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ToneTalk 28.08.2013

DEMONS & WIZARDS , ICED EARTH , SONS OF LIBERTY - »Gitarren-Unterricht kann kontraproduktiv sein«

NAME: Jon Schaffer
BANDS: Iced Earth, Demons & Wizards, Sons Of Liberty
INSTRUMENT: Gitarre

Jon, wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen, und was war der Auslöser?

»Der Auslöser waren Kiss. Ich war ein riesengroßer Fan und fasziniert von dieser Band. Das „Alive!“-Album kaufte ich mir noch am selben Tag, an dem es erschien. Da war ich sieben Jahre alt. Ich überredete meinen Vater, mit mir zu einem Kiss-Konzert zu gehen, und 1979 - also vier Jahre später - war es dann so weit. Ich war total begeistert von der Show und entschied, dass ich auch Musik machen muss. Da war ich elf Jahre alt. Mit 13 oder 14 bekam ich schließlich meine erste Gitarre und begann zu spielen.«

Warum hast du dich ausgerechnet für die Gitarre entschieden?

»Vielleicht, weil ich Ace Frehley toll fand. Allerdings gefielen mir auch Gene Simmons und – nachdem ich Iron Maiden kennengelernt hatte – Steve Harris sehr gut, weswegen ich mit 16 oder 17 sogar überlegte, von der Gitarre zum Bass zu wechseln. Leider konnte ich mir den Equipment-Wechsel nicht leisten. Deswegen blieb ich bei der Gitarre.

Ich war schon immer mehr der Rhythmus-Typ, der auf den ganzen Song schaut und nicht nur auf ein Solo oder einzelne Parts. Das hat allerdings auch den Nachteil, dass viele andere Dinge neben der Gitarre meine Aufmerksamkeit bekommen. Aufgrund des wachsenden Erfolgs von Iced Earth konzentriere ich mich manchmal nicht so intensiv auf die Gitarre, wie ich gerne würde. Erst wenn es ans Songwriting geht, steht sie wieder im Mittelpunkt.«

Hast du Unterricht genommen oder dir das Spielen selbst beigebracht?

»Ein Kumpel auf der Highschool zeigte mir den ersten Powerchord, und von da an habe ich mir das Spielen selbst beigebracht. Ich schrieb schon sehr schnell meine eigenen Riffs. Zwar habe ich anfangs auch die Riffs von Klassikern wie ´Paranoid´ und ´Smoke On The Water´ nachgespielt, aber ich war nie scharf darauf, die Musik anderer Leute zu spielen.«

Wie viele Gitarren besitzt du?

»Es dürften so um die 100 Stück sein, wovon einige reine Sammlerstücke sind. Außerdem besitze ich noch vier oder fünf Bässe.«

Welche deiner Gitarren ist am teuersten oder seltensten?

»Ich besitze eine Les Paul 1956, die umgebaut wurde zu einer Les Paul 1959. Die ist sehr teuer. Ich vermute, dass sie so um die 25.000 Dollar wert ist. Außerdem habe ich eine Gretsch, die von der Künstlerin Sara Ray handbemalt wurde. Auf ihr sieht man die Grafiken, die auch den deutschen Jagdflieger „Red Baron“ zieren. Sara ist extra in ein Museum gegangen, um das Flugzeug zu studieren. Diese Gitarre ist ein echtes Sammlerstück.

Zu meinem Glück fehlt mir eigentlich nur noch eine echte Standard Les Paul 1958, 1959 oder 1960, aber diese Gitarren liegen leider nicht in meinem Budget.«

Besitzt du eine Gitarre, die dir besonders am Herzen liegt?

»Ich besitze eine Akustikgitarre mit dem Namen „Liberty Tree“, die mir sehr viel bedeutet. Sie wurde hergestellt aus dem Holz des letzten sogenannten Liberty Tree. Von diesen Bäumen gab es 13 Stück. Unter ihnen versammelten sich die Hauptakteure der amerikanischen Revolution. Nachdem ein Hurrikan um die Jahrtausendwende diesen Baum umgeworfen hatte, kauften Taylor das Holz. Daraus entstand eine wunderschöne und außergewöhnliche Akustikgitarre, auf der die unterschriebene Unabhängigkeitserklärung zu sehen ist. Leider wurde sie zerstört und bestand nur noch aus Einzelteilen, als mein Haus nach einer Flut unter Wasser stand. Doch ich hatte Glück, denn Taylor reparierten die Gitarre für mich, nachdem ich ein paar Mitarbeitern der Firma von meinem Pech erzählt hatte. Sie ist jetzt wieder wie neu.«

Gibt es eine Farbe, die du bevorzugst?

