, besonders Iggor, der schon immer ein ausgezeichneter Musiker war. Ich hatte auch Einfluss auf die lyrischen Themen. Es wurde nicht mehr über Satan oder Fantasy-Themen gesungen. Mich hat „Spreading The Disease“ von Anthrax beeindruckt, und deshalb handelt vieles auf „Schizophrenia“ vom Stress, in einer Großstadt zu leben, von Depressionen und Druck. Ich habe schon damals viele Lyrics für die Band verfasst.«

Mit „Schizophrenia“ konntet ihr die Aufmerksamkeit von Roadrunner Records gewinnen.

»Ja, das Album verhalf uns zu dem Vertrag mit Roadrunner. „Beneath The Remains“ war dann das erste Album, das weltweit erschien. Wir waren total aus dem Häuschen. Roadrunner nahmen SEPULTURA unter Vertrag, ohne die Band jedoch richtig zu kennen. Sie änderten das Bandlogo und akzeptierten nicht das ursprünglich vorgesehene Cover, das Monte Conner später Obituary für „Cause Of Death“ gab. Uns wurde das Gefühl vermittelt, dass sie nicht hundertprozentig daran glaubten, dass SEPULTURA erfolgreich sein könnten. Nichtsdestotrotz nahmen sie uns unter Vertrag. Ein Vertrag, der sich als schwierig für uns herausstellte und den wir in späteren Jahren glücklicherweise noch anpassen konnten. Aber wir waren damals enorm happy, dass wir mit Scott Burns im besten Studio arbeiten durften, das man finden konnte. Im Vorfeld übten wir jeden Tag in unserem Proberaum in Belo Horizonte. Wir renovierten sogar die Räumlichkeiten, schließlich verbrachten wir dort viel Zeit mit dem Songwriting. Es stachelte unsere Kreativität zusätzlich an, dass wir den Vertrag schon in der Tasche hatten. Deshalb wollten wir eine richtig professionelle Platte machen. Das war etwas ganz anderes als „Schizophrenia“, wo wir mit mehreren Engineers in einem zweitklassigen Studio arbeiten mussten.«

Mit „Beneath The Remains“ habt ihr euch spielerisch noch eine ganze Ecke weiterentwickelt. Auch die Kompositionen fielen wesentlich komplexer aus.

»Wir hörten viele Bands aus der Thrash-Metal- und Hardcore-Punk-Szene, von Suicidal Tendencies über Corrosion Of Conformity, Ramones und Sex Pistols bis zu traditionellen Sachen wie Led Zeppelin und Black Sabbath. Und natürlich europäische Acts wie Kreator, Sodom und Hellhammer. Sogar kanadische Bands wie Sacrifice, Triumph und Rush. Wir waren musikalisch sehr offen, und „Beneath The Remains“ war auch das erste Album, auf dem wir über das Leben in Brasilien sangen, zum Beispiel in ´Inner Self´.«

Obwohl ihr euch als Musiker verbessert habt, hat Max Jahre später verraten, dass Paulo auf dem Album nicht zu hören ist. Stattdessen sollen die Bassspuren von Max und dir eingespielt worden sein.

»Das stimmt so nicht, ich habe den Bass alleine eingespielt, Max hatte damit nichts zu tun. Max scheint viele historische Fakten so wiederzugeben, wie sie ihm gerade in den Kram passen. Ich habe den Bass auf „Schizophrenia“, „Beneath The Remains“ und „Arise“ eingespielt. Paulo hatte im Studio zu viele Probleme, und gerade bei „Beneath...“ hatten wir auch keine Zeit, der Bass musste in ein oder zwei Tagen im Kasten sein. Paulo war noch nicht bereit fürs Studio. Das war eher ein psychologisches als ein technisches Problem. Live war er immer tight, aber im Studio wurde er total nervös. Andy Wallace hat ihm dann bei der „Chaos A.D.“-Produktion das nötige Selbstvertrauen beigebracht. Man hört auch den Unterschied: Bei „Chaos A.D.“ spielt ein Bassist den Bass, bei den vorherigen Alben ist es ein Gitarrist, der eher den Vorgaben der Gitarre folgt.«

Gitarristisch passiert auf „Beneath The Remains“ verdammt viel. Ein harter Song wie ´Mass Hypnosis´ überrascht in der Mitte zum Beispiel mit einem Akustikpart. Hattet ihr manchmal Bedenken, dass ihr den Hörer überfordern könntet?

