Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 27.09.2017

DAWN OF DISEASE , INSOMNIUM , ORDEN OGAN , NERVOSA , PRIMORDIAL , ARKONA , ROTTING CHRIST , PARADISE LOST , ALESTORM , BLIND GUARDIAN - Der Berg ruft

Während die halbe Rock-Hard-Belegschaft beim Party.San bibbern muss, ist das zeitgleich in Österreich stattfindende METAL ON THE HILL-Festival mit sommerlichen Temperaturen gesegnet. Im Schatten der antiken Gemäuer auf dem Grazer Schlossberg geben sich Newcomer und alte Hasen zwei Tage lang die Klinke in die Hand.

Freitag

Während das von Napalm Records veranstaltete Metal On The Hill im letzten Jahr am Freitag noch im Dom im Berg stattfand, wird in diesem Jahr der komplette Umzug auf den Schlossberg gewagt. Auf 123 Höhenmetern – die sich per Lift, Standseilbahn oder zu Fuß bewältigen lassen – erwartet den Zuschauer nicht nur ein spektakulärer Blick über das schöne Graz, sondern auch eine Konzert-Location, die man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Die Kasemattenbühne befindet sich in der Mitte eines alten Schlossgemäuers, bietet den 1.700 Zuschauern durch einen leicht abgeschrägten Boden auch von weiter hinten eine gute Sicht und ist durch ein mobiles Dach vor Regen gut geschützt.
Nach den österreichischen Acts DRAGONY und PAIN IS ist es an NERVOSA, das internationale Programm zu eröffnen. Die Band konnte schon auf der Tour mit Destruction punkten, und auch heute gibt es eine coole Thrash-Attacke zu hören, die visuell durch die unvergleichliche Gesichtskirmes von Fronterin Fernanda Lira unterhält. Kompositorisch bleibt das Material allerdings noch ausbaufähig. Zwar sind die Riffs auf dem 2016er Longplayer „Agony“ komplexer geworden, dafür changiert das Trio das Tempo nicht und legt auch kaum Breaks ein, weshalb sich eine gewisse Monotonie breitmacht.
ORDEN OGAN sahen sich in unserem letztjährigen Rock-Hard-Festival-Bericht reichlich Kritik ausgesetzt und haben diese anscheinend angenommen. Die Truppe verzichtet nicht nur auf die albernen Ansagen, sondern lässt auch die Chöre nicht mehr vom Band einfliegen und hat die Keyboard-Klänge heute auf ein Minimum heruntergefahren. Durch diese drei Faktoren wirkt der Auftritt mehr „live“ und lässt die Musik in einem neuen, härteren Gewand erklingen. Von mir aus können Seeb Leevermann & Co. weiter in diese Richtung gehen, denn ohne Keyboard-Zuckerguss kommen die starken Refrains und Melodien wesentlich besser zur Geltung. (rb)
Nach einer deftigen Stärkung im angeschlossenen gemütlichen Biergarten geht´s zu INSOMNIUM, die ihr aktuelles Album „Winter´s Gate“ von Anfang bis Ende durchspielen. Ihr Melodic-Death-Metal ist zwar atmosphärisch imposant, lässt aber den finalen Funken nicht überspringen und in den sonnigen Kasematten Höhepunkte vermissen.
Als Nächstes steht irische Geschichte auf dem Lehrplan: PRIMORDIAL betreten schwungvoll die Bühne. Spätestens bei ´As Rome Burns´ hat Sänger Alan Averill seine Zuhörer im Griff, die beschwörend in seinen Gesang einstimmen. Schade nur, dass die Gitarren im Sound etwas untergehen – zum Beispiel beim Solo von ´Babel´s Tower´. Schweigen herrscht auf die Frage, ob Iren vor der Bühne stehen – daher gibt´s für alle mit Songs wie ´The Coffin Ships´ oder ´Bloodied Yet Unbowed´ eine Nachhilfestunde in Landesgeschichte und irischem Kampfgeist. Die Schüler lauschen begeistert und schwenken ihr Bier oder ihren „Spritzer“ im Takt.
Zeit für den ersten Headliner: PARADISE LOST schillern einmal mehr in ihrer ganzen stilistischen Bandbreite: Beim Einsteiger ´No Hope In Sight´ gruntet Nick Holmes gleich fröhlich drauflos, kurze Zeit später schweben beim kontrastreich-poppigen ´One Second´ Seifenblasen aus dem Publikum gen Bühne. Als Holmes sich ausschweifend wundert, warum ´Say Just Words´ bereits zur Mitte des Auftritts und nicht wie früher am Ende abgefeuert wird, stellt sich kurz die Frage, wer eigentlich für die Setlist verantwortlich ist. Auf der findet sich zudem mit ´True Belief´ ein nicht oft gespielter Klassiker. Im Zugabenblock servieren die Briten unter anderem mit ´The Longest Winter´ ein Schmankerl vom neuen Album und entlassen die Leute mit ´The Last Time´ zur Aftershow-Party in die Grazer Metal-Kneipe Tick Tack.