»Ich mag die Sunburst-Lackierungen der Les Pauls. Außerdem gefallen mir schöne Flame-Tops mit einem Lemon-, Cherry- oder Cherry-Sun-Burst. Ich bin diesbezüglich ein eher traditioneller Typ. Ich finde eine natürliche Holzmaserung sehr schön. Tobacco-Burst mag ich auch, die braunen Farben an den Kanten.«

Wie wichtig ist dir generell das Aussehen einer Gitarre?

»Das ist mir nicht so wichtig. Es geht um die Töne, die aus der Gitarre kommen. Da ist das Aussehen egal. Ich habe auf allen Iced-Earth-Alben Gibsons gespielt, weil sie einfach am besten zu meinem Stil passen.«

Dann ist Gibson vermutlich auch dein Endorser?

»Ja. Bei B.C. Rich war ich nur mal kurz. Ich habe schon immer Gibson gespielt und werde das vermutlich auch bis ans Ende meiner Tage tun. Fender ist ebenfalls cool, manchmal setze ich im Studio für cleane Parts auch mal gerne eine Stratocaster oder Telecaster ein. Für die Live-Shows eignen sie sich allerdings nicht, weil die Heavy-Parts, die ich spiele, mit diesen Gitarren nicht funktionieren.«

Treibst du Sport, um auf Tour fit zu sein?

»Ich mache Yoga und hebe so oft wie möglich Gewichte im Fitnessstudio.«

Auf welchen deiner Songs bist du besonders stolz?

»´Gettysburg´ ist vermutlich meine beste Arbeit als Komponist. Der Song ist 32 Minuten lang, und auf ihm ist das Prager Philharmonie-Orchester zu hören. Das war ein riesiges Unterfangen, auf das ich sehr stolz bin.«

Welche deiner Songs sind immer noch eine Herausforderung für dich?

»Alle Iced-Earth-Songs – außer vielleicht Balladen wie ´I Die For You´, ´Melancholy´ oder ´Watching Over Me´ – sind eine Herausforderung, weil sie komplizierter sind, als die Leute denken. Manche Stücke sind trotz simpler Struktur schwierig zu spielen, weil die Rhythmus-Parts anspruchsvoll sind. Die Lieder auf den ersten drei Iced-Earth-Alben sind eine große Herausforderung. Manchmal höre ich sie mir an und frage mich, was ich mir dabei bloß gedacht habe (lacht). ´Dante´s Inferno´ ist so ein schwieriger Song. Damals war ich noch mehr auf die Gitarren-Parts fokussiert als auf die ganzen Stücke. Deswegen sind diese Nummern sehr gitarrenorientiert mit Geschwindigkeitswechseln und sehr verrückten Parts.«

Wer sind deine Idole?

»An erster Stelle steht Steve Harris von Iron Maiden, obwohl er Bass spielt und ich Gitarre. Ich mag sein Songwriting sehr. Gleiches gilt für Roger Waters. Beide sind Visionäre und haben ein unglaubliches Songwriting-Talent. Ansonsten gehören noch Tony Iommi und – schon wieder ein Bassist – Geezer Butler zu meinen Idolen.«

Welcher Gitarrist sieht auf der Bühne am coolsten aus?

»Eddie Van Halen sah früher sehr cool aus. Die Gitarre schien regelrecht ein Teil seines Körpers zu sein. Bemerkenswert fand ich auch, wie gut er Rhythmusgitarre spielte, denn viele Gitarristen sind keine guten Rhythmusgitarristen. Sie achten so sehr auf ihre Soli, dass das Timing oft zu kurz kommt.

Angus Young und Jimmy Page machen ebenfalls eine gute Figur. Aber auch hier muss ich wieder Steve Harris nennen. Die Art, wie er sich auf der Bühne bewegt und dabei immer noch sehr tight spielt, finde ich bis zum heutigen Tag beeindruckend. Er ist meiner Meinung nach der beste Bassist der Welt.«

Welchen Tipp würdest du einem Gitarren-Anfänger geben?