»Überhaupt nicht, wir hatten viel Spaß an so was. Wir waren von Acts wie Mercyful Fate beeinflusst, die mit cleanen Passagen arbeiteten. Auch Randy Rhoads und Tony Iommi brachten in harten Songs wunderschöne Akustikpassagen unter. ´No Love´ von Exodus fällt mir da noch ein. Ich liebe die klassische Gitarre, sie war auch mein erstes Instrument. Wir versuchten, all unseren Einflüssen gerecht zu werden. Wir übten jeden Tag von nachmittags bis nachts und schafften uns Freiräume für Experimente. Wir haben das schon damals als unseren Job verstanden.«

TRACK BY TRACK

„Beneath The Remains“

»Viele der dissonanten Riffs wurden von Voivod beeinflusst«

´Beneath The Remains´

»Im Metal-Genre haben schöne Akustikintros eine Tradition. Das hat mich sehr beeinflusst, mich eingehender mit der Akustikgitarre zu beschäftigen und auch ein solches Intro zu kreieren. Natürlich ist es von unseren Helden wie Metallica beeinflusst. Ich denke da an „Ride The Lightning“, wo auf das Intro ebenfalls ein schneller Song folgte. Wir wollten mit dem Titelstück den idealen Opener für das Album komponieren. Das Stück ist sehr aggressiv und furios, das Intro wurde erst im Studio hinzugefügt. Wir hatten damals eine intensive Beziehung zu der Band Ratos de Porão. Zwischen uns gab es eine Art Wettstreit, wer aggressiver und härter spielen kann. Wir beeinflussten uns also gegenseitig, und ´Beneath The Remains´ profitierte davon. In der Gitarrenarbeit und dem Breakdown in der Mitte stecken viele Thrash-Einflüsse – viel Kreator, Metallica und Slayer.«

´Inner Self´

»Das ist der bekannteste Song des Albums, für den wir auch einen Videoclip drehten, nachdem Roadrunner feststellten, dass das Album gut anlief. Auch hier haben wir uns an der Struktur von Alben wie „Ride The Lightning“ orientiert: Auf einen schnellen Opener folgt ein grooviger zweiter Song. „...And Justice For All“ erschien ja 1988, als wir gerade an „Beneath The Remains“ arbeiteten. Die langen, komplexen Songs und die Grooves hatten großen Einfluss auf uns, einen Track wie ´Inner Self´ zu komponieren. Uns schwebte ein Stück in der Machart von ´The Shortest Straw´ vor, etwas grooviger und komplexer. Live spielten wir den Track wesentlich schneller. Das lag daran, dass Iggor sein Tempo auf der Bühne schlecht zügeln konnte. Wir haben weder im Studio noch live je einen Clicktrack benutzt. Diese rohe Herangehensweise hat unseren Stil geprägt. Live wurden die Sachen dann aufgrund des Adrenalinpegels aber manchmal zu schnell gespielt. Wir versuchten Iggor zu bremsen, doch es war sehr schwer für ihn. Wir mussten dann seinem Tempo folgen, was bei manchen Riffs echt knifflig wurde.«

´Stronger Than Hate´

»Bei diesem Song standen Kreator, Sacrifice und Voivod Pate. Viele der dissonanten Riffs auf „BTR“ wurden von Voivod-Gitarrist Piggy beeinflusst. Er war ein einzigartiger Gitarrist in der Szene, der viele beeindruckt hat. Der Titel ´Stronger Than Hate´ stand schon früh fest, Max schnappte ihn in einem Film auf. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, dass die Lyrics von Kelly Shaefer geschrieben wurden. Vielleicht hatten wir bis kurz vor dem Ende der Produktion noch keine Lyrics vorliegen. Max ist damals nach Florida geflogen, um mit Scott am Mix zu arbeiten und auch noch einige Gesangsspuren einzusingen. Dort traf er Kelly.«

´Mass Hypnosis´

»Das ist einer der Hits des Albums. Es macht sehr viel Spaß, den Track zu spielen. Hier begann ich erstmals richtig, mit dissonanten Klängen zu arbeiten, die noch heute ein wichtiger Teil unserer Musik sind. Ich war von Arpeggios und diesem ganzen Zeug gelangweilt. Damals war der Leitspruch: „Wenn du kein Arpeggio beherrscht, kannst du keine Gitarre spielen.“ Fuck off! Es gibt viele Arten, die Gitarre einzusetzen, und man muss dabei nicht dem Mainstream folgen. Deshalb begann ich, meiner Gitarre dissonantere und sogar perkussivere Klänge zu entlocken – wobei Letzteres auf „Arise“, „Chaos A.D.“ und „Roots“ zunehmend verschärft wurde. Es fing aber auf „BTR“ mit dem dissonanten Riff von ´Mass Hypnosis´ an. Nachdem das Riff stand, war der Rest des Songs schnell geschrieben. Der akustische Mittelteil ist vergleichbar mit dem, was ich später bei ´Desperate Cry´ gemacht habe. Ich wollte dem dissonanten einen cleanen und melodischen Part gegenüberstellen. Der Song war zukunftsweisend für uns, weil er uns neue Möglichkeiten aufzeigte.«