Samstag

Der Samstag beginnt gemütlich in den malerischen Gassen von Graz, bevor es mit der historischen Standseilbahn auf den Berg geht. Nach den ersten Klängen des Tages von den Grazer Heavy-Rockern EBONY ARCHWAYS fordern dort DAWN OF DISEASE den ersten Moshpit ein. Zum Death Metal der Osnabrücker setzen sich immerhin sechs bis acht Leute in Bewegung. Der noch locker gestellte Rest verfolgt die energiegeladene Show dafür höchst interessiert mit und nippt gespannt an den ersten Kaltgetränken.
Etwas Pech haben SERENITY: Nachdem sie zum imposanten Intro die Bühne gestürmt haben, fällt das Mikrofon von Sänger Georg Neuhauser aus. Die Band nimmt es gelassen und zieht mit Ersatz das Keyboard-lastige Programm gut gelaunt durch. Im Heimspiel kurbeln sie die Stimmung in den Kasematten kräftig an. Da staunen auch die Touristen nicht schlecht, die über eine Mauer am Dach neugierig einen Blick auf die schwarze Menge werfen. Bei seinem finalen Sprung ins Publikum erlebt Georg Grazer Pünktlichkeit: Kaum haben seine Füße den Boden verlassen, werden Mikro und Licht abgedreht, und der eilige Set-Abbau beginnt.
Denn schon kurz darauf wird die Bühne von den Russen ARKONA übernommen, die in den Grazer Schlossmauern wie aus einer anderen Welt wirken. Die Pagan-Metaller rund um Frontfrau Maria „Scream“ Archipova bringen russische Folklore im Metal-Gewand auf den Schlossberg. Unter der großen Kapuze ihrer Mittelalter-Klamotte growlt und singt die Dame unversöhnlich kräftig und theatralisch leidend. Ihr hartes Russisch steht dabei im Kontrast zum Pagan-Part des Klangbilds, das vor allem ihr Bandkollege Vladimir mit Flöte und Dudelsack engagiert heraufbeschwört. (ir)
Nach diesem eher anstrengenden Folk-Intermezzo laden ROTTING CHRIST zu ihrem pechschwarzen Trip, der durch tightes Spiel und eine dunkle Aura mitreißt. Allerdings wirken manche Songs, die auf dem „Rituals“-Album in die Tiefe gehen, live doch etwas verkopft (´Elthe Kyrie´) bis verkrampft (´Apage Satana´), was nicht für viel Bewegung im Publikum sorgt.
Keine Band ist heute auf so vielen T-Shirts im Publikum vertreten wie ALESTORM. Im Gegensatz zu vielen am Wochenende auftretenden Acts nehmen die Schotten sich nicht zu ernst, was schon das von einer „Banana Duck“ gezierte Backdrop verdeutlicht. Zudem kommt die Band nicht im Piratenkostüm, sondern in Crossover-Thrash-Klamotten (Bandana, Basecaps, Shorts) auf die Bühne. Dieses Pfeifen auf Image-Konventionen macht die Truppe authentisch und (ich hätte es im Vorfeld nicht für möglich gehalten) sympathisch. Zudem klingt hier wirklich alles live, und Alestorm können das Publikum mit ihren einfach gestrickten Partyhymnen (inklusive des Taio-Cruz-Covers ´Hangover´) schnell auf ihre Seite ziehen. Die Fans gehen so steil, dass die Graben-Security nach wenigen Songs um zusätzliche Mitarbeiter aufgestockt werden muss, um die zahlreichen Crowdsurfer aufzufangen. Respekt!
BLIND GUARDIAN haben es mit dem komplexen Opener ´The Ninth Wave´ nicht leicht, die Partymäuse einzufangen. Doch die Krefelder schieben mit ´Welcome To Dying´ und ´Nightfall´ zwei hymnische Klassiker hinterher, die aus hunderten Kehlen mitgegrölt werden. Im Anschluss folgt eine Lehrstunde in Sachen Power Metal: Die Band hat es sich heute wieder zur Aufgabe gemacht, das „Imaginations From The Other Side“-Album in voller Länge darzubieten. Das kompakte 1995er Werk hat über die Jahre nichts von seinem Reiz verloren und zeigt die Musiker zwischen fast thrashigen Arrangements und dezentem Bombast. Auffallend ist lediglich, dass Frontmann Hansi Kürsch seine Energien bei ´I´m Alive´ noch schont und den rauen Gesang erst bei ´The Script For My Requiem´ und ´Born In A Mourning Hall´ auspackt. Nach dem Album-Closer ´And The Story Ends´ folgen „die großen Drei“ (O-Ton Hansi): ´Mirror Mirror´ entführt noch mal in „Nightfall In Middle-Earth“-Gefilde, während die Ballade ´The Bard´s Song (In The Forest)´ mit seinen Mitsingparts für Gänsehautmomente sorgt. Mit dem unkaputtbaren ´Valhalla´ animieren Blind Guardian das Publikum zu den lautesten Fan-Gesängen des Wochenendes und beenden ein rundum gelungenes Festival. Im nächsten Jahr wird der Berg u.a. von den bereits bestätigten Epica, God Dethroned und Evil Invaders heimgesucht.

Berg- und Talfahrten in Graz erlebten: Ronny Bittner (rb) und Isabell Raddatz (ir).

Pic: Liu Jun

Bands:
ORDEN OGAN
NERVOSA
PARADISE LOST
ROTTING CHRIST
BLIND GUARDIAN
DAWN OF DISEASE
ALESTORM
PRIMORDIAL
INSOMNIUM
ARKONA
Autor:
Isabell Raddatz
Ronny Bittner

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