»Mach dein eigenes Ding! Bei vielen großen Gitarren-Magazinen geht es nur noch darum, Produkte zu verkaufen, wodurch die Kids in eine bestimmte Richtung gestoßen werden. Anstatt ihren eigenen Stil zu finden und kreativ zu sein, konzentrieren sie sich zu sehr darauf, wie irgendein bekannter Gitarrist zu klingen und Songs anderer Musiker zu lernen. Das schadet nur. Ich denke sogar, dass Gitarren-Unterricht und das Lernen von Theorie in der Zeit, in der sich der eigene Stil formt, kontraproduktiv sein können. Wenn du ein Visionär und Songwriter mit Profil sein möchtest, dann ist es besser herauszufinden, wer du bist. Wenn du nicht zu sehr auf das achtest, was dir die Magazine schmackhaft machen wollen und was dieser oder jener Musiker spielt, hast du die Chance, etwas Originelles zu schaffen. Bei mir hat es so funktioniert. Ich habe keine Regeln und weiß technisch oft gar nicht genau, was ich gerade mache. Ich sehe nur das Ergebnis. Anfänger müssen eine Leidenschaft für ihr Instrument entwickeln. So kann man Erfolg haben.«

Was ist auf der Gitarre wichtiger: Feeling oder Technik?

»Das Feeling. Wenn man seinem Feeling folgt, kommt auch die Technik. Ich habe nie geübt, die Rhythmusgitarre so zu spielen, wie ich es tue. Es passiert einfach.«

Was bevorzugst du generell: analog oder digital?

»Analog, insbesondere bei Gitarren. Ich vermisse den Sound alter Two-Inch-Tapes, auf denen Metal-Gitarren total cool klangen. Alle anderen Instrumente nehme ich lieber digital auf.«

Spielst du lieber mit Kabel oder mit Sender?

»Ich spiele lieber mit Kabel, obwohl es wirklich nervig sein kann, sich ständig darin zu verheddern. Aber der Sound ist einfach viel besser. Natürlich gibt es inzwischen auch Sender, die verdammt nah an der Qualität eines Kabels sind, aber ich bin sehr penibel, wenn es um den Klang meiner Gitarren geht. Der Sender killt einen Teil des Sounds und klangliche Details, die mir wichtig sind.«

Was magst du eher: die Arbeit im Studio oder die Live-Auftritte auf der Bühne?

»Die meiste Befriedigung empfinde ich, wenn ich im Studio bin und eine Platte fertigstelle. Tourneen machen Spaß, aber sie können auch beschwerlich sein. Viele Leute sehen nur die schönen Seiten des Tour-Lebens.«

Hast du ein Ritual, bevor du auf die Bühne gehst?

»Die Band kommt zusammen, wir legen die Hände aufeinander und rufen „Fuck shit up!“ (lacht). Damit feuern wir uns selbst an.«

Gibt es einen Auftritt, an den du dich sehr gerne zurückerinnerst?

»Unser erster Besuch in Griechenland Mitte der Neunziger war unglaublich. Wir sind dort mit unserem ersten Album regelrecht explodiert. Die Reaktionen und die Leidenschaft der Fans waren spektakulär.

Letztes Jahr haben wir auf Zypern in einem 6.000 Jahre alten antiken Theater, das direkt am Meer liegt, eine DVD aufgenommen. Das war auch toll.«

Was ist die größte Lüge im Rock´n´Roll?

»Die komplette Musikindustrie, inklusive des ganzen Rockstar-Bullshits, ist im Grunde eine einzige große Illusion. Real ist einzig die Musik.«

www.facebook.com/OfficialIcedEarth
www.sons-of-liberty.net

DISKOGRAFIE

Mit Iced Earth

Iced Earth (1990)
Night Of The Stormrider (1992)
Burnt Offerings (1995)
The Dark Saga (1996)
Something Wicked This Way Comes (1998)
Alive In Athens (Live, 1999)
Horror Show (2001)
Tribute To The Gods (Coveralbum, 2002)
The Glorious Burden (2004)
Framing Armageddon - Something Wicked Part 1 (2007)
The Crucible Of Man - Something Wicked Part 2 (2008)
Dystopia (2011)
Live In Ancient Kourion (Live, 2013)
Plagues Of Babylon (für 2014 angekündigt)

Mit Demons & Wizards

Demons & Wizards (2000)
Touched By The Crimson King (2005)

Mit Sons Of Liberty

Brush Fires Of The Mind (2009)
Spirit Of The Times (EP, 2011)

Bands:
DEMONS & WIZARDS
ICED EARTH
SONS OF LIBERTY
Autor:
Conny Schiffbauer

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