´Sarcastic Existence´

»Das Lied dürften wir nur auf der „BTR“-Tour live gespielt haben. Es ist aber typisch für das Album und zeigt noch mal deutlich unsere Entwicklung, die wir seit „Schizophrenia“ durchlaufen hatten. Ich glaube, das war auch einer der ersten Songs, die wir für „BTR“ geschrieben haben. Durch die eingefadeten Drums eignete sich der Track sehr gut als Opener der B-Seite. Auch hier versuchten wir, die Härte und Aggressivität mit melodischen Elementen auszubalancieren. Wir wollten unsere Musik reichhaltiger gestalten und nicht nur stumpf nach vorne thrashen.«

´Slaves Of Pain´

»Bis zur Mitte stammt der Song von meiner damaligen Band Pestilence. Den Mittelteil und das Ende habe ich mit Max, Iggor und Paulo entwickelt. Das Finale erinnert sehr an Slayer. „Reign In Blood“ gilt ja bis heute als Meisterwerk. 1988 war das Album noch sehr frisch und hat uns enorm beeindruckt. In ´Slaves Of Pain´ kam das sehr deutlich heraus, was durchaus unsere Intention war. Der Track zählt zu meinen Favoriten, wir haben ihn aber nicht oft live gespielt. Es wäre cool, ihn mal in die Setlist aufzunehmen.«

´Lobotomy´

»Ein eigenartiger Track. ´Lobotomy´ war eines der ersten Stücke, an denen wir gearbeitet haben. Max war sehr von den Ramones beeinflusst, die auch einen Track namens ´Lobotomy´ hatten. Die Hardcore-Punk-Szene hatte einen deutlichen Einfluss auf unsere Musik und Lyrics. Wir haben einige unserer Riffs zusammengestrickt, aber die Richtung des Tracks wurde nicht so deutlich herausgearbeitet wie in ´Beneath The Remains´, ´Stronger Than Hate´ oder ´Mass Hypnosis´. Es ist meiner Meinung nach aber auch wichtig, solche Lieder auf einem Album zu haben, die ein Gegengewicht zu den zugänglicheren Stücken bilden.«

´Hungry´

»Dafür habe ich die Lyrics geschrieben, in denen es um den „Hunger“ nach Justiz ging. Das ist auch ein verwirrender Song, der einen „Schizophrenia“-Vibe versprüht. Als ich einstieg, brachte ich meine Einflüsse mit, und wir versuchten, uns als Personen besser kennenzulernen. ´Hungry´ ist noch eine Konsequenz dieses Kennenlernprozesses, denn es ist einer der frühen Tracks. Es gibt dort aber einige ziemlich interessante Gitarrenparts, die mir sehr gefallen. Doch wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, wären ´Lobotomy´ und ´Hungry´ sicher noch besser geworden.«

´Primitive Future´

»Ein Highlight am Ende und einer unserer schwierigsten Tracks überhaupt. Das Stück ist schon in der Studioversion sehr schnell, und live mussten wir es mit Iggor noch schneller spielen. Wahnsinn! Und wir haben die Shows im Vorprogramm von Sodom damals sogar mit ´Primitive Future´ eröffnet. Dieses Stück wurde mit der Intention geschrieben, das Album zu beschließen, ähnlich wie ´Damage, Inc.´ oder ´Metal Militia´ von Metallica. Diese Reihenfolge war uns sehr wichtig, denn wir haben uns immer als Album-, nicht als Single-Band verstanden. ´Primitive Future´ kam für uns nur als Opener oder Closer in Frage. Wir hatten schon ´Beneath The Remains´ als Opener, deshalb stellten wir ´Primitive Future´ ans Ende.« (rb)

DISKOGRAFIE (Studioalben

Morbid Visions (1986)
Schizophrenia (1987)
Beneath The Remains (1989)
Arise (1991)
Chaos A.D. (1993)
Roots (1996)
Against (1998)
Nation (2001)
Roorback (2003)
Dante XXI (2006)
A-Lex (2009)
Kairos (2011)
The Mediator Between Head And Hands Must Be The Heart (2013)
Machine Messiah (2017)

Bands:
SEPULTURA
Autor:
Ronny Bittner